Und plötzlich steht der General auf der Brücke

Vorbemerkung: Autor Christian Amsler, von 2010 bis 2020 Schaffhauser Regierungsrat, in der Schweizer Armee Oberst der Infantiere a.D., erzählt ein persönliches, ebenso erstaunliches wie erhellendes Erlebnis seines Grossvaters Hermann Hirt mit General Henri Guisan während der Bedrohung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und würdigt den charismatischen General (Red).


In unsicheren Zeiten sucht man sich Vorbilder und prägende Persönlichkeiten, an denen man sich orientieren und halten kann. In der aktuellen instabilen Sicherheitslage rund um den Globus sei an General Henri Guisan erinnert, mit dem mich durch meinen Grossvater Hermann Hirt (1905 – 1966) eine besondere Geschichte verbindet. Der Waadtländer General hat der Schweizer Bevölkerung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges viel Sicherheit und Vertrauen gegeben und war für viele im Volk ein Fels in der Brandung.


Mein Grossvater, Wachtmeister Hermann Hirt, leistete wie viele andere Schweizerinnen und Schweizer Aktivdienst. Im Frühjahr 1944 war er als Objektkommandant auf der Rheinbrücke eingesetzt, die die Stadt Schaffhausen mit der zürcherischen Gemeinde Feuerthalen verbindet. Tag und Nacht trug er den Sprengbefehl in der Brusttasche und damit sehr grosse Verantwortung. Er hätte ihn nur unterschreiben und einem Mineur in die Hand drücken müssen. Darauf wäre die Brücke innert kürzester Zeit in die Luft geflogen.

Die Rheinbrücke bei Schaffhausen hatte durchaus strategische Bedeutung.[1] Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Bau einer Schweizer Landesbefestigung führte zum Einbau vorbereiteter Sprengladungen in wichtigen Rheinbrücken, die so als erste Vorposten der Gotthardfestung figurierten. Allerdings wurden damals in den nördlichen Kantonen keine permanenten Kampfanlagen gebaut. Erst die akute Bedrohung durch Nazideutschland leitete eine intensive Bautätigkeit ein, die mehr als ein halbes Jahrhundert dauern sollte und zahlreiche Zeugnisse unterschiedlicher Bauphasen hinterlassen hat: Grenzbefestigung, Armeestellung (so die bekannte Limmatstellung), Reduit und Geländeverstärkung im Mittelland.


Henri Guisan (1874-1960) war während des Zweiten Weltkriegs General und damit Oberbefehlshaber der Schweizer Armee.


Ja, da hat mein Grossvater Hermann Hirt gestaunt. Plötzlich stand also im Frühjahr 1944 der leibhaftige General Henri Guisan neben ihm auf der Rheinbrücke Schaffhausen – Feuerthalen. Wie aus dem Nichts aufgetaucht, obwohl die Brückenmannschaft natürlich schon wusste, dass der General heute in der Munotstadt zu Besuch weilte, um mit seiner Präsenz den Aktivdienstlern Mut zuzusprechen. Zudem dienten die Besuche des Generals an der Aktivfront der Stärkung der geistigen Widerstandskraft, aber auch der Kontrolle der Verteidigungsvorbereitungen ganz nach der militärischen Führungsmaxime «Kommandieren – Kontrollieren – Korrigieren». Schaffhausen als exponierte Grenzstadt war von hoher strategischer Bedeutung für die Landesverteidigung.

Bei diesem Besuch wurde doch der «kleine» Wachtmeister Hirt vom «grossen» General Guisan tatsächlich gefragt, welche Brückenpfeiler denn mit Sprengladungen geladen seien. Wie aus der Kanone geschossen antwortete mein Grossvater: «Der dritte und der siebente, Herr General!» Die Brücke aber hatte tatsächlich nur sechs Pfeiler!
 


Der General kommt!

Persönliche Erinnerung aus dem Aktivdienst aus der Feder von Wachtmeister Hermann Hirt

Frühjahr 1944: Wir bewachen schon wochenlang die Strassenbrücke Schaffhausen-Feuerthalen. 12 Mann zählen wir nebst 3 HD-Mineuren (Anmerkung: HD = Hilfsdienst). Heute nennt man das Personalmangel. Tag und Nacht trage ich als Objektkommandant den Sprengbefehl in der Brusttasche. Nur unterschreiben müsste ich ihn noch und einem Mineur in die Hand drücken. Sekunden später würden die Fetzen fliegen.

Unser Wachtlokal liegt direkt am Rheinufer und eignet sich somit vorzüglich zum Fischfang. Oft steht nämlich eine prächtige, getupfte Forelle am Rande des Seegrases auf der Lauer. Genau unter unserm Fenster. Wir haben sie Sybille getauft. Ein Leckerbissen fürwahr! Füsilier Hangartner, unser Spassvogel, meint trocken, das wäre etwas, um das ewige Pilaff zu garnieren. Recht hat er! Eine alte, abgebrochene Rute steht hinten im Schopf, und eine kurze Schnur samt Angel wird stromaufwärts in einer alten, halbversoffenen Gondel gefunden. Ich erstelle unverzüglich einen Fischer-Ablösungsplan für die jeweilige Pikettmannschaft. Diese hat ja Zeit genug und lechzt nach einer spannenden Beschäftigung. Nun stehen also zwei Mann auf der Brücke Wache, einer fischt, einer fängt Würmer, ein Mineur döst am Zündkasten, die übrigen spielen Karten: Schrumm und 17/4. Die Spielchen sind zwar streng verboten vom Regiment. Aber eben! Ein gewöhnlicher Jass ist auf der Wache beim ewigen Kommen und Gehen rein unmöglich.

Sybille ist schlau. Oft beisst sie wohl an und reisst den Wurm entzwei, aber hängen bleibt das Luder nicht. Der böse Wirt «zur Fischerzunft» uns gleich gegenüber, der uns stets beobachtet, schimpft und flucht und pfeift über den Rhein. Als ob alle Fische im Wasser sein Eigentum wären!

Eines ruhigen Morgens in aller Frühe stehe ich übernächtig mit der Rute am Fenster. Ruckzuck! Hellwach bin ich. Die Forelle Sybille schlenzt und zerrt, schnellt auf und ab und verschwindet im dichten Wasserkraut. Die Angel samt Wurm sitzt fest in ihrem räuberischen Rachen.

«Wache raus!» hallt es in diesem wohl dümmsten Augenblick vom Hausgang her. Das kann nur Timoschenko sein, der seine Ronde macht und die Wachen inspiziert! Es bleibt mir nichts übrig, als meine wertvolle Beute fahren zu lassen und schwerbewaffnet in den Hof hinauszurennen. Sobald der strenge Herr Oberleutnant festgestellt hat, dass ausser ein paar staubigen Schuhen, einer offenen Patronentasche und dem verkehrten Helm auf der Glatze unseres Gefreiten alles mehr oder weniger in bester Ordnung ist, besteigt er seinen Militärgöppel und trampelt mühsam das steile Gässchen hinauf. Sybille aber bringen wir mit Müh und Not doch noch ans Licht und in die Bratpfanne, allerdings mit nassen Hosenstössen und einer Glasscherbe in Mineur Höflers linkem Fuss.

Aber ich wollte ja vom Besuch unseres Generals erzählen! Da läutet also die Klingel in unserer Wachtstube zweimal. Die Brückenwache meldet somit harmlosen Besuch. Wie immer hänge ich meinen geladenen Karabiner um und marschiere zum Brückenkopf. Wer steht dort? Eine Dame! Ich erkenne sie von weitem. Es ist Frau Regierungsrat, die Gattin unseres verehrten und unvergesslichen damaligen Militärdirektors, meines lieben Leibburschen in der Scaphusia. Sie fasst sich kurz: «Der General kommt noch heute Vormittag auf eure Brücke! Ich weiss es bestimmt, der Gust (Anmerkung: Es handelt sich um Regierungsrat Dr. Gustav Schoch, der leider tragisch bei der Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944 vor dem Regierungsgebäude tödlich von einem Bombensplitter getroffen wurde) hat es mir gesagt! Nachher gehen sie alle zu einem Imbiss in den Ratskeller! Die ganze Regierung! Also, mach’s gut!» Und weg ist sie.

Ich bin nie erschrocken, wenn höherer Besuch mit mehr oder weniger Gold aufkreuzte. Aber diesmal gilt’s ernst! sage ich mir und beginne zu organisieren. Zum Ersten stelle ich den verwegenen Lmg-Schützen Imbeck auf die Brücke (Anmerkung: Lmg = Leichtes Maschinengewehr). Der hat ein gutes Maulwerk und fürchtet weder Teufel noch General. «Du bleibst auf Deinem Posten, bis du abgelöst wirst, und sollte es zehn Stunden dauern!» «Befehl Wachtmeischter!» Zum Zweiten gebe ich den Mineuren Bescheid. Auch die werden ob dieser Meldung lebendig und rasieren sich blitzartig. Nun beginnt ein grosses Reinemachen, Abstauben, Riemenschlaufen, Strohpüscheln, Besen werden geschwungen, Kübel geleert und Wasser gespritzt. Ich verzichte heute sogar auf den Kognak im «Hirschen». In Kürze sind wir kampfbereit.

Punkt 10.49 Uhr schellt es fünf- oder sechsmal kurz und schrill. Imbeck ist also auf dem Posten! Auch wir wissen, was das Geläute bedeutet. Rasch verschwinden die Jasskarten in den Hosensäcken, auch das «Münz». Mit Helm und Gewehr schreite ich so stramm wie es meine schweren Schuhe erlauben, zur Brücke hinauf. Vor der Mohrenapotheke parkt ein riesiger grauer PW mit Chauffeur, und am Brückenkopf steht aufrecht der General. Aber nicht unheimlich und unheilverkündend wie kürzlich der Brigadekommandant. Ich fahre in den Senkel, dass die Funken stieben. Der General tritt etwas näher, salutiert, mustert mich und spricht: «Ruhn! Guten Tag, Wachtmeister!» Er nimmt mich beiseite ans Geländer und beginnt mit Fragen, vorerst persönlicher Art, über meinen Beruf, Zivilstand, Wohnort, und ob ich gerne Dienst leiste. Die Antworten hierüber fallen mir nicht sehr schwer. Wie er aber auf taktische Probleme zu sprechen kommt und mich befragt über die Verbindungen zum Platzkommando, zur Ortswehr, zu den Nachbarbrücken, ferner über Bereitschaftsgrade, Alarmsysteme und Sprengwirkung, da wird es für mich langsam brenzlig. Ich bin selber erstaunt und wundere mich heute noch, wie ich auf all dies eine befriedigende Antwort finde.

«Welche Pfeiler sind von dieser Brücke geladen mit Minen?» O weh, o weh! Das weiss nur Gott und eventuell die Mineure! denke ich und melde laut und mit Überzeugung: «Der dritte und der siebente, Herr General!» «Bien, dass Sie das wissen, Wachtmeister! En ordre! Zeigen Sie mir noch Ihr Wachtlokal!» Ich führe den höchsten Offizier unserer Armee in die armselige, aber heute ausnahmsweise blitzsaubere Wachstube.

Die Füsel stehen trotz Kommando «Ruhn» meist stramm. Aber sie halten sich prächtig. Der Bührer ruft, wieviel Kühe in seinem Stall stehen, der kleine Wanner schreit überlaut, wie alt er ist, nur der treue Otto, der Waldarbeiter, weiss nicht mehr genau, wieviel Patronen er im Magazin hat. Ich selber habe inzwischen durchs Fenster mit Schrecken festgestellt, dass unsere altehrwürdige Brücke nur auf sechs Pfeilern steht. Damit aber diese Tatsache dem geübten Auge unseres Gastes entgehen möge, stelle ich mich rein zufällig vors Fenster, um es, eben jenes Auge, nicht in Versuchung kommen zu lassen, die dummen Pfeiler zu zählen. Ich hätte vor Scham den Rücktritt genommen aus der Schweizer Armee, denn just er verdiente es nicht, angeflunkert zu werden.

Dann verabschiedet er sich freundlich und sichtlich zufrieden, dreht sich nochmals und wendet sich an mich: «Haben Sie gewusst, Wachtmeister, dass der General heute kommt hier auf Besuch?» «Jawohl, Herr General». «Wer hat Ihnen gemeldet?» «Unser Nachrichtendienst, Herr General! Sie haben doch auch einen solchen!» Er schmunzelt und bohrt gottlob nicht mehr weiter. Ich melde die Wache ab und begleite ihn zum Auto. Unterdessen hat sich viel Volk versammelt. Ein Verkehrspolizist – diese gab es damals schon – tritt eben in Aktion und will Ordnung schaffen. Mit einem Gewehrgriff melde auch ich mich beim General ab. Er reicht mir die Hand und spricht leise: «Machen Sie so weiter, Wachtmeister!» Rasch steigt er in den Wagen, salutiert freundlich gegen die neugierige Menge und fährt über die Brücke mit den sechs Pfeilern, die mir beinahe zum Verhängnis wurden, wobei Imbeck noch eine Achtungsstellung hinschmettert, dass das Geländer wackelt.

Kaum ist der Spuk vorbei, ruft die Wirtin im «Rheinbad»: «Herr Wachtmeister, ans Telefon!» Unser Häuptling meldet sich aus dem KP Uhwiesen. «War der General schon da?» «Jawohl, Herr Hauptmann!» «Und jetzt?» «Jetzt ist er wieder fort!» beruhige ich ihn und hänge ab. Es eilt. Ich muss doch das Wachjournal bereinigen und den Imbeck ablösen, der über drei Stunden am Brückenkopf stand. Aber unser Kadi ist offenbar nicht ganz zufrieden mit meinem telefonischen Kurzbericht. Nach zehn Minuten schon fährt er vor und lässt sich von meinen tapferen Mannen gründlich rapportieren und will genau wissen, ob alles geklappt hat, derweil ich mit guten Gewissen zur wohlverdienten Stärkung bei der Adlerwirtin einen Vorwärts genehmige.

Wie wir durch unsern vorzüglichen «Nachrichtendienst» recht bald erfuhren, hat sich der General im Ratskeller sehr lobend über die vorbildliche Haltung der Schaffhauser Truppen ausgesprochen. Mit vollem Recht natürlich. Und wir freuten uns.

Wm. Hirt Hermann
Gz. Füs.Kp. II/ 264


Ein General für das Volk und nicht die Armee allein

General Guisan ist zum Sinnbild jener Zeit geworden, und bis zu seinem Tode blieb er «der General». Der Rang, mit dem ihn die Bundesversammlung bei Kriegsbeginn betraut hatte, verlieh ihm die Führung über die gesamte Armee. Rasch gewann er das Vertrauen der Truppe, rasch die Achtung und bald sogar die Liebe des Volkes. Die Befugnisse eines Generals, seine Rechte, seine Pflichten und die Art, wie er, dem Volke und seinen Vertretern gegenüber verantwortlich, die Landesverteidigung zu leiten hat, sind durch Verfassung und Gesetz weit weniger bestimmt, als man es erwarten könnte. Was der General aus seinem Amte macht, hängt infolgedessen zu einem grossen Teil von ihm selbst ab. So hat General Ulrich Wille einen Stil des Generals geschaffen und General Henri Guisan den seinigen. Und er blieb zunächst nicht unwidersprochen.

Man warf dem General gelegentlich vor, dass sein Interesse zu wenig ausschliesslich der Erhöhung der Schlagkraft der Armee gelte. Er messe der Verbindung mit den politischen Volksvertretern zu grosse Bedeutung bei; es sei überflüssig, dass er die Kantonsregierungen aufsuche; er gehe in der Rücksichtnahme auf Landwirtschaft und Industrie zu weit, das Urlaubswesen trage der Volkswirtschaft mehr Rechnung als den Bedürfnissen der Armee. So und ähnlich lauteten die Bedenken, die gegen General Guisans persönliche Auffassung von seiner Aufgabe als Oberbefehlshaber der Armee erhoben wurden.

Kleine Geschichte dazwischen: Der Grossvater meiner Ehefrau Liliane Amsler-Baltiswiler, Fritz Zurschmiede, war auch Oberst im Gebirgsarmeekorps 3 und wuchs als Sohn des Bärenwirts im Hotel Bären in Wilderswil im Berner Oberland auf. Dort kehrte General Henri Guisan jeweils bei seinen Ausritten von seinem Hauptquartier in Interlaken zu einem Kaffee ein. Insgesamt dreieinhalb Jahre (vom 1. April 1941 bis am 8. Oktober 1944) war der General in Interlaken zu Hause. Mit dem Bezug des Alpenreduits zügelte auch der General in die Berner Alpen. Mit neun Fahrzeugen wurde einerseits in Interlaken die Villa Cranz (die heutige Gemeindeverwaltung) und andererseits eine Kaverne in der Wagnerenschlucht bezogen. Die berittenen Offiziere legten den Weg ins Reduit auf dem Pferd zurück. Als Kommandoposten bei Gefahr war die 1935 von der Brauerei Rugenbräu gekaufte Kaverne am Eingang der Schlucht vorgesehen. Sie mass nur rund 12×7 Meter und war 5 Meter hoch. Als Schlafstellen waren lediglich Matratzen vorgesehen, dafür waren angeblich Nahrungsmittel für 200 Mann und fünf Tage eingelagert. Im Bundesarchiv gefundene Dokumente bestätigen, dass es sich beim Schutzraum für den General und seinen Persönlichen Stab um diese Kaverne gehandelt hat.

Es mag sein, dass die eine und andere dieser Betätigungen des Generals zunächst einfach seiner persönlichen Neigung entsprang. Das Temperament des Waadtländers drängte nicht auf militärischen Radikalismus; was nach «totalem Soldatentum» aussah, lag ihm fern. Guisan liebte die unmittelbare Berührung mit der ganzen Nation, nicht die öffentliche und festliche nur, sondern den spontanen Kontakt mit Leuten jeden Schlages und Standes – einen Kontakt, den er mit seinem väterlichen, einfachen und herzlichen Wesen jederzeit und überall aufs Leichteste fand.

Bald aber wurde es jedem Einsichtigen klar, dass diese Bekümmerung des Generals um das ganze Volk nicht eine persönliche Schwäche von ihm war, sondern etwas Begründetes und höchst Fruchtbares. Die Volkstümlichkeit des Generals beruhte nicht nur auf dem öffentlichen Erscheinen, nicht auf seinen Händedrücken und den unterschriebenen Photographien.

Seine Überzeugung war es, dass die Schlagkraft der Armee in ein Ganzes eingebettet sein muss, und damit meinte er in den Widerstandswillen der ganzen Schweizer Bevölkerung. Also hatte er sich als Oberbefehlshaber nicht nur um seine Soldaten zu kümmern, sondern um die ganze Nation! Das kommt der Politik natürlich suspekt vor, wenn ein militärischer Führer sich auch noch ums Volk kümmert. Dies erwies sich aber als glückliche Fügung und war in jener Zeit durchaus von grossem Gewinn für das Land Schweiz. Die einfache, bäuerliche Seele in ihm drin hat die Sorgen des Soldaten um das Schicksal von Haus und Hof, Familie und Betrieb nicht einfach unwirsch als unsoldatische Schwächen unter den Tisch gewischt. Vielmehr hörte der General seinen Soldaten zu und nahm sie ernst.

Auch seine tiefe Überzeugung, man müsse dem Volk stets die Wahrheit sagen, weil auch die bittere Wahrheit etwas Besseres sei als die Lüge, hat sich im Dienst des Wehrwillens mehr als gelohnt. Dass es in diesen schwierigen Zeiten und angesichts der unsicheren Lage mit den langen Dienstleistungen und vielen Einschränkungen zu keinem tiefen Graben kam zwischen Stadt und Land, Volk und Armee, Romandie und Deutschschweiz, ist nicht zuletzt das persönliche Verdienst von Henri Guisan gewesen. Der tiefgründige Widerstand der Nation, das war es, worum es ihm ging. Dieser Widerstandswille aus tiefstem Herzen ist nicht auf Verstandestatsachen zurückzuführen. Selbstverständlich ist es hilfreich, wenn man Bescheid weiss über Geschichte, Vaterland, Gesetze und Verfassung, aber in den Stunden der Bedrohung von Aussen kommt es vor allem auf das an, was man in seinem Inneren fühlt. Sinnbilder wie Zusammenhalt, die Schweizer Fahne, die Berge und die verbindenden Seen werden wichtiger als allein Worte, Begriffe, Verfassungsartikel und nackte Zahlen. 

Henri Guisan war kein intellektueller Mensch; aber er hatte ein um so richtigeres Gefühl dafür, dass Volk und Armee im Augenblick der Krise den einfachen Zuspruch und die väterliche Unterstützung eines Vorbilds nötig hatten.


Geht mit dem Réduit die Nation Schweiz unter?

Der kritischste Augenblick der ganzen Kriegszeit war der Sommer 1940, als Frankreich zusammengebrochen und die Schweiz eingeschlossen war. Niemand konnte damals ahnen, dass England, ganz auf sich allein gestellt, sich mit so heldenhafter Zähigkeit wehren und die Wendung herbeizwingen würde. Alles deutete auf den Endsieg der Achsenmächte hin, und wenig, fast nichts, auf den Sieg ihrer Gegner.

Der militärische Entschluss des Oberbefehlshabers zur Konzentration der Kräfte auf die Kernstellung, das sogenannte Réduit, war eine bittere Notlösung auf Grund der Erkenntnis, dass unsere damalige Armee nicht stark genug war, um dem Feind im Mittelland die Stirn zu bieten. Diese Zurücknahme der Armee aus dem Mittelland in die Berge hinein hätte an sich unsere niedergeschlagene Nation nach normalen Kriterien in eine tiefe Depression treiben müssen. Es sei die kritische Frage erlaubt, wurde da nicht der grösste Teil des Landes preisgegeben? Erlebte hier unsere Nation womöglich ein vorprogrammiertes Waterloo oder ein vorweggenommenes Dünkirchen? Die Art aber, wie der General am 25. Juli 1940 auf dem Rütli die neue Konzeption den Truppenkommandanten persönlich und durch gleichzeitigen Armeebefehl allen Einheiten und dem ganzen Volke bekanntgab, aus der Tiefe seines Wesens heraus vollkommen richtig fühlend und spürend, was in dieser schweren Stunde gesagt und woran jetzt erinnert werden müsse, das allein schon würde General Guisan einen Ehrenplatz in der Geschichte sichern. Von diesem historischen Augenblicke an war der Widerstandswille des ganzen Volkes, weit über die Armee hinaus, im Réduit und im General personifiziert.

Dass General Guisan Volk und Armee als etwas Unteilbares verstand, hat unser Volk genau gespürt. Deswegen wird er im Gedächtnis der Nation nicht nur als militärischer Führer, sondern als ein grosser Schweizer lebendig bleiben, der in einer der schwersten Bedrohungen unserer Landesgeschichte aus der Tiefe des Herzens heraus die Richtung vorgab und das Richtige tat. Und für mich persönlich verkörpert dies natürlich auch mein Grossvater Hermann Hirt mit seinem Einsatz für sein Land auf der Rheinbrücke bei Schaffhausen.


Der General ist tot – es lebe der General!

1960 – der General ist tot. Wenn ein hoher Offizier unserer Armee, ein Brigade-, ein Divisions- oder gar ein Korpskommandant stirbt, pflegt die Öffentlichkeit recht rasch darüber hinwegzugehen. Denjenigen, die unter ihm Dienst geleistet haben, ruft sein Tod vielleicht einen Abschnitt des eigenen militärischen Lebens ins Gedächtnis zurück; und die Erinnerung an das eine oder andere Ereignis mag aufgefrischt werden, wo sich Soldatinnen und Soldaten zusammenfinden. Dem grösseren Teil des Volkes aber sind die Kommandanten unserer Heereseinheiten kaum dem Namen nach bekannt. Das war früher nicht anders als heute. Die Mehrheit des Schweizer Volkes kennt wohl kaum den Namen des CdA, wie der Chef der Armee in militärischen und politischen Kreisen gerne in Kurzform genannt wird. Der CdA heisst übrigens aktuell Benedikt Roos und bekleidet den Rang eines Korpskommandanten. Am Uniformenrevers trägt er drei Sterne. Den General mit seinen vier Sternen gibt es bei uns nur in Kriegszeiten. 

Der Tod des Generals 1960 war aber keine Angelegenheit allein der Armee, sondern eine des Volkes. Des ganzen Volkes, aller Landesteile und aller Altersstufen, der Männer und der Frauen, eine Sache jener ganzen Schicksalsgemeinschaft, die der Zweite Weltkrieg schuf. Ein General wird bei uns nur in Zeiten des Aktivdienstes gewählt. So verkörpert er schon seinem Range nach die ausserordentlichen Umstände, in denen die Nation sich befindet.

In unsicheren Zeiten braucht die Gesellschaft Persönlichkeiten, an denen sie sich orientieren und sicherer fühlen kann. Unzweifelhaft war General Henri Guisan in den schwierigen Kriegsjahren eine solche Persönlichkeit.

Zum Schluss soll der Blick in die Zukunft gehen. Der sogenannte Tagesbefehl zum 1. August 1941 ist wie folgt unterschrieben:

Der General: Guisan.
Geht: bis zur Einheit, um der Truppe vorgelesen zu werden.
Zur Kenntnis: an den Chef des Eidg. Militärdepartementes.

In dieser schriftlichen Botschaft hat Henri Guisan u.a. folgendes geschrieben: «Wendet Eure Blicke der Zukunft zu und denkt an die neue, bessere Welt, die Ihr alle sehnlich herbeiwünscht. Erwartet jedoch nicht, dass sie durch ein Wunder geboren werde. Sie wird vielmehr das Werk stärkerer und gereifterer Generationen sein, die sich bewusster und mit stets wachsender Hingabe in den Dienst des Vaterlandes stellen.»

 
Eine Botschaft, die durchaus auch in unsere aktuelle Welt passen könnte. Die Dinge selber in die Hand nehmen und selber einen Beitrag leisten!


Kurzporträt Christian Amsler
Christian Amsler (*1963) war von 2010 bis 2020 Schaffhauser Regierungsrat und Regierungspräsident (2014 und 2018), Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, vorher Prorektor der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen, sowie Schulleiter und Bereichsleiter Bildung.

Heute ist er Präsident des Musik-Collegiums Schaffhausen und der Milton Ray Hartmann Stiftung, Mitglied der Geschäftsleitung der Seniorenuniversität Schaffhausen und moderiert neu auch Talksendungen vor allem zum Thema Bildung bei TELE D.

Im Militär war Christian Amsler Oberst der Infanterie mit 1200 Diensttagen und bekleidete diverse militärische Funktionen: Im Stab der Inf Br 7 gestaltete er das Projekt Sicherheitsverbundsübung 2014 (SVU 14) mit, war vorher Chef Kantonaler Territorial Verbindungsstab Schaffhausen Ter Reg 4 (C KTVS SH), Bataillonskommandant des Schaffhauser Füs Bat 264 (Territorial Infanterie), Kommandant Stv Füs Bat 61 und Kompaniekommandant im traditionsreichen Schaffhauser Füsilier Bataillon 61. Zudem war er Präsident der Kantonalen Offiziersgesellschaft Schaffhausen (KOG) sowie Mitglied im Zentralvorstand der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG).


Service 1: Wachtmeister Hermann Hirt im Aktivdienst
Hermann Hirt: Grossvater des Autors Christian Amsler
Hermann Hirt (links) an der Grenze im Kanton Schaffhausen
Hermann Hirt (rechts) bei einer Pause


Service 2: Wie eine Ansichtskarte eine kleine, spannende Geschichte erzählt
Via dem bekannten Verkaufsportal «Ricardo» habe ich bei Recherchen zu General Henri Guisan eine antike Ansichtskarte von 1940 entdeckt, die den General vor dem Portal des Schaffhauser Regierungsgebäudes zeigt, wo ich selbst als Regierungsrat elf Jahre lang ein und aus ging. Der Empfänger der Karte war Lehrer Bernhard Kummer, ein damaliger Lehrerkollege meines Grossvaters Hermann Hirt. Geschrieben wurde die Karte zum Dank von Regierungsrat Traugott Wanner (1881-1958) BGB(SVP), Amtszeit 1934 – 1948, weil ihm Lehrer Kummer offensichtlich einen Reisebericht über Südengland zugestellt hatte. Der Regierungsrat schreibt u.a., dass der Bericht auch seiner «87 Jahre alten Mutter Freude gemacht habe in den kalten Wintertagen».


Zur Vertiefung: Sperrstelle Brücken über den Rhein bei Schaffhausen

[1] Diese Sperrstelle konzentrierte sich hauptsächlich auf die Verteidigung der Bahn- und Strassenbrücken zwischen Schaffhausen und Feuerthalen bzw. Flurlingen. Sie weist sowohl im Kanton Zürich als auch im Kanton Schaffhausen je 20 Objekte auf.

Angesichts der grossen strategischen Bedeutung dieser Rheinübergänge ergab bereits die erste systematische Planung der Grenzbefestigung durch den Ingenieur-Offizierskurs 1934, dass dieser Abschnitt prioritär zu befestigen sei. 1935 wurden alle Brücken mit Tankbarrikaden künstlich verstärkt. Allerdings erhielt nur die besagte Strassenbrücke Schaffhausen–Feuerthalen den notwendigen permanenten Feuerschutz durch den Bau eines Infanteriewerks 1937 (die vorgesehene Anlage mit Wirkung auf die Eisenbahnbrücke wurde hingegen fallen gelassen). Zur Unterbindung infanteristischer Übersetzung des Rheins wurde 1939 ein Maschinengewehrstand errichtet. Schliesslich zog die Eröffnung der neuen Strassenbrücke zwischen Schaffhausen und Flurlingen 1942 den Bau eines weiteren Infanteriewerks nach sich.


Quellenangaben

General Guisan 1874-1960 – Offizielles Erinnerungswerk veröffentlicht unter dem Patronat von Bundesrat Paul Chaudet und mit Unterstützung der Familie des Generals, Fretz und Wasmuth Verlag Zürich, 1960 by Librairie Marguerat S.A., Lausanne, Druck des Textes und des Bildteiles Héliographia S. A., Lausanne

Gedenkworte, gesprochen am 8. April 1960 am Landessender Beromünster, zum Tod des Generals Henri Guisan

Eine Erinnerung aus dem Aktivdienst aus der Feder von Hermann Hirt „Der General kommt!“- aus dem Lebenslauf Hermann Hirt, Seiten 15 – 17 (Zum Andenken an Hermann Hirt Vuilleumier 10. IX. 1905 – 12. II. 1966). Dabei handelt es sich um eine digitale Abschrift von Christian Amsler aus den Lebenserinnerungen von Hermann Hirt. Hinweis: Das traditionsreiche Schaffhauser Bataillon 264 wurde Jahrzehnte später einige Jahre lang von Hermann Hirts Enkel, Oberstlt Christian Amsler (Autor), als Bataillonskommandant geführt.

Militärische Denkmäler im Kanton Zürich: Inventar der Kampf- und Führungsbauten, 2004, Herausgeber und Vertrieb Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS, armasuisse, Bereich Bauten, Kasernenstrasse 7, 3003 Bern, Redaktion: Silvio Keller, Architekt HTL, Maurice Lovisa, Architekt ETHL, Bern, Patrick Geiger, lic. phil. I

Tagesbefehl des Generals zum 1. August 1941



Bildnachweis: Titelbild General Guisan, Kinderempfang, Jahr unbekannt, Photopress. – Porträtbild General Guisan, Abschied, 1960, Photo Maxim. – Porträtbild Christian Amsler zvg. – Service 1: Hermann Hirt, Jahr unbekannt, Photo H. & K. Huber, Photographen, Luzern. – Wachtmeister Hermann Hirt im Aktivdienst an der Grenze im Kanton Schaffhausen und bei einer Pause (Familienarchiv Familie Hirt). – Service 2: Wie eine Ansichtskarte eine kleine, spannende Geschichte erzählt (Karte von 1940, Schaffhausen).

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