Windkraft in der Schweiz  – eine Frage der Güterabwägung

Schlusslicht Europas?

Das «Schlusslicht Europas» sei die Schweiz, was die Nutzung erneuerbarer Energie betreffe. So ein regelmässig wiederkehrender Vorwurf, der vor Allem von Seiten der Windturbinen-Industrie zu hören ist. Ein Blick auf die Zahlen kann dies nicht bestätigen, denn mit einem Anteil von 51.8% Wasserkraft und 12.8% Photovoltaik (Zahlen 2025) liegt die Schweiz vielmehr über dem europäischen Durchschnitt. Im Grunde geht es bei der zitierten Kritik denn auch nicht um erneuerbare Energie an sich, sondern um die hochsubventionierte Windkraft, von der sich die Windkraft-Lobby satte Gewinne verspricht, deren forcierter Ausbau in der Schweiz aber vielerorts aus gutem Grund auf Widerstand stösst.

So wie es kaum jemandem einfällt, dem weitgehend flachen Dänemark vorzuwerfen, dass es 0% seines Stroms mit Wasserkraft produziert, so macht es wenig Sinn, der verhältnismässig windschwachen, dicht besiedelten und topographisch dafür ungeeigneten Schweiz einen Vorwurf daraus zu machen, dass hierzulande «nur» fünfzig Windräder stehen.

In Österreich zum Beispiel, welches gerne als der Schweiz vergleichbares Land mit einem Windkraftanteil von über 10% genannt wird, stehen praktisch alle Windturbinen in der sogenannten pannonischen Tiefebene im Osten des Landes. Dies ist ein Gebiet mit weiten Flächen ohne Erhebungen und einer tiefen Höhenlage mit entsprechend hoher Luftdichte und regelmässigem Windaufkommen. Die pannonische Tiefebene weist topographische und meteorologische Verhältnisse auf, wie sie in der Schweiz nicht vorkommen. In den westlichen Bundesländern Österreichs, die ähnliche Verhältnisse aufweisen wie die Schweiz, stehen hingegen kaum Windturbinen.


Kein Windland

Dass die Schweiz für die Nutzung der Windkraft ungeeignet ist, zeigt schon ein Blick in die Geschichte. Während in anderen europäischen Ländern hunderte von Windmühlen in Betrieb waren, ist in der Schweiz historisch gerade einmal eine überliefert. Gemahlen wurde in der Schweiz vorwiegend mit Wasser, so wie auch heute Wasserkraft den grössten Teil unserer Stromproduktion ausmacht.

Aber auch die heute in der Schweiz bereits existierenden Windturbinen bestätigen diese Tatsache. Eine wichtige Kennzahl beim Betrieb von Windturbinen ist die Auslastung. Diese besagt, welcher Anteil des bei ununterbrochenem Vollastbetrieb theoretisch erreichbaren Stromertrags im tatsächlichen Betrieb erzielt wird.


Die Auslastung der bestehenden Schweizer Windturbinen liegt bei durchschnittlich unter 20%. Das ist, als würden die Turbinen knapp alle fünf Tage auf Volllast laufen und den Rest der Zeit stillstehen.


Zum Vergleich: im norddeutschen Schleswig-Holstein liegt die mittlere Auslastung aller Windturbinen bei 31%, ein Wert, den in der Schweiz keine einzige Anlage erreicht. Dabei ist davon auszugehen, dass die bestehenden Anlagen noch an den dafür geeignetsten Standorten errichtet wurden und dass man sich bei weiterem Zubau mit zunehmend weniger ergiebigen Standorten wird begnügen müssen.


Abbildung 1: Auslastung Schweizer Windturbinen 2018. Der Durchschnitt im norddeutschen Schleswig-Holstein liegt bei 31%, der Windpark auf dem Gotthard (2018 noch nicht in Betrieb) kam 2025 auf eine Auslastung von 10.8%.


Dies relativiert auch das regelmässig wiederholte Argument, die Windkraft sei ein «Winterpfeiler der Stromversorgung». Zwar fällt tatsächlich ein etwas grösserer Anteil (ca. 60%) der Windstromproduktion im Winterhalbjahr an, aber auch ein grösserer Anteil von sehr wenig bleibt sehr wenig. Konkret hat die Photovoltaik in der Schweiz 2025/2026 selbst im Winterhalbjahr über zwanzig Mal mehr Strom produziert als die fünfzig Windturbinen, die hierzulande bereits existieren (über das gesamte Jahr betrachtet, ist es sogar 49 Mal so viel). Und während man die Windstromproduktion durch weiteren Zubau sicher erhöhen könnte, ist das zusätzliche Ausbaupotential bei der Photovoltaik mindestens so gross.


Abbildung 2: Stromszenario Axpo, präsentiert vom Zürcher Baudirektor an der Medienkonferenz zur Vorstellung seiner Windkraftpläne im Oktober 2022. Bei genauem Hinsehen ist im rechten Diagramm der «höhere Winterstromanteil» in der Verdickung der dunkelblauen Linie an den Rändern erkennbar – die insgesamt geringe Dicke der Linie zeigt hingegen, wie wenig vom Windstrom absolut gesehen auch in Zukunft (2050) zu erwarten ist.


Effizientere und nachhaltigere Alternativen

Ein massiver und forcierter Windkraftausbau macht auch deshalb keinen Sinn, weil für die Sicherstellung unserer Stromversorgung heute und in Zukunft weit ergiebigere Alternativen existieren als die Windkraft, Alternativen mit geringeren Auswirkungen auf Bevölkerung, Natur und Landschaft.

In erster Linie sind hier Einsparungen im Verbrauch zu nennen, denn der umweltfreundlichste Strom ist jener, denn wir gar nicht erst brauchen. Ein nicht veröffentlichter Bericht des Bundesamtes für Energie (BFE), welcher den Medien zugespielt wurde, nennt ein Einsparpotential von 25% bis 40% des heutigen Verbrauchs, welches sich allein durch Effizienzmassnahmen, d.h. ohne Änderung unserer Lebensweise realisieren liesse.

Hinzu kommt teilweise völlig unnützer Stromverbrauch, wie zum Beispiel durch Rechenzentren, welche ausländische Konzerne zunehmend in der Schweiz errichten, um von den hiesigen Standortvorteilen zu profitieren, ohne dass dies für unsere Volkswirtschaft einen Nutzen bringen würde. So baut beispielsweise die US-Firma «Vantage Data Centers» ein Rechenzentrum in Volketswil/ZH, welches im Vollbetrieb 600 GWh Strom pro Jahr verbrauchen wird. Dieses eine Rechenzentrum benötigt damit mehr als fünfzigmal so viel Strom, wie alle fünf Windturbinen auf dem Gotthardpass produzieren (Jahresproduktion 2025: 11.1 GWh), bzw. knapp das Vierfache der gesamten Schweizer Windkraftproduktion (161 GWh/Jahr).

Auch die Photovoltaik bietet, trotz Ausbau in den letzten Jahren weiterhin grosses Potential. So beziffert eine Studie des BFE von 2019 das auf geeigneten Hausdächern und Fassaden realisierbare Potential auf 67’000 GWh/Jahr. Dies entspricht 110% des aktuellen Stromverbrauchs, welche produziert werden könnten, ohne dafür auch nur einen Quadratmeter Natur zu opfern.


Massive Auswirkungen

Auf den ersten Blick wird man vielleicht einwenden, dass Windturbinen, wenn auch nicht viel, so doch etwas Strom produzieren und dass doch jede Kilowattstunde unsere Versorgungssicherheit erhöht. Leider stehen dem geringen Nutzen aber vielfältige und teilweise massive Auswirkungen auf Bevölkerung, Natur und Landschaft gegenüber. Zwei davon sollen im Folgenden ausgeführt werden.


Heutige Windturbinen erreichen eine Höhe von 250 Metern. Dies ist fünfmal so hoch wie herkömmliche Hochspannungsmasten und höher als fast alle Bauwerke in der Schweiz. Höher ist gerade einmal die Staumauer Grande Dixence (285 Meter), welche dabei mit zwei- bis dreitausend GWh jährlich zwölf bis zwanzig Mal so viel Strom liefert, wie alle Schweizer Windturbinen zusammen.


Um einen einigermassen akzeptablen Ertrag zu erzielen, müssen die Windturbinen häufig auf exponierten Standorten wie Hügeln und Kreten platziert werden, wo das Windaufkommen stärker ist, wo die Turbinen aber auf weite Distanzen sichtbar sind. Bei Wind schaffen die drehenden Rotoren eine Unruhe im Landschaftsbild und nachts müssen sie aus Gründen der Flugsicherheit mit weit herum sichtbaren Blinklichtern befeuert werden.

Dem Einwand, die landschaftliche Schönheit sei entbehrlicher Luxus ist entgegenzuhalten, dass der Staat seit Jahrzehnten beträchtliche Kosten auf sich nimmt, Vorschriften erlässt und auf wirtschaftliche Opportunitäten verzichtet, um Ortsbilder und unsere einmalige Landschaft zu schützen, zum Beispiel mit Bauvorschriften, Schutzgebieten oder dem Verlegen von Hochspannungsleitungen unter den Boden zum Schutz des Landschaftsbildes. Schöne Landschaften tragen dabei nicht nur zu unserer Lebensqualität bei, sie sind auch Grundlage für einen prosperierenden Tourismus.


Abbildung 3: Windturbinen im Landschaftsbild – Visualisierung von 220 Meter hohen Windturbinen oberhalb der Gemeinde Volken / ZH, wo das Wind-Eignungsgebiet «Bergbuck» im Zürcher Richtplan vorgesehen ist.


Abbildung 4: Blick von Neunforn /TG über die Thur und das Auenschutzgebiet Schaffäuli. Visualisiert sind 220 Meter hohe Windturbinen in insgesamt drei im Zürcher Richtplan vorgesehenen Wind-Eignungsgebieten, zu sehen sind 8 von gesamthaft 11 vorgesehenen Turbinen.


Viele Windturbinen werden in der Schweiz zudem in Wäldern geplant. Wälder sind dabei einerseits wichtiger Erholungsraum für den Menschen und sie sind in unserem dicht besiedelten und intensiv genutzten Land gleichzeitig auch die letzten grösseren zusammenhängenden Lebensräume für zahlreiche Wildtiere. Deshalb sind Wälder von essentieller Bedeutung für die Biodiversität, welche bereits heute stark bedroht ist. Der Bau von Windturbinen und der dafür notwendigen schwerlastfähigen Zufahrtsstrassen bedeutet einen schwerwiegenden Eingriff ins Ökosystem Wald und der Betrieb gefährdet Vögel und Feldermäuse, für welche Waldgebiete ein wichtiger Lebensraum sind. Zudem muss für den Bau einer einzigen Windturbine etwa ein Fussballfeld Wald gerodet werden. Diese Rodungen vernichten nicht nur den unmittelbar betroffenen Wald, sondern sie schaffen Hitzeinseln, welche auch den um sie herum verbleibenden Wald durch Erwärmung und Austrocknung schädigen.


Abbildung 5: Waldzerstörung für Windturbinen (Windkraftanlage Riedholz, Gemeinde Feldkirchen-Westerham (DE))


Leider hat es die Windturbinen-Lobby in der Schweiz bereits geschafft, für den Bau von Windturbinen das seit über hundert Jahren geltende Rodungsverbot aufzuweichen. Deshalb will die eidgenössische Waldschutz-Initiative, welche voraussichtlich 2028 zur Abstimmung kommt, hier Gegensteuer geben und den Bau von Windturbinen zumindest im Wald verbieten.


Kurzporträt Martin Maletinsky
Autor Martin Maletinsky, dipl. math. ETH, ist Informatiker, Vater dreier Kinder, Präsident Freie Landschaft Zürich und Vorstandsmitglied Freie Landschaft Schweiz.


Lesen Sie auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH die Sichtweise pro Windkraft: «Ja, wir sind auch ein Windland!» von Anita Niederhäusern, Suisse Eole.

Bildnachweis: zVg


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