Mit dem «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» fordert die Gruppe «Wendepunkt Bildung» eine mutige Kurskorrektur – mit wenigen, dafür entscheidenden Kernanliegen:
- Verantwortung gegenüber den Kindern
- Stärkung der Lehrpersonen
- Praxisnahe Ausbildung der Lehrerschaft
- Weniger ist mehr – hinsichtlich Beziehungen
- Weniger ist mehr – hinsichtlich Inhalte
- Führung statt Verwaltung – Schulleitungen entlasten
Die Persönlichkeiten hinter dem Manifest stammen aus der Berufspraxis (Lehrpersonen und Schulleitung), der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, der Kinder- und Jugendpsychologie, der Politik – und sie treten überparteilich und überkantonal auf.
Nach jahrzehntelangen Grossreformen zeigt die Gruppe auf, welche gravierenden Schwächen und Fehlentwicklungen sie im bestehenden Schulsystem orten und welche konkreten Veränderungen sie fordern – Prof. Dr. Allan Guggenbühl analysiert aktuelle Entwicklungen und leitet Handlungsempfehlungen ab:
Innenwelt
In der Schule geht es wesentlich um Menschenführung. Schülerinnen und Schüler müssen für Lerninhalte gewonnen, ihre Interessen geweckt und ihre Motivation gestärkt werden. Dies gelingt eher, wenn Fantasien, Emotionen und innere Bilder angesprochen werden. Der Kompetenzerwerb hängt stark von inneren Befindlichkeiten ab – nicht allein von der Qualität der Instruktion.
Schulen sind daher keine reinen Lernlaboratorien, sondern Imaginationsräume. Diese entstehen durch Bilder, Geschichten und Symbole – an Wänden und in Korridoren ebenso wie in freien Gestaltungsräumen. Geschichten und narrative Zugänge geben dem Lernen Sinn und Tiefe.
Inflation der Bezugspersonen
Beim Schuleintritt sind Kinder grundsätzlich bereit, Beziehungen zu ausserfamiliären erwachsenen Bezugspersonen aufzubauen. Diese Beziehungen haben eine besondere Qualität: Sie verbinden Nähe und Distanz und sind in einen Gruppenkontext eingebettet.
Heute begegnen Schülerinnen und Schüler jedoch einer Vielzahl – oft wechselnder – Bezugspersonen: Neben Lehrpersonen treten Sozialpädagoginnen, Klassenassistenzen, Schulpsychologen, Logopädinnen und weitere Fachkräfte auf. Jede dieser Personen bringt eigene Beziehungskompetenzen ein – Empathie, persönliche Nähe, individuelle Zuwendung.
Paradoxerweise erschwert diese Vielzahl die Anbindung an die Schule. Je mehr Erwachsene im System präsent sind, desto diffuser wird die Beziehung zur Institution. Schule kann so als «Beziehungsjahrmarkt» erlebt werden. Eine stabile Bindung – zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen – wird dadurch geschwächt.
Selbstwertbestätigung
Das erste Feedback, das Kinder von einer ausserfamiliären Institution erhalten, ist häufig defizitorientiert. Diagnosen wie ADHS, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, Autismus-Spektrum-Störung, Störung des Sozialverhaltens oder Angststörung sollen helfen und gezielte Unterstützung ermöglichen. Die gute Absicht steht ausser Frage.
Doch selten wird bedacht, welche Wirkung solche Zuschreibungen auf Kinder haben. Die erste gesellschaftliche Rückmeldung über ihre Person verweist auf ein Defizit. Sie betreten die ausserfamiliäre Welt und erfahren zunächst, dass «etwas nicht stimmt».
Was fehlt, sind positive, identitätsstiftende Rückmeldungen, die auf zukünftige Rollen und Potenziale verweisen. Statt primär Defizite zu benennen, sollte Schule Persönlichkeitsstärken sichtbar machen: den kleinen Helden, die tapfere Kämpferin, den Künstler, die Anführerin, den genauen Beobachter, den Witzbold.
Solche Zuschreibungen sollten narrativ eingebettet sein – als Teil einer Geschichte über das Kind und seine Möglichkeiten.
Mehr Gegenwart und Vergangenheit
Aktuelle pädagogische Konzepte betonen selbstständiges Lernen, Eigenverantwortung und individuelle Themenwahl. Lehrpersonen werden zu Coaches autonomer Lernprozesse, Schülerinnen und Schüler zu selbstverantwortlichen Akteuren ihres Fortschritts.
Dieser Ansatz beruht auf einer idealisierten Vorstellung vom Menschen als autonom, intrinsisch motiviert, tolerant und teamorientiert. Idealismus und Veränderungswille gehören zwar zur Erziehung, doch der Kernauftrag der Schule liegt in der Einführung in das Leben – so wie es ist und nicht wie es sein sollte.
Schule ist auch eine Anpassungs- und Sozialisationsinstitution, nicht primär eine Arena der Selbstverwirklichung. Sie konfrontiert mit gesellschaftlichen Realitäten und Herausforderungen. Wer in der Gesellschaft bestehen will, braucht Frustrationstoleranz, Geduld, Anpassungsbereitschaft, Wettbewerbsfähigkeit und die Fähigkeit, Scheitern zu verarbeiten, Ungerechtigkeiten auszuhalten und Machtkonflikte zu bewältigen.
Die Vorbereitung auf das Leben geschieht durch die Auseinandersetzung mit Konflikten – und durch Geschichten. Lehrpersonen haben deshalb eine zentrale Aufgabe als Erzählerinnen und Erzähler: Sie vermitteln persönliche Erfahrungen, nationale Mythen und literarische Berichte. Diese Geschichten werden später zu wichtigen inneren Referenzen im Umgang mit den Realitäten des Lebens.
Kurzporträt Allen Guggenbühl

Gruppe «Wendepunkt Bildung»
In der Gruppe «Wendepunkt Bildung» engagieren sich Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark.
Ende April 2026 hat die überparteiliche und überkantonale Gruppe das «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» veröffentlicht.
Kontakt zur Gruppe «Wendepunkt Bildung»: wendepunkt.bildung@protonmail.com oder philipp.loretz@lvb.ch
Lesen Sie alle Statements zum «Wendepunkt Bildung»
SICHTWEISENSCHWEIZ.CH veröffentlicht die Statements der einzelnen Persönlichkeiten der Gruppe «Wendepunkt Bildung» ungefiltert – authentisch.
Dr. phil. Carl Bossard: Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln
Christine Staehelin: Das Verschwinden der Lehrer – ein Stück in vier Akten
Prof. Dr. Allan Guggenbühl: Psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Schulkontext.
Philipp Loretz: Sieben Thesen zur Kurskorrektur aus Sicht der Lehrerschaft
Yasmine Bourgeois: Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen
Roland Stark: Entwicklung der Integrationspraxis
Res Schmid: Reflexion als langjähriger Bildungsdirektor
Bildnachweis zvg
Es wurde noch kein Kommentar veröffentlicht.