Lass uns so tun, wie immer, als hätten wir einen durchdachten Plan. Als wüssten wir genau, wohin das hier führt.
Weil wir beide schnallen, dass es im OeV manchmal nur einen einzigen Satz braucht. Einen verschwörerischen Blick. Eine falsche Berührung. Und schwupps wird aus Neugier Nähe. Aus Nähe wird Spannung. Und aus Spannung etwas, für das man später eine enorm gute Ausrede braucht.
Ich frage nicht, wer du bist. Ich frage: Was würdest du dich trauen zu outen, wenn du wüsstest, dass ich nicht weglaufe?
Wir sind gebildet, weise und durchdacht. Ist Verführung daher die Kunst, jemanden, der uns für vertrauenswürdig hält, neugierig auf seine eigenen Abgründe zu machen? Wir wollen schliesslich beide wissen, was passiert, wenn wir uns nicht mehr hinter der Ratio verschanzen.
«Liegt es daran, dass ich blind bin?»
Also komm. Ein bisschen Risiko hat noch keinem guten Gespräch geschadet. Schauen wir mal, wer von uns zuerst wegschaut. Und falls das hier später völlig entgleist, können wir immer noch behaupten, es sei genau so geplant gewesen.
Das mag als Weiche dienen. Ins Depot führen. Denn hierbei geben wir etwas von uns preis, so lange, bis es hinter uns liegt und trotzdem noch im Weg steht. Und wenn es dort liegt, geben wir es nicht mehr von uns. Dann geben wir den eigenen Irrsinn zur Besichtigung frei. Gecheckt? Nein? Umso besser. Ich auch nicht.
Lets go.
Das können alle. Mehr oder weniger gut. Eine Küchenphilosophie von sich geben. Ungefragt Klugscheissereien verbreiten – und den Schäfchen die eigene Wahrheit häppchenweise zum Frass vorwerfen.
Jeder Journalist, jedes Medium, jeder Autor. Jeder Liebesbrief. Schliesslich will der Konsument berieselt werden. Schnuppe, womit.
Im Zug bin ich der Berieselte. Leute berieseln mich. Diese packen aus. Nicht den Koffer. Sie kippen ihren Seelenmüll vor mir aus. Ihren Psycho-Porno. Ihren ganzen inneren Giftschlamm.
Du denkst, ich übertreibe mit meinen bildhaften Ausdrücken? Falsch. Ich beschönige. Die Mitreisenden überschütten mich mit Absurditäten, für die man sonst einen besten Freund, einen Seelsorger – oder zumindest eine sehr geduldige Barfrau braucht. Liegt es daran, dass ich blind bin?
Kein scannender Blick. Keine Mimik, die verrät: Alter, was stimmt eigentlich nicht mit dir?
Dem Anschein nach bin ich für manche Seelenmüllkipper der perfekte fremde Zugpassant ohne Augen.
Sie sitzen mit mir im Abteil, sind unterwegs und berieseln mich mit ihren Gefühlskadavern. Ihren Krankheiten. Depressionen. Besuchsverbot eigener Kinder. Strafvollzugsanstalt. Schlagendem Vater. Heroinabhängigkeit. Meerschweinchentod. Von der Familie nicht anerkannte Homosexualität. Mutter, der ins Gesicht geschossen wurde. Jahrelanger stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie. Freund, der sie in der Wohnung verprügelte, nackt einsperrte, durchs Fenster ins Spital flüchtete. Messerstecherei. Sexualität, die durch Hirnschlag besser wurde. Adoption. Verzweiflung, wie sie ohne Prostitution überleben solle. Musste den verstorbenen Vater im Sarg anfassen, nach 20 Jahren bei der Aushebung des Grabes, um glauben zu können, dass er tot ist. Silikonbrüste, die ihr der Freund schenkte. Gefälschte Identitätskarte. Freund starb bei Motorradunfall auf seinem Rücksitz. Weiss nicht, ob er Vater seiner Kinder ist.
Während ich noch versuche, die bodenlosen Fragmente passend einzuordnen, liegen sie schon in mir.
Durchläuft der Berieseler, während er seine Lebensnarben über die Lippen bringt, einen allertiefsten innerseelischen Trampelpfad? Und ich, der Berieselte? Fühl mich wie ein von Felsbrocken übergossener Theatergast.
Schweigend hör ich zu. Staune, schlucke, nicke gelegentlich und lasse den fremden Schicksalsgenosse sich mitteilen.
Mein oder sein Bahnhof naht. Der unzensierte Podcast neigt sich dem Ende zu. Ich bedanke mich für das Vertrauen, das mir da, zwischen Haltestellen, völlig schamlos entgegengebracht wurde.
Die Win-win-Situation dabei? Der oder die Reisende bedankt sich bei mir. Obwohl ich nur zugehört habe. Anscheinend genügt es, für ein paar Stationen ein sicherer Platz für die akuten Herzrisse eines fremden Menschen zu sein.
«Erfahrungsgemäss ist das Merkwürdige an der Vergangenheit,
Steven Mack
dass man glaubt, sie läge hinter einem.»
Wie viele tausend Mal habe ich von meinem Seilriss erzählt? Von dem Sturz von der Brücke? Und noch viel mehr Zeit habe ich damit verbracht, es in die Tasten zu hauen. Aus mir herauszuladen. In andere Gemüter. Andere Köpfe. Als Buch zu vermarkten.
Erlöst das eigentlich? Von was? Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist das Ganze auch nur eine ziemlich aufwendige Form von Selbstreflexion. Mit tragischem Hintergrund. Ich fasle. Ich schreibe. Ich halte Vorträge und hoffe insgeheim, dass jemand danebensteht und sagt: Das ist schlimm. Das ist berührend. Das ist mutig. Kurz: dass sich der ganze Mist wenigstens noch ein bisschen lohnt.
Logo bringt es Empathie. Mitgefühl. Manchmal auch Heldentum. Und bumm ist aus dem persönlichen Scherbenhaufen eine Geschichte geworden, die Eindruck macht. Man muss nur oft genug darüber palavern. Dann sieht sogar das eigene Elend irgendwann nach Hollywood aus.
Während da draussen alle möglichen Influencer, YouTuber und TikToker um Aufmerksamkeit kämpfen und uns erzählen, wie krass, unglaublich und einzigartig ihr Leben ist, sitzen diese Exemplare unserer Spezies neben und in uns. In uns? Klar! Wohlmöglich denkst du jetzt, dass du deiner eigenen Person kein Mikrofon in die Hand zu drücken hättest. Schön für dich. Ich glaube dir kein Wort.
«Sie steigen aus. Ich bleibe sitzen.»
Mach etwas ganz Einfaches. Schliess deine Glubscher. Dreh sie ausnahmsweise nicht auf dein Handy, nicht auf Netflix, nicht auf die nächste Schlagzeile. Dreh sie nach innen.
Gaff hinein. Bleib dort einen Moment. Nur du.
Unser Dreck. Unsere Widersprüche. Unsere kleinen Katastrophen. Unsere grossen. Unser Rucksack. Dann denken wir einmal ganz ehrlich: Shit. Was geht hier eigentlich alles ab? Da liegt die Story. Nicht darin, wer die spektakulärste erlebt hat. Das wäre ein Wettbewerb, den niemand gewinnen will. Oder willst du mit mir tauschen? Liebend gern.
Das Märchen liegt in dem Zeug, das nur wir so erlebt haben. Im Denkzettel, den wir am liebsten vergessen würden. Dort, wo die ach so heissgeliebte Selbsttäuschung bröckelt, die Ausreden sterben und unsere WTF-Seite uns endlich ins Gesicht sieht. Kann sein, dass genau das der Grund ist, warum mir Artgenossen in der Blechbüchse ihre Seele vor die Füsse kippen. Weil sie spüren, dass sie hier, vor dem Gegenüber im visuellen Offline-Modus, einfach für einen Moment sich selbst sein können.
Dann geht die Tür auf. Sie steigen aus. Ich bleibe sitzen.
Mit ihrem Schutt im Gehörgang. Diesem akustischen Trümmerfeld, das sie mir hinterlassen haben. Und mit meinem eigenen, das ungefragt übersteuert und einen Höllenlärm veranstaltet. Immer wieder drücke ich den inneren Mute-Knopf. Nur funktioniert er nicht mehr.
Nun berieselt sich der Berieseler also selbst.
Du ahnst, was daraus folgt?
Herzflattern. Meins zumindest. Bei gewissen Themen befindet es sich dermassen auf dem falschen Gleis, dass man meinen könnte, ich hätte versucht, meinem eigenem Gefühlsstrom davonzufahren. Erfolglos, versteht sich. Er war natürlich schon mit in der Fahrt.
Jetzt raffst du, spätestens jetzt, womit ich dich hier berieselte. Mit diesen Dingen, die längst hinter mir liegen sollten, aber offenbar andere Fahrpläne haben.
Erfahrungsgemäss ist das Merkwürdige an der Vergangenheit, dass man glaubt, sie läge hinter einem. Dabei sitzt sie manchmal einfach im nächsten Abteil, unverschämt, schaut aus dem Fenster und tut so, als würde sie einen nicht kennen.
Danke übrigens fürs Lesen. Das allein war schon diskret intim. Du bist dran. Zeig, was in dir steckt. Einfach so, wie es gerade ist. Wir sind unterwegs.
Ich jedenfalls stehe schon auf dem Perron. Ich weiss noch nicht genau wohin. Unter uns, ist das nicht der geilste Fahrplan überhaupt?
Weil… müssen wir tatsächlich erst alles loswerden, um weiterzukommen? Würde es genügen, aufzuhören, so zu tun, als sässen wir allein in diesem Zug?
Und wenn uns unterwegs ein Gleisbruch ausbremst? Dann haben wir hoffentlich endlich den verdammten Grund dafür gefunden, nicht mehr so zu tun, als müssten wir irgendwo ankommen.
Kurzporträt Steven Mack

Das Schweizer Fernsehen produzierte einen Dokumentarfilm über Steven Mack. Von Niels Walter erschien seine Lebensgeschichte Der Blindgänger – Das gewagte Leben des Steven Mack in Buchform. Im Sommer 2026 veröffentlichte Mack das selbst geschriebene Buch Der Goldfahrer.
Aktuell verfolgt er den Traum von den Sommer-Paralympics 2028 in Los Angeles. Im September 2026 gewann er im Para Climbing den Schweizermeistertitel in der Kategorie für vollblinde Athleten.
Kontakt Stevan Mack: stevenmack@gmx.ch
Buchempfehlung

Steven Mack ist der Goldfahrer mit Goldkarte. Menschen mit einer Beeinträchtigung können bei der SBB eine Ausweiskarte beantragen. Dieser Begleitausweis wird Goldkarte genannt. Sie berechtigt dazu, eine Begleitperson und/oder einen Blindenführhund kostenlos auf Schweizer Zugstrecken mitzunehmen. Der blinde Schweizer Autor Steven Mack besitzt eine solche Karte. In seinem Buch «Der Goldfahrer» beschreibt er humorvoll sein Prinzip: Er steigt ohne Ticket, aber mit dieser Karte in den Zug und sucht sich spontan eine fremde Person als «Begleitung». Dadurch entstehen einzigartige und verblüffende, stets authentische Gespräche im Zugabteil.
Buch bestellen: Der Goldfahrer von Steven Mack. Das neue Buch des Blindgängers. VOIMA Verlag, Horgen 2026. Bei VOIMA finden Sie auch Veranstaltungshinweise zu Lesungen von Steven Mack.

Service: Ein erster Blick ins Buch
Kämpfen
«Hier geht es nicht um Training. Hier geht es um Durchkommen. Die grössten Kämpfe sind doch die, die niemand sieht. Die, die du mit dir selbst führst.»
Quelle: «Schnaubender Stahlriese» in Der Goldfahrer, Seite 138
Handschlag
«Der Handschlag ist kein Handschlag. Es ist ein Code. Fingerwinkel. Druck. Dauer. Jede Bewegung sagt etwas.»
Quelle: «Mitternächtlicher Handelszug» in Der Goldfahrer, Seite 147
Schwarzes Haar
Ihr Haar ist ein samtiger Vorhang, hinter dem sie Schutz sucht. Doch dann, scheu, öffnet sie ihn einen einzigen winzigen Spalt. Lugt dahiner dahinter hervor. Lässt mich einen Blick erhaschen.
Ihre Seelenfenster suchen die meinen. Und ohne ein Wort fragt sie mich:
«Siehst Du mich?»
Quelle: «Ein Sitzplatz mit zwei Geschichten» in Der Goldfahrer, Seite 178
Service: Guilly d’Herbemont und der weisse Stock

«Der weisse Stock ist erst seit 85 Jahren in der Schweiz offiziell anerkannt. Dass elektrische Fahrzeuge schon vor rund 120 Jahren durch Zürich rollten, erstaunt mich stark. Fortschritt priorisiert manchmal ungeschickt.
Im April 1938 verteilte Guilly d’Herbemont in Lausanne die ersten hundert weissen Stöcke. Kurz darauf wurde er in die Strassenverkehrsordnung aufgenommen: Unbegleiteten Augen-Kriminellen, die durch das Hochhalten des weissen Stockes anzeigen, dass sie die Strasse überqueren wollen, ist der Vortritt zu gewähren.
Na super. Manchmal braucht es derbe Worte. Denn unter uns: Wir sind nicht beständig die Herrscher unserer Emotionen. Öfter sind sie die Diktatoren und wir bloss die fassungslosen Untertanen.»
Quelle: Steven Mack, Der Goldfahrer, Seite 123
Bildnachweis: Titelbild und Bilder Steven Mack im Zug: Beat Schaller. Porträtbild Steven Mack: Regina Jäger / VOIMA Verlag. Cover: VOIMA Verlag.
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