Nie zuvor gab es einen «Epochenbruch» wie diesen – zumal in dieser Wucht und Geschwindigkeit: Internet, Plattformen, Cloud Technologie, Algorithmen und KI stürzen etablierte Institutionen in eine fundamentale Krise.
Basierend auf einer klaren Problem- und Bestandsanalyse der Krise von und der Kritik an Institutionen eröffnet Prof. Dr. Otfried Jarren ebenso pragmatische wie innovative Gestaltungsräume, um Neues zu entwickeln, zu erproben und in den Markt zu bringen.
«Epochenbruch» erscheint dreiteilig: (1) Evidenz institutioneller Probleme in der modernen Gesellschaft, (2) Digitale Revolution – und neue Machtverhältnisse, (3) Krise der demokratischen (Kern-)Institutionen. Lesen Sie nachstehend Teil 1.
Es mag viele Gründe geben zum Jammern und Zweifeln. Die Zeiten erscheinen nicht nur schwierig, sie sind es. Kriege, Klimawandel, Migration, ökologische Krisen und ökonomische wie kulturelle Herausforderungen sind auf der Tagesordnung. Es wird von Poly-Krisen gesprochen. In diesem Beitrag geht es nicht um Kriege oder Krisen, sondern um den sozio-technischen Wandel der Digitalisierung, der sich zeitgleich vollzieht, globale Auswirkungen hat: Internet, Plattformen, Cloud Technologie, Algorithmen und KI haben tiefgreifenden Folgen für alle gesellschaftlichen Bereiche. Sie fordern die etablierten Institutionen heraus, zwingen zum Wandel, zur Anpassung, zur Modernisierung, zu Reformen.
Einen Wandel wie diesen gab es, zumal in dieser Geschwindigkeit und Wucht, noch nie. Selbst die industrielle Entwicklung, die man zumeist als «Revolution» bezeichnet, verlief gemächlicher. Die Industrielle Revolution hatte bestimmte Orte und Regionen zum Ausgangspunkt, sie entwickelte sich vergleichsweise langsam, die Folgen waren stark, konnten aber gestaltet, abgefedert werden. Mit ihr etablierte sich der Sozial- und Wohlfahrtstaat, der bis heute Europa prägt. Auch die digitale Revolution wird Gesellschaft wie Staatlichkeit verändern. Dieser Wandel hat begonnen, wir erleben ihn in Form von Krisen bei etablierten politischen Institutionen. Ihnen wird weniger zugetraut, die vielfältigen Zukunftsherausforderungen in den Griff zu bekommen. In einer aktuellen Studie für die Schweiz, Ende März 2026 von Pro Futuris vorgelegt, wird von Demokratiemüdigkeit und einer zunehmenden politischen Passivität gesprochen.
Digitale Revolution – und neue Machtverhältnisse
Die digitale Revolution wird von wenigen globalen Unternehmen massgeblich gesteuert, und durch das Mitmachen der Gesellschaftsmitglieder sozial und inhaltlich mitgestaltet. Es handelt sich um eine gänzlich neue Form der Institutionalisierung: sie besteht aus Top-down- und Bottom-up-Elementen. Die digitalen Tools geben technisch vor, erlauben aber die Mitgestaltung durch ihre Benutzer. Das macht Plattformen aller Art, vor allem Social Media, so attraktiv. Der sozio-technische Wandel der Digitalisierung weist eine weitere Besonderheit aus: Plattformen, Algorithmen und KI sind wie Medien, sie wirken machtvoll auf die gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktion ein. Sie beeinflussen kommunikativ ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft, sie steuern dadurch ihre eigene Entwicklung. Sie gewinnen in dem Masse an Einfluss und Macht, je schwächer Journalismus und die publizistischen Medien werden. Und darauf haben sie es abgesehen. Man sieht es daran, wie schwer es der Gesellschaft wie der Politik fällt, Entscheidungen zur Zivilisierung gegen Social Media zu treffen – sei es bei Fragen der Gewalt- und Hass-Kommunikation oder im Kinder- und Jugendschutz. Denn: Alle sind auf Social Media, Individuen, Gruppen, Organisationen, Institutionen. Staatliche und öffentliche Einrichtungen sind dabei, legitimieren damit diese Anbieter.
«Die Eigentümer der digitalen Medien und Tools aber wollen nicht in die, in unsere Gesellschaft, aufgenommen werden.»
Otfried Jarren
Plattformen und KI agieren und wirken also wie Medien, sie bestimmen Handeln und Denken, setzen neue Werte und Normen, repräsentieren eine neue ökonomisch-politische Elite, und die fordert etablierte Institutionen heraus. Etabliertes erscheint alt, partiell als verbraucht, auf alle Fälle als nicht mehr modern. Sie können das, weil sie nicht Teil der etablierten gesellschaftlichen Strukturen sind und sein wollen, weil sie keine Rücksichten nehmen müssen. Sie wollen sich nicht einpassen, nicht integrieren, sie interessieren sich für die landesüblichen Sitten und Kulturen nicht. Deshalb haben sie keine Branche ausgebildet, keine Verbände gegründet, keine Professionen etabliert, sich nicht in Nationalstaaten niedergelassen. Sie wollen nicht angesprochen werden, nicht mitmachen, sie wollen Abseits stehen. Dieser Prozess ist mit der bürgerlich-liberalen Revolution vergleichbar, in der sich Bürgerliche gegen kirchliche und weltliche Machthaber durchsetzen mussten und, erst nach langen und harten Kämpfen, die liberale Demokratie begründen konnten. Im Unterschied aber zur Situation heute wollten die Liberalen in der Gesellschaft wirken, Teil von ihr sein, dazugehören, sie aber verändern. Sie wollten Demokratie und Wirtschaftsfreiheit. Sie nutzen für ihre Ziele die Presse. Mittels Medien wurden immer Interessen verfolgt, Gesellschaften verändert. Seit der liberalen Revolution geschah dies zumeist inkremental. Aber die Arbeiterschaft als neue Klasse bediente sich der Presse, um in die Gesellschaft zu kommen. Die Eigentümer der digitalen Medien und Tools aber wollen nicht in die, in unsere Gesellschaft, aufgenommen werden. Wer setzt sich mit der digitalen Revolution durch und was soll durchgesetzt werden?
Sozio-technische Revolution – mit neuen Leitideen und Zielen
Plattformen und KI verfolgen neue Gesellschafts- (community building, sharing) und Demokratievorstellungen (liquid democracy). Sie etablieren neue Geschäftsmodelle (Plattformen, Netzwerkökonomie). Sie ermöglichen neue Formen der Definition von sozialer und kultureller Relevanz (metrisches Wir). Sie haben neue Akteure (Influencer) und neue Organisationformen (Netzwerke) ermöglicht. Sie definieren gesellschaftsweit neue Normen und Regeln: Sie sind neue Institutionen. Sie verfolgen eigene Leitideen betreffend Gesellschaft wie Staatlichkeit. Ihr Charakter als Institutionen wurde lange Zeit übersehen und – vor allem – die Folgen wurden unterschätzt. So ist es ihnen gelungen, global und gesellschaftsweit Interesse und Folgebereitschaft auszulösen.
Ein wesentlicher Teil dieser neuen Institutionen ist in den Händen weniger Akteure, die in den USA und in China beheimatet sind, und die zum Teil explizit nicht nur eine ökonomische, sondern auch die eigene gesellschaftliche und politische Agenda verfolgen. Social Media, Algorithmen, Social Bots und KI werden ökonomisch, politisch und kulturell strategisch eingesetzt. Die sie einsetzenden Akteure und die neuen Institutionen fordern die etablierten Institutionen, zumal in Europa, heraus. Sie zeigen auf, was anders sein kann, was anders möglich wäre, und sie attackieren damit indirekt, aber auch unvermittelt und direkt, etablierte Institutionen mit ihren Normen und Regeln.
Vor allem Social Media machen das immer mal wieder aufscheinende Unbehagen an den Institutionen sichtbarer, deutlicher. Institutionelle Regeln, deren Einhaltung man erwartet, die Schwerfälligkeit unserer Institutionen, der hohe Grad an Formalität wie an Verrechtlichung – das wird unter diesem Einfluss klarer und bewusster. So nimmt die Kritik an den bestehenden Institutionen zu. Und die Kritik, die man bis anhin nur im engen Rahmen und mit beschränkter Reichweite äussern konnte, wird nun über Social Media allüberall vorgebracht. Social Media bündeln Forderungen und Themen, organisieren Protest, ermöglichen Veto-Gruppen und ganz neue Bewegungen (so Populismus). Sie ermöglichen Sichtbarkeit für neue Interessen, fördern das Wachstum an persuasiver Kommunikation.
Plattformen und KI: Globale Etablierung neuer Institutionen
Die neuen Informations-, Kommunikations-, Interaktions- und Wissenstechnologien prägen das gesellschaftliche Verständnis und treiben den Wandel mental voran. Traditionelle Institutionen, so Journalismus und Medien, verlieren an Bedeutung – im globalen Massstab. Die Menschen haben sich für Plattformen entschieden, deshalb wurden sie zu einer neuen Institution. Sie werden global genutzt, ermöglichen immer weitere Austausch- und Organisationsformen. Und nun kommen KI-Tools und KI-Anwendungen hinzu. Tools, wie Summary AI, die den Journalismus und die Medien, unmittelbar gefährden. Die Entwicklung ist offen, weitere Innovationen sind zu erwarten, die digitale Revolution wird sich beschleunigen.
Wir erleben einen Neuinstitutionalisierungsprozess mit Folgen für alle gesellschaftlichen Bereiche. Von diesem Prozess ist der gesellschaftliche Vermittlungsbereich, der intermediäre Sektor der Gesellschaft mit Journalismus, Medien und politischen Institutionen, besonders betroffen. Der intermediäre Bereich ist für die demokratische Verfasstheit, für die politische Kultur und deren Resilienz, massgeblich. Vor allem die auf die Gesamtgesellschaft orientierten Institutionen, so Journalismus und Medien, die für die demokratiekonstitutiven Institutionen Öffentlichkeit und Öffentliche Meinung standen, erleiden einen rasanten Bedeutungsverlust. Immer weniger sind die Gesellschaftsmitglieder mit ihrer Öffentlichkeit und ihrer Öffentlichen Meinung verbunden. Es gibt nun viele Öffentlichkeiten, mit jeweils anderen Beteiligten, Themen, Werten und Meinungen. Mit Folgen für demokratische politische Institutionen.
- Erstens erleben wir, unter dem Einfluss der neuen Technologien, in den meisten demokratischen Systemen Verfallsprozesse, so prominent in den USA. Der Präsident verfügt über eigene Social-Media-Kanäle, agiert kommunikativ wie es ihm beliebt, respektiert die Gewaltenteilung nicht, greift aus dem Amt Journalismus, Medien und Wissenschaft an. Die USA, lange ein Vorbild für demokratische Institutionen (Gewaltenteilung, Rechtstaatlichkeit), verliert an Glanz. In vielen europäischen Staaten erlangen Populisten immer mehr Einfluss, machen es Trump gleich, greifen bestehende Institutionen, zweifeln etablierte Werte an. Sie benutzen dafür Social Media. Grenzen werden ausgetestet. Ändern sich die staatliche Verfasstheit, ändern sich die zentralen demokratischen Werte nun auch in Europa?
- Zweitens finden auf dem europäischen Boden und in der Nähe zu Europa Kriege statt. Diese Auseinandersetzungen werden auch im digitalen Raum der einzelnen Nationalstaaten ausgetragen (Propaganda, Cyber Attacks), sogar in jenen Staaten, die nicht unmittelbar Beteiligte sind. Das verunsichert. Die Angriffe zwingen zu neuen staatlichen Massnahmen, fordern die Gesellschaften heraus, verändern diese. Was ist zu leisten, wie werden die Kriege enden, welche Folgen werden sie haben?
- Drittens haben das Internet, die Cloud-Technologie, die neuen Plattformen und die KI einen technologischen Wandel ausgelöst. Einen Wandel, bei dem Europa Zaungast ist, kein massgeblicher Akteur. Europa hat keine digitale Souveränität. Wie verletzlich ist Europa? Wie kann Europa wieder innovativ werden?
- Viertens erscheint aufgrund der Digitalisierung das Ende des Industriezeitalters, das Europa gross machte und lange Zeit Wohlstand sicherte, absehbar. Die Krisenzeichen sind nicht mehr zu übersehen, soziale Verteilkonflikte und Wohlstandsverluste erwartbar. Und Europa ist zudem für das Dienstleistungszeitalter noch nicht hinreichend bereit, siehe den Mangel an Soft Ware, IT, KI. Wie können wir sozial innovieren?
- Fünftens haben die relativ lange Wohlstandsphase und der demographische Wandel in Europa Spuren hinterlassen: Die Gesellschaft ist träge, ihre Institutionen wurden kaum entwickelt und gepflegt. Die Gesellschaften haben an Dynamik verloren, an Reformeifer eingebüsst, sie sind überaltert, die Märkte sind gesättigt, der Hunger auf Neues und Innovationen ist begrenzt. Wie kommen wir aus der Stagnation heraus, durch neue Institutionen oder durch Reformen?
Auffällig ist, dass unter diesen komplexen Veränderungsbedingungen etablierte Institutionen an Vertrauen verlieren, auch weil sie angegriffen werden: Das Bild von der Kettensäge oder der Doge-Ansatz von Elon Musk machten weltweit die Runde. Dies mit Auswirkungen in Europa. Mit Zerstörungsmotiven zielen nun auch europäische Akteure auf den Kernbereich demokratischer Verfassungen. Der Populismus nimmt zu. Begleitende Angriffe auf die Institutionen Journalismus und Medien, auch Wissenschaft, gehören dazu. Immer mehr Institutionen geraten, aus unterschiedlichen Gründen, in die Kritik. Aus den postulierten und den tatsächlichen Defiziten der Institutionen, aus der Melange an ungelösten Problemen, beginnt sich eine übergreifende Institutionenkrise zu entwickeln, die auch die demokratisch verfassten Staaten in ihren als sicher geglaubten Grundlagen erfasst hat. Der Glaube an die Stabilität und die Zukunftsfähigkeit schwindet.
Lesen Sie die gesamte Artikelserie von Prof. Dr. Otfried Jarren
Epochenbruch – Plattformen, KI und die institutionelle Krise der Demokratie
Teil 1: Evidenz institutioneller Probleme in der modernen Gesellschaft
Teil 2: Digitale Revolution – und neue Machtverhältnisse
Teil 3: Krise der demokratischen (Kern-)Institutionen
Kurzporträt Prof. Dr. Otfried Jarren

Jarren studierte Publizistik, Politikwissenschaft, Volkskunde und Soziologie an der Universität Münster. Anschliessend war er Assistent an der Freien Universität Berlin und ab 1989 Professor für Journalistik und Regierungslehre an der Universität Hamburg. Von 1995 bis 2001 war er als Direktor am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Er war von 2013 bis 2021 als Präsident der Eidgenössischen Medienkommission. Seit 2016 hat er eine Honorarprofessur für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin inne. Otfried Jarren ist Preisträger des Schader-Preises 2018.
Bildnachweis: Titelbild Vatican News, Porträtbild UZH Universität Zürich
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