Energiewende – das Vokabel-Bootcamp


Die Energiedebatte mit Fakten führen? Zum Gähnen! Viel spannender sind Begriffe, die Meinungen lenken, Ängste schüren und Realitäten elegant zurechtbiegen.

Willkommen im Vokabel-Bootcamp zur Energiewende: ein leicht satirischer Stichwort-Guide durch den energiepolitischen Neusprech.



«Blackout»

Der Blackout ist die erfolgreichste Dauerwerbesendung der energiepolitischen Debatte. Er steht seit Jahren unmittelbar bevor. Morgen. Oder übermorgen. Spätestens nächsten Winter. Scheint die Sonne zu wenig, droht er. Scheint sie zu viel, ebenfalls. Weht der Wind kräftig, wird das Netz instabil. Weht er nicht, sowieso. Bleibt der Strom trotzdem an, beweist das lediglich, wie knapp man der Katastrophe wieder mal entkommen ist. Dass die Schweiz gleichzeitig zu den Ländern mit der weltweit höchsten Versorgungssicherheit gehört, ist eine störende Randnotiz. Gegen ein gutes Katastrophen-Narrativ kommt die Wirklichkeit eben nur schwer an.


«Brückentechnologie»

Eine Brücke verbindet zwei Ufer. Die energiepolitische Brückentechnologie hingegen verbindet vor allem die Vergangenheit mit der Vorvergangenheit. Seit Jahrzehnten wird versprochen, Gasturbinen und AKW zur Stromerzeugung seien nur eine Übergangslösung. Kaum nähert sich das Ende dieser Übergangszeit, wird sie vorsorglich um weitere zwanzig Jahre verlängert. Wer fragt, wann denn endlich das andere Ufer erreicht werde, hat das Prinzip offenbar nicht verstanden: Manche Brücken sind gar nicht dazu gebaut, jemals verlassen zu werden.


«Dunkelflaute»

Die Dunkelflaute ist der Lieblingsgast jeder Podiumsdiskussion. Sie tritt auf, sobald Wind und Sonne kritisiert werden sollen, und verschwindet anschliessend wieder diskret aus dem Gespräch. Von der «Hellbrise», also jenen Tagen mit kräftigem Wind und reichlich Sonnenschein, hört man dagegen höchst selten. Dabei produziert sie zuverlässig enorme Mengen günstigen Stroms. Offenbar besitzen Wetterlagen nur dann Nachrichtenwert, wenn sie ins gewünschte Narrativ passen. Meteorologie ist eben auch eine Frage der politischen Windrichtung.


«Grundlast»

Grundlast gehört zu den Begriffen, die umso häufiger verwendet werden, je weniger sich das Stromsystem noch wie vor fünfzig Jahren verhält. Das Ideal: Ein grosses Kraftwerk produziert Tag und Nacht unbeirrt dieselbe Strommenge, währenddem sich die Realität gefälligst daran anzupassen hat. Dass moderne Stromnetze flexibel, digital und intelligent auf Angebot und Nachfrage reagieren, gilt vielen als unnötige Komplikation. Lieber erklärt man das Energiesystem von morgen mit den Denkmodellen von gestern. Nostalgie wird schliesslich nicht dadurch falsch, dass sie technisch überholt ist.


«Netzausbau»

Grundsätzlich sind alle für den Netzausbau. In der Praxis allerdings bitte nicht über den eigenen Hügel, nicht entlang des Waldrands, nicht durchs Tal und möglichst auch nicht sichtbar. Jeder zusätzliche Strommast gilt sofort als Anschlag auf Heimat, Landschaft und Lebensqualität. Einige Jahre später erklärt dieselbe Runde, die Energiewende scheitere leider am ungenügenden Stromnetz. Das Netz wird so zum einzigen Infrastrukturprojekt der Welt, das alle wollen – solange es ausschliesslich auf Landkarten realisiert wird.


«Stromabkommen»

Das Stromabkommen ist ein bemerkenswertes Phänomen. Alle sind sich einig, dass die Schweiz es dringend braucht – ausser jene, die alles daransetzen, dass es nie zustande kommt. Fehlt das Abkommen, gilt dies als Beweis dafür, dass man sich besser noch stärker abschotten sollte. Kommt es irgendwann doch, wird erklärt, man habe eigentlich nie eines gebraucht. Das Stromabkommen ist damit weniger ein energiepolitisches Projekt als ein rhetorischer Selbstläufer: Sein grösster Nutzen besteht für manche darin, dass es möglichst dauerhaft fehlt.


«subventionsfrei»

Der Markt soll alles regeln. Zumindest solange er zum gewünschten Ergebnis kommt. Benötigt die bevorzugte Technologie plötzlich staatliche Unterstützung, verschwinden Begriffe wie Subvention oder Förderung erstaunlich schnell aus dem Wortschatz. Stattdessen spricht man von Versorgungssicherheit, Investitionsschutz, Kapazitätsmechanismen oder strategischen Reserven. Das Geld stammt zwar weiterhin von den Steuerzahlenden oder Stromkundinnen und Stromkunden. Doch mit dem richtigen Etikett versehen, verwandelt sich jede Subvention in eine marktwirtschaftliche Heldentat.


«systemrelevant»

Systemrelevant ist fast immer das, was bereits existiert. Neue Technologien müssen ihre Zuverlässigkeit erst über Jahre oder Jahrzehnte beweisen, Pilotprojekte absolvieren, Wirtschaftlichkeitsnachweise liefern und sich zahllosen Einsprachen stellen. Alte Technologien geniessen diesen Vertrauensvorschuss automatisch – selbst wenn sie teuer, langsam oder längst überholt sind. Das Schönste an der Systemrelevanz ist ihre Selbstbestätigung: Was lange Teil des Systems war, gilt als unersetzlich. Und weil es unersetzlich ist, bleibt es Teil des Systems. Bis zum nächsten Jahrhundert, wenn nötig.

«technologieoffen»

Das klingt nach Zukunftslabor, Hightech und fliegenden Autos. In der Praxis bedeutet es: Wir sind für alles offen – solange es ein AKW ist. Windräder versauen die Landschaft, Solaranlagen flattern, Speicher sind «noch nicht so weit». Aber ein Reaktor, der erst in 25 Jahren Strom liefert? Hochmodern! Technologieoffen heisst: offen für gestern, geschlossen für morgen – Hauptsache, der Kühlturm dampft und die radioaktiven Abfälle stauen sich wie gewohnt.


«Versorgungssicherheit»

Versorgungssicherheit ist ein erstaunlich flexibler Begriff. Um sie zu gewährleisten, bekämpft man Windparks, Solaranlagen, Stromleitungen, Speicher, Pumpspeicherwerke und gelegentlich sogar neue Wasserkraftprojekte. Anschliessend beklagt man, dass es an gesicherter Stromversorgung fehle. Die eigentliche Meisterleistung besteht darin, jede Massnahme zur Verbesserung der Versorgungssicherheit zunächst zu verhindern – um später ihre Abwesenheit als Beweis für deren Notwendigkeit zu präsentieren. Das ist energiepolitisches Perpetuum mobile.


«Winterstromlücke»

Die Winterstromlücke ist das Universalargument gegen die Energiewende. Kaum schlägt jemand zusätzliche Windkraft vor, wird sie mit ernster Miene beschworen. Werden die Windräder später erfolgreich verhindert, verliert dieselbe Winterstromlücke erstaunlich schnell ihre Dringlichkeit. Offenbar ist nicht entscheidend, ob die Lücke geschlossen wird – sondern dass sie zuverlässig als Argument gegen genau jene Technologien dienen kann, die sie tatsächlich verkleinern würden. Manche Lücken sind politisch eben zu wertvoll, um sie auf derart fahrlässige Weise zu schliessen.


«Sommerstromlücke»

Kaum hat sich die Winterstromlücke als Dauerbrenner etabliert, steht bereits ihre Schwester bereit: die Sommerstromlücke. Zu viel Sonne drückt mittags die Strompreise, am Abend scheint sie plötzlich nicht mehr – ein geradezu skandalöses Verhalten dieses Himmelskörpers. Gleichzeitig müssen Atomkraftwerke wegen überhitzter Flüsse ihre Leistung drosseln oder ganz vom Netz. Doch daraus eine «Atom-Hitzelücke» abzuleiten, wäre selbstverständlich unseriös. Stattdessen beweist die Sommerstromlücke vor allem eines: Für jede Jahreszeit findet sich das passende Schreckgespenst. Nur eines darf nie die Schlagzeilen dominieren: dass ein intelligenter Mix aus Solarenergie, Windkraft, Speichern, Wasserkraft und Lastmanagement genau für solche Situationen gebaut wird. Denn mit Lösungen lässt sich bekanntlich weit weniger Angst schüren als mit Lücken.



Kurzporträt Andreas Turner
Der Publizist Andreas Turner verhandelt Energie wahlweise als physikalische Grösse, Triebfeder oder kulturelle Errungenschaft. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich.

Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik folgte der Einstieg in den Journalismus mit Stationen bei der damals linksliberalen Wochenzeitung «Weltwoche», als Chefredaktor der TV-Zeitschrift «TR7» und als Produzent beim Wirtschaftsblatt «Cash». Zuletzt war Andreas Turner rund 20 Jahre auf Agenturseite in der Unternehmenskommunikation und im Content Marketing tätig. Heute konzipiert, textet und produziert Turner mit Leidenschaft Print- wie Online-Formate und übernimmt Beratungsaufträge im Energie- und Cleantech-Sektor.



Bildnachweis: OpenAI, PD

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