Welch ein Zeitdokument, welch ein Erkenntnisgewinn, welch ein Lehrstück für die heutige Zeit in mehrfacher Hinsicht: Die beiden Herausgeber Fredi Lerch und Dominik Müller analysieren den aufschlussreichen Briefwechsel zwischen Jonas Fränkel und Rudolf Jakob Humm aus den Jahren 1950-1965 – erschienen als separater Band im Rahmen der Reihe «Schweizer Texte». Für SICHTWEISENSCHWEIZ.CH hat Dominik Müller den vorliegenden Beitrag verfasst (Red.).
«Wie oft drängte es mich in früheren Jahren zu einer aktuellen Frage das Wort in der Presse zu ergreifen! Ich habe mirs abgewöhnt, nachdem ich die Erfahrung gemacht, daß nichts bei uns gedruckt wird, was nicht mit dem Verbandsdenken übereinstimmt.»
Klagen dieser Art sind vom Berner Germanistikprofessor Jonas Fränkel in grosser Zahl überliefert. Hier äusserte er sich in seinem Brief an Rudolf Jakob Humm vom 24. September 1955. Der 76-jährige Fränkel stand zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren mit dem Zürcher Schriftsteller, Publizisten, Übersetzer und Puppenspieler in Kontakt. Ihr Briefwechsel, der in der Reihe «Schweizer Texte» im Zürcher Chronos-Verlag kürzlich in Auszügen zugänglich gemacht worden ist, präsentiert zwei Schweizer Intellektuelle, die in den 1950er und frühen 1960er Jahren ihren vom Mainstream abweichenden Ansichten Gehör zu verleihen suchten.
In seinem zuneigungsvollen Brief zu Fränkels 85. Geburtstag bilanziert Humm am 30. August 1964 resigniert:
«Aber ein subjektives Gefühl, im Unterirdischen zu hausen, hat mich nie verlassen; und stelle ich auf dieses allein ab, so möchte ich gern sagen, was Sie hoffentlich nicht stört: eben weil ich auch so im Stollen wandere, bin ich Ihnen begegnet.»
Der Briefwechsel ist reich an solchen Positionsbestimmungen. Indem die Briefschreiber sich gegenseitig in ihrer kritischen Sicht auf eine Gegenwart bestärken, in der ein heisser Krieg noch nachwirkte und ein kalter sich anbahnte, bestärken sie sich auch selber. Dass Fränkel hier jenen, die sich besser Gehör zu verschaffen wissen, «Verbandsdenken» unterstellt, signalisiert die Gefahr, dass Isolierte ihre Isolation gerne zur Auszeichnung emporstilisieren und dem Glauben verfallen, allein über ein selbständiges Urteil zu verfügen.

Humms Einmannzeitschrift Unsere Meinung
Humm hatte 1948 mit der Gründung seiner Zeitschrift Unsere Meinung auf die publizistische Isolation reagiert. Er schrieb dafür nicht nur die meisten Beiträge selbst, sondern besorgte mit Hilfe seiner Frau auch das Hektographieren und den Versand der jeweils etwa 300 Exemplare eines Heftes, das gewöhnlich etwa 10 mit Schreibmaschine beidseitig beschriebene A4-Seiten umfasste. Ein Jahresabonnement kostete für 10 Hefte anfänglich 5 und am Schluss 30 Franken. Das Ehepaar hielt mit dieser selbstausbeuterischen Arbeit bis zu Humms Unfalltod 1977, also knapp dreissig Jahre lang, durch.
Mit der Gründung seiner Zeitschrift wollte Humm denjenigen ein Forum schaffen, die sich im Kalten Krieg, den er früh vorhersah, zwischen den Fronten sahen. Der erste einer Reihe von Aphorismen, die am 1. Februar 1948 die Zeitschrift eröffneten, lautet:
«Russland oder Amerika? Mit dem Herzen, beide! Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um uns in Schachteln einsperren zu lassen, sondern im Gegenteil, um mitzuhelfen, das Schachtelnwesen und das Schachtelndenken zu überwinden.»
Unter den Themen, die in Unsere Meinung zur Sprache kamen, standen Literatur und bildende Kunst an erster Stelle. Humm publizierte in seine Zeitschrift auch eigene literarische Texte, für die er immer wieder von Neuem Verlage suchen musste. 1962 erschien beispielsweise über drei Nummern hinweg ein Vorabdruck seines erfolgreichsten Buchs Bei uns im Rabenhaus. In Unsere Meinung waren aber auch sachkundige Artikel zu finden über das Weltgeschehen, über Kultur-, Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik, über die Schule oder das Pressewesen. In den ersten Jahrgängen bildeten zudem Reiseberichte eine feste Rubrik. Einen Eindruck von der Weite von Humms Horizont und der Eleganz seiner Formulierungen vermittelt der Band Mitzudenken. Reflexionen aus zwei Jahrzehnten (1969), in dem Humm Artikel aus Unsere Meinung zusammenstellte.

Fränkels gescheiterte Lebensprojekte
Auf der Suche nach verwandten, kritischen Geistern stiess Humm auf eine der Schriften, in denen Fränkel seine Position in zwei Streitfällen darlegte, in die er in den 1930er und 40er Jahren verstrickt war.
Worum ging es da?
Der erste der beiden «Händel» drehte sich um Carl Spitteler (1845–1924). Fränkel stand diesem während der 15 letzten Lebensjahre als enger Vertrauter und Berater zur Seite. Er half bei der Fertigstellung des grossen Versepos, Der olympische Frühling, für das Spitteler 1920 den Literaturnobelpreis erhalten sollte, und bei der Umarbeitung des Erstlings Prometheus und Epimetheus (1882) zu einem zweiten Versepos, Prometheus der Dulder (1924). Für Spitteler stand fest, dass Fränkel nicht nur eine Gesamtausgabe seiner Werke betreuen, sondern auch seine Biographie schreiben werde, zu der er ihn mit umfangreichem Material versorgte. Spitteler unterliess es jedoch, das auch testamentarisch festzulegen. Nach seinem Tod kam es zur Entfremdung zwischen Fränkel und den Töchtern und Erbinnen Spittelers, die schliesslich den Nachlass ihres Vaters der Eidgenossenschaft schenkten. Es entstand ein erbitterter Streit um die Zugangsrechte zu diesem Nachlass.
Gegenstand des zweiten Streitfalls war die historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke von Gottfried Keller, die Fränkel in den 1920er Jahre initiiert hatte. Immerhin konnte er 17 Bände fertigstellen, bevor es 1939 mit dem Benteli-Verlag und der Zürcher Regierung, die beim Zugang zum Keller-Nachlass das Sagen hatte, zum Bruch kam, und ein viel weniger gut qualifizierter Herausgeber mit der Fertigstellung betraut wurde.
Ein Gestrüpp von Faktoren führte dazu, dass Fränkel in beiden «Händeln» unterlag: Mangelndes Verständnis für die finanziellen und zeitlichen Ressourcen, die eine wissenschaftliche Textedition erfordert, Druck aus dem wichtigsten Absatzland der Keller-Edition, dem nationalsozialistischen Deutschland, wegen Fränkels jüdischer Abstammung, ferner Antisemitismus auch in der Schweiz, persönliche Ressentiments, Kompromisslosigkeit auf beiden Seiten, also auch derjenigen Fränkels, der nicht auf den Rat von Freunden wie Carl Albert Loosli hörte, seine Maximalforderungen etwas zurückzuschrauben.
Die Streitfälle schlugen in der Öffentlichkeit hohe Wellen, beschäftigten Behörden, Parlamente und endeten vor dem Bundesgericht, das zweimal gegen Fränkel entschied. Das mag bei Projekten eines Literaturgelehrten erstaunen. Aber es ging um zwei nationale Grössen, Carl Spitteler und Gottfried Keller, was zur Zeit der geistigen Landesverteidigung besonderes Gewicht hatte. Diese lag Bundesrat Philipp Etter, dem als langjährigem Vorsteher des Departements des Innern die Kulturpolitik der Schweiz unterstand, besonders am Herzen. Etter war deshalb in die Auseinandersetzung um Spitteler direkt involviert und verschonte Fränkel nicht mit persönlichen Verunglimpfungen.
Im März 1950 druckte Humm in Unsere Meinung eine Passage aus Fränkels Schrift Der neue Medius von 1944 ab, in der es um die Keller-Edition geht. Fränkel empört sich in dem Auszug über die Kritik, die der als neuer Herausgeber eingesetzte Carl Helbling an Kellers Schreibstil äusserte. Humm gefiel die Denunziation der Schulmeisterei des Philologen. In den Briefen, die Fränkel und Humm im Anschluss an diesen Abdruck austauschten, tasteten sich die beiden aneinander heran. Als Humm feststellte, dass Fränkel gerne in seine Schelte der «Philologenklerisei» einstimmte, begann das Eis zu schmelzen.
Gesprächsstoffe
Die beiden Niederlagen bedeuteten für Fränkel das Ende seiner zentralen Lebensprojekte. Er erholte sich nie mehr davon. Auch im Austausch mit Humm blieben sie seine wichtigsten Themen. Gross war seine Genugtuung, als die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Euphorion ihm 1952 die Gelegenheit bot, die Streitfälle um Keller und Spitteler nochmals vor einem Fachpublikum aufzurollen. Später klagt er, dass die beiden Abrechnungen in der Schweiz kaum zur Kenntnis genommen würden, was Humm mit Beiträgen in der Weltwoche und in seiner eigenen Zeitschrift wettzumachen versuchte. Fränkel entging, dass er als verfemter jüdischer Gelehrter dem Euphorion und dessen Herausgeber beim Versuch zupass kam, ihr zur Zeit des Nationalsozialismus verspieltes internationales Renommee wieder aufzupolieren.
Immerhin gab es auch erste Zeichen einer Rehabilitierung. In Bern wurde gegenüber Fränkel ein neuer Ton angeschlagen, nachdem Hans-Peter Tschudi Philipp Etter als Chef des Innendepartements abgelöst hatte. Neues Ungemach drohte jedoch, weil anerkennende Zeichen auch aus der DDR kamen. Der für Humms Zeitschriftengründung ausschlaggebende Kalte Krieg war Anfang der 1960er Jahre noch nicht vorüber.
Humm riss in der Zeit seiner Bekanntschaft mit Fränkel ein neues Projekt nach dem anderen an. Die Briefe zeigen, wie reflektiert er dabei vorging. Die Überlegungen zu seinem Stück Der Pfau muss gehen, mit dem er 1951 den Wettbewerb für ein Festspiel zur 600-jährigen Zugehörigkeit Zürichs zur Eidgenossenschaft gewonnen hatte, nehmen die Theorien über das postdramatische Theater der Jahrtausendwende vorweg. Auch Humm war bis zu einem gewissen Grad mit seiner eigenen Vergangenheit befasst, machte sie aber zum Gegenstand diverser literarischer Projekte: In Der Vogel Greif (1953) zeichnet er, wie früher schon in Die Inseln (1936), ein anrührendes Bild der Welt, in der er in Modena seine Jugend verbracht hatte, während er in Bei uns im Rabenhaus (1963) die Jahre vor und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschreibt, als er und seine Frau in ihrer Privatwohnung eine Art Salon führten und neben anderen Gestrandeten viele Emigrantinnen und Emigranten beherbergten. Fränkel rühmte zwar die literarischen Arbeiten, die Humm ihm zusandte, tat dies aber meist auf eher pauschale Art. Er attestierte Humm, er sei «heute die stärkste Potenz in der schweizerischen Literatur» (30. Januar 1954), gestand aber an anderer Stelle unumwunden ein, dass ihm für solche Urteile eigentlich Vergleichsmöglichkeiten fehlten, da «zeitgenössische Literatur nur sehr selten auf meinen Tisch geflogen kommt» (18. November 1951). Humms wiederholter Aufforderung, einmal etwas von Friedrich Dürrenmatt zu lesen, widersetzte sich Fränkel standhaft und stellte sich mit einer unqualifizierten Abfälligkeit über Brecht bloss, den er nur anhand eines einzigen Gedichts, das Humm abdruckte, glaubte abfertigen zu können. Fränkel lobte die Ironie in Humms literarischen Texten und die Art, wie darin durch die Thematisierung des Erzählvorgangs die Fiktion durchbrochen wird, erkannte darin aber nicht die Anzeichen von Humms Modernität, sondern brachte sie mit dem 1813 verstorbenen Martin Christoph Wieland in Zusammenhang. Fränkels literarisches Universum reichte zwar weit über den deutschen Sprachraum, aber kaum über die Jahrhundertwende von 1900 hinaus.
Dem steht Humms kritische Aufgeschlossenheit gegenüber. Dieser zollte nicht nur Dürrenmatt Achtung, sondern reagierte als 70-jähriger auch mit grosser Zustimmung auf die ersten beiden Romane seines jungen Zürcher Schriftsteller- und Journalistenkollegen Hugo Loetscher.
Privates
Der Brief gilt als Textgattung, in dem Menschen intime Gefühle aussprechen, und Subjektivstes in Worte fassen. Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther ist das Paradebeispiel gefühlsbetonter Briefkultur. Ob die Gefühle echt sind oder ob erst das Schreiben sie hervorbringt, nimmt man nicht so genau. Für die voyeuristischen Leserinnen und Leser fällt auch kaum ins Gewicht, ob sie es mit realen oder fiktiven Briefen zu tun haben. In den Briefen von Fränkel und Humm kommt Privates kaum zur Sprache: hin und wieder ein Wort über die Gesundheit, ein Besserungswunsch, ein Gruss an die Ehefrauen, eine kurze Nachricht über den Besuch eines der Kinder, die inzwischen alle erwachsen waren. Die Kürzung des Textmaterials um ca. 40%, die für die Ausgabe der Briefe vorgenommen werden musste, erfolgte an keiner Stelle aus Gründen der Intimitätswahrung. Berufsangelegenheiten stehen eindeutig im Vordergrund. Auch die ökonomischen Ängste, die Fränkel gelegentlich eingesteht, haben einen beruflichen Hintergrund, den Entscheid der Universität Bern, ihm trotz seiner langjährigen Anstellung als Extraordinarius keine existenzsichernde Pension auszuzahlen.
Fränkel schwieg auch über das Leid, das die Shoah über seine Familie gebracht hatte. Sein Judentum wird nur beiläufig erwähnt, obwohl beiden Briefschreibern klar war, dass es ausschlaggebend dafür war, wie man Fränkel behandelte. In dem 1950 für die Weltwoche verfassten Porträt Jonas Fränkel, der Umstrittene kam Humm darauf zu sprechen. Grundlage war eine Passage in den autobiographischen Aufzeichnungen, die Fränkel ihm zur Verfügung gestellt hatte. Fränkel hielt darin fest, er habe sein Heimatland wegen des «Antisemitismus der Polen» verlassen, und fährt dann fort:
«Inzwischen hatte ich mit dem Judentum, in dem ich so tief stak, mit dem ich durch Traditionsbande verbunden war, innerlich gebrochen. Es war kein Sichloslösen, sondern ein plötzlicher schmerzlicher Bruch. Erst nach Jahrzehnten erwachte wieder das Gefühl der Verbundenheit mit den Ahnen und mit dem verfolgten Stamme, zugleich der Stolz ihm anzugehören.»
Fränkel rühmt die «jüdische Nummer» von Unsere Meinung, die Humm im November 1960 herausgab, wird aber auch hier nicht persönlicher. Er bemerkt nur schalkhaft, dass er sich durch die Verwendung des Adjektivs «jüdisch» als Antisemiten zu erkennen gegeben habe, verdächtige man doch heutzutage jeden, der das Wort verwende, ein verkappter Nazi zu sein. Fränkel verweist auf Max Liebermann, der sich dagegen verwahrt hätte, als «jüdischer Maler» klassifiziert zu werden.
Asymmetrien
Der Altersunterschied und der Umstand, dass Humm noch mitten in seinem aktiven Leben stand, während der pensionierte Professor sich davon zurückgezogen hatte, brachten eine gewisse Asymmetrie in ihre Korrespondenz. Sinnbildlich zeigt sich diese in den Wohnorten: hier Humms «Rabenhaus», am Limmatquai mitten in der Stadt Zürich, wo alle Welt ein- und ausging, dort Fränkels abgelegenes Haus in einem verwilderten Garten auf der Riedegg oberhalb des Thunersees, wo eine grosse Gelehrtenbibliothek zurückgezogenes Arbeiten erlaubte.


Die Asymmetrie schlägt sich auch darin nieder, dass Fränkel sehr viel mehr und meist längere Briefe schrieb. Der Ältere warb um die Aufmerksamkeit des Jüngeren. Und die Erwartungen, die er in diesen setzte, erfüllten sich: Humm war bald Fränkels wirkungsmächtigster Anwalt. Über Fränkel publizierte Humm nicht nur eigene Artikel und solche von Gastautoren in seiner eigenen Zeitschrift, sondern schrieb solche auch in der Weltwoche, die damals eine honorable links-liberale Wochenzeitung war. Für Humm passte dies in ein Engagement für Verfolgte, das er schon als Gastgeber im Rabenhaus unter Beweis gestellt hatte. Fränkel dankte Humm immer wieder in bewegten Worten. So schreib er am 18. Juni 1953: «Was Sie da für mich getan haben, ist etwas Ungeheures.» Äpfel, Trauben und Blumen aus seinem Garten nach Zürich zu schicken, war seine Form, sich erkenntlich zu zeigen. Dass er nicht, etwa mit einer Rezension, öffentlich für Humm eintrat, konnte er dem oft beklagten Mangel an Publikationsmöglichkeiten anlasten.
Wichtig war Fränkel auch, dass er mit Humm nun einen Gewährsmann in Zürich hatte, in dem er die Hochburg seiner Widersacher sah. Von hier kamen oder hier wirkten Fachkollegen wie Emil Ermatinger, Robert Faesi, Gottfried Bohnenblust, Carl Helbling und Emil Staiger. Und in Zürich waren die Neue Züricher Zeitung, die Gottfried Keller-Gesellschaft, die Aufsichtsbehörde über den Keller-Nachlass, der Artemis-Verlag und die Büchergilde Gutenberg zu Hause, mit denen allen Fränkel schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
In seiner Rolle als Fränkels publizistischer Anwalt beerbte Humm Carl Albert Loosli (1877–1959). Vom Asthma geschwächt, konnte sich dieser kaum noch in die publizistischen Debatten einmischen, an denen er sich Jahre lang mit spitzer Feder und einem moralischen Kompass von seltener Unbestechlichkeit beteiligt hatte. Fränkel und Loosli hatten sich 1905 kennen gelernt und tauschten über mehr als 50 Jahre hinweg mehr als 3000 Briefe und Postkarten, aus denen die gleichen Herausgeber bereits in der gleichen Buchreihe eine Auswahl veröffentlicht haben. Loosli, der Autodidakt, schaute zwar zu dem akademisch gebildeten Freund hoch und empfing von diesem immer wieder dankbar Ratschläge, vor allem zur Sprache seiner Texte. Dass Loosli dem Gelehrten Urbanität, Gewandtheit in lebenspraktischen Fragen und politische Weitsicht voraushatte, sorgte dafür, dass Geben und Nehmen unter diesen Brieffreunden ausgeglichener waren. Es trennte sich auch kein nennenswerter Altersunterschied.
Bilanzen
Nach Fränkels Tod am 5. Juni 1965 veröffentlichte Humm in Unsere Meinung einen Nachruf. Er verbindet darin die persönliche Wärme mit jener analytischen Distanz, ja Schonungslosigkeit, die auch die brillanten Porträts in Bei uns im Rabenhaus auszeichnen. «Nichthörenkönnen und Verschwiegenwerden» hätten eine «furchtbare Tragik» in Fränkels Leben getragen. Der Möglichkeit beraubt, im informellen Gespräch Konflikte zu entschärfen, habe der nahezu gehörlose Fränkel mit der Unerbittlichkeit seiner Schriften nur immer noch Öl ins Feuer geschüttet. Wie schwierig es gewesen sei, ihm zu helfen, illustriere ein Telefongespräch, in dem Fränkel mit «hellem, lodernden Wahnsinn» auf Humms Vorschlag reagiert habe, in einem Konflikt einen Zürcher Bekannten als Vermittler einzuschalten.
Das letzte Wort über den Verstorbenen hatte in Unsere Meinung dann aber dessen Witwe: In ihrem Dankesbrief an Humm bedauerte Erica Fränkel, dass dieser die Episode jenes Telefongesprächs ausgeplaudert habe. In liebevoller Weise rückt sie das Bild, das Humm in seinem Nachruf von ihrem Mann gezeichnet hat, zurecht. Humm druckt diesen Brief in Unsere Meinung ab, und er ist nun auch das letzte Dokument des Briefbandes. Verstösst auch dieser mit der Veröffentlichung von Texten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, gegen das Diskretionsgebot? Persönliche Geheimnisse bringt er, wie schon erwähnt, nicht ans Licht. Aber natürlich stellt er zwei Personen bloss, zeigt deren Obsessionen, Verletzungen, Hoffnungen, Fehleinschätzungen und legt offen, wie hoch der persönliche Preis war, den zwei unangepasste Intellektuelle dafür zu bezahlen hatten, dass sie mit ihren Meinungen nicht hinterm Berg hielten. In ihren Briefen vergewisserten sie sich ihrer gegenseitigen Unterstützung und spornten sich an, nicht aufzugeben. Der Briefwechsel dokumentiert so die Wichtigkeit persönlicher Umfelder auch gerade für jene, die sich in der Öffentlichkeit exponieren. Er spiegelt daneben eine Periode, die im allgemeinen historischen Bewusstsein nicht mehr sehr präsent ist, eine Zeit, in der man nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs allem aus dem Weg zu gehen suchte, was die Normalität zu stören drohte, nach der die Mehrheit lechzte, und gerne die Rolle der Schweiz im Krieg schönredete. Schliesslich lädt der Briefwechsel dazu ein, einen geistreichen Essayisten und einen feinsinnig humorvollen Romancier wiederzuentdecken, Rudolf Jakob Humm.
Kurzporträt Jonas Fränkel
Jonas Fränkel (1879–1965) in Krakau geboren, begann 1898 sein Studium der Philosophie und Germanistik in Wien und setzte es kurze Zeit später in Bern fort. Hier promovierte er bereits 1902 in Germanistik, habilitierte sich 1909 und lehrte danach als Privatdozent und von 1921 bis 1949 als ausserordentlicher Professor. Seit 1908 stand er mit dem von ihm hoch verehrten Carl Spitteler in Kontakt und wurde dessen enger Mitarbeiter. 1920 heiratete er Erica Wilisch, die Tochter der mit Spitteler befreundeten Antonie Wilisch. Das Paar zog nach Thun, wo auch ihre drei Kinder aufwuchsen. Nach Spittelers Tod im Dezember 1924 konnte Fränkel weder dessen Biographie noch eine Gesamtausgabe seiner Werke realisieren. Schiffbruch erlitt er auch mit der von ihm initiierten historisch-kritischen Gottfried Kellers-Edition. Sein erbitterter Kampf um diese Lebensprojekte trug ihm lediglich den Ruf ein, ein Streiter auf verlorenem Posten, ja ein Querulant zu sein. Um den profilierten Editionsspezialisten und den äusserst kenntnisreichen Literaturwissenschaftler hinter diesem einseitigen Bild wieder hervortreten zu lassen, arbeiten gegenwärtig verschiedene Forschende an Fränkels Nachlass, der seit 2021 im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern öffentlich zugänglich ist.
Kurzporträt Rudolf Jakob Humm
Rudolf Jakob Humm (1895–1977) lebte seit 1922 als Schriftsteller, Übersetzer, Publizist und Puppenspieler in Zürich. Geboren und aufgewachsen war er in Modena, wo sein aus dem Aargau stammender Vater einen Handel mit im Umland gefertigten Basttaschen betrieb. Seine Studien in den Fächern Physik, Mathematik und Nationalökonomie in München, Göttingen, Berlin und Zürich schloss er nicht ab. Dazu bemerkte Humm: «Ich hätte gerne herausgebracht, was die Planeten in ihren Bahnen hielt. Als die Relativitätstheorie mir dieses Geheimnis enthüllt hatte, verlor ich jedes Interesse an der Physik. Ich wurde Schriftsteller.» 1923 heiratete er die aus Schottland stammende Künstlerin Lili Crawford, mit der er zwei Kinder hatte.
In seinem ersten Roman, Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen (1928), einem Schlüsselroman, schildert er die zweiwöchigen Skiferien eines Freundeskreises um ein Ehepaar, dem das als Exponenten des Neuen Bauens bekannte Zürcher Architektenpaar Rudolf Steiger und Flora Steiger-Crawford (Humms Schwägerin) Modell stand. 1933 zog das Ehepaar Humm in das «Rabenhaus», einem abrissbedrohten Haus, das heute noch am Limmatquai in Zürich steht, und machte seine Wohnung zu einem kulturellen Begegnungszentrum. Neben zahlreichen literarischen Werken veröffentlichte Humm auch Übersetzungen und gab von 1948 bis 1977 seine hektografierte Zeitschrift Unsere Meinung heraus. Neben der ausgeprägten Rationalität, des Naturwissenschaftlers verfügte Humm über eine verspielte Seite, die er etwa in den Traumpartien seiner Bücher oder im Puppentheater auslebte.
Buchempfehlung Unsere Meinung

Die der Ausgabe zugrunde liegenden Briefe werden im Fränkel-Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern und im Humm-Nachlass in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt. Die Auswahl gibt davon ca. 60% wieder. Sie ist versehen mit Jahresüberblicken, kurzen Sacherläuterungen, einem kommentierten Personenverzeichnis, einer Bibliographie und einem illustrierten Nachwort.
Fredi Lerch und Dominik Müller sind zudem Herausgeber des Briefwechsels «… dass wir beide borstige Einsiedler sind, die zueinander passen» (1905-1958) zwischen C. A Loosli und Jones Fränkel, ebenfalls zu beziehen beim Chronos Verlag.
Kurzporträt Bandherausgeber und Autor Dominik Müller

Kurzporträt Bandherausgeber Fredi Lerch

Kurzporträt der Buchreihe «Schweizer Texte»

Bildnachweis
Bildnachweis. Titelbild: Jonas Fränkel in seiner Bibliothek. Foto von Margrit Schmidhauser, 1948 (Ausschnitt), Schweizerisches Literaturarchiv, SLA-Fraenkel-C-1-e-05 und Rudolf Jakob Humm (Ausschnitt): Bildarchiv im Privatbesitz der Familie Humm, Michaela Humm – Rudolf Jakob Humm: Porträtzeichnung von Albert Merckling, von Humm signierte Postkarte (SLA, Nachlass Jonas Fränkel, B-2-HUMM–B-2-ITA, Mappe 2, Foto: Schweizerische Nationalbibliothek). – Jonas Fränkel: Porträtzeichnung von Albert Merckling, Foto: Schweizerisches Bundesarchiv, Bildarchiv Privatbesitz Familie Merckling, Christian Merckling, Schaffhausen. – Wohnhaus von Jonas Fränkel auf der Riedegg oberhalb von Hünibach bei Thun: Postkarte der Firma Aeroflot, Winterthur, Privatbesitz David Fränkel. – Das «Rabenhaus» am Hechtplatz in Zürich, in dem Rudolf Jakob und Lily Humm-Crawford 1934 bis 1964 wohnten: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich, ETH Zürich. -Buchcover «Unsere Meinung»: Chronos Verlag. – Porträtbild Fredi Lerch: Foto Adrian Moser – Porträtbild Dominik Müller: Bundesamt für Kultur (Sébastien Agnetti).
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