Bei der kürzlichen Medienkonferenz von economiesuisse, dem Arbeitgeberverband und dem Gewerbeverband zu den Lernleistungen von Lehrlingen und der Entwicklung der Grundkompetenzen dachte ich mir wieder: Warum redet man nicht Klartext?
Prof. Dr. Rudolf Minsch, Stv. Vorsitzender der Geschäftsleitung und Chefökononom von economiesuisse, sagte, wir wüssten über die Ursachen des Rückgangs noch relativ wenig. Das mag für eine umfassende empirische Ursachenanalyse gelten. Für eine andere, vielleicht vorgelagerte Frage wissen wir allerdings schon ziemlich viel:
Was brauchen Kinder, damit sie bildungswirksam lernen?
In den vielen Jahren ist mir immer deutlicher geworden, wie wenig geheimnisvoll die elementaren Voraussetzungen erfolgreichen Lernens eigentlich sind:
- eine gemeinsame Unterrichtssprache
- Konzentration und Aufmerksamkeit
- Zeit zum Üben, Üben, Üben
- klare Erwartungen und Rückmeldung
- die Bereitschaft, sich anzustrengen.
Dazu braucht es Lehrpersonen, die ihre Sache verstehen, führen, erklären, ermutigen und korrigieren – und den Kindern zugleich etwas zutrauen und etwas zumuten. Denn Zutrauen und Zumuten gehören zusammen. Kinder brauchen nicht weniger Anforderungen, sondern bessere Bedingungen, um Anforderungen bewältigen zu können.
Vielleicht liegt hier ein blinder Fleck der gegenwärtigen Bildungsdiskussion. Wir sprechen sehr viel über Strukturen, Ressourcen, Methoden, Digitalisierung und Organisation. Zu wenig sprechen wir über das, was im Klassenzimmer tatsächlich geschieht. Man müsste doch die Perspektive einmal umkehren:
Nicht zuerst: Wie organisieren wir Schule? Wie schaffen wir noch mehr Ressourcen?
Sondern: Wie gelingt Unterricht?
Nicht Organisation vor Interaktion, sondern: Interaktion vor Organisation.
Denn Bildung entsteht letztlich dort, wo eine Lehrperson mit jungen Menschen an einer Sache arbeitet. Und die Sache selbst darf dabei nicht aus dem Blick geraten. Lesen und Verstehen, korrektes und kohärentes Schreiben, Rechnen, Denken und Problemlösen – das sind keine alten Zöpfe, sondern Fundamente.
Und vielleicht gehört hier auch eine etwas unbequeme Frage dazu: Sind zusätzliche Ressourcen, wie sie stetes gefordert werden, tatsächlich die entscheidende Antwort auf sinkende Leistungen – oder kommt es mindestens ebenso darauf an, was mit den vorhandenen Ressourcen im Klassenzimmer geschieht? Ich frage das bewusst nicht polemisch. Ressourcen sind wichtig. Aber sie sind noch kein Unterricht. Mehr Personal, mehr Zeit, mehr Geld und bessere Strukturen können Unterricht ermöglichen – sie können guten Unterricht aber nicht ersetzen.
Deshalb würde ich mir wünschen, dass Bildungspolitik und Wirtschaft in dieser Debatte nicht nur die Folgen des Leistungsrückgangs benennen, sondern auch den Mut hat, die pädagogisch unbequemen Fragen zu stellen:
- Wie viel gemeinsame Sprache gibt es noch?
- Wie viel konzentriertes Arbeiten?
- Wie viel Üben?
- Wie viel verbindlicher Anspruch?
- Wie viel Anstrengung?
- Und wie viel Zeit haben Lehrpersonen tatsächlich noch für Unterricht?
Wir wissen vielleicht noch nicht genau, warum die Entwicklung in der Schweiz dieses Ausmass angenommen hat. Aber wir wissen ziemlich viel darüber, was Kinder zum Lernen brauchen.
Das wäre doch ein guter Ausgangspunkt für die nächste Debatte mit und zwischen der Wirtschaft und Bildung.
Kurzporträt Carl Bossard

www.carlbossard.ch
Bildnachweis: Titelbild zvg. Das Bild zeigt Stans, die Rosenburg oder das Höfli – Stans, wo Johann Heinrich Pestalozzi 1798/99 gewirkt hat. Unter schwierigsten Bedingungen. Diese Erfahrung animierte ihn zum bewegenden «Stanser Brief».
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