Ohne ausreichende Lesekompetenz haben Jugendliche in der Berufsausbildung einen schweren Stand.
Viele scheitern an einfachen Aufgaben, weil ein schwaches Leseverstehen ihnen den Inhalt eines Textes nicht erschliesst.
Die PISA-Erhebungen haben aufgedeckt, dass sich diese existenziell wichtige Fähigkeit schon seit zwanzig Jahren bei den Schweizer Jugendlichen im Abwärtstrend befindet. Dass dieser Niedergang mit aller Kraft gestoppt werden muss, ist unbestritten.
Wie die Lesekompetenz und gut verständliches Deutsch generell gefördert werden können, wird in den nachfolgenden Ausführungen in Grundzügen erläutert.
Als erstes gilt es, die teils verstopften Zugänge zur Lesefähigkeit wieder freizulegen und wenn nötig zu erweitern. Gespeist wird dieses Leseverständnis aus drei wichtigen Quellen: dem Zuhören von Geschichten, aus der Welt der Bücher und aus einer guten Allgemeinbildung. Alle drei Bereiche weisen Defizite auf, die sich stark auf das Leseverstehen auswirken.
Die sprachfördernde Erzählkunst wird in der Lehrerbildung vernachlässigt, der Welt der Bücher stehen die Kurzfuttertexte der digitalen Medien gegenüber und der Sach- oder Realienunterricht ist oft nur rudimentär.
Geschichten hören und Bücher lesen verinnerlichen die Sprache
Über den Wert von Geschichten für Kindergartenschüler muss man nicht viele Worte verlieren. Hellwache Kinderaugen und gelegentliche Ausrufe während einer Erzählstunde signalisieren, wie intensiv Schilderungen von Kindern aufgenommen werden. Mimik und Tonfall der Lehrerin unterstützen dabei eine sprachlich gepflegte Schilderung. Es entstehen starke innere Bilder, welche die Sprachentwicklung fördern.
Das gilt genauso für Jugendliche, wenn ein Lehrer beim Schildern geschichtlicher Ereignisse den richtigen Ton trifft. Die Schüler tauchen ein in vergangene Zeiten und schaffen sich so ihre eigene Vorstellungswelt. Es sind die Grundfragen des Lebens, mit denen sie in Erzählungen und Berichten auf unterschiedlichste Weise konfrontiert werden. Das fasziniert Jugendliche enorm.
Sich die Welt der Bücher zu erschliessen, braucht Zeit. Viele Schulen verfügen über moderne Bibliotheken, die auf ansprechende Weise zum Lesen anregen. Mit einfacher Lektüre als Hausaufgabe lässt sich Schule mit Freizeit bestens verbinden.
Doch nötig sind immer wieder auch Inputs mit anspruchsvollen Klassenlektüren in den Deutschstunden. Wo Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur im Unterricht gelesen werden und darüber diskutiert wird, kann der Funke fürs Lesen zünden. Begleitetes Lesen in der Schule kann selbst für mässig Lesebegeisterte ansteckend wirken.
Vorwissen aus dem Realienunterricht erleichtert das Leseverstehen
Die Bedeutung eines aufbauenden Realienunterrichts für das Leseverständnis wird oft unterschätzt. Gute Sachkenntnisse spielen eine Schlüsselrolle für das Verstehen wesentlicher Zusammenhänge und die Erweiterung des Wortschatzes. Wer gute Vorkenntnisse in einem Sachgebiet hat, liest manche Texte viel leichter.
Ein attraktiver Sachunterricht setzt anspruchsvolles didaktisches Können der Lehrpersonen voraus, was leider aufgrund der verkürzten Fachausbildung in Geografie und Geschichte nur unzureichend gewährleistet ist.
Viele Lehrpersonen sind nie ermutigt worden, den Geschichtsunterricht narrativ auszurichten und eine Geschichte spannend zu erzählen. Man verlangt von den Schülern lieber das Studieren von historischen Quellentexten und lässt sie danach unzählige Fragen auf Arbeitsblättern beantworten. Damit wir eine naheliegende Chance verpasst, um Sprache vom Zuhören her zu verinnerlichen.
Dem Realienunterricht kommt die Aufgabe zu, solides Allgemeinwissen im Bereich von «Mensch und Umwelt» zu vermitteln und den Horizont der Schüler Schritt für Schritt zu erweitern.
So kann die Funktionsweise eines Elektromotors präzis erklärt werden, wenn die Schüler einen selbstgebauten Motor zum Laufen gebracht haben. In der Zoologie wird das Verhalten eines Wildtiers zum Ausgangspunkt für geduldiges Beobachten und treffendes Beschreiben. Ein Bericht über einen Vulkanausbruch mit Folgen für nahe Dörfer kann ein angeregtes Klassengespräch über Naturgefahren auslösen. Und im Geschichtsunterricht freuen sich Jugendliche, zu provokativen Thesen Stellung nehmen zu können und mit überzeugenden Argumenten ihre Ansichten zu begründen.
Realienstunden sind ungeeignet für Sprachbäder im Frühfranzösisch
Realienunterricht bietet eine Fülle an Möglichkeiten, um den sprachlichen Ausdruck praktisch zu schulen. Das gilt besonders für Buben, denen verständliches Deutsch oft um einiges schwerer fällt als den bei sozialen Themen leichter lernenden Mädchen. Schweigsame Buben können durch interessante Sachfragen aus ihrer Passivität gelockt und zum Sprechen angeregt werden.
Wo ein kompetenter Realienunterricht stattfindet, wo Aufregendes und Herausforderndes die Lektionen bereichert, sind auch zurückhaltende Schüler bereit, sich präzis auszudrücken. Aber die Qualität des Sachunterrichts muss stimmen.
Keine didaktisch überzeugende Idee ist die immer wieder auftauchende Vorstellung, man könne in der Primarschule die drei Stunden Frühfranzösisch durch immersiven Unterricht in den Realienfächern aufstocken.
Fremdsprachiger Unterricht in Geografie, Naturkunde und Geschichte kann in sprachaffinen Gymnasialklassen gelingen, für die Volksschule würden diese Sprachbäder jedoch in ein Desaster führen. Das Ganze wäre ein Abbau an solider Allgemeinbildung, da die bescheidenen Fremdsprachenkenntnisse der Primarschüler für einen erfolgreichen Sachunterricht bei Weitem nicht ausreichen.
Lehrkräfte als prägende sprachliche Vorbilder
Lehrerinnen und Lehrer, die Pädagogik als gemeinsames Lernen in einem dynamischen Klassenverband verstehen, wissen um die Bedeutung ihrer sprachlichen Vorbildfunktion im täglichen Unterricht.
Erfolgreiches Lehren setzt Fachkompetenz und die Fähigkeit voraus, komplexere Sachverhalte in präziser Sprache verständlich erklären können.
Gespräche über Farben und Formen im Zeichnen, das Kennenlernen von Grundtechniken in der Metallbearbeitung oder das Beschreiben einer Geräteübung im Turnen gehören zum täglichen Anwendungsbereich der deutschen Sprache.
Scheitern Schüler an mathematischen Textaufgaben, wird schmerzlich bewusst, dass sprachliche Logik mit ihren exakten Begriffen für das Verstehen dieser Aufgaben unverzichtbar ist.
Es mutet aktuell schon absurd an, dass Kurzfilme von Youtube-Instruktoren in klassischer Frontalunterricht-Manier von den Schülern oft deutlich besser bewertet werden als Erklärungen ihres Mathelehrers im begleitenden Lerncoaching. Da scheint in der Lehrerbildung doch einiges schiefgelaufen zu sein. Mit ein Grund für diese Schieflage ist die unsinnige Ablehnung vieler Formen des Frontalunterrichts, zu denen auch die erfolgreiche direkte Instruktion zählt.
Mit der Degradierung des Lehrers zum unauffälligen Begleiter im Hintergrund geht viel sprachliche Gestaltungskraft im Rahmen eines lebendigen gemeinsamen Klassenunterrichts verloren.
Kinder und Jugendliche können die spezifische Sprache jedes Faches nur dann voll aufnehmen, wenn sie diese immer wieder deutlich und korrekt von einer sprachgestaltenden Lehrkraft auch hören.
Am Üben des schriftlichen Ausdrucks führt kein Weg vorbei
Das Leseverständnis ist ein zentraler Teil sprachlicher Kompetenz. Darüber hinaus braucht es aber deutlich mehr Anstrengungen, um auch die Schriftlichkeit umfassend zu fördern. Dafür muss die Schule wieder mehr Zeit für formales Sprachtraining in den Deutschstunden einsetzen.
Vorbereitete Diktate und das häufige Schreiben eigener Texte sollen die Schüler mit dem schriftlichen Ausdruck vertraut machen. Ohne intensives Üben geht es nicht.
Der vermeintlich abkürzende Irrweg des Schreibens nach Gehör verdient eine Vollsperrung. Dass nie korrigierte falsche Wortformen erheblichen Schaden anrichten können, ist leider noch nicht allen Didaktikern bewusst geworden.
Deutschlernen ist eine Verbundaufgabe und gelingt nur, wenn die deutsche Sprache in einem breiten Fächerspektrum gezielt gefördert wird. Der Lehrplanbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» eignet sich dabei besonders, um den Schülern die deutsche Sprache anschaulich vermitteln zu können. Die Lehrerbildung hat deshalb neben einer effizienteren Didaktik für formales Sprachtraining den Realienfächern und der Förderung der Erzählkultur mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Kurzporträt Hanspeter Amstutz

Bildnachweis: Titelbild geralt/pixabay, Porträtbild zVg
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