Von der Verwundbarkeit der direkten Demokratie, der annullierten Wahl bis zum politischen Ränkespiel: Wie tickt die Stadt Grenchen künftig?

Es war einer der dreistesten Fälle von Wahlmanipulation in der jüngeren Schweizer Geschichte: Im Frühjahr 2017 fischte ein Einzeltäter im Oberwallis rund 190 Stimmzettel aus privaten Briefkästen. Er fälschte Unterschriften und manipulierte Listen in den Gemeinden Brig-Glis, Naters und Visp, um das Wahlergebnis zugunsten bestimmter Kandidaten zu beeinflussen. Das Bezirksgericht Brig verurteilte den Mann später wegen Wahlfälschung zu einer Freiheitsstrafe. Das Wallis reagierte geschockt und verschärfte die Sicherheitsvorkehrungen massiv. Ein krimineller Akt erschütterte damals das Vertrauen in den Volkswillen.


Schnitt ins solothurnische Grenchen: Hier brauchte es im Juni 2026 keine kriminelle Energie, um ein historisches Wahlchaos anzurichten. Es genügten schlichte administrative Schlamperei und das Ignorieren klarer Spielregeln. Das Ergebnis ist im Kern jedoch identisch: Das Schweizerische Bundesgericht kassierte das Resultat der Grenchner Stadtpräsidiumswahl – und entzog der gewählten Stadtpräsidentin Susanne Sahli (FDP) mit sofortiger Wirkung ihr Amt. Eine Privatperson, Elias Vogt, zog den Fall bis vors Bundesgericht und wurde als Grenchner «Schulbueb» belächelt. Das Lächeln ist den Beteiligten inzwischen vergangen, Vogt bekam vor dem Bundesgericht recht. Mit Urteil vom 17. Juni 2026 hat das Bundesgericht die Wahlbeschwerde von Elias Vogt gutgeheissen und die Stadtpräsidiumswahl vom 28. September 2025 mit sofortiger Wirkung aufgehoben (Urteil 1C_734/2025).



Beschaulich aus der Ferne, politisch im Nahkampf: Grenchen im Kanton Solothurn, einst Uhrenstadt, heute nicht zuletzt Schuldenstadt.


Das Dilemma mit den Briefkästen

Während der Fall im Wallis von 2017 ein Lehrstück über kriminellen Missbrauch war, zeigt der Fall Grenchen, wie verwundbar die direkte Demokratie durch behördliche Nachlässigkeit wird. Bei der hauchdünnen Stichwahl im September 2025 trennten die Siegerin Susanne Sahli und ihren Kontrahenten Patrick Crausaz (GLP) lediglich 25 Stimmen. Bei solch knappen Ausgängen müssen die Verfahrensvorschriften felsenfest sein.


Doch in Grenchen wackelte das Fundament. Bei der Auszählung gab es eine ungeklärte Differenz von 177 Stimmrechtsausweisen und Wahlzetteln.


Das Bundesgericht rügte in seinem Urteil schwere Verletzungen elementarer Sicherheitsvorschriften zur brieflichen Stimmabgabe:


  • Offene Briefkästen nach Fristende: Der offizielle Wahlbriefkasten der Gemeinde wurde am Samstag vor dem Wahlsonntag um Mitternacht weder geleert noch verschlossen. Stimmbürger konnten bis zum Sonntagmorgen unkontrolliert Kuverts einwerfen.
  • Lagerung in Schachteln statt Urnen: Die eingegangenen Zustellkuverts wurden von den Mitgliedern des Wahlbüros eigenhändig abgeholt. Über Nacht lagerte man das sensible Wahlmaterial nicht in einer versiegelten Urne, sondern in simplen, geschlossenen Pappschachteln in einem Amtszimmer.



Berechtigte Zweifel statt bewiesenem Betrug

Im Gegensatz zum Wallis im Jahr 2017 konnte in Grenchen kein konkreter Wahlbetrug nachgewiesen werden. Das musste es für das Bundesgericht aber auch gar nicht geschehen. Staatsrechtlich genügt bei erheblichen Verfahrensmängeln und einem äusserst knappen Resultat bereits, dass eine entscheidende Auswirkung auf den Wahlausgang im Bereich des Möglichen liegt. Wo Briefkästen unbewacht offenstehen und Stimmen in Kartons zwischengelagert werden, ist die demokratische Legitimität nicht mehr gewährleistet. Dem Skandal ging notabene ein Schmierentheater voraus, ein Hauen und Stechen, über das das Portal «Inside Paradeplatz» berichtete.

Der Fall wirft nun ein Schlaglicht auf viele andere Schweizer Gemeinden. Recherchen von SRF machten deutlich, dass Grenchen kein Einzelfall ist; etliche Kommunen nehmen es mit der nächtlichen Briefkastenleerung vor dem Wahlsonntag nicht so genau. In Solothurn formiert sich deshalb bereits politischer Widerstand: Ein fraktionsübergreifender Vorstoss fordert eine Anpassung des kantonalen Gesetzes, um die Stimmabgabe legal bis zum Sonntagmorgen zu erlauben.



Maximale administrative Blockade in Grenchen

Für Grenchen bedeutet das Urteil im Sommer 2026 eine maximale administrative Blockade. Nachdem das Bundesgericht ein Erläuterungsgesuch der Gemeinde abwies, muss die Stadt nun in Eigenregie eine komplette Neuwahl organisieren.

Sicher werden nach dem Bundesgerichtsurteil zu Grenchen, das Elias Vogt erwirkte, schweizweit einige Gemeinden über die Bücher gehen müssen. Gemäss SRF werden in einigen Gemeinden, auch in vielen anderen Kantonen, die demokratischen Regeln nicht beachtet.

Stadtschreiber Sven Schär äussert im Tages-Anzeiger, Grenchen habe die beanstandeten Abläufe korrigiert. Schon nach dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, welches die Stadt rügte, seien entsprechende Anpassungen vorgenommen worden. Die früheren Abläufe seien eine bereits über Jahre gelebte Praxis gewesen, «aber wo kein Kläger, da kein Richter», so Schär weiter. Auch er rechne damit, dass andere Gemeinden ihre Wahlabläufe überprüfen werden.



Erstaunliche Wende: Elias Vogt tritt nun selbst an

Susanne Sahli erklärte ihre neue Kandidatur nach «reiflicher Überlegung» öffentlich. Der GLP-Kandidat zog zurück. Nur noch eine Kandidatin, «klare «Wahl». Dachte man. Doch nach der erfolgreichen Wahlbeschwerde tritt Elias Vogt nun unvermittelt selbst für das Stadtpräsidium von Grenchen an. Der parteilose Unternehmer will die Stadt finanziell wieder auf Kurs bringen, das Zentrum beleben und den Dialog mit Bevölkerung und Wirtschaft stärken. Im Interview erklärt Vogt, weshalb er seine Kandidatur ursprünglich ausgeschlossen hatte, warum er trotz Kritik an seinem Vorgehen antritt und was er als Stadtpräsident konkret verändern will.


Sie haben die Wiederholung der Wahl mit Ihrer Beschwerde erreicht und treten nun selbst an. War das von Anfang an Ihr politisches Ziel?

Elias Vogt: Ich wünsche mir ein funktionierendes und gesundes Grenchen. Das Bundesgericht ging mit mir einig, dass das Vertrauen in die Grenchner Politik und Behörden in schwerwiegender Weise erschüttert wurde. Deshalb mussten die Wahlen wiederholt werden. Meine Wahlbeschwerde hat jedoch nichts mit meiner Kandidatur zu tun. Noch vor wenigen Wochen schloss ich eine Kandidatur aus. Jetzt sehe ich, dass es jemanden braucht, der Grenchen wieder positiv in die Schlagzeilen bringt. Die meisten Politiker sind bisher in Grenchen gescheitert.

Warum wollen Sie jetzt Stadtpräsident von Grenchen werden – was treibt Sie persönlich an?

Elias Vogt: Grenchen hat über 100 Mio. CHF Schulden. Innert kurzer Zeit sind die Schulden massiv gestiegen. Die Politiker haben die Finanzen nicht mehr im Griff. Ausserdem sterben in Grenchen die Läden, und mit dem Verlust des EPA-Parkplatzes gehen gerade 40 Parkplätze mitten im Zentrum verloren. Die Stadt hat diesen Parkplatz der Regiobank verkauft, ohne den Erhalt der Parkplätze zu fordern. Man könnte den Eindruck bekommen, dass die Politiker die Stadt ja fast schon aktiv in den Abgrund stürzen. Es braucht endlich jemand im Stadtpräsidium, der Gegensteuer gibt.

Ihre Kritiker sagen: Sie haben eine Wahl angefochten und profitieren nun selbst von der Neuwahl. Ist das nicht ein Interessenkonflikt?

Elias Vogt: Nein. Ich bin konsequent und setze mich ein für gesunde Finanzen und eine funktionierende Demokratie. Es war keinerlei Absicht von mir, wegen meiner eigenen Kandidatur die Wiederholung der Wahl zu verlangen. Sonst hätte ich 2025 schon selber kandidiert.

Sie sind bereits 2017 für das Stadtpräsidium angetreten. Warum sollte es diesmal für Sie reichen?

Elias Vogt: Einerseits habe ich deutlich mehr Lebenserfahrung als noch vor neun Jahren und sehe mich als Unternehmer mit dreissig Angestellten in der Lage, die Verantwortung in der Stadt Grenchen zu übernehmen. Andererseits sind die Probleme in der Stadt deutlicher wahrnehmbar. Das Schlimmste ist jedoch, dass die lokalen Medien die Situation verharmlosen und die Politkreise mit allen Mitteln verteidigen.

Was würden Sie als Stadtpräsident konkret anders machen?

Elias Vogt: Ich würde sofort den Fokus auf den Schuldenabbau legen, mich um die Rettung von Parkplätzen kümmern und die Belebung des Stadtzentrums in Angriff nehmen. Die Schulden kann man nur abbauen, wenn man unabhängig ist und keinen Interessensgruppen Geschenke machen muss. Es braucht dringend einen Austausch mit anderen Gemeinden, welche erfolgreich Schulden abbauen. Die Parkplätze kann man retten, indem man auf Grundstückseigentümer aktiv zugeht und in Dialog tritt. Das Stadtzentrum kann man beleben, indem man auf Social Media, in Zeitungen und in Fachzeitungen Inserate schaltet und aufruft, in Grenchen innovativ zu werden sowie das lokale Gewerbe zu unterstützen. Bisher hat man einfach nur gehofft und geschwiegen. Es braucht aktive Kommunikation der Stadt auf allen Kanälen.

Grenchen ist politisch gespalten. Wie wollen Sie auch jene überzeugen, die Ihre Wahlbeschwerde und Ihr Vorgehen kritisch sehen?

Elias Vogt: Es ist meine Stärke, zwischen verschiedenen Positionen zu vermitteln. Ich bin eben kein Politiker, sondern Dienstleister aus der Privatwirtschaft. Ich bin unabhängig und parteilos. Mir ist Authentizität und Klarheit wichtig. Ich bin daher sicher, dass man sich im Wahlkampf überzeugen kann, dass es mit meiner Wahl gelingen würde, die Gräben in der Stadt Grenchen zuzuschütten. Mir geht es um die Sache und um Lösungen, welche möglichst vielen passen. Allen kann man es nicht recht machen, aber man kann alle miteinbeziehen.

Was ist Ihr wichtigstes konkretes Versprechen an die Grenchnerinnen und Grenchner – und woran sollen sie Sie nach vier Jahren messen?

Elias Vogt: Man wird mich daran messen können, dass die Stadt Grenchen die Kommunikation mit der Bevölkerung und der Wirtschaft sicht- und spürbar verbessert. Mit Kommunikation kann man so viele Verbesserungen erreichen: Kommunikation schafft echte Innovation, gelebte Transparenz und aktive Mitsprache für alle.


Das Interview erschien zuerst im Solothurner Tagblatt. Die Fragen stellte Remo Massat.


Extrarunde nach dem Wahlchaos im historischen Rathaus zu Grenchen im Kanton Solothurn: Bei der Wahlwiederholung für das Stadtpräsidium in Grenchen gibt es zwei Kandidaturen, die vom Bundesgericht abgesetzte Susanne Sahli (FDP) sowie den Parteilosen Elias Vogt. Der erste Wahlgang findet am 27. September statt. Ein allfälliger zweiter Wahlgang wird am 29. November 2026 durchgeführt.


Kurzporträt Remo Massat

Remo Massat schreibt für verschiedene Publikationen, darunter Walliser Zeitung, Rhätische Zeitung sowie neu auch Solothurner Tagblatt.



Bildnachweis: Stadt Grenchen (Gemeinde Grenchen, Wikipedia), Stadthaus Grenchen (Sir James, Wikimedia Commons), Titelbild Fotos von Elias Vogt und Susanne Sahli: offizielle Webpräsenz der beiden Kandidaten.

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