In den Medien wird ohne zu hinterfragen kolportiert, dass Menschen im Alter von über 50 Jahren bereits Mühe hätten, bei Jobverlust eine neue Anstellung zu finden. Die Kriterien, welche zu solchen Aussagen führen, sind wenig transparent und ich habe den Verdacht, dass viele Beiträge zum Thema «Arbeiten im Alter» wiederholt und einander abgeschrieben werden.
Im Austausch mit meiner Lieblings-KI «Claude» von Anthropic rät diese, die ungenutzten Potenziale faktisch zu beleuchten: Was passiert, wenn eine Generation mit enormer Erfahrung und Kaufkraft systematisch unterschätzt wird? Die Digitalisierung ist dabei nur ein Aspekt – interessanter wäre vielleicht der Blick auf Innovationskraft, Unternehmertum im späteren Lebensabschnitt oder die Rolle als Wissensträger. Das wirft die Frage auf nach dem Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung.
Wissen versus Erfahrung: Ein entscheidender Unterschied
Wissen ist explizit, dokumentierbar und übertragbar. Es lässt sich in Handbüchern festhalten, in Datenbanken speichern oder in Schulungen vermitteln. Wissen altert schnell – was vor zehn Jahren in der IT galt, ist heute oft obsolet.
Erfahrung hingegen ist implizit und kontextgebunden. Sie basiert auf dem Durchleben unterschiedlicher Situationen, dem Scheitern und Wiederaufstehen, dem Spüren von Mustern und Zusammenhängen. Erfahrung umfasst das «Wie» und «Wann» – nicht nur das «Was». Sie beinhaltet emotionale Intelligenz, Intuition und die Fähigkeit, in unbekannten Situationen zu navigieren.
Für uns «Alte» bedeutet das: Unser Wissen mag teilweise veraltet sein – unsere Erfahrung ist es nicht.
Wer mehrere Wirtschaftskrisen durchlebt hat, bringt eine andere Gelassenheit und Urteilsfähigkeit mit als jemand, der nur Wachstum kannte. Wer verschiedene Technologiewandel miterlebt hat, versteht die Mechanismen des Wandels selbst – auch wenn er die neueste App nicht bedienen kann.
«Die 60plus-Generation bringt Kontextualisierung, Risikoeinschätzung und langfristiges Denken mit – Fähigkeiten, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll sind.»
Werner K. Rüegger, Initiator «kompetenz60plus.ch»
Mitten in der Transformation: Die neue Rolle der 60plus-Generation
Vor lauter Vorurteilen gegenüber der Digitalisierung übersehen wir die eigentliche Transformation. Es geht nicht mehr darum, wer das Internet erfunden hat oder wer besser programmieren kann. Vielmehr geht es darum, KI-Systeme kritisch zu bewerten, aus Erfahrung zu wissen, welche Daten relevant sind, wo der Einsatz welcher Werkzeuge wann Sinn ergibt oder nicht – und wie man Voreingenommenheit in einem Ergebnis erkennt.
Das ist keine Frage des biologischen Alters, sondern des Erlernens einer Alphabetisierung. Wir «Alten» haben schon mehrere technologische Entwicklungen miterlebt, haben sie auch mitgestaltet und können sehr wohl zwischen Hype und Wesentlichem unterscheiden.
Im Kern besteht ein akutes Problem der Unterschätzung: Unternehmen fokussieren oft auf aktuelles Wissen und übersehen die Erfahrung. Dabei ist es gerade die Kombination aus jugendlichem Wissen und gereifter Erfahrung, die zu den besten Lösungen führt. Die 60plus-Generation bringt Kontextualisierung, Risikoeinschätzung und langfristiges Denken mit – Fähigkeiten, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll sind. Heutige «Alte» sind fitter, gebildeter und aktiver als frühere Generationen in diesem Alter. Das wäre ein Ansatz, der über reine Arbeitsmarktbetrachtungen hinausgeht und das Potenzial einer ganzen Gesellschaftsschicht würdigt.
Intergenerationelle Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Wandel
Für die KI Claude ergeben sich im Kontext der älteren Generationen und ihres Potenzials mehrere fundamentale Fragen, die über das Arbeitsmarkt-Narrativ hinausgehen. Was bedeutet es aus gesellschaftsstruktureller Sicht, wenn ihre erfahrensten Mitglieder systematisch marginalisiert werden? Und umgekehrt: Welche Innovationskraft geht verloren, wenn diese Generation nicht als Ressource erkannt wird?
Wirtschaftlich gesehen verfügen wir «Alten» über erhebliche Kaufkraft und haben andere Bedürfnisse als jüngere Generationen. Unternehmen, die auf «junge Zielgruppen» setzen, vernachlässigen damit einem grossen Teil ihres Marktes. Gar verstärkt sich dieser Trend, wonach immer mehr inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als nachrücken.
Welche Mechanismen gibt es für Unternehmen und Institutionen, um jahrzehntelange Erfahrung zu bewahren? Somit stellt sich die Frage, ob das traditionelle Drei-Phasen-Modell (Ausbildung-Beruf-Rente) noch zeitgemäss ist oder welche neuen Formen des gesellschaftlichen Beitrags von «Alten» zu entwickeln sind.
Wie können die verschiedenen Generationen voneinander lernen, statt sich gegenseitig zu blockieren und welche Rolle spielt dabei die mediale Darstellung von Generationenkonflikten? Wünschbar wäre eine Gesellschaft, die alle Generationen als gleichwertige Akteure sieht – nicht nur als Kostenfaktoren oder Nostalgiker.
Arbeit neu denken: Jenseits alter Kategorien
Wir «Alten» leben bereits in einer neuen Arbeitsrealität, aber die Gesellschaft denkt noch in alten Kategorien. Ein 65-Jähriger, der ein Start-up berät, drei Tage pro Woche die Enkel betreut und ehrenamtlich im Gemeinderat sitzt, gilt statistisch als nicht erwerbstätig.
Das tradierte Arbeitsverständnis der Industriegesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert – Vollzeit, lebenslange Anstellung, klare Trennung zwischen Arbeits- und Rentenphase, persönliche Identität durch Beruf definiert, Wert durch Produktivität gemessen – passt nicht mehr zur heutigen Lebenswirklichkeit. Die Gesellschaft misst immer noch in «Erwerbsquoten» und «Arbeitslosenstatistiken», obwohl längst andere Formen des gesellschaftlichen Beitrags entstanden sind.
Nicht «Arbeit bis 65, dann Rente», sondern fliessende Übergänge, wertgeschätzte Vielfalt der Beiträge und Anerkennung verschiedener Formen von Produktivität führen zu einem neuen Verständnis von Arbeit. Wir «Alten» zeigen damit bereits einen Weg zu einer Gesellschaft, die Wertschöpfung neu definiert.
Wenn KI unsere Arbeit ersetzt: Vorbereitung auf Unsicherheit
Was passiert, wenn KI mehr Jobs vernichtet als schafft? Anlässlich des 21. Europäischen Trendtags am GDI Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon (Zürich) stellte der Wirtschaftsprofessor der Universität Oxford und Bestsellerautor Daniel Susskind im Videointerview vom 1. Juli 2025 wegweisende Fragen über die Zukunft der Arbeit und forderte radikal neue Lösungen.
Für Daniel Susskind ist Bildung nur dann wirksam, wenn es überhaupt noch genug Arbeit für alle gibt. Die technologische Disruption zeigt uns, warum wir uns auf eine Arbeitswelt vorbereiten müssen, in der Unsicherheit zur Konstante wird.
Neben Qualifikationen zählt auch eine hohe Anpassungsfähigkeit. Denn: «Es ist unglaublich schwierig abzuschätzen, welche Jobs künftig gemacht werden müssen und welche Fähigkeiten notwendig sind». In einer Zukunft, die von dieser Unsicherheit geprägt ist, ist viel Flexibilität gefragt.
Heute liegen die Entwicklung von KI und Robotik sowie der Zugang zum alles miteinander verbindenden Internet in den Händen von einigen wenigen Tech-Firmen des Silicon Valleys, schreibt Mirko Bischofberger (27), der italienisch-schweizerische Filmemacher im Feuilletonbeitrag der Neuen Zürcher Zeitung vom 26. Juli 2025. Nichtsdestotrotz dürfen wir die Erschaffung von künstlicher Intelligenz als Ziel per se nicht aus den Augen verlieren. Nicht hemmende Regulierung, sondern weitere Erforschung ist wichtig. Wir erschaffen Intelligenz am Computer, der heilige Gral für künstliche Intelligenz.
Die 60plus-Generation im KI-Zeitalter
Wir «Alten» betrachten künstliche Intelligenz KI oft durch eine Brille, die von unserer lebenslangen Sprachsozialisation geprägt ist. Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel – sie strukturiert grundlegend, wie wir Kreativität ausdrücken und Probleme konzeptualisieren.
Wenn Menschen mit KI in Berührung kommen, bringen sie ihre etablierten Denkmuster und sprachlichen Rahmenbedingungen mit, die nicht immer mit der Funktionsweise moderner KI-Systeme übereinstimmen.
Für viele von uns «Alten» stellen Konzepte, die sich nicht leicht verbalisieren lassen, eine besondere Herausforderung dar. Unser Erfahrungshorizont entwickelte sich in einer Zeit, in der die Kommunikation von Mensch zu Mensch die primäre Form des Informationsaustauschs war, wodurch sich die abstrakte, algorithmische Natur der KI-Interaktion fremd anfühlt.
Doch die betreute und sorgfältige, aber kreativ und schnell ausgeführte Recherche durch die kommende Generation der KI-Kuratierung verspricht einen Paradigmenwechsel.
Prompten als philosophische Praxis
Large Language Models LLM werden zur semantischen Analyse fähig sein. Sie werden in Zukunft Texte mit Statistik inhaltlich auswerten und die Plausibilität der Information optimieren. Erfahrene, neugierige und kompetente «Alte» validieren die Resultate.
Anstelle von Suchanfragen tritt das Prompting. Im Textfenster von KI-Systemen spielt sich der kreative Austausch zwischen Mensch und Maschine ab. Der Prompt schult das kreative Schreiben: Je geistreicher die Eingabe an KI, desto besser das Ergebnis.
Prompten ist nicht rein funktional, sondern eine philosophische Praxis: Das Format zwingt zu sprachlicher und begrifflicher Genauigkeit.
Es geht darum, lexikalische Mehrdeutigkeiten zu minimieren und Phänomene klar zu benennen. Je präziser der Prompt, desto besser das Ergebnis. Denn eine KI, die keine Vorstellung von der Welt hat und beispielsweise nur mit Text-zu-Bild-Paaren trainiert wurde, braucht klare Anweisungen, um Dinge zu visualisieren.
«Alte» Autoren sind unersetzlich
Die jahrtausendealte Schrifttechnik, deren Untergang in der Digitalität immer wieder prophezeit wurde, feiert nun ausgerechnet im digitalen Medium der KI ein Revival.
Der Siegeszug der KI hat ein neues Berufsbild geschaffen, das an der Schnittstelle von Informatik und freien Künsten liegt.
Unternehmen auf der ganzen Welt suchen nach KI-Flüsterer:innen, die durch gezielte Handlungsanweisungen der Maschine Kreativität entlocken. «In zehn Jahren werden die Hälfte der Arbeitsplätze der Welt im Bereich Prompt-Engineering sein», prophezeit Robin Li, Mitgründer des chinesischen Suchmaschinenriesen Baidu.
Es braucht in Zukunft immer weniger Softwareingenieur:innen, wenn jeder und jede mit Chat-GPT coden kann. Aber dafür Wortakrobat:innen, die das Unerwartete, Genialische aus der Maschine herauskitzeln. Prompting ist das neue kreative Schreiben, eine Schreibpraxis, die experimentell und empirisch ist – und für die es noch keine ästhetischen Standards gibt.
Die Bildersprache der Welt von morgen bestimmen nicht die Programmierenden, sondern die Prompter:innen. Wir «Alten» dürften dabei als Impulsgeber für lokales und globales Handeln eine nicht unwesentliche Rolle spielen.
Komplementäre Kompetenzen und Perspektivenvielfalt zwischen «jungen Wilden» und «Alten»
KI-Projekte erfordern mehr als nur technisches Know-how. Während jüngere Teammitglieder oft einen intuitiveren Zugang zu neuen Technologien und digitalen Tools mitbringen, verfügt die 60plus-Generation über jahrzehntelange Erfahrung in der Bewertung von Geschäftsprozessen, Risikomanagement und der Einschätzung praktischer Umsetzbarkeit. Diese Erfahrung hilft, KI-Lösungen zu entwickeln, die nicht nur technisch funktionieren, sondern auch tatsächliche Probleme lösen und in bestehende Organisationsstrukturen passen. Zwar gibt es einige wissenschaftliche Studien und Praxisbeispiele, welche die Vorteile der Zusammenarbeit zwischen uns «Alten» und den «jungen Wilden» beleuchten, aber noch wenige spezifische Fallstudien, die explizit altersdurchmischte Teams in KI-Projekten dokumentieren. Dies liegt vermutlich daran, dass KI-Projekte in ihrer aktuellen Form noch relativ jung sind. Viele Unternehmen experimentieren, ohne die Resultate öffentlich zu dokumentieren. Kombiniert man die wissenschaftlichen Belege zur Aufgabenkomplexität mit den allgemeinen Praxisbeispielen aus der Tech-Industrie, ergibt sich eine «Forschungsmöglichkeit» zur noch ausstehenden systematischen Dokumentation altersdurchmischter KI-Teams.
Kurzporträt Wener K. Rüegger

Porträt kompetenz60plus.ch

Bildnachweis: Titelbild zvg. Werner K. Rüegger im Sihlcity Zürich: Schweizerische Gewerbezeitung, Adrian Uhlmann
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