Wendepunkt Bildung: Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen

Mit dem «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» fordert die Gruppe «Wendepunkt Bildung» eine mutige Kurskorrektur – mit wenigen, dafür entscheidenden Kernanliegen:

  • Verantwortung gegenüber den Kindern
  • Stärkung der Lehrpersonen
  • Praxisnahe Ausbildung der Lehrerschaft
  • Weniger ist mehr – hinsichtlich Beziehungen
  • Weniger ist mehr – hinsichtlich Inhalte
  • Führung statt Verwaltung – Schulleitungen entlasten


Die Persönlichkeiten hinter dem Manifest stammen aus der Berufspraxis (Lehrpersonen und Schulleitung), der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, der Kinder- und Jugendpsychologie, der Politik – und sie treten überparteilich und überkantonal auf.

Nach jahrzehntelangen Grossreformen zeigt die Gruppe auf, welche gravierenden Schwächen und Fehlentwicklungen sie im bestehenden Schulsystem orten und welche konkreten Veränderungen sie fordern – als Schulleiterin Yasmine Bourgeois fordert bessere Rahmenbedingungen – ganz konkret:


Jedes Kind hat nur eine Bildungsbiographie

Jedes Kind hat nur eine Bildungsbiographie. Darum hat jedes Kind das Recht auf einen Unterricht, der wirklich wirkt, hier und jetzt. Doch im Schulalltag sehen wir Entwicklungen, die genau das zunehmend erschweren. Gerne gehe ich auf drei Beispiele ein:


Erstens: die integrative Schule

Der Gedanke dahinter ist richtig. Aber in vielen Klassen ist die Spannweite der Lernvoraussetzungen heute so gross, dass gemeinsames Lernen kaum mehr möglich ist. Viel Stützpersonal wird benötigt und die Beziehung zwischen Lehrperson und Klasse leidet, die für erfolgreiches Lernen zentral ist.

Und wenn ein Kind tatsächlich mehr Unterstützung braucht? Dann beginnt ein langwieriger Abklärungsprozess. Schulische Heilpädagogin, schulpsychologischer Dienst, Elterngespräche, Berichte, Zuweisungen. Wochen vergehen, manchmal Monate. Das Kind wartet. Die Lehrperson wartet. Und die Zeit läuft, unwiederbringlich.

Integration ist wichtig, aber nicht auf Biegen und Brechen. Wer ein Kind mit erheblichem Förderbedarf um jeden Preis im Regelklassenzimmer belässt, handelt nicht im Interesse dieses Kindes, sondern ideologisch. Jedes Kind hat Anspruch auf eine Bildung, die wirklich zu seinen Bedürfnissen passt.


Zweitens: Die Schule wird mit immer mehr Aufgaben überladen

Lehrpersonen sollen neben dem Unterricht eine Vielzahl zusätzlicher Programme und gesellschaftlicher Themen abdecken. Ob Medienbildung, Sexualpädagogik, Demokratieerziehung, Ernährungsverhalten oder Klimasensibilisierung – alles landet auf dem Pult der Lehrperson.

Vieles ist gut gemeint, doch in der Summe bleibt immer weniger Zeit für das Wesentliche: für Lesen, Schreiben, Rechnen und konzentriertes Lernen. Ich sage klar: Die Schule ist kein Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Versäumnisse. Wer den Kernauftrag schützen will, muss den Mut haben, Nein zu sagen – auch zu gut gemeinten Projekten.


Drittens: Auch Schulleitungen werden zunehmend von Administration und Schulentwicklung gebunden

Statt sich auf Unterrichtsqualität, Teamführung und gute Rahmenbedingungen für Kinder und Lehrpersonen zu konzentrieren, verbringen viele Schulleitungen einen grossen Teil ihrer Zeit mit Berichten, Konzeptpapieren und Controlling. Das schwächt die Qualität.

Und dann kommt noch die Schulentwicklung dazu. Der Begriff klingt gut – natürlich soll sich Schule weiterentwickeln. Aber in der Praxis bedeutet er oft: immer neue Leitbilder, immer neue Schwerpunktthemen, immer neue Entwicklungsziele – Jahr für Jahr.

Ein konkretes Beispiel: das Schulprogramm. Es muss regelmässig aktualisiert werden – also wird etwas Neues hineingeschrieben. Nicht weil es immer dringend nötig wäre, sondern weil das Dokument Punkte braucht. Und dann? Werden sie an aufwändigen Teamsitzungen präsentiert, diskutiert, abgenickt oder gar Arbeitsgruppen dazu gebildet. Zeit, die niemand hat und die am Ende nicht dem Unterricht zugutegekommen ist. So sammeln sich über die Jahre Themen an, die häufig kaum jemand mehr aktiv verfolgt.

Qualität entsteht nicht durch mehr Vorhaben, sondern durch konsequente Umsetzung von relevanten Themen.

Ein zweites Beispiel: Mitarbeiterbeurteilungen. Schulleitungen füllen standardisierte Formulare Jahr für Jahr aus. Und die Lehrpersonen werden verpflichtet, ihre «persönlichen Entwicklungsziele» in ebenfalls standardisierten Formularen zu dokumentieren – jährlich, nach vorgegebenem Raster. Was als Instrument zur Förderung gedacht war, wird zum Pflichtprogramm.

Man schreibt etwas hin. Der Fokus liegt auf dem Ausfüllen, nicht auf dem Entwickeln.


Weniger Entwicklungstheater, mehr Wirkung

Schulleitungen werden so zu Projektmanagerinnen und Projektmanagern, die das nächste Konzept erarbeiten, statt das Wesentliche zu tun: dafür sorgen, dass morgen früh in jedem Klassenzimmer guter Unterricht stattfindet. Wer ständig an der Schule arbeitet, arbeitet irgendwann nicht mehr für die Schule. Ich fordere: weniger Entwicklungstheater, mehr Wirkung. Schulleitungen brauchen den Freiraum, um wirklich zu führen und mehr Wirkung zu erzielen. Darum braucht es wieder mehr Fokus auf den Kernauftrag der Schule: guten Unterricht. Denn eines ist klar: Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.


Kurzporträt Yasmine Bourgeois
Yasmine Bourgeois ist Primarlehrerin und Schulleiterin im Kanton Zürich. Sie ist Fraktionsvorstandsmitglied der FDP in der Stadt Zürich und hat sich als Gemeinderätin hinsichtlich Bildung unlängst einen Namen gemacht als Initiantin der Zürcher Förderklasseninitiative.


Gruppe «Wendepunkt Bildung»

In der Gruppe «Wendepunkt Bildung» engagieren sich Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark.

Ende April 2026 hat die überparteiliche und überkantonale Gruppe das «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» veröffentlicht.

Kontakt zur Gruppe «Wendepunkt Bildung»: wendepunkt.bildung@protonmail.com oder philipp.loretz@lvb.ch


Lesen Sie alle Statements zum «Wendepunkt Bildung»

SICHTWEISENSCHWEIZ.CH veröffentlicht die Statements der einzelnen Persönlichkeiten der Gruppe «Wendepunkt Bildung» ungefiltert – authentisch.

Dr. phil. Carl Bossard: Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln

Christine Staehelin: Das Verschwinden der Lehrer – ein Stück in vier Akten

Prof. Dr. Allan Guggenbühl: Psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Schulkontext.

Philipp Loretz: Sieben Thesen zur Kurskorrektur aus Sicht der Lehrerschaft

Yasmine Bourgeois: Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen

Roland Stark: Entwicklung der Integrationspraxis

Res Schmid: Reflexion als langjähriger Bildungsdirektor



Bildnachweis zvg

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