Wendepunkt Bildung. Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln

Mit dem «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» fordert die Gruppe «Wendepunkt Bildung» eine mutige Kurskorrektur – mit wenigen, dafür entscheidenden Kernanliegen:

  • Verantwortung gegenüber den Kindern
  • Stärkung der Lehrpersonen
  • Praxisnahe Ausbildung der Lehrerschaft
  • Weniger ist mehr – hinsichtlich Beziehungen
  • Weniger ist mehr – hinsichtlich Inhalte
  • Führung statt Verwaltung – Schulleitungen entlasten


Die Persönlichkeiten hinter dem Manifest stammen aus der Berufspraxis (Lehrpersonen und Schulleitung), der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, der Kinder- und Jugendpsychologie, der Politik – und sie treten überparteilich und überkantonal auf.

Nach jahrzehntelangen Grossreformen zeigt die Gruppe auf, welche gravierenden Schwächen und Fehlentwicklungen sie im bestehenden Schulsystem orten und welche konkreten Veränderungen sie fordern – Carl Bossard plädiert für einen dritten Weg hin zur Bildungswirksamkeit im Unterricht:


Die Befunde beunruhigen: Die Lernleistungen sinken – besonders im Lesen. Doch die Bildungspolitik reagiert darauf oft mit neuen Programmen – statt mit wirksamerem Unterricht. Unsere Überzeugung ist klar: Nicht, was gut gemeint ist, zählt – sondern das, was wirkt. Das Entscheidende an Reformen ist ihre Wirkung aufs Lernen. Doch viele Reformen verändern Strukturen – verbessern das Lernen aber kaum.

Wenn beispielsweise über ein Viertel unserer Schulabgänger Texte nicht mehr sicher verstehen, geht es nicht um Details. Es geht um ihre Zukunft. Das ist kein Randproblem. Das ist ein Kernproblem. Und das beschäftigt uns. Drei Punkte entscheiden, ob Lernen gelingt – oder nicht.


Erstens – Der Verlust des systematischen Lernens

Lernen ist kein Zufall. Lernen folgt einer klaren Ordnung: aufbauen – verstehen – festigen – üben – anwenden. Das sind anspruchsvolle Vorgänge mit den beiden Grundpfeilern des Verstehens und Festigens. Genau diese Ordnung ist vielerorts geschwächt worden. Grundlagenarbeit – im Lesen, Schreiben und Rechnen – gilt zu oft als überholt. Üben hat an Gewicht und Bedeutung verloren.

Die Forschung aber ist eindeutig: Lesen, Schreiben und Rechnen – das, was wir im Alltag am meisten brauchen – müssen konsequent aufgebaut und intensiv geübt werden. Es braucht Kohärenz und Kontinuität, den berühmten roten Faden.

Gleichzeitig wird früh Selbständigkeit eingefordert – etwa im «Selbstorientierten Lernen». Und das, bevor Grundlagen gesichert sind. Selbständigkeit aber ist kein Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis von Anleitung, Struktur und Übung. Ohne Fundament keine Selbständigkeit.

Bilanz 1: Nicht die Kinder sind schwächer geworden – das systematische Lernen wurde geschwächt.


Zweitens – eng damit verbunden: Die Entkoppelung von Lehren und Lernen

Lehren und Lernen gehören zusammen. Doch unter dem Schlagwort «Vom Lehren zum Lernen» wurde die Rolle der Lehrperson teilweise geschwächt – und hin zur blossen Lernbegleitung, zum Coach verschoben. Kinder aber brauchen Erklärung. Führung – als konsequente und verstehende Zuwendung – und Rückmeldung.

Wenn Lehren an Bedeutung verliert, verliert Lernen seine Orientierung – besonders bei lernschwächeren Schülerinnen und Schülern. Guter Unterricht ist darum weder reine Instruktion noch blosses Selbstlernen. Es ist eine anspruchsvolle Verbindung von beidem: gezielte Steuerung durch die Lehrperson – und hohe Aktivität der Schülerinnen und Schüler. Entscheidend ist das Sowohl-als-auch.

Die Forschung zeigt: Bildungswirksam ist Unterricht dort, wo Lehrpersonen fachlich kompetent und pädagogisch fundiert unterrichten, klare Erwartungen setzen, gezielt üben lassen und Feedback geben, das wirklich weiterbringt.

Noch heute erinnere ich mich ans Feedback meines 6.-Klasslehrers: «Carl, die Hauptaussage gehört nicht in den Nebensatz, sondern in den Hauptsatz. Darum heisst er so!»

Bilanz 2: Gutes Lernen braucht wirksames Lehren. Nicht weniger – sondern professionell verantwortetes Lehren.


Drittens – mit Folgen für alles bisher Gesagte: die Distanz zur Praxis

Die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen ist akademischer geworden – das ist richtig und nicht das Problem. Problematisch wird’s dort, wo sie sich vom Klassenzimmer entfernt. Guter Unterricht darf nicht vom Schreibtisch aus definiert werden. Gleichzeitig entstehen immer neue Programme. Doch Programme lösen kein Lernproblem. Guter Unterricht tut es.

Bilanz 3: Pädagogische Hochschulen müssen stärker an die Praxis rückgebunden werden. Entscheidend ist nicht die Struktur der Ausbildung, sondern ihre Wirkung im Klassenzimmer.


Fazit

Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Diese Jahre sind kein Probelauf. Bildungswirksamkeit entsteht im Unterricht durch gute Lehrpersonen, klare Struktur und ausreichend Zeit und Ruhe zum Üben. Am Ende zählt nicht die Reform. Am Ende zählt, ob ein Kind lesen, schreiben und rechnen kann – ob es die «Basics» beherrscht. Dafür tragen wir gemeinsam die Verantwortung. Das kommt in unserem Manifest zum Ausdruck.



Kurzporträt Carl Bossard
Dr. Carl Bossard ist heute für seine rege publizistische und seine Vortragstätigkeit bekannt. Er war langjähriger Rektor verschiedener wichtiger Bildungsinstitutionen: Rektor zweier Kantonsschulen (Stans und Luzern) sowie Gründungsrektor der PH Zug; aktuell ist er an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit einem Lehrauftrag tätig.


Gruppe «Wendepunkt Bildung»

In der Gruppe «Wendepunkt Bildung» engagieren sich Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark.

Ende April 2026 hat die überparteiliche und überkantonale Gruppe das «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» veröffentlicht.

Kontakt zur Gruppe «Wendepunkt Bildung»: wendepunkt.bildung@protonmail.com oder philipp.loretz@lvb.ch


Lesen Sie alle Statements zum «Wendepunkt Bildung»

SICHTWEISENSCHWEIZ.CH veröffentlicht die Statements der einzelnen Persönlichkeiten der Gruppe «Wendepunkt Bildung» ungefiltert – authentisch.

Dr. phil. Carl Bossard: Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln

Christine Staehelin: Das Verschwinden der Lehrer – ein Stück in vier Akten

Prof. Dr. Allan Guggenbühl: Psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Schulkontext.

Philipp Loretz: Sieben Thesen zur Kurskorrektur aus Sicht der Lehrerschaft

Yasmine Bourgeois: Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen

Roland Stark: Entwicklung der Integrationspraxis

Res Schmid: Reflexion als langjähriger Bildungsdirektor



Bildnachweis zvg

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