Das gefährlichste Experiment der Schweiz

Am 14. Juni werden die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gebeten, die Bevölkerung auf 10 Millionen zu begrenzen. Die Sorgen hinter der Initiative sind berechtigt. Das vorgeschlagene Mittel ist beispiellos — und das sollte uns erschrecken.


Es gibt grob gesagt drei Schweizen. Da ist die einheimische Schweiz — hier geboren, hier verwurzelt — die das verkörpert, was Nassim Taleb Antifragilität nennt: Wenn etwas schiefgeht, werden sie stärker. Es sind die einheimischen Schweizer, die die institutionelle Architektur des Landes aufgebaut haben und weiter tragen: die ausgewogene Balance zwischen Rechten und Pflichten; ein politisches System, das Macht verteilt statt konzentriert; eine Kultur des Debattierens bis zur Anarchie; und ein egalitäres Ethos, das in Selbstverantwortung verankert ist. Sie sind die letzten Hüter der Nation — der Kitt, der alles zusammenhält.

Dann gibt es die Pendler-Schweiz: die rund 200’000 Grenzgänger aus Frankreich und Deutschland, die täglich nach Genf und Basel pendeln; Saisonarbeiter, die schlecht bezahlte Tätigkeiten übernehmen, die kaum ein Schweizer machen möchte; und die Superreichen mit Zweitwohnsitzen in Gstaad oder St. Moritz, die für ein paar Wochen zum Skifahren oder Wandern kommen und dann wieder abreisen. Sie kommen und gehen im saisonalen Rhythmus — wichtig für das Ökosystem, aber nicht darin verwurzelt.

Und dann gibt es eine dritte Schweiz: nennen wir sie die aspirationellen Schweizer — jene, die anderswo geboren wurden und gezielt auf der Suche nach etwas hierhergekommen sind. Von diesen dreien sind die letzteren die kreativsten. Sie kamen nicht durch Zufall der Geburt, sondern durch Willensentscheid. Sie wählten die Schweiz als Schauplatz ihrer Ambitionen und fügten unserem kollektiven Wohlstand dadurch neue Schichten hinzu. Sie besitzen jene beharrliche Kühnheit, die entsteht, wenn man noch nicht dort ist, wo man sein möchte — stets Decken testend, statt sich auf Böden auszuruhen.

Pendler geben einem Land seine Unruhe; Einheimische geben ihm Stabilität und Kontinuität; doch die aspirationellen Schweizer geben ihm Leidenschaft, Zweck und Richtung. Die Namen, die den industriellen Ruhm der Schweiz begründet haben — Nestlé, Brown Boveri, Hayek, Wilsdorf — waren Einwanderer. Die Wissenschaftler, die ihren intellektuellen Ruf begründet haben — Einstein, Berners-Lee, Reichstein, Sternbach — waren Einwanderer. Die Institutionen, die der Schweiz moralisches Ansehen verliehen — das Rote Kreuz, die Olympische Bewegung, der WWF — existieren überwiegend dank Ausländern, die die Schweiz als Heimat ihrer Anliegen wählten.

In jedem natürlichen System ist Zirkulation Leben. Blut muss fliessen, Ideen werden ausgetauscht und vergehen oder gedeihen, Teilnehmer kommen und gehen und passen sich vor allem an. Wenn eine Bevölkerung geschlossen wird, mag das System stabil erscheinen, während es unmerklich stirbt — wie ein verfaulter Baum, der bis zu dem Tag solid aussieht, an dem er fällt.


Strengstes demokratisches Labor seit Athen

Die Schweiz ist die erdnahste Annäherung an Lincolns Ideal «Regierung für das Volk, durch das Volk und vom Volk» — viermal jährlich an die Urne gerufen, um nicht über Parteien oder Persönlichkeiten zu debattieren, sondern darüber, was ihr Leben regiert. Kein strengeres demokratisches Labor existiert seit Athen. Genau das macht den 14. Juni so bedeutsam. Wenn die sorgfältigste Demokratie der Welt ihre eigene Bevölkerung verfassungsrechtlich deckeln würde — ein Experiment, das kein erfolgreiches Land je versucht hat — hat niemand eine Karte für das, was danach kommt. Darüber hinaus liefert es geladene Munition an jede populäre Bewegung von Washington bis Warschau. Sie schauen zu.


Die vierte Schweiz – eine entscheidende Unterscheidung

Die Klagen der SVP sind nicht erfunden. Die Züge sind überfüllt, die Schulen überlastet, die Mieten stark gestiegen. Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist die Bevölkerung der Schweiz um rund 1,7 Millionen gewachsen, fast ausschliesslich durch Einwanderung. Ausländerinnen und Ausländer machen heute 27 Prozent der Wohnbevölkerung aus (41 Prozent, wenn die Secondos einbezogen werden) — gegenüber 15 Prozent im Jahr 1980. Das Argument des «zu vielen» wird durch das des «zu schnellen» noch verschärft.

Die Kriminalitätsstatistik befeuert die Debatte zusätzlich. Rund 70 Prozent der Insassen Schweizer Gefängnisse sind Ausländer — eine Zahl, die sich seit den 1980er-Jahren verdreifacht hat. Doch hier ist eine entscheidende Unterscheidung nötig: Die grosse Mehrheit dieser Fälle betrifft nicht die einheimischen Schweizer, die Pendler oder die aspirationellen Schweizer — sondern eine vierte Schweiz: Migranten, die die Schweiz nicht gewählt haben, um etwas aufzubauen, sondern um etwas zu entfliehen. Sie nutzen ein Sicherheitsnetz, das als Absicherung gegen Schweizer Not gedacht war — nicht als Subvention für die nächste humanitäre Weltkatastrophe. Die SVP erfindet kein Problem. Sie schlägt die falsche Lösung für ein reales Problem vor.


Die Initiative beantwortet die falsche Frage. Die Frage lautet nicht: wie viele? Sondern: welche?


Welche Menschen wandern ein? Mit welchem Kosten-Nutzen-Profil?

Die Geburtenrate der Schweiz liegt bei 1,3 Kindern pro Frau, weit unter der Reproduktionsrate von 2,1 – und sinkt weiter. Ohne Einwanderung stabilisiert sich die Schweiz nicht. Sie schrumpft und altert. Valentin Vogt, früherer Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, ist direkt: «Innerhalb der nächsten zehn Jahre müssen wir eine demografisch bedingte Lücke von rund 500’000 fehlenden Fachkräften füllen, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen.» Knapp 60 Prozent der Forschenden in führenden Schweizer Multinationals wie ABB, Nestlé und Roche sind ausländische Staatsangehörige. Diese Unternehmen sind weltweit marktführend und tragen über 50 % der Bundessteuern bei, weil sie aus einem Talentpool von 8,2 Milliarden Menschen schöpfen können — und sich nicht auf 9 Millionen beschränken müssen. Je qualifizierter die Einwanderer und je attraktiver die Unternehmen sind, desto umfangreicher werden die Optionen und Alternativen für beide. Auch das Abstimmen mit den Füssen ist eine Form der Demokratie. Die Schweiz könnte das bald schmerzhaft erfahren.

Die Einwanderer, die die Schweiz braucht, und jene, mit denen sie Schwierigkeiten hat, sind verschiedene Menschen. Sie kommen mit unterschiedlichen Motiven, Fähigkeiten und sehr unterschiedlichen Kosten-Nutzen-Profilen. Tina Turner war in gewissem Sinne eine Einwanderin — angezogen von der Schweiz, weil sie, wie sie selbst sagte, «der einzige Ort auf der Welt ist, an dem ich die Strasse entlanggehen kann und mich sicher und unbemerkt fühle.» Für jene, die alles haben ausser Privatsphäre, ist das unbezahlbar. Sie verlangte wenig von ihrer Wahlheimat und trug, allein durch ihre Wahl, leise zu deren Ansehen und Steuerkasse bei.

Am anderen Ende des Spektrums steht der Asylsuchende, der aus Eritrea oder Syrien flieht und die Schweiz nicht so sehr gewählt hat, als vielmehr erreicht hat — für den die Destination weniger zählte als die Abfahrt. Dazwischen liegt jede Abstufung von Motivation, Fähigkeit und voraussichtlichem Beitrag.


Eine willkürliche Bevölkerungsobergrenze behandelt dieses gesamte Spektrum als einen einzigen Punkt und weist den KI-Forscher von Google mit demselben stumpfen Instrument zurück wie Asylströme aus Krisengebieten. Das ist keine Politik. Das ist Selbstzerstörung.


Kluge Länder steuern Zuwanderung – sie begrenzen sie nicht

Die bewundertsten Nachbarländer der Schweiz haben dieses Problem gelöst. Sie begrenzen ihre Bevölkerung nicht — sie steuern ihre Zuwanderung präzise, indem sie Punkte für Qualifikation, Alter, Sprache und voraussichtlichen Beitrag vergeben. Wer am meisten beiträgt, wird priorisiert; wer am ehesten zur Last fällt, wird nicht zugelassen. Die Lektion jeder leistungsstarken Kleinnation lautet nicht, dass Kleinheit Abschottung erfordert. Sie lautet, dass Kleinheit Selektivität verlangt. Die Schweiz hat die Hebel. Die Initiative greift nicht nach ihnen. Sie bricht sie.


Tabelle 1: Der Filter, nicht die Mauer – wie kluge Nationen Einwanderung steuern
LandSeitAuslandanteilJährlicher Zuzug% der BevölkerungHauptkriterien
Kanada196724%~470’0001.1%Bildung, Sprache, Berufliche Erfahrung, Alter
Australien197930%~500’0001.9%Qualifikation, Alter, Englisch, Arbeitgeber
Neuseeland199128%~120’0002.3%Qualifikation, Alter, Englisch, Jobangebot
Singapur1990er43%~58’0000.9%Qualifikation, Lohnschwelle, Branchenbedarf
SchweizBilateral30%~100’0001.1%Beschäftigungs-basiert (EU-Personen-freizügigkeit + bilaterale Abkommen)

Quellen: OECD International Migration Outlook 2024, nationale Einwanderungsbehörden. Jährlicher Zuzug = Nettomigration oder Zuzüge mit Daueraufenthaltsstatus, aktuellstes verfügbares Jahr. ★ Die Schweiz operiert im Rahmen der EU-Personenfreizügigkeit und bilateraler Abkommen, nicht anhand eines formellen Punktesystems.


Die Beweise sind eindeutig: Eine Obergrenze hätte keines dieser Länder sicherer gemacht. Sie hätte sie nur ärmer gemacht.


Tabelle 2: Migration und Realität: Nicht die Menge, sondern die Steuerung entscheidet
LandAuslandanteilMordrate*Arbeits-losigkeitFriedensrang† PBS-System
Neuseeland28%1.04.8%4. / 163Ja
Singapur43%0.22.0%5. / 163Ja
Schweiz 30%0.32.5%7. / 163Nein
Kanada24%1.96.5%11. / 163Ja
Australien30%0.94.1%17. / 163Ja
OECD-Durschnitt10%2.65.0%

* Vorsätzliche Tötungen pro 100’000 Einwohner (UNODC/OECD, 2023–24). OECD-Durchschnitt Mordrate: 2,6 pro 100’000. † Global Peace Index 2024, Rang unter 163 Nationen. PBS = Punktebasiertes Einwanderungssystem.


Viele Schweizerinnen und Schweizer, die wissen, dass die Obergrenze ein stumpfes Instrument ist, sind dennoch geneigt, Ja zu stimmen — als Zeichen setzen gegen Politiker, die zu wenig getan haben. Diese Frustration ist berechtigt. Aber eine Verfassungsänderung ist ein Vorschlaghammer, der auf ein Problem angewendet wird, das einen Skalpell erfordert. Das Mittel der SVP behebt nicht, was kaputt ist. Es könnte zerstören, was funktioniert.

Die Schweiz ist nicht durch das Bauen von Mauern zur Schweiz geworden. Sie wurde zur Schweiz, weil sie der Ort war, den die besten Menschen — ob hugenottische Uhrmacher im 17. Jahrhundert oder KI-Forscher im 21. — für sich wählten. Sie erreichte neun Millionen, indem sie es wert war, gewählt zu werden. Darüber abzustimmen, sich weniger wählenswert zu machen, wäre ein Akt der Selbstbeschädigung im Gewand der Selbsterhaltung.


Das Heilmittel für Wachstumsschmerzen ist nicht, aufzuhören zu wachsen. Es ist, besser zu wachsen.



Kurzporträt R. James Breiding
R. James Breiding (*1958) ist in Cape Canaveral, Florida, aufgewachsen, wo sein Vater als Physiker am Apollo-Programm arbeitete. Er ist Absolvent der IMD Lausanne und der Harvard Kennedy School. Breiding arbeitete als Wirtschaftsprüfer und Senior Manager bei PricewaterhouseCoopers, als Direktor bei NM Rothschild & Sons und als Geschäftsführer bei Templeton Investment. Breiding ist der Autor von «Swiss Made» und Koautor von «Wirtschaftswunder Schweiz». Inspiriert von seinem neusten Buch «Too Small to Fail» gründete Breiding im Jahr 2020 die Non-Profit-Organisation S8nations mit Hauptsitz in Zürich. Seine Veröffentlichungen erscheinen unter anderem im Economist, in der Financial Times, den Foreign Affairs, dem Wall Street Journal und der New York Times. Breiding wohnt in Zürich.


Buchempfehlung
«Too Small to Fail» analysiert, wie einige erfolgreiche kleinere Länder aus ihren physischen Grenzen eine Tugend gemacht haben. Was machen sie anders? Was ist ihr Rezept? Warum haben sie eine glücklichere und wohlhabendere Bevölkerung als grössere Länder? Lösungen für drängende sozioökonomische Herausforderungen wie die Klimakrise, Pandemien und Immigration kommen zunehmend von kleinen, anpassungsfähigen Nationen wie der Schweiz. Weshalb ist das so? «Dieses wichtige Buch zeigt, wie kleine Länder die Globalisierung zu einer Erfolgsgeschichte machen.» – Harold James, Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der Princeton University. – James R. Breiding: Too Small to Fail. Was wir von kleinen Ländern lernen können. Stämpfli Verlag 2021. Das Buch kann hier bestellt werden.


Bildnachweis: zvg, Hauptbild: KI ChatGPT, Porträtbild: S8nations, Buchcover: Stämpfli Verlag.

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