Ja, auch wir sind ein Windland!

«Jede in der Schweiz produzierte Kilowattstunde erhöht unsere Versorgungssicherheit. Jedes realisierte Windenergieprojekt stärkt die Resilienz unseres Stromsystems», eröffnete Benoît Revaz, Direktor des Bundesamts für Energie (BFE), im August die Nationale Windenergietagung in Bern. Ja, denn Windräder produzieren am meisten im Winter, genau dann, wenn unser Verbrauch auch am höchsten ist.


Und wir sind doch ein Solarland

Die meisten haben‘s vergessen: Es ist noch keine 10 Jahre her, dass der letzte Politiker in Bern unterstrich, wir seien kein Solarland, denn die Sonneneinstrahlung sei viel zu gering. Mit aller Vehemenz wurde in der Schweiz die Solarenergie kleingeredet und durch gesetzliche Hürden verhindert, solange es nur irgendwie ging.

Anlässlich einer Nationalen Photovoltaiktagung in Lausanne vor über 10 Jahren malte ein Elcom-Vertreter den Teufel an die Wand: «Meine Damen und Herren, wir haben jetzt ein gutes Prozent Solarstrom im Netz, aber wenn es dann drei sein werden, dann bricht das Chaos aus!»

Das Chaos ist nicht ausgebrochen, im Gegenteil – seither ging es steil aufwärts: Rund 14 % betrug der Anteil der Solarenergie an der Stromproduktion 2025. Ein Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht. Und die Netze nehmen den Strom auf. Kein Problem.


Und wir sind doch ein Windenergieland

Aber die Geschichte der Photovoltaik wiederholt sich jetzt bei der Windenergienutzung: Mit einer gezielten weltweiten Desinformationskampagne verhindern die Windkraftgegnerinnen und -gegner nun auch den Ausbau der Windkraft in der Schweiz sehr erfolgreich. Wir seien kein Windenergieland, ist deren Tenor.

Und das, obwohl wir gemäss einer Studie des Bundesamts für Energie aus dem Jahr 2022 in der Schweiz rund die Hälfte unseres aktuellen Strombedarfs mit Windenergie decken könnten.

Zudem ist dies die Technologie, die den günstigsten Winterstrom produziert. Denn die Windräder liefern rund zwei Drittel ihrer Produktion im Winterhalbjahr, wenn unser Bedarf am höchsten ist, Solaranlagen und auch Wasserkraft aber weniger Strom liefern.

Wenn wir alle erneuerbaren Energien, sprich Solarenergie, Wasserkraft und Windenergie, intelligent ausbauen, erhalten wir ein verlässliches Energiesystem, dessen Säulen so aufeinander abgestimmt sind, dass nicht nur unsere Versorgungssicherheit erhöht wird, sondern auch wirtschaftlich besticht. 


Höher, längere Flügel, mehrfacher Ertrag

Dank technischem Fortschritt steigt die Produktion pro Windrad kontinuierlich an, denn mit einer Verdoppelung der Flügellänge vervierfacht sich die Produktion. Daher werden die Windräder auch immer höher. Der Platzbedarf ist jedoch im Vergleich zum Ertrag minimal: Auf der Fläche eines Einfamilienhauses produziert ein Windrad jährlich 10 Millionen Kilowattstunden Strom. Das entspricht dem privaten Stromverbrauch von fast 10’000 Menschen. Und das für mindestens 30 Jahre.

Viele Schweizer Gemeinden könnten sich durch den Ausbau der Solaranlagen auf den Dächern und mit einem Windrad, kombiniert mit einer Batterie, das ganze Jahr selber mit Strom versorgen. Beispiele dazu finden sich in der Broschüre von Suisse Eole «Energie-Risikoversicherung». Oder anders ausgedrückt: Auf der Fläche von ca. 1000 Einfamilienhäusern könnten mit Windenergieanlagen rund 15 % des aktuellen Schweizer Strombedarfs produziert werden.


Preis für die langsamsten Verfahren

Da die Planungs- und Bewilligungsverfahren in der Schweiz aber bis zu 25 Jahre dauern, bauen wir Windräder, die viel weniger Leistung haben, als es dem aktuellen Stand der Technologie in Europa entspricht. Der Bau eines Windparks dauert weniger als zwei Jahre. Ein Windrad produziert bis zu 50 Jahre lang verlässlich Strom.

Der europäische Windenergieverband WindEurope hat der Schweiz den Preis für die langsamsten Verfahren verliehen. Mit bis zu 25 Jahren von der Planung bis zur Inbetriebnahme ist dies wahrscheinlich auch ein Weltrekord in Sachen Langsamkeit.


Beschleunigungserlass soll Abhilfe schaffen

Der sogenannte Beschleunigungserlass, der seit dem 1. April dieses Jahres in Kraft ist, wird die Verfahren hoffentlich beschleunigen: Er bündelt die Planungs- und Bewilligungsverfahren auf kantonaler Ebene und überträgt die entsprechenden Befugnisse an den Kanton.

Die Kantone Schaffhausen, St. Gallen, Luzern und Neuenburg hatten dies schon vor dem nationalen Vorstoss eingeführt.


Das Blatt beginnt sich zu wenden

Der erste wegweisende Erfolg des Beschleunigungserlasses stammt von Ende August im Kanton Waadt: Die vier NGOs, die 2024 Beschwerde gegen den Windpark Grandsonnaz im Kanton Waadt eingereicht hatten und vom Kantonsgericht abgewiesen worden waren, verzichten auf eine Beschwerde beim Bundesgericht, wie sie am 27. August 2026 mitteilten. «Im aktuellen rechtlichen Kontext sind die Erfolgsaussichten gering», schrieben BirdLife Schweiz, die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Helvetia Nostra und Pro Natura Waadt in einer gemeinsamen Mitteilung.

Der 2007 initiierte Windpark Grandsonnaz mit seinen 15 Windenergieanlagen auf dem Gebiet der Gemeinden Bullet, Fiez, Fontaines-sur-Grandson und Mauborget wird jährlich rund 90 Mio. Kilowattstunden Strom produzieren. Damit wird er der leistungsstärkste Windpark der Schweiz sein.


Wo man‘s kennt, greift keine Angstkampagne

Doch jahrzehntelange Verfahren gab es früher kaum: Juvent, der grösste Windpark der Schweiz mit seinen 16 Windrädern auf dem Mont Crosin, wurde seit dem Bau der ersten drei Windräder im Jahr 1996 immer wieder ausgebaut und die älteren Anlagen durch neue, leistungsstärkere ersetzt. Einsprachen gab es nie.

Windpark Juvent, Mont Crosin im Berner Jura


In Chur, wo Calandawind seit 2014 ein Windrad in Betrieb hat, das bereits 10 % des Haushaltsstromverbrauchs der Stadt deckt, wurde 2025 dem Bau eines zweiten Windrades mit 83 % Ja-Stimmen zugestimmt.


Clandawind bei Chur im Kanton Graubünden


Oberhalb Andermatt, wo das EW Ursern auf dem Gütsch 2004 auf rund 2400 Metern Höhe die erste Windenergieanlage erstellt hat, drehen sich inzwischen fünf Windräder. Gleich daneben hat energieUri ebenfalls zwei Windenergieanlagen gestellt. Diese Projekte wurden in den Gemeinden mit über 90 % Ja-Stimmen unterstützt und in Rekordzeit gebaut.

Die Liste liesse sich noch fortsetzen; auch in der Walliser Gemeinde Charrat hat sich die Bevölkerung wiederholt für den Ausbau ausgesprochen. Oder auf dem Gotthard, wo eine Erweiterung des Windparks in Planung ist.


Und wir sind auch nicht zu dicht besiedelt

Oft wird argumentiert, dass die Schweiz zu dicht besiedelt sei, um Windenergie zu nutzen. Tatsächlich könnten wir im Vergleich zu anderen Ländern oder Regionen deutlich mehr umsetzen, als dies heute der Fall ist: Luxemburg, das kaum grösser ist als die Kantone St. Gallen und die beiden Appenzell zusammen, und eine ähnlich grosse Bevölkerung hat, zählt bereits über 70 Windräder. In den drei genannten Schweizer Kantonen steht noch kein einziges Windrad.

In der Schweiz stehen dagegen gerade einmal 50 Windräder.


Im deutschen Bundesland Saarland mit einer Million Einwohnenden und der doppelten Fläche des Kantons Freiburg produzieren 218 Windenergieanlagen Strom. Knapp 2000 Windenergieanlagen sind im 4.1 Millionen Menschen zählenden Rheinland-Pfalz in Betrieb. Das deutsche Bundesland ist etwa so gross wie das Schweizer Mittelland.

In Österreich produzieren 1447 Windenergieanlagen Strom. Das Land zählt gleich viele Einwohnerinnen und Einwohner wie die Schweiz und ist doppelt so gross.

In Sachen Windenergienutzung liegt die Schweiz weit hinter den Nachbarregionen.


Übrigens: Deutschland hat einen Windstromanteil von über 26 %, Österreich 16 %, Italien bald 8 % und selbst Frankreich knapp 10 %. Und die Schweiz? 0.3 %! Und all diese Länder bauen die Windenergie weiter aus. Zusammen mit Slowenien und der Slowakei sind wir damit das Schlusslicht Europas.


Und die Vögel leben gut mit den Windrädern

Zahlreiche Studien haben es belegt, auch in der Schweiz: Vögel können gut mit Windrädern umgehen. Dies geht aus Untersuchungen beim Windrad Calandawind in Chur, im Windpark Peuchapatte, im Windpark Sainte-Croix sowie auf dem Gotthard hervor.

Auch europäische Studien gaben Entwarnung bezüglich der Rotmilane, unter anderem eine sehr gross angelegt Studie, die in Norddeutschland durchgeführt wurde: Die Forschenden analysierten in einem küstennahen Windpark innerhalb von eineinhalb Jahren über vier Millionen Vogelbewegungen. «In unserer Studie im Norden von Deutschland haben wir keinen direkten Zusammenhang zwischen starkem Vogelzug und dem Kollisionsrisiko von Vögeln mit Windrädern gefunden: über 99 % der Vögel passieren Windräder unbeschadet», erklärte Jorg Welcker, BioConsult SH GmbH & Co. KG, in seinem Referat im August bei der Nationalen Windenergietagung in Bern. Der Vogelzugexperte präzisierte: «Minderungsmassnahmen auf alleiniger Basis der Zugintensität scheinen folglich nicht effektiv.»


Unsere Urgrosseltern …

Würden unsere Urgrosseltern und Grosseltern uns zuschauen, wie wir zaudern, nach der Wasserkraft, die der Schweiz viel Wohlstand gebracht hat, und der Solarenergie nun auch die einheimische Windenergie zu nutzen, sie würden sich sicher ärgern. Denn wie die Sonne, so schickt auch der Wind keine Rechnung. Mit einem intelligenten Energiemix sichern wir unsere Energieversorgung und reduzieren gleichzeitig unsere Abhängigkeit. Und dies nicht nur kostengünstig, sondern auch sehr effizient: Wärmepumpen und Elektroautos sind um den Faktor 3 bis 4 effizienter als ihre fossilen Mitbewerber.



Suisse Eole
Windenergie kann in der Schweiz einen bedeutenden Beitrag zur Stromversorgung beitragen. Die Windstromproduktion ist im Winter besonders hoch, dann wenn Wasserkraft und Solarenergie weniger liefern, unser Bedarf aber sehr gross ist. Daher setzt sich Suisse Eole für die Förderung und Verbreitung der Windenergienutzung in der Schweiz ein.

Suisse Eole zählt rund 150 Mitglieder: Einzelpersonen, Energieversorger, Gemeinden sowie der Windenergie zugewandte Unternehmen. Der Verein wurde 1998 gegründet. Ziele der Vereinigung sind die Verbreitung der Windenergienutzung in der Schweiz, die Information der Bevölkerung für die ökologisch und (volks-)wirtschaftlich sinnvolle Erschliessung dieser Energiequelle sowie ihre nachhaltige Förderung.



Kurzporträt Anita Niederhäusern
Anita Niederhäusern bei Suisse Eole verantwortlich für Medien und Kommunikation. Sie ist ebenfalls Herausgeberin von www.ee-news.ch und www.pelletpreis.ch.


Bildnachweis: Suisse Eole. Titelbild/Juvent: Corinne Abersold. Calandawind: Baumberger/Suisse Eole. Mont Crosin: Daniel Knuchel. Porträtbild: Corinne Aebersold. Grafiken: Suisse Eole.

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