Mit dem «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» fordert die Gruppe «Wendepunkt Bildung» eine mutige Kurskorrektur – mit wenigen, dafür entscheidenden Kernanliegen:
- Verantwortung gegenüber den Kindern
- Stärkung der Lehrpersonen
- Praxisnahe Ausbildung der Lehrerschaft
- Weniger ist mehr – hinsichtlich Beziehungen
- Weniger ist mehr – hinsichtlich Inhalte
- Führung statt Verwaltung – Schulleitungen entlasten
Die Persönlichkeiten hinter dem Manifest stammen aus der Berufspraxis (Lehrpersonen und Schulleitung), der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, der Kinder- und Jugendpsychologie, der Politik – und sie treten überparteilich und überkantonal auf.
Nach jahrzehntelangen Grossreformen zeigt die Gruppe auf, welche gravierenden Schwächen und Fehlentwicklungen sie im bestehenden Schulsystem orten und welche konkreten Veränderungen sie fordern – Philipp Loretz bringt in sieben Thesen die Sicht der Lehrerschaft ein.
1. Reduce to the max!
Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein: Taucht ein gesellschaftliches Problem auf, folgt reflexartig der Ruf nach einem neuen Schulfach: PISA-Schock? Frühfremdsprachen! Verschuldung junger Erwachsener? Finanzkompetenz! Die Folge: Der Fächerkanon wächst stetig – Frühfranzösisch, Frühenglisch, ERG, BNE, WAH, M&I – doch gestrichen wird kaum etwas. Das Additive dominiert, Subtraktion wird zum Fremdwort.
Die Konsequenz zeigt sich in überladenen Lehrplänen. Sie fördern Beliebigkeit, verhindern Tiefgang und erschweren einen systematischen, stufenübergreifenden Aufbau. Die Volksschule gerät zunehmend in einen politisch verordneten Sightseeing-Modus: antippen, wischen, weiter.
2. Sprachzerfall ist Realität
Nach der Primarstufe beherrschen viele Schülerinnen und Schüler den Grundwortschatz nicht sicher. Auf der Sekundarstufe I lassen sich diese Lücken kaum mehr schliessen. Nicht wenige Kinder haben während der gesamten Primarschulzeit zuhause kein einziges Buch gelesen – die Leseabstinenz setzt sich fort. Selbst in leistungsstarken Klassen zeigen Texte häufig grundlegende Defizite in Wortschatz, Struktur und Rechtschreibung.[1]
3. Kernauftrag Unterrichtssprache
Dabei ist klar: Leseverständnis basiert auf einem breiten Wortschatz und fundiertem Vorwissen.
Vielen Jugendlichen fehlen buchstäblich tausende gelesener Seiten. Die Unterrichtssprache – die Sprache vor Ort – ist der Schlüssel zu emotionalem Lernen, gesellschaftlicher Teilhabe, Integration in den Arbeitsmarkt und einem selbstbestimmten Leben.
Angesichts dieser Bedeutung ist es pädagogische Pflicht, alle Kinder gezielt und intensiv in der Unterrichtssprache zu fördern. Nicht eine halbherzige Fünfsprachigkeit[2] ist das Ziel, sondern ein sicheres Beherrschen der Unterrichtssprache. Das gehört zum Kernauftrag der Schule.
4. Konsequenzen und Forderungen
Die entscheidende Frage lautet: Würden wir die bestehenden Fächer, Konzepte, Reformen nochmals ein- oder durchführen, wenn es sie noch nicht gäbe? Lautet die Antwort nein, müssten sie konsequenterweise gestrichen werden. Zu Ende gedacht heisst das: Die Überfrachtung der Primarschule ist zu beenden. Wir müssen uns darauf besinnen, was für Lehrpersonen und Schulkinder tatsächlich leistbar ist. Der Blick ist konsequent auf den Grundauftrag der Schule zu richten. Dafür braucht es gestraffte, konkrete und altersgerechte Lehrpläne.
Jürgen Kaube bringt es prägnant auf den Punkt: «Was muss Schule? Sie muss die Schüler lesen, schreiben, rechnen und selber denken lehren.»[3]
5. Belastungsfaktor Integrative Schule
Verhaltensauffälligkeiten stellen laut Peter Sonderegger, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, «das Maximum an Belastung für die Lehrpersonen»[4] dar. In Beratungsgesprächen mit Lehrpersonen, die sich an den Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) wenden, zeigt sich zunehmend ein Bild von Erschöpfung und Resignation bis hin zur Verzweiflung.
Die Zahlen bestätigen dies: 82,4% der Lehrpersonen der Primarstufe und 72,3% der Sekundarstufe I bezeichnen stark verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche als Belastungsfaktor. Auch 70,6% der schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen erleben dies so[5].
Gleichzeitig erklären zahlreiche Vertreterinnen und Exponenten aus Pädagogischen Hochschulen und der Hochschule für Heilpädagogik – häufig ohne eigene Unterrichtserfahrung – den Praktikerinnen und Fachleuten die Realität. Frei nach dem deutschen Kabarettisten Rolf Miller: «Der Idealismus wächst mit der Entfernung zum Problem.»
6. Praxisferne Lehrerbildung
Die Unzufriedenheit mit der Lehrerbildung ist kein Mythos: Rückmeldungen von Studierenden und Lehrpersonen zeigen einen ungenügenden Praxisbezug. Im Kanton Basel-Landschaft wurde dies politisch erkannt. Der Vorstoss «Mehr Praxisbezug in der Primarschulausbildung – neuer Ausbildungsweg für Lehrpersonen»[6] wurde mit 77:2 bei 0 Enthaltungen überwiesen – ein klares Signal. Ein SP‑Vorstosspaket[7] fordert zudem «Mehr Praxisbezug im Lehrkörper der PH FHNW» und «Mehr Lehre statt Forschung».
Der Hinweis der PH-FHNW-Leitung auf den hohen Praktikumsanteil greift zu kurz. Praxisnähe lässt sich nicht einfach auslagern. Wer Lehrpersonen ausbildet, muss die schulische Realität aus eigener, mehrjähriger und erfolgreicher Unterrichtserfahrung kennen. Deshalb fordert der LVB, dass alle Dozierende für Fachdidaktik über entsprechende Unterrichtserfahrung in den Fächern und Stufen verfügen, für die sie ausbilden.
7. Forschung in der Kritik
Sozialforschung im Bildungsbereich ist keine exakte Wissenschaft. Designfehler, Verzerrungen und widersprüchliche Befunde gehören dazu. Dennoch wird mit «Evidenz» oft gearbeitet, als wäre sie unfehlbar. Eine breit angelegte Metastudie aus dem Jahr 2022[8] kommt etwa zum Schluss, «dass Inklusion insgesamt das Lernen und die psychosoziale Anbindung der Kinder mit speziellen Bedürfnissen in den OECD-Ländern weder verstärkt noch abschwächt» und dass einzelne Kinder sowohl in integrativen wie in separativen Settings profitieren können.[9] Das zeigt: Die Realität ist differenzierter als viele integrationspolitische Annahmen und Postulate.
Empirische Befunde sollten daher nicht vorschnell als gesichert gelten. Praktikerinnen und Praktiker sind gut beraten, Studien kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen – und sich immer wieder zu fragen: «Kann das sein?»[10]
In diesem Sinne gehört Prof. Dr. Raphael Berthele zu jenen Forschenden, die für methodisch saubere Evidenz[11] einstehen. Er fordert strenges wissenschaftliches Arbeiten statt spekulativer Annahmen. Felix Schmutz, ein Basler Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, fasst dies so zusammen: «Die Gefahr der Pseudowissenschaft besteht darin, aus Ignoranz falsche Empfehlungen an die Politik abzugeben, bei unsicherer Evidenz pädagogische Innovationen auszulösen, die zum Scheitern verurteilt sind, und der eigenen Disziplin zu schaden, indem man schlechte Wissenschaft und vage Theorien verbreitet und Studien so zurechtbiegt, dass sie die eigenen Überzeugungen bestätigen.»[12].
Kurzporträt Philipp Loretz

Gruppe «Wendepunkt Bildung»
In der Gruppe «Wendepunkt Bildung» engagieren sich Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark.
Ende April 2026 hat die überparteiliche und überkantonale Gruppe das «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» veröffentlicht.
Kontakt zur Gruppe «Wendepunkt Bildung»: wendepunkt.bildung@protonmail.com oder philipp.loretz@lvb.ch
Lesen Sie alle Statements zum «Wendepunkt Bildung»
SICHTWEISENSCHWEIZ.CH veröffentlicht die Statements der einzelnen Persönlichkeiten der Gruppe «Wendepunkt Bildung» ungefiltert – authentisch.
Dr. phil. Carl Bossard: Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln
Christine Staehelin: Das Verschwinden der Lehrer – ein Stück in vier Akten
Prof. Dr. Allan Guggenbühl: Psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Schulkontext
Philipp Loretz: Sieben Thesen zur Kurskorrektur aus Sicht der Lehrerschaft
Yasmine Bourgeois: Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen
Roland Stark: Entwicklung der Integrationspraxis
Res Schmid: Reflexion als langjähriger Bildungsdirektor
Quellen zum Artikel von Philipp Loretz
[2] Fünfsprachigkeit: Muttersprache , Dialekt, Französisch, Englisch und allenfalls ortsfremde Muttersprache (im Kanton Basel-Landschaft sind 37% der Kinder, die die Volkschule besuchen, fremdsprachig; Tendenz steigend)
[3] Vgl. Jürgen Kaube (2019), Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Berlin: Rowohlt, S. 97, 85ff.; 109ff.
[5] Roger von Wartburg, LVB-Mitgliederbefragung, Belastungsfaktoren im Lehrberuf, lvb inform 2022/23-02: https://lvb.ch/wp-content/uploads/2023/01/Die-LVB-Mitgliederbefragung_Belastungsfaktoren-im-Lehrberuf.pdf
[6] https://gruene-bl.ch/blog/vorstoesse/mehr-praxisbezug-in-der-primarschulausbildung-neuer-ausbildungsweg-fuer-lehrpersonen-ist-dringend-notwendig-einfuehrung-einer-dualen-ausbildung
[7] https://sp-bl.ch/vorstosspaket-paedagogische-hochschule-verbessern/
[8] The effects of inclusion on academic achievement, socioemotional development and wellbeing of children with special educational needs: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36908836/
[9] https://condorcet.ch/2023/04/die-integrative-schule-unter-der-lupe/
[11] Prof. Dr. R. Berthele, Policy recommendations for language learning: Linguists’ contributions between scholarly debates and pseudoscience
[12] https://condorcet.ch/2020/02/wissenschaft-und-pseudowissenschaft-in-der-sprachdidaktik/
Bildnachweis zvg
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