Wirtschaftskanton Zug: gelungene Transformationen dank stabilen Erfolgsfaktoren

Seit bald 50 Jahren ist der Kanton Zug die Nummer 1 der Schweizer Wirtschaftsstandorte. Wie kommt das? Ist der Erfolg nur eine Folge der kantonalen Tiefsteuerpolitik oder steckt mehr dahinter? Fakt ist: Zug hat seit über 100 Jahren alle wirtschaftlichen Transformationen erfolgreich bewältigt und eine erstaunliche Resilienz entwickelt, weil der Kanton seine Vorteile konsequent erhalten und entwickelt hat.


Seit 1993 (jährlich durch die Crédit Suisse) bzw. 1998 (zweijährlich durch die UBS) wird der Erfolg der Schweizer Kantone als Wirtschaftsstandorte gemessen. Und fast immer stand bzw. steht der Kanton Zug auf Platz eins, letztmals im Herbst 2025 im UBS-Ranking. Dies so oft, dass das Ergebnis schon fast absehbar ist. Und auch neue breit angelegte Standortrankings wie der KIKI-Index der Hochschule Luzern (seit 2024) bestätigen diese Spitzenposition.

Was steckt hinter dieser wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte? Kritiker und Neiderinnen sind rasch mit Gründen zur Stelle und nennen: die Tiefsteuerpolitik als Hauptgrund und als weitere Gründe den internationalen Gross- bzw. Rohstoffhandel, die Nähe zum Wirtschaftszentrum Zürich oder ganz einfach Glück. Diese Gründe können bei genauerem Hinsehen den Erfolg nicht wirklich erklären, auch wenn sie immer eine gewisse Rolle gespielt haben.


Der Hauptgrund der Tiefsteuerpolitik ist sehr einfach kopierbar, sodass auch andere Schweizer Kantone im Umfeld der Wirtschaftszentren Zürich, Basel und Genf diesen Weg hätten gehen können. Nur ist das selten geschehen und bei jenen «Nachahmer»-Kantonen, die es versucht haben, ist der langfristige wirtschaftliche Erfolg meist ausgeblieben.


Fakt ist: der Kanton Zug hat als kleinster Vollkanton der Schweiz seine diversen Transformationen im Wirtschaftsbereich seit Beginn der Industrialisierung immer, wenn auch manchmal mit Verzögerung erfolgreich bewältigt. Dies lange Zeit mit Unterstützung von aussen, in den letzten 40 Jahren aber weitgehend autonom. Dies lohnt einen kurzen Blick auf die Zuger Wirtschaftsgeschichte.



Der Zuger Wirtschaftserfolg: zuerst dank Zürich, später aus eigener Kraft

Der Kanton Zug war bis 1835 ein grossmehrheitlich agrarischer Kanton mit Schwerpunkt Viehwirtschaft. Heute werden immer noch rund 45 Prozent der Kantonsfläche landwirtschaftlich genutzt, auch wenn die Landwirtschaft nur noch rund 1,5 Prozent aller Arbeitskräfte stellt. Dank relativ grossen Flächen pro Betrieb von rund 20 Hektaren gibt es im Kanton aber kein «Bauernsterben».

Die Industrialisierung startete entlang der Wasserläufe mit Spinnereien und (Seiden-)Webereien ab 1835. Geprägt war diese Industrialisierung vor allem durch auswärtige Unternehmer, viele davon aus dem Kanton Zürich. Sie erkannten Zug als Tor zur Innerschweiz und als Standort mit günstigen Betriebsgrundstücken, als Arbeitskräftereservoir und als immer besser erschlossenen Werkplatz – Stichwort neue Eisenbahnverbindungen. Ab 1880 übernahm eine weitere meist auswärtige oder kurz vorher zugezogene Unternehmergeneration und führte ihre Betriebe, etwa die (Baumwoll-)Spinnereien zumeist in Form von Aktiengesellschaften.

In der letzten Phase der Industrialisierung ab 1900 entstanden verschiedene Grossbetriebe der Metallbearbeitung und der Elektrotechnik sowie Industriemühlen und prägten den Industriesektor. Beispiele sind die Landis&Gyr (heute Siemens Building Technologies) und die Verzinkerei Zug (heute V-Zug bzw. Metall Zug Gruppe). Auch bei diesem Transformationsschritt waren einheimische Unternehmer die Ausnahme. So zählten 1955 zwei Drittel aller Arbeitsplätze zum Industriesektor, der mit Abstand grösste Arbeitgeber war die Landis&Gyr-Konzern mit fast 5’000 Beschäftigen am Standort Zug.


Nach dem 2. Weltkrieg ermöglichten die intakte Infrastruktur der Schweiz, die Inbetriebnahme des interkontinentalen Flughafen Zürich-Kloten und eine bahnbrechende neue Zuger Steuerpraxis mit der Einführung der privilegierten Besteuerung von gemischten Gesellschaften, die ihren hauptsächlichen Umsatz im Ausland erwirtschafteten, eine Transformation in einen Dienstleistungsstandort mit internationalen Gross- und später Rohstoffhandelsunternehmen. Etwa ab 1980 löste der Dienstleistungssektor den Industriesektor als prägenden Wirtschaftsteil ab.


Auch in diesen Phasen bis 1980 wirkten Zürcher Akteure aktiv mit, etwa in den 1940er-Jahren der Steuerexperte Eugen Grossmann, vor allem aber der Anwalt Eugen Keller-Huguenin aus Zürich, der in den 1930er-Jahren Verwaltungsrat der Zuger Promontana A.-G. war, einer Beteiligungsgesellschaft für internationale Bergbaufirmen mit Kapital von deutschen und italienischen Grossindustriellen. 1921, also kurz nach dem 1. Weltkrieg beschloss der Kantonsrat eine Holdingprivileg im Steuergesetz. Die Nachahmung anderer Schweizer Wirtschaftskantone blieb, obwohl vom Stimmvolk im Verhältnis 2:1 gutgeheissen, ab 1924 ohne grossen Erfolg in der Praxis. Keller-Huguenin hatte den Zuger Behörden schon 1924 ein ergänzendes Sondergesetz mit weiteren privilegierten Besteuerungen von Holding- und Domizilgesellschaften vorgeschlagen, das dann 1926 vom Regierungsrat aufgenommen wurde und 1930 in Kraft trat. Allerdings blieb dieses wegen der aufkommenden Weltwirtschaftskrise wiederum ohne grosse Wirkung.


Der Kanton blieb ein Industriestandort, die gewünschte Diversifizierung in einen Dienstleistungsstandort liess auf sich warten.


Sie kam auch nicht nach einer weiteren Steuergesetzrevision von 1947, diesmal im Verhältnis 3:1 vom Stimmvolk angenommen, bei welcher die erwähnten steuerlichen Privilegien für Unternehmen ins Steuergesetz aufgenommen wurden.


Den definitiven Durchbruch brachte dann kein neues Gesetz, sondern eine von der Steuerverwaltung angeregte Praxisänderung der Steuerbehörden.


Diese brachte mit dem Segen der zuständigen Bundesbehörden das Steuerprivileg der sogenannten gemischten Gesellschaft, womit international tätige Unternehmen mit Sitz im Kanton Zug, die den Grossteil ihres Umsatzes im Ausland erwirtschafteten, deutlich weniger Steuern entrichten mussten. Dies brachte Zug in den Fokus von international tätigen Wirtschaftsanwälten. Etwa den Zürcher Wirtschaftsanwalt Charles Jucker aus Winterthur, der mit der Firma Philipp Brothers den ersten internationalen Handelskonzern nach Zug brachte. Daraus entstanden 1981 durch Fusion die Phibro, 1974 die Marc Rich&Co. und 1994 Glencore.

Der Grosshandels- und später Rohstoffhandelsplatz Zug nahm damit ab 1975 stark Fahrt auf, wenngleich fast parallel dazu ab 1985 verschiedene klassische Wirtschaftscluster entstanden, etwa der Pharma-, der Chemie- und der Medizinaltechnik- sowie der Elektronik-Cluster. Beispiele von in dieser Phase zuziehenden, mit bestehenden Unternehmen fusionierenden oder neu gegründeten Unternehmen sind Roche, Schiller, Sika, Medela, Esec oder PPC.


Damit festigte der Kanton Zug mit rund einem Dutzend Branchenclustern seinen Spitzenplatz im Schweizer Standortwettbewerb und wurde durch die vielfältige Wirtschaftsstruktur sehr resilient gegen Wirtschaftskrisen.


Der Erfolg nach dem 2. Weltkrieg trägt auch die Handschrift von prägenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Behörden, die zudem oft gleichzeitig mehrere Funktionen innehatten. Nach dem 2. Weltkrieg prägten diese Zuger Akteure aus der Wirtschaft, häufig Anwälte oder Treuhänder, diese Entwicklung, die oft auch im Nebenamt als Regierungsräte oder Stadträte sowie als Mitglieder des Bundesparlaments amteten, wie das in kleinen Kantonen damals üblich war. Sie begründeten den Ruf des Kantons als agiler Wirtschaftskanton mit hohem Fokus auf rasch und pragmatische Umsetzung. Beispiele solcher «Schlüsselpersonen» sind die Regierungsräte Hans Straub, Antonio Planzer, Georg Stucky und Peter Bossard oder die Stadtpräsidenten Augustin Lusser, Robert Wiesendanger und Philipp Schneider sowie die Nationalräte Andreas Brunner, Georg Stucky oder Peter Hess.


Je nach Sichtweise entstand damit der «Spirit of Zug», positiv gesehen eine intensive Vernetzung der massgeblichen Akteure mit sehr kurzen (Entscheidungs-)Wegen oder negativ konnotiert der «Zuger Filz». Ebenso wichtig war der kundenfreundliche Vollzug der wichtigsten Behörden für ansässige und zuziehende Unternehmen, etwa der Steuerverwaltung unter den Steuerpräsidenten Anton Koch, Josef Schön und Retus Venzin, die praktisch im Alleingang den legendär guten Ruf der Zuger Steuerverwaltung im Unternehmenssteuerbereich begründeten und festigten.


Ab 1995 wurde der Wirtschaftsstandort Zug zunehmend Sitzkanton von Headquarters von global agierenden multinationalen Konzernen u.a. für ihre globalen und/oder europäischen Hauptsitze. Begonnen hatte dieser Trend schon rund 20 Jahre vorher. Die Ansiedlungen von Metro (1974) in Baar sowie Merck (1986), Astra Zeneca (1999), Amgen (2005), Gilead (2006) und Biogen Idec (2010) allein in der Stadt Zug belegen dies, zumal diese Unternehmen immer noch vor Ort tätig sind. Die Liste liesse sich mit zahlreichen anderen Branchenführern mit Standort in Zuger Gemeinden beliebig verlängern.

«Nach der Jahrtausendwende waren zeitweise
über die Hälfte der 15 grössten Pharmaunternehmen der Welt
mit grösseren Unternehmenseinheiten im Grosshandelsbereich
im Kanton Zug präsent, oft auch mit Headquarters.»

Dr. iur. Gianni Bomio, Autor

Der Trend zum Aufbau solcher internationaler Konzernzentralen hat sich im Kanton Zug verfestigt. Hier eine kurze Übersicht über Unternehmen, die mittlerweile einen Europa- oder globalen Hauptsitz im Kanton Zug haben oder hatten: Siemens Building Technologies Group, Amgen International AG, Biogen Idec International AG, Schiller AG, Sika AG, Alcon Inc., SAB Miller Europe, RBI/Burger King, Coca Cola HBC, Anheuser-Busch (InBev), Partners Group, Galderma, Haleon und Kenvue, Canada Goose, Hugo Boss, Odlo International AG, Specialized, AMAG Automobile und Motoren AG usw. Und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen: 2020 kamen beispielsweise Atara Biotherapeutics mit ihrem Europa-Standort sowie Consens-Sys mit der operativen Gruppen-Muttergesellschaft hinzu und der Prüf- und Messkonzern SGS ist Anfang 2026 mit seinem Hauptsitz von Genf nach Zug gezogen. 

Als neuester Zuger Wirtschaftscluster entstand 2013 das Crypto Valley Zug mit heute mehreren hundert Unternehmen der Krypto- und Blockchain-Branche, was eine starke Zunahme von start-up-Unternehmen nach sich zog.


Schritt für Schritt wurde der Kanton dadurch zum resilienten breitgefächerten Wirtschaftsstandort und damit zum «Erfolgsmodell Zug».


Seit der Nachkriegszeit ist die Zahl der eingetragenen Gesellschaften im mittlerweile siebtgrössten Handelsregister der Schweiz konstant angewachsen und auch die Zahl der Arbeitsplätze stieg – mit einer kurzen Ausnahme nach dem Schweizer Nein zum EWR – im gleichen Zeitraum ebenfalls kontinuierlich, rund 43’000 Gesellschaften bzw. 134’000 Arbeitsplätze sind es heute.

So grüsst Zug seit Mitte der 1990er-Jahren in allen Standort-Rankings der Schweizer Wirtschaftsstandorte von Platz 1. Dies hat nicht nur mit erfolgreichen wirtschaftlichen Transformationen zu tun, sondern auch mit sogenannten «Erfolgsfaktoren». Wie der Kanton Zug diese Erfolgsfaktoren aufbaut, positioniert und pflegt, wird in einem zweiten Beitrag erläutert.


Lesen Sie auch Teil 2 der Artikelserie zum Erfolgsmodell Zug

Gianni Bomio: Der Kanton Zug als Nr. 1 der Schweizer Wirtschaftsstandorte: stabile Erfolgsfaktoren dank fokussierter Wirtschaftspolitik (Teil 2 erscheint am Mittwoch, 4. März 2026)


Kurzporträt Gianni Bomio
Gianni Bomio, Dr. iur., Rechtsanwalt, in Zug aufgewachsen und im Kanton stark verwurzelt, ist ein profunder Kenner der Zuger Wirtschaft. Er arbeitete rund 35 Jahre, von 1985 bis 2019, für die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug als juristischer Mitarbeiter, Direktionssekretär und Generalsekretär. Zudem war er von 2003 bis 2019 als erster und später zweiter stellvertretender Landschreiber des Kantons Zug tätig. Er hat sich im Hintergrund als gewiefter Vernetzer und Förderer von neuen Angeboten innerhalb der Zuger Wirtschaftspolitik einen Namen gemacht und war erfolgreicher Stabschef und «Sparringpartner» von fünf Zuger Volkswirtschaftsdirektor/innen.

Er hat massgeblich am «Spirit of Zug», am Public Private Partnership-Modell und an der Wirtschaftsgesetzgebung des Kantons Zug mitgewirkt. Zudem hat er den Kanton Zug in zahlreichen öffentlichen und privaten Organisationen und Trägerschaften vertreten.

Nur selten stand er im Fokus, etwa 2003 in einem Artikel der BILANZ, mit folgender Charakterisierung als einer der Köpfe, die den Kanton Zug prägen: «Gianni Bomio: Dr. iur., Direktionssekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug. Der Mann im Hintergrund, über dessen Pult alle wichtigen Politgeschäfte des Kantons laufen: Stadtbahn, Wirtschaftspflege, Arbeitslosigkeit, Berufsbildung … ».


Buchempfehlung «Boomjahre» inklusive Website

Gianni Bomio ist ein Zeitzeuge der sogenannten «Boomjahre» des Wirtschaftsstandorts Zug, in welche er mit seiner umfangreichen Publikation (Buch und Website) einen breiten und einzigartigen Einblick punkto Zuger Wirtschaft und Wirtschaftspolitik seit 1985 ermöglicht.

Gianni Bomio: Boomjahre. Eine Annäherung an das Erfolgsmodell Zug. Die Website enthält ergänzende Inhalte zum Buch. 384 Seiten, 94 Grafiken, 300 Behörden/Organisationen, 430 Unternehmen, 420 Personen. Das Buch kann hier bestellt werden.


Referate zum Erfolgsmodell Zug
Gianni Bomio referiert zum Erfolgsmodell Zug.

Mögliche Themen sind etwa:
• Das wirtschaftliche Erfolgsmodell Zug – Hintergründe und Fakten versus «Legenden»
• Weshalb ist der Kanton Zug im schweizerischen Standortwettbewerb derart erfolgreich?
• Welche Rahmenbedingungen sind zentral für den Erfolg des Wirtschaftsstandorts Zug?
• Public Private Partnership (PPP) und kurze Wege als Garanten für den wirtschaftlichen Erfolg des Standorts Zug
• Welches sind die Erfolgsfaktoren für den Wirtschaftsplatz Zug?
• Zuger Wirtschaftserfolg nur dank Tiefsteuerpolitik?
• Vielfältige Zuger Wirtschaftscluster – Zufall oder Ergebnis einer langfristigen kantonalen Clusterpolitik?

Die Themen werden für einzelne Referate massgeschneidert abgestimmt. Kontakt: gianni.bomio@datazug.ch


Bildnachweis: Hauptbild und Buchempfehlung: Studio Christen Zug. Porträtbild: zvg. Referat: Foto Verein für Arbeitsmarktmassnahmen VAM Zug / Esther Staub


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