Das Schweizer Nato-Netzwerk

Ein dichtes Geflecht aus Bundesverwaltung, Militär, Denkfabriken, Politik, Medien und Rüstungswirtschaft bindet die Schweiz an NATO und EU – bis zum militärischen Sachzwang. Internationalisten besetzen heute zentrale Stellen im Staat. Eine Säuberungswelle findet statt, sagt Ex-Bundesrat Ueli Maurer.


Pälvi Pulli, scheidende Vizedirektorin des Staatssekretariats für Sicherheitspolitik (SEPOS), ist gebürtige Finnen. In die Schweiz kam sie mit Anfang 20. Sie jobbte in Kneipen, es gefiel ihr. Pulli (Jahrgang 1971) studierte an der Universität Neuenburg (Abschlussarbeit: «Armeeeinsätze gegen die eigene Bevölkerung»). Es folgte eine steilte Karriere im VBS, für das sie ab 1999 zu arbeiten begann. 2018 wurde sie Chefin Sicherheitspolitik im VBS, sass also an den Schalthebeln der Schweizer Macht und prägte seither die Schweizer Sicherheitspolitik. Den Job übernahm sie von ihrem früheren Partner Christian Catrina, den die Weltwoche einmal als «Glücksfall für jeden Angreifer» bezeichnete. Sowohl Pulli wie auch Catrina sind klassische Internationalisten, die wenig mit der Schweizer Neutralität anfangen können. Nach 2022 äusserte Pulli wiederholt Unverständnis dafür, dass Bern keine Waffen in die Ukraine schickt.


Intervention gegen Buch

In meinem Buch «Das Nato-Netzwerk in der Schweiz» werfe ich die Frage auf, ob Pullis Beziehungen ihren Aufstieg im VBS begünstigt haben. Eine Unverfrorenheit in den Augen der Top-Militärfrau. Bereits vor der Erscheinung des Buches am 19. August 2026 lag eine erste Abmahnung auf dem Tisch bei meinem Verleger Christoph Pfluger. Forderung: Die Schwärzung des gesamten Kapitels. Pullis Anwältin Rena Zulauf intervenierte mit Erfolg bei den grossen Buchhändlern in der Schweiz gegen das Buch, das mehrere Wochen nicht mehr bei Orell Füssli, Ex-Libris und Co. erhältlich war. Pulli musste das «Das Nato-Netzwerk in der Schweiz» also sehr genau gelesen haben. Warum schreibe ich das? Nicht gelesen hat Pulli als Chefin Sicherheitspolitik den F-35-Vertrag.

Gemäss dem GPK-Bericht, der am 8. September 2026 erschienen ist, hat sie im Dezember 2021 mehrere Onlinekonferenzen zwischen dem zuständigen Verteidigungsdepartement (VBS) und der amerikanischen Seite «moderiert», um eine gemeinsame Sprachregelung betreffend des Fixpreises auszuhandeln. Pulli selbst sagte, dass sie «aufgrund ihres Titels als Botschafterin und ihrer einschlägigen Erfahrungen» damit betraut worden sei. Den Vertragstext habe sie nicht gekannt. Die Weltwoche brachte es jüngst auf den Punkt: «Die damalige Chefin Sicherheitspolitik sass in leitender Rolle und Funktion am Tisch mit den Amerikanern, um sich auf eine gemeinsame Kommunikation zum Preis-Mechanismus zu einigen, ohne den Vertragstext gelesen zu haben.» Der Kaufvertrag, für den sich Pulli nicht interessierte, kostet den Schweizer Steuerzahler heute mehrere Milliarden Mehrkosten. Doch Pulli ist längst nicht die Einzige, die den Vertrag nicht anschaute.

Aus dem GPK-Bericht geht zudem hervor: Bundesrätin Viola Amherd las «lediglich Teile» des Vertrages. Stabschef Davide Serrago hat ihn gar «nicht gelesen». Der damalige Generalsekretär Toni Eder las ihn «nicht vollständig». Und Darko Savic, Projektleiter bei Armasuisse für die Beschaffung der neuen Kampfjets (auch bekannt als «Mister Kampfjet»), las ihn ebenfalls nicht. Der gleiche Savic jedoch unterzeichnete den Vertrag. Im November 2021 sagte Savic an einer Pressekonferenz: «Wir profitieren bei der Beschaffung der F-35 von Festpreisen, und in diesen Festpreisen ist auch die Inflation eingerechnet. Diese Art von Risiken liegt nicht auf unserer Seite.» In anderen Worten: Es gibt keine Mehrkosten für uns Schweizer, wir zahlen nicht mehr als sechs Milliarden Franken, wie es bei der Abstimmung geheissen hatte, so die Botschaft von Savic. Fake News, wie wir längst wissen. Die Stimmbürger wurden hinters Licht geführt.  

Savic kann das egal sein. Er profitiert heute von dem Deal, den er miteingefädelt hat. Savic arbeitet jetzt als «Director Program Management Business Aviation» bei Pilatus, der Nidwaldner Flugzeugbauer profitiert von lukrativen Kompensationsgeschäften mit Lockheed Martin. Pilatus entwickelt unter anderem ein Trainingsprogramm für den F-35-Kampfjet. Savic trat Anfang 2025 die Flucht nach vorne an. Und mit ihm auch VBS-Chefin Viola Amherd, Ex-Armeechef Thomas Süssli sowie der Kommandant der Schweizer Luftwaffe, Peter Merz. Alle haben sie das sinkende F-35-Schiff verlassen und feilen jetzt weiter an ihrer Karriere. Merz ist heute CEO von Skyguide, Süssli will nun in der Politik durchstarten.

Warum erwähne ich das? Beispiele von Topkadern in der Verwaltung, die vor allem für sich selber schauen und weniger im Interesse der Schweiz arbeiten, häufen sich. Im Vordergrund steht das eigene Portemonnaie, der persönliche berufliche Aufstieg. Was wir heute beobachten können: In wichtigen Departementen wie dem EDA oder dem VBS, also den zentralen Schaltstellen der Schweizer Aussenpolitik, machen zusehends schweizmüde Internationalisten Karriere. Es sind Beamte, die eine möglichst rasche Nato- und auch EU-Anbindung im Sicherheitsbereich vorantreiben und sich mehr und mehr mit Brüssel abstimmen wollen.

«Im Gange ist nichts weniger als ein stiller Putsch.»

Rafael Lutz, Buchautor


Nato-Enthusiasten in der Verwaltung

Benno Zogg ist 2022 Forschungsleiter für «Schweizer und euro-atlantische Sicherheit» an der ETH in Zürich, als er dem Bundesrat für den Zusatzbericht zu den Folgen des Krieges in der Ukraine empfiehlt, sich enger mit der Nato abzustimmen. Heute ist er «Chef Strategie und Antizipation» in Martin Pfisters VBS und leitet zudem die Interdepartementale Arbeitsgruppe Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation (IDAG). Zogg liebäugelt damit, russische Medien zu zensieren.

Die Deutsche Anna Lina-Müller ist 2022 Geschäftsführerin der linksliberalen Denkfabrik «Foraus», als sie als Mitglied einer Expertengruppe in Ignazio Cassis’ EDA für Waffenlieferungen an die Ukraine wirbt. Heute ist Müller, die der Tages-Anzeiger auch schon als Frau «im Metier der Welterklärung» bezeichnete, Diplomatin in der Abteilung Europa im Aussendepartement und setzt sich für eine Nato- und EU-Anbindung der Schweiz ein. Elisa Cadelli wiederum ist 2024 Foraus-Präsidentin, als sie sich als Expertin in Katja Gentinettas Studienkommission Sicherheitspolitik für eine noch engere Kooperation mit dem westlichen Militärbündnis stark machte. Heute arbeitet sie im EDA, wo sie ihre Diplomatenkarriere vorantreibt.  

In der Alpenrepublik wird eine neue Generation von jungen Militärs und Diplomaten herangezüchtet, deren Solidarität vor allem Kiew und Brüssel gilt. Im Gange ist nichts weniger als ein stiller Putsch. Ein Nato-Netzwerk, weit verzweigt und bestens verdrahtet im Berner Machtapparat, regiert die Schweiz – und kontrolliert auch die wichtigsten NGOs, Medien und Grosskonzerne im Land. Gestandene Diplomaten und Militärs, die die Neutralität verteidigen, werden in der Verwaltung aussortiert. «Es findet eine Säuberungswelle statt», mahnt Ex-Bundesrat Ueli Maurer. Ignazio Cassis‘ Aussendepartement, in dem Carl Spittelers «Schweizer Standpunkt» einst zur Standardlektüre für angehende Diplomaten gehörte, vergibt Schlüsselposten fast nur noch an Nato-Enthusiasten.


Kiewer Beamte intrigieren gegen Bern

Die Internationalisten in Bundesbern wollen die Alpenrepublik immer enger in Nato- und EU-Strukturen integrieren. Während Bern Moskau sanktioniert, unterstützt der Bundesrat Kiew mehr als jedes andere neutrale Land: Fünf Milliarden Franken erhält die Selenskyj-Regierung bis 2036 aus Bundesbern für den Wiederaufbau. Als Dank dafür intrigiert und destabilisiert die Ukraine die Schweiz pausenlos. Mitglieder der ukrainischen Delegation des Europarats versuchten, Alain Bersets Wahl zum Generalsekretär des Europarats zu verhindern und die Schweiz zu verurteilen, weil hiesige Banken Gelder von reichen Russen verwalteten. In Wien führten Ukrainer eine geheimdienstliche Diskreditierungs- und Desinformationsoperation gegen die Guten Dienste der neutralen Schweiz bei der OSZE-Mission aus. In Bern wiederum spielt sich Iryna Wenediktowa, ukrainische Botschafterin in der Schweiz, als Zensorin in der Kulturszene auf: 2024 verhinderte sie die Ausstrahlung des Films «Russians at War» am Zurich Film Festival (ZFF). Die Konsequenzen der heutigen Anti-Neutralitätspolitik in Bundesbern könnten verheerender nicht sein: Während Schweizer Eliten in den vergangenen Jahrzehnten die eigene Landesverteidigung massiv schwächten und den Sollbestand im Vergleich zum Kalten Krieg um einen Sechstel auf heute noch rund 100 000 Soldaten reduzierten, lässt sich Bern ausgerechnet jetzt immer stärker in den Ukrainekrieg hineinziehen.

«Die unabhängige Schweiz wird sich weiterhin selber regieren», rief Jonas Furrer, erster Bundespräsident des Bundesstaats, 1848 den europäischen Grossmächten zu. Preussen, Österreich-Ungarn und Frankreich, die zum damaligen Zeitpunkt auf der Seite des Sonderbunds standen, hatten gerade mit einem militärischen Einmarsch gedroht. In der Schweiz ist der Geist Furrers im Bundesrat verloren gegangen. Die einstigen Grossmächte des «alten Kontinents» rüsten heute für den Krieg gegen die Atommacht Russland auf. Aussenminister Ignazio Cassis und Verteidigungsminister Martin Pfister, denen die Schweizer Neutralität und Souveränität ein Dorn im Auge ist, marschieren mit. Der Bundesrat hält eine noch engere sicherheitspolitische Kooperation mit den politischen Eliten in Paris und Berlin, die wirtschaftlich und politisch am Boden liegen, für alternativlos. Gemeinsam mit Friedrich Merz, dem unbeliebtesten Bundeskanzler der Nachkriegszeit, und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der politisch erledigt ist, richtet Bundesbern Massnahmen auf einen Krieg gegen Russland aus. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) will die «Möglichkeiten Russlands in Europa minimieren – auch in der Schweiz». Der Unterschied zum Kriegsziel der Nato – «Russland schwächen» – ist nur noch semantischer Natur.

Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Schweiz, ihre Souveränität, ihre Neutralität. Das deutliche Nein zur Neutralitätsinitiative am 27. September 2026, mit der diese unheilvolle Marschrichtung zumindest ansatzweise hätte korrigiert werden können, lässt nichts Gutes ahnen.


Kurzporträt Rafael Lutz
Rafael Lutz ist Journalist und Familienvater. Er hat an der Universität Fribourg 2020 in Soziologie abgeschlossen. Thema der Lizentiatsarbeit: «Der Ukraine-Konflikt und die Presse». Seit 2023 schreibt er für die Weltwoche. Zuvor war er für die Lokalzeitung «Tössthaler» sowie zahlreiche Online-Portale tätig, darunter für Transition-News, Globalbridge und Infosperber. 2019 erschien im Limmatverlag sein erstes Buch: «Heisse Fäuste im Kalten Krieg». Rafael Lutz publiziert auf substack.com/@rafaellutz.


Der Investigativ-Journalist Rafael Lutz benennt die Akteure des Nato-Netzwerks in der Schweiz, seziert die Sicherheitsstrategie 2026 und fragt: Wer profitiert vom Ende der Neutralität? Eine schonungslose, quellengestützte Streitschrift – für alle, die es wissen wollen, bevor es zu spät ist.

Buch bestellen: Rafael Lutz, Das Nato-Netzwerk in der Schweiz – Wer die Neutralität globalen Machtinteressen opfert. 132 Seiten, edition Zeitpunkt, 2026, 18 Franken.



Bildnachweis: Titelbild und Cover: edition Zeitpunkt, Porträtbild: zVg.

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