Swiss History-Charts by Hanspeter Amstutz

Mit Hanspeter Amstutz wird Geschichte lebendig – ob Sie nun zügig von Chart zu Chart surfen oder bei einigen oder gar allen154 Charts die Texte zur Erläuterung und Vertiefung lesen. Sie entscheiden. Beides ist möglich. Beides bringt Ihnen die Goldenen Zwanzigerjahre und die Krise in den 1930er-Jahren näher.


Was bringen Erkenntnisse zur Schweizer Geschichte, wenn sie zwar gelesen, jedoch nicht mit anderen Menschen geteilt und ausgetauscht, diskutiert und debattiert werden? Je 12 Thesen zu den aufregenden 1920er-Jahren und den schwierigen 1930er-Jahren regen das Gespräch in der Familie, mit Freunden, in der Firma an. Wo sind Sie dagegen, wo dafür? Mit welchen Analysen und Argumenten?


Warm-up: 12 Thesen zum Höhenflug in den Goldenen Zwanzigerjahren

  1. Die ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren in Europa von schweren Krisen geprägt.
  2. In den USA hingegen blühte die Wirtschaft und es herrschte eine optimistische Stimmung.
  3. In den USA konnten sich die meisten Familien 1925 bereits einen Fernseher leisten.
  4. Die Schweiz setzte ab 1920 voll auf den Ausbau der Dampfkraft.
  5. In den Filmen der Stummfilmkünstler kann man viel vom Leben in den USA der Zwanzigerjahre entdecken.
  6. Die Bauhaus-Architektur der Zwanzigerjahre blieb ohne grossen Einfluss auf spätere Bauten.
  7. Der Völkerbund war ein grossartiger Versuch, Konflikte friedlich zu regeln.
  8. Deutschland und Frankreich standen sich 1928 noch immer unversöhnlich gegenüber.
  9. Die USA hatten weder wirtschaftlich noch kulturell (Musikstile) einen Einfluss auf Europa.
  10. In vielen Ländern ging es mit der Emanzipation der Frauen ein gutes Stück vorwärts. Das zeigte sich auch in der Mode.
  11. Im Wettbewerb zwischen Wasserflugzeugen, Flugzeugen und Zeppelinen konnten die Anhänger der Luftschiffe die grössten Erfolge feiern.
  12. Die Krokodil-Lokomotive ist ein Meisterstück unserer Industrie aus den Zwanzigerjahren.


Warm-up: 12 Thesen zum abrupten Fall und der Krise in den Dreissigerjahren

  1. Der Börsencrash von 1929 an der Wallstreet in New York war in keiner Weise voraussehbar.
  2. Nach dem Börsensturz in den USA herrschte nicht die geringste Panik in der Bevölkerung.
  3. Die Auswirkungen des Börsensturzes auf Europa blieben sehr gering.
  4. In der Schweiz war die Arbeitslosenversicherung völlig ungenügend.
  5. Präsident Roosevelt sah tatenlos zu, wie es mit den USA bergab ging.
  6. Reichskanzler Hitler gelang es, mit Arbeitsprogrammen die Arbeitslosen zu beschäftigen.
  7. In der Schweiz nahmen die Stadtregierungen grössere Verschuldungen in Kauf, um Arbeitslose bei öffentlichen Bauten anstellen zu können.
  8. Dank Kurzarbeit mussten weniger Arbeitnehmer entlassen werden.
  9. Hohe Schutzzölle für viele Produkte brachten den Welthandel weitgehend zum Erliegen.
  10. Die militärische Aufrüstung am Ende der Dreissigerjahre hat die Wirtschaftskrise beendet.
  11. Die Krise der Dreissigerjahre war für die damalige Jugend kaum spürbar.
  12. Eine Wirtschaftskrise wie in den Dreissigerjahren wird es nie mehr geben.


Spricht man von den Goldenen Zwanzigerjahren, so denken viele an die aufregende Zeit des Stummfilmkinos mit Dick und Doof und an die zurückgewonnene Lebensfreude nach der dunklen Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Zwanzigerjahre sind in vielen Lebensbereichen eine Zeit des grossen Aufbruchs. Die Technik verändert das Leben rasant und in Kunst und Mode gerät ganz viel in Bewegung. Trotz dieser Entwicklung bleibt das Leben aber für die meisten Menschen ziemlich hart. Vieles, was für uns heute im Leben selbstverständlich ist, war damals ziemlich neu und hat fasziniert. Dass die Zeit der Goldenen Zwanzigerjahre ein abruptes Ende hatte, sehen wir in den beiden letzten Kapiteln mit der Schilderung der weltweiten Wirtschaftskrise und den Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose in unserem Land.


Hatten vor dem Weltkrieg Kaiser und Könige in Europa das Sagen, brechen am Kriegsende die Herrschaftssysteme der Mittelmächte zusammen und in Russland wird die Zarenfamilie umgebracht. Die europäische Länderkarte wird 1919 neu gezeichnet und es entsteht mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie Österreich-Ungarn ein eigentliches Vakuum in Mitteleuropa. Diese neue Ausgangslage bestimmt die europäische Politik der Zwischenkriegszeit in hohem Mass.


Zur Einteilung der Periode von 1919 bis 1929: In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind die kriegführenden Länder (ausser den USA) völlig erschöpft. Die vier langen Kriegsjahre mit dem furchtbaren Stellungskrieg haben bei Siegern und Verlierern zu hohen Verlusten an Menschen und Material geführt. Im Friedensvertrag von Versailles versuchen die hart auftretenden Sieger, auf Kosten der Verlierer die Wirtschaft ihrer Länder wieder aufzubauen. Europa steckt in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Mit dem Kurswechsel der französischen Regierung (Aussenminister Briand ab 1925) und dem versöhnungswilligen deutschen Aussenminister Stresemann verändert sich die Situation grundlegend. Amerikanische Banken verfügen über viel Geld und gewähren europäischen Firmen grössere Kredite. Der europäische Wirtschaftsaufschwung kommt dank amerikanischer Unterstützung ab 1924 in Gang. Die Goldenen Zwanzigerjahre dauern in Europa nur fünf Jahre. Aber sie verändern unser Leben in vielen Bereichen grundlegend.


Der Erste Weltkrieg war grauenhaft. Zehn Millionen Tote waren die Folge von mörderischen Grabenkämpfen im Westen und einem zermürbenden Bewegungskrieg im Osten. Das Bild links zeigt deutsche Soldaten in einem Schützengraben vor einem gedeckten Unterstand. Ein Soldat ersteigt eine Leiter, um einen Blick auf die gegnerischen Stellungen werfen zu können. Vielleicht erfolgt schon bald ein verheerendes Artilleriebombardement oder ein Giftgasangriff. Nach dem stundenlangen Beschuss werden die französischen Truppen zu Tausenden auf die deutschen Stellungen losrennen. Die Deutschen werden versuchen, den Angriff mit Maschinengewehren abzuwehren. Am Schluss kommt es zum Nahkampf mit Gewehrfeuer, Handgranaten und Bajonetten. Ein allfälliger Sieg bringt den Franzosen aber nicht viel, da weiter hinten meist ein zweites oder gar drittes Grabensystem besteht. Der deutsche Gegenangriff wird die Franzosen später wieder zurückwerfen. Fast vier Jahre Grabenkrieg hat beiden Seiten kaum Geländegewinne gebracht. Aber Friedhöfe mit Tausenden von Kreuzen für gefallene Soldaten.


Erst mit dem Eintritt der USA ins Kriegsgeschehen an der Westfront Ende 1917 verschob sich das militärische Gleichgewicht zugunsten der Entente (England, Frankreich, Italien). Die zahlenmässige und kriegstechnische Überlegenheit der Entente führte schliesslich zum Zusammenbruch der Deutschen Armee im November 1918. Die Darstellung im Nebelspalter zum Kriegsdrama sagt mehr als viele Worte. Die Sieger sind letztlich auch Verlierer, da sie einen hohen Blutzoll entrichten mussten. Verschont bleiben einzig die neutralen Staaten wie beispielsweise die Schweiz oder Holland. Sie blicken verstört auf das blutige Ringen.


Dieser beinamputierte deutsche Soldat findet im besiegten Deutschland keine Arbeit mehr und erhält auch keine Invalidenrente. Er geht betteln und hofft auf das Mitleid seiner verarmten Landsleute. Kriegsopfer finden sich zu Hunderttausenden in allen kriegführenden Staaten. Aus dem vor dem Krieg blühenden Europa ist ein Kontinent geworden, der unter den Folgen des Kriegselends schwer leidet. Die Sieger Grossbritannien, Frankreich und USA suchen nach den Schuldigen für die Katastrophe. Man ist sich unter den Siegermächten einig, dass die Kaiser und die Generäle der Mittelmächte die Hauptverantwortung tragen. Sie müssen weg!


Der Zusammenbruch der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn hat grosse Folgen für die Verlierer. Am härtesten trifft es das Kaiserreich Österreich-Ungarn, das aufgelöst wird und in verschiedene Staaten zerfällt. Kaiser Karl muss seine Krone niederlegen. Deutschland wird verkleinert und der Kaiser muss abdanken. Zudem wird es von den Siegermächten hart bestraft, indem ihm eine Kriegsschuld von 132 Milliarden Mark in Gold auferlegt wird. In Russland ist der Zar bereits 1917 von den Kommunisten abgesetzt und später ermordet worden. Das Land heisst jetzt Sowjetunion. In Mittel-und Osteuropa entstehen neue Staaten: Finnland, die Baltischen Staaten, Polen und die Tschechoslowakei. Neu ist auch Jugoslawien, das aus Serbien und aus Gebieten von Österreich-Ungarn entstanden ist.


Das Bild von Europa vor dem Weltkrieg zeigt, wie sehr sich die Grenzen 1919 verschoben haben. Bis 1918 dominierten fünf Grossmächte: Grossbritannien (mit Irland), Frankreich, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland. Die fünf europäischen Grossmächte beherrschten 1914 die halbe Welt (Kolonien) und hätten zufrieden sein können. Doch sie waren gegenseitig voll Misstrauen und rüsteten militärisch massiv auf. Das schrankenlose Machtstreben der fünf Grossmächte endete in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs.


Kaiser Wilhelm II. war zweifellos mitschuldig am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er wollte Deutschland eine Vormachtstellung auf dem Kontinent sichern und fürchtete die Revancheabsichten der Franzosen. Diese wollten das ans Deutsche Reich 1871 verlorene Elsass-Lothringen wieder zurückgewinnen. Dem deutschen Kaiser allein die Kriegsschuld zuzuweisen, wäre verfehlt. Doch die Siegermächte machen ihn zum Hauptschuldigen. In den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs flieht Wilhelm ins neutrale Holland, um sich einer Bestrafung zu entziehen. Nach seiner Flucht wird in Berlin die Republik ausgerufen. An der Spitze des deutschen Reiches steht nun kein Kaiser mehr, sondern der Reichspräsident. Wilhelm lebt bis zu seinem Tod 1940 in einem Schloss bei Utrecht und wird von den Holländern nicht an die Siegermächte ausgeliefert.


Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn steht am Ende des Weltkriegs als grosser Verlierer da. Kaiser Karl muss 1918 abdanken und flieht zuerst in die Schweiz. Hier kann er aber auch nicht länger bleiben. Er geht schliesslich auf die portugiesische Atlantikinsel Madeira ins definitive Exil. Dort stirbt er 1922 an den Folgen der Spanischen Grippe. Mit dem Verzicht von Kaiser Karl I. auf die österreichische Krone geht die über sechshundertjährige Geschichte der habsburgischen Kaiser (Altes Deutsches Reich und Österreich-Ungarn) zu Ende. Unter Kaiser Franz Joseph (bis 1916) war Wien die glanzvolle Hauptstadt eines riesigen Vielvölkerstaats. Der Wiener Hofball war stets ein gesellschaftliches Ereignis, wo sich der Adel des Vielvölkerstaats beim Walzertanzen traf. Mit der Auflösung der Grossmacht Österreich-Ungarn entsteht in Mittel- und Südosteuropa ein politisches Vakuum.


Das riesige Russland ist trotz einiger Industriebetriebe im Westen des Landes landwirtschaftlich geprägt und beim Lebensstandard der Bevölkerung hoffnungslos im Rückstand. Während der Zar (russischer Kaiser) prächtige Paläste und grosse Kunstschätze besitzt, leben die meisten Bauernfamilien in primitiven Häusern. Im Ersten Weltkrieg werden die russischen Truppen nach anfänglichen Erfolgen von den Deutschen weit nach Osten zurückgedrängt. Die wirtschaftliche Lage im Riesenreich ist katastrophal, doch der Zar will den verlustreichen Krieg weiterführen. Nachdem politische Reformen zur Erneuerung des Landes gescheitert sind, planen revolutionäre Kräfte einen radikalen Umsturz. 1917 gelingt es den Kommunisten unter der Führung Lenins, die Macht an sich zu reissen. Zar Nikolaus wird gefangen genommen, unter Hausarrest gestellt und schliesslich auf Befehl Lenins mit seiner ganzen Familie erschossen. Nach einem dreijährigen Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des Zaren und der Roten Armee gehen die Kommunisten als Sieger hervor. Russland nennt sich nun Sowjetunion.


Der Friedensvertrag von Versailles war weitgehend ein Diktatfrieden der Siegermächte. Der harte Vertrag gilt als eine der Ursachen, dass rechtsextreme Parteien im Deutschland der Dreissigerjahre viel Zulauf hatten. Deutschland wird 1919 zusammen mit Österreich-Ungarn als hauptverantwortlich für den Weltkrieg bezeichnet und entsprechend hart bestraft. Französisches Militär besetzt das linksufrige Rheinland. Dem deutschen Militär wird untersagt, eine Sperrzone entlang des Rheins zu betreten. Deutschland darf keine Luftwaffe und keine U-Boote mehr besitzen. Die Deutschen stöhnen unter der Last der von den Alliierten auferlegten Kriegsschuld. Schon bald sind die Staatskassen leer. Die Regierung druckt nun Papiergeld in riesigen Mengen. Doch da die Golddeckung fehlt, haben die Noten fast keinen Wert und sind ein nutzloses Zahlungsmittel. So kommt es 1923 zu einer grossen Inflation. Deutschland muss einen Teil seiner Ostgebiete an das neue entstandene Polen abtreten. Fast ein Million Flüchtlinge suchen eine neue Heimat im Westen des Landes. Für die junge Weimarer Republik ist der Versailler Vertrag eine schwere Hypothek.


Der europäischen Wirtschaft geht es 1918 schlecht. Zwar herrscht kein Krieg mehr, doch Inflation, Kapitalmangel, Nahrungsmittelmangel und die Spanische Grippe machen den Menschen das Leben schwer. Politisch ist das Klima zwischen vielen europäischen Staaten ziemlich vergiftet. Jedes Land schaut für sich. Die vielen invaliden Kriegstoten hinterlassen überall grosse Lücken in den Industrietrieben und den Bauernhöfen. Da die grossen Schlachten des Weltkriegs vor allem auf französischem Boden stattgefunden haben, hat das Land besonders stark gelitten. Als Siegernation möchte Frankreich sich auf Kosten Deutschlands wieder aufrichten. Nachdem die deutschen Goldreserven aufgebraucht sind, verlangen die Franzosen als Ersatz deutsche Warenlieferungen, die pünktlich abgeliefert werden müssen. Das führt zu neuen Spannungen zwischen den beiden Erzfeinden. In Deutschland führt die ganze Entwicklung zu Hungersnöten und viel Elend.


Der Erste Weltkrieg schafft auch in unserem Land einen tiefen Einschnitt in das Leben unserer Bevölkerung. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg fehlen die sozialen Absicherungen der Wehrmänner. Die Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Lebensmitteln ist zeitweise ungenügend. Die bereits vorhandenen politischen Spannungen werden durch den Krieg verstärkt und finden im Generalstreik einen eigentlichen Höhepunkt.


Die Armeeführung war überzeugt, dass ein allfälliger Angriff nicht von Deutschland, sondern von Frankreich zu erwarten war. Deshalb wurden in erster Linie Verteidigungsstellungen im Jura errichtet. Die meisten Soldaten leisteten während mehreren Monaten Dienst aneinander und konnten dann für einige Zeit wieder zurück nach Hause. Der Dienstbetrieb auf den eisigen Jurahöhen war vor allem im Winter sehr hart. Zudem war die Vorstellung, dass Frau und Kinder nur knapp zu essen hatten, ziemlich bedrückend. Auf dem Bild wärmen zwei Soldaten bei einer Feuerstelle das Essen für ihre Kameraden auf.


Der Dienstbetrieb war meist von Routine geprägt und wenig abwechslungsreich. Die Soldaten waren froh, wenn sie sich in einfachen Unterkünften ausruhen oder miteinander einen Jass klopfen konnten. Die Sehnsucht nach der Familie führte bei vielen zu einem regen Briefverkehr. Was wohl der Soldat am einfachen Brettertisch schreibt? Die Soldaten schliefen in Massenlagern auf Stroh. Sie mussten damit rechnen, von Läusen und Bettwanzen gestochen zu werden. Aber sie waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht dem eisigen Wind ausgesetzt zu sein.


Obwohl der Wehrwille der Schweizer Soldaten im Ersten Weltkrieg sehr hoch war, war von Dienstfreude schon nach wenigen Wochen nicht mehr viel übrig. Der damals übliche preussische Drill mit Formationsübungen und Laufschritt in Viererreihen wurde zur Disziplinierung der Truppe eingesetzt. Die Deutschfreundlichkeit des Militärs in der Deutschschweiz war so ausgeprägt, dass im Dienstbetrieb die Offiziere oft Hochdeutsch sprachen. In der Romandie hingegen stand man auf der Seite Frankreichs. Dieser Riss durch die Schweiz war für unser Land nicht unproblematisch. Die grösste Sorge der Wehrmänner aber war der fehlende Erwerbsersatz. Mit dem kleinen Tagessold von wenigen Franken (heutiger Geldwert) konnten verheiratete Soldaten ihre Familien zuhause kaum unterstützen. Jeder Soldat war froh, wenn er für ein paar Wochen oder Monate nach Hause gehen konnte und wieder seinen Arbeitslohn erhielt.


Gegen Ende des Ersten Weltkriegs konnte unser Land kaum noch Getreide aus den USA und Kanada einführen. Das führte zu einer drastischen Verknappung beim Brot. 1918 kam es zu einer grossen Teuerung. Familien, deren Väter im Aktivdienst waren und keinen Erwerbsersatz erhielten, gerieten in grosse Not. In den meisten Städten und Gemeinden versuchten die Behörden eine Hungersnot abzuwenden, indem man den vielen armen Familien gratis Suppe und einfache Mahlzeiten abgab. Dies konnte aber nicht verhindern, dass die Stimmung im Land umschlug und aggressiver wurde. In den grossen Städten gab es Protestversammlungen, die von den Gewerkschaften und linken Parteien organisiert wurden.


Zu allem Elend brach im Sommer 1918 eine sehr gefährliche Grippe aus. Sie wurde als Spanische Grippe bezeichnet, da in Spanien die ersten Krankheitsfälle registriert wurden. Die oft tödlich verlaufene Grippe traf im Gegensatz zur aktuellen Covid 19-Grippe vor allem junge Leute schwer. Gefährlich war die Grippe deshalb für die jungen Soldaten, die im Dienst auf engstem Raum zusammenlebten. Die Tödlichkeit der Krankheit wurde auf 5 bis 10 Prozent der Erkrankten geschätzt. Die Spanische Grippe hat im Zeitraum von 1918 bis 1920 weltweit schätzungsweise zwischen 20 und 50 Millionen Tote gefordert. Die Gesundheitssysteme der meisten Länder waren damals völlig überfordert. Die Kranken gesondert zu behandeln war nicht einfach. Während im Bild links sich unzählige Kranke in einem einzigen Raum befinden, wird in einem Washingtoner Spital versucht, die Patienten zu isolieren (rechts oben). Das Tragen von Masken war ein guter Versuch, die Ansteckungsgefahr zu verringern.


Die Not am Ende der Kriegszeit führt zu grossen Spannungen zwischen den wohlhabenden Bürgern und der ums tägliche Brot kämpfenden Arbeiterschaft. Die Arbeiter schliessen sich zusammen und sind entschlossen, mit Streiks und politischen Mitteln ihre Lage zu verbessern. Bei den Arbeitern entsteht ein eigentliches Klassenbewusstsein. Viele fühlen sich als «ausgenützte Proletarier». Starke Arbeiterführer und mutige Frauen tun viel dafür, um die Situation der Arbeiter zu verbessern. So gründen sie Konsumvereine, wo Arbeiterfrauen günstig einkaufen können. Sie führen eine gemeinsame Streikkasse, um längere Streiks durchstehen zu können und informieren sich im «Volksrecht» über politische Angelegenheiten. Um den Zusammenhalt unter den Arbeitern zu fördern, gestalten sie die knappe Freizeit oft gemeinsam. Sie machen Musik in der Arbeitermusik oder gehen in den Arbeiterturnverein (SATUS). Es gibt auch Arbeiter-Schützenvereine und den Arbeiter-Sängerbund. Auf dem Bild sieht man links zwei Gewerkschaftsvertreter. Der schmale Vertreter gehört einer christlichen Gewerkschaft an, während der mit der Faust auf den Tisch schlagende Arbeiter ein Vertreter der grossen Gewerkschaft SGB ist.


Wohlhabende Bürger fühlen sich in der Defensive. Viele befürchten, in einem politischen Umsturz ihre Vorrechte zu verlieren und Macht an die kämpferische Arbeiterschaft abtreten zu müssen. Das Bürgertum besteht aus Kleinunternehmern wie Bäcker, Metzger, Schreiner oder Druckern. Auch die Kaufleute bilden einen wichtigen Teil des Bürgertums. In guten Zeiten erwerben sie einen gewissen Reichtum und können sich im Leben einiges leisten. Bürgerinnen und Bürger kaufen beim Detailhändler mit seinem reichen Warensortiment ein. Sie wohnen in einer schönen Stadtwohnung mit Balkon, hohen Zimmerdecken und grossen Fenstern. Wer Freude hat an der Kunst, besucht das Opernhaus oder die Tonhalle. Viele Bürger lesen die NZZ und sind oft gut gebildet. Ihre Kinder schicken sie wenn möglich ins Gymnasium oder in eine Handelsschule. Bürger wählen in der Regel freisinnig. Sie wehren sich gegen hohe Steuern und wollen nicht, dass sich der Staat zu sehr in ihr Leben einmischt. Das grosse Fest des Stadtzürcher Bürgertums ist das Sechseläuten. Es beschwört die Tradition des Gewerbes und des Kleinhandels.


Am 11. November 1918 unterzeichnen Franzosen und Deutsche den Waffenstillstand von Compiègne. Damit ist der Erste Weltkrieg faktisch zu Ende. In Deutschland ist die Lage konfus. Linke Kräfte versuchen, an die Macht zu kommen. Es ist offen, ob die Kommunisten Erfolg haben werden oder von der neuen sozialdemokratischen Regierung in die Schranken gewiesen werden können. In dieser unruhigen Lage beschliessen gemässigte und radikale Schweizer Arbeiterführer des Oltener Komitees die Ausrufung eines Generalstreiks, falls nicht noch in letzter Minute eine Einigung mit dem Bundesrat erzielt würde. Bei einem Scheitern der Verhandlungen sollte ab dem 12. November die Arbeit in allen Industriebetrieben eingestellt werden und auch die Bahnen sollten nicht mehr verkehren. Der Streik soll so lange dauern, bis die wichtigsten Forderungen der Arbeiterschaft auch von bürgerlicher Seite unterstützt werden.


Treibende Kraft bei der Ausrufung und Organisation des Generalstreiks ist das 21 Mitglieder zählende Oltener Komitee. Dieses besteht aus den führenden Köpfen der Schweizer Arbeiterschaft. Im Komitee vertreten sind Gewerkschaftsführer, Nationalräte der Sozialdemokraten und anderer linker Parteien. Nach den Unruhen in Zürich und dem Abbruch der Verhandlungen mit dem Bundesrat beschliesst das Komitee an einer Tagung in Olten, einen Generalstreik für die ganze Schweiz auszurufen. Zudem werden klare politische Forderungen gestellt. Diese sind aus heutiger Sicht grösstenteils berechtigt und keineswegs extrem. Radikal ist höchstens die Forderung, dass deren Umsetzung möglichst bald geschehen müsse. Die rasche Umsetzung gilt besonders für das Proporzwahlsystem, das bereits in einer Volksabstimmung gutgeheissen wurde. Deshalb sollten vorgezogene Nationalratswahlen nach dem Proporzwahlsystem durchgeführt werden. – Ein Blick in die damalige Zukunft: Die 48-Stunden-Woche wird in den Zwanzigerjahren weitgehend realisiert. Die AHV hingegen wird erst 1948 und das Stimmrecht für Frauen sogar erst 1971 eingeführt werden.


Der Bundesrat tritt in aller Eile zusammen und ist entschlossen, das Oltener Komitee in die Knie zu zwingen. Er lehnt die Forderungen des Streikkomitees ab und fordert den bedingungslosen Abbruch des Streiks. Um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, bietet der Bundesrat das Militär auf. Schon am ersten Streiktag rücken 95 000 Mann ein, davon 20 000 in Zürich und 12 000 in Bern. Die Militärführung vertraut auf Truppen aus der Landschaft, wo nur wenige Arbeiter als Soldaten Dienst leisten. Truppen aus Industrieregionen gelten als weit weniger verlässlich, da sie die Anliegen des Streikkomitees vermutlich unterstützen. Wichtige Plätze, Strassen und Bahnhöfe in den grösseren Städten werden vom Militär bewacht. Man will gewalttätige Aktionen der Streikenden durch die militärische Präsenz zum Vornherein verhindern. Die Soldaten sind bewaffnet und könnten im Notfall von der Schusswaffe Gebrauch machen. Auf dem Bild versammeln sich Truppen auf einem Platz in der Stadt Bern.


Die USA sind seit dem Ende des 19. Jahrhundert eine wirtschaftlich aufstrebende Grossmacht. Der Erste Weltkrieg hat diesen Aufschwung nicht unterbrochen, da das riesige Land erst im letzten Kriegsjahr in den Kampf eingegriffen und im Vergleich zu den europäischen Nationen weit geringere Verluste erlitten hat. Die innovativen amerikanischen Firmen und das gut ausgebaute Bankenwesen machen die USA nach dem Ersten Weltkrieg zur ersten Weltmacht. Amerika ist technisch den Europäern in vielem voraus und scheint einer grossartigen Zukunft entgegenzugehen.


Da die USA erst spät in den Ersten Weltkrieg eingegriffen haben, haben sie die Last des Krieges weniger erlebt. Das Land hat kaum Kriegsschäden erlitten und ihre moderne Wirtschaft konnte von grossen Lieferungen an die Armee profitieren. So fuhren viele US-Soldaten mit neuen Lastwagen an die Front. Nach dem Krieg erleben die USA einen eigentlichen Wirtschaftsboom. Die Börsenkurse steigen in schwindelnde Höhen und die Warenproduktion läuft auf Hochtouren. In den grossen amerikanischen Städten herrscht bereits reger Autoverkehr. Wirtschaftlich geht es den USA blendend. Sie versorgen ihren eigenen riesigen Markt mit Produkten und liefern ihre Industrieerzeugnisse in die halbe Welt. In New Yorks Strassenschluchten teilen Privatautos, kleine Lastwagen und Trams die Verkehrsfläche. Auf den breiten Trottoirs sind viele Fussgänger unterwegs. Die Elektrizität spielt eine wichtige Rolle. Hunderte von Strassenlampen beleuchten nachts die Trottoirs und elektrische Leuchtreklamen prägen das Bild einer modernen Grossstadt.


Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann man in den grossen US-Städten mit dem Bau von Wolkenkratzern. Die amerikanische Stahlindustrie produzierte in grossen Serien Stahlträger, mit denen im Skelettbau eigentliche Wolkenkratzer gebaut werden konnten. Die Stahlträger wurden in den grossen Stahlwerken (z. B. in Pittsburgh) hergestellt und mit Schiff, Bahn und Lastwagen zu den Bauplätzen transportiert. Zwischen dem Stahlskelett wurden Wände aus Beton (oder Granit und Kalkstein) sowie grosse Glasfenster eingebaut. Der erste riesige Wolkenkratzer war das 241 m hohe Woolworth-Gebäude in New York. Im Gebäude sind 34 Lifte installiert, die 57 Stockwerke bedienen. Der im neugotischen Stil errichtete Wolkenkratzer ist nach dreijähriger Bauzeit 1913 eingeweiht worden. Bis 1930 war er das höchste Gebäude der Welt. Die grosse Zeit der Riesen-Wolkenkratzer in den USA beginnt aber erst in den frühen Dreissigerjahren.


Fensterputzer in New York ist zweifellos ein besonderer Beruf, der keine Höhenangst verträgt. Die angeseilten Fensterputzer werden von Seilwinden hochgezogen, damit sie beidhändig ihre Arbeit ausführen können. Zum Vergleich: Die Türme der St. Patrick‘s Kathedrale im Bild rechts sind 101m hoch. Nicht jedermanns Sache ist auch der Stahlskelettbau in luftiger Höhe. Die schweren Stahlträger werden mit Kränen, die am Wolkenkratzer selber montiert sind, von der Strasse unten hochgezogen und richtig platziert. Dann schrauben die mutigen Monteure die Stahlträger zusammen. Das Bild mit den Monteuren auf dem Stahlträger würde den heutigen Unfallversicherungen ganz sicher nicht gefallen. In den Zwanzigerjahren aber waren Unfallversicherungen in den USA noch nicht obligatorisch. Im Hintergrund des linken Bilds erkennt man den Central Park von Manhattan.


In den Zwanzigerjahren herrscht der Stummfilm vor. Erst 1927 kommt in den USA der erste Tonfilm in die Kinos. Der Amerikaner Oliver Hardy und der Engländer Stan Laurel (Dick und Doof) feiern in dieser Übergangszeit als Komikerduo grosse Kinoerfolge. Ihre oft mit Jazzmusik unterlegten Tonfilme werden später in Deutschland mit Synchronstimmen versehen und kommen so in unsere Kinos. Die frühen Filme von Dick und Doof zeigen die Bauten und den Verkehr in den USA der Goldenen Zwanzigerjahre aufs Beste. Stan Laurel und Oliver Hardy waren ein sehr ungleiches Komikerpaar. Zwischen 1926 und 1951 drehten sie 107 Filme, die zu einem grossen Teil ein begeistertes Publikum fanden. Stan war der Kopf des Duos und führte in verschiedenen Film selber Regie. Sie traten auch gemeinsam auf Theaterbühnen auf und gingen auf Tournee durch Europa. Erst mit dem Tod von Oliver im Jahr 1957 ging ihre Zeit zu Ende. Stan wurde 1961 mit einem Ehrenoskar für sein Lebenswerk geehrt. Er starb 1965. Geschäftstüchtigkeit, innovative Ideen, unternehmerischer Optimismus und viel Hektik widerspiegeln in den Filmen den amerikanischen Zeitgeist. Die beiden möchten erfolgreiche Geschäftsleute sein, scheitern aber oft an allerlei Ungeschicklichkeiten und an ihrem Übermut.


Das Bild zeigt die Südspitze von Manhattan mit den frühen Wolkenkratzern und den Landungsbrücken für die grossen Passagierdampfer. Ganz rechts ist einer der Ozeanriesen zu sehen. Die ganz grossen Wolkenkratzer fehlen noch. Sie werden erst in den Dreissigerjahren und in den Siebzigerjahren gebaut. Der Schiffsverkehr spielt in den Zwanzigerjahren die zentrale Rolle für die Verbindungen über den Atlantik. Die Zeppeline können im Vergleich zu den Ozeanriesen nur ganz wenige Passagiere transportieren und fallen zahlenmässig nicht ins Gewicht.


Henri Ford gelingt es, günstige Autos ab Fliessband in seinen Werkhallen in Detroit zu produzieren. Das Modell T von Ford (umgangssprachlich Tin Lizzie) gilt gemeinhin als das erste für die breite Masse erschwingliche Automobil. Unternehmer Ford verbilligt die Produktion seiner Autos innert kurzer Zeit auf einen Viertel des Preises von 1909. Jeder Mittelstandsamerikaner kann sich nun ein Auto leisten. Ford zahlt gute Löhne, da er überzeugt ist, dass die Kaufkraft einer wachsenden Mittelschicht den Umsatz seiner Autofirma fördert. Ford ist sich auch bewusst, dass die Eintönigkeit der Arbeit am Fliessband durch eine Reduktion der Arbeitszeit kompensiert werden muss. Viele seiner Arbeiter habe nur eine kurze Mittagszeit, aber schon am späten Nachmittag Feierabend. Die Arbeiter sollen genug Zeit für die Erholung haben. Trotzdem bleibt die Fliessbandarbeit eine ziemlich geisttötende Sache. Heute werden die meisten Routinearbeiten an den Fliessbändern der Autofirmen durch Industrieroboter ausgeführt.


Prächtige und blitzblank polierte Autos faszinieren die Leute. Für die allermeisten bleibt der Besitz eines Autos jedoch ein schöner Traum. Im Gegensatz zu den USA sind bei uns Privatautos für die meisten Personen unerschwinglich. Nur reiche Leute können sich bei uns teure Autos und einen eigenen Chauffeur leisten. Vielleicht hat noch der Arzt im Dorf ein Auto, um einfacher Hausbesuche machen zu können. Wie man im Bild oben sieht, finden schöne Autos grosse Aufmerksamkeit. Der Wagen hält direkt vor einem Hoteleingang, damit der reiche Herr keinen langen Weg zurücklegen muss. Die Skepsis gegenüber dem motorisierten Verkehr war vielerorts in der Schweiz lange sehr gross. So galt im Kanton Graubünden bis 1925 ein generelles Autofahrverbot. Passstrassen waren meistens Naturstrassen und für Autos ziemlich holprig. Das untere Bild zeigt einen amerikanischen Buick in dynamischer Darstellung. Es ist ein Reklamebild aus dem Jahr 1927.


Henry Fords Sohn Edsel gründete mit Unterstützung seines Vaters die Firma Fordson. Diese spezialisierte sich auf die Herstellung von Traktoren. Die abgebildeten Traktoren haben noch keine luftgefüllten Reifen. Der Traktor mit der Werbeaufschrift besitzt strassengängige Vollgummipneus. Der graue Traktor besitzt eiserne Räder mit einem Profil für die Arbeit im Acker. Für das Fahren auf Naturstrassen war das noch kein Problem. Der Benzintank des Vierzylinder-Traktors befindet sich oben, gleich hinter dem Wassertank mit dem gut sichtbaren Deckel. Vom abgebildeten Modell F werden bis 1928 über 700 000 Exemplare hergestellt. Mit 750 Dollar pro Traktor ist der Preis sehr tief. Die Leistung des 4.3 Liter Motors beträgt etwa 20 PS, das Gewicht ist nur 1.23 Tonnen. Die Traktoren haben viel zur Modernisierung der US-Landwirtschaft beigetragen.


Henry Ford sah in der Aufteilung eines Arbeitsprozesses in einzelne Schritte eine gute Möglichkeit, um die Arbeitsleistung einer Gruppe zu erhöhen. Wenn jeder an seinem Arbeitsplatz nur einige bestimmte Handgriffe auszuführen hatte und nichts dabei denken musste, konnten die Arbeitsprozesse beschleunigt werden. Mit der Einführung der Fliessbandarbeit in der Autoindustrie gelang es ihm, die Verkaufspreise für seine Ford-Autos extrem zu senken. Der Preis für diese Leistungssteigerung war die Eintönigkeit der Arbeit am Fliessband. Ford förderte daher Projekte, welche den Arbeitern in der Freizeit Erholung boten. Dazu zählten Angebote für günstige Schrebergärten (Pünten) für Fabrikarbeiter. In den Ford-Werken wurde nur eine kurze Mittagspause eingeschaltet, damit die Arbeiter bereits am späten Nachmittag nach Hause gehen oder mit einem günstig gekauften Ford wegfahren konnten. Sie sollten so mehr Freizeit zur Verfügung haben. Ford war als Unternehmer sehr erfolgreich, blieb aber mit seinen Vorstellungen über rationelle Arbeitsweisen umstritten.


Die Massenproduktion von elektrischen Geräten ermöglicht es den Amerikanern, ihre Haushalte modern auszurüsten. Gegen Ende der Zwanzigerjahre sind in amerikanischen Mittelstandsfamilien elektrisches Licht, Telefon, Radio und Kühlschrank bereits Standard. In der Schweiz besitzen damals die meisten Haushalte in den meisten Räumen elektrisches Licht. Telefon, Radio und Kühlschrank hingegen sind bei uns noch ein Luxus. In den USA herrschst eine optimistische Stimmung, dass es wirtschaftlich für grosse Teile der Bevölkerung immer weiter aufwärts gehen würde. Manche Leute aus bescheidenen Verhältnissen wagen es gar, Wertpapiere an der Börse zu kaufen und mit grossen Gewinnen zu spekulieren.



Französisches Militär besetzt das linksufrige Rheinland. Zudem wird dem deutschen Militär untersagt, eine 50km breite Sperrzone rechts des Rheins zu betreten. Deutschland muss einen Teil seiner Ostgebiete an das neue entstandene Polen abtreten. Fast ein Million Flüchtlinge suchen eine neue Heimat im Westen Deutschlands. Deutschland darf keine Luftwaffe und keine U-Boote mehr besitzen. Die Deutschen stöhnen unter der Last der von den Alliierten auferlegten Kriegsschuld von 132 Milliarden in Goldwährung. Nach kurzer Zeit ist die Staatskasse leer. Die Regierung druckt nun Papiergeld in riesigen Mengen. Doch da die Golddeckung fehlt, haben die Noten fast keinen Wert und sind ein nutzloses Zahlungsmittel. So kommt es 1923 zu einer grossen Inflation. Da der Wirtschaft das Geld für Investitionen fehlt, nimmt die Arbeitslosigkeit stark zu. Für die junge Weimarer Republik ist der Versailler Vertrag eine schwere Hypothek.


Nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs wird Deutschland 1918 eine Republik. Die neue Verfassung wird in Weimar ausgearbeitet, deshalb der Name Weimarer Republik. Berlin ist nach dem Krieg politisch so aufgewühlt, dass der Verfassungsrat in einer ruhigen Stadt seine Arbeit machen will. Die Weimarer Republik durchläuft drei Phasen: (1) 1918 bis 1923: Chaotische Zustände mit Aufständen von Links und Rechts , Inflation infolge der Reparationszahlungen an die Siegermächte, (2) 1924 bis 1929: Erfolge durch Verständigung mit den Siegermächten und wirtschaftlicher Aufschwung durch Kredite von US-Banken, (3) 1930 bis 1933: Niedergang als Folge einer grossen internationalen Wirtschaftskrise, Nazis und Kommunisten demontieren die Weimarer Republik. – Erster Reichspräsident der Weimarer Republik ist Friedrich Ebert. Der gelernte Sattler ist ein gemässigter Sozialdemokrat, der den Ausgleich zwischen den Extremen sucht. Doch er wird von allen Seiten immer wieder heftig angefeindet und auf übelste Weise beschimpft. Das setzt seiner Gesundheit schwer zu.


Die demokratische Weimarer Verfassung ist erstaunlich fortschrittlich. Zwar ist Deutschland 1919 keine direkte Demokratie, wie wir sie bei uns mit Abstimmungen zu wichtigen Fragen kennen. Aber es gelten nun gleiche Rechte für alle. Die Adelstitel werden im ganzen Land offiziell abgeschafft und der Kaiser muss im Exil bleiben. Zur Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger gehört in Deutschland auch das Frauenstimm- und Wahlrecht. Wie in Nordeuropa und den USA sind die Frauen nun den Männern gleichgestellt. Das hat viel damit zu tun, dass Millionen von Frauen während des Weltkriegs zuhause allein alle Arbeiten ausführten und mit Erfolg das Leben der Familien organisierten. Die Erfahrung, auch ohne männliche Hilfe das Leben zu meistern, wurde prägend für das Selbstbewusstsein der Frauen in den Zwanzigerjahren.


Nachdem die Staatskasse infolge der strengen Schuldentilgung (Zurückzahlen der Kriegsschulden an die Siegermächte) schon bald leer ist, lässt die Regierung Banknoten mit grossen aufgedruckten Beträgen in Umlauf bringen. Doch die Leute haben kein Vertrauen in das ungedeckte Papiergeld. Die Preise für Nahrungsmittel steigen in Millionenhöhe. Wer Glück hat, bekommt am Morgen für fünf Millionen Mark noch ein Kilogramm Brot. Am Abend hat sich der Preis womöglich schon verdoppelt und Ende Woche reichen nicht einmal fünfzig Millionen Mark, um etwas Brot zu kaufen. Die Papierflut nimmt groteske Formen an. An Zahltagen holen die Arbeiter ihren Lohn in Körben ab, damit das viele Papiergeld Platz hat. Wer nicht über feste Werte wie ein eigenes Haus oder teure Wertsachen verfügt, verliert infolge der Inflation sein erspartes Geld. Dieses ist praktisch nichts mehr wert. Die Stimmung im Land ist explosiv. Hunger und Arbeitslosigkeit machen viele Bürger für die Ideen von extremen Parteien empfänglich.


Grosse Armut, galoppierende Inflation und eine hohe Arbeitslosigkeit machen der neuen Regierung schwer zu schaffen. Auf der extremen Linken sind es die Kommunisten, die eine neue Gesellschaftsordnung fordern. Sie möchten wie in der Sowjetunion eine Diktatur der Arbeiterschaft, damit die arme Bevölkerung aus der Not herauskommt. Die Fabriken sollen verstaatlicht, der Besitz der Kapitalisten enteignet und die erwirtschafteten Erträge gerechter verteilt werden. Die Kommunisten glauben aber, dass dieses Ziel nur durch einen brutalen Kampf erreicht werden kann. Sie steuern entschlossen auf eine Revolution in Deutschland zu. Rechts aussen ist es Hitler mit seinen militärisch organisierten Sturm-Abteilungen (SA) , der die Weimarer Republik zerstören will. Hitler spricht offen davon, Deutschland zu einer gefürchteten Grossmacht zu machen und mit den Feinden des Reichs abzurechnen. 1923 versucht er in einem Putschversuch die Bayrische Regierung zu stürzen und danach von München aus nach Berlin zu marschieren. Doch der Putsch misslingt und Hitler muss fünf Monate im Gefängnis absitzen. Die Mitteparteien (Sozialdemokraten und das Zentrum) wissen, dass die junge Demokratie nur eine Chance hat, wenn es wirtschaftlich endlich aufwärtsgeht.


Bei den Wahlen ins neue Parlament wird die SPD stärkste Partei. Zusammen mit dem katholischen Zentrum und einigen Kleinparteien stellen diese Mitteparteien die Regierung. Friedrich Ebert verteidigt die neue Demokratie mit Herzblut. Der grundehrliche Politiker aus einer Handwerkerfamilie versucht alles, um die junge Demokratie zu retten. Doch die üblen Anfeindungen von rechts und links machen ihm schwer zu schaffen. 1925 stirbt er unerwartet an einem Herzinfarkt. – Im 472 Mitglieder zählenden Reichstag verfügen die Mitteparteien 1924 noch über eine relativ klare Mehrheit von 283 Stimmen. Doch die vielen Kleinparteien des Regierungsbündnisses mit ihren unterschiedlichen Interessen machen das Regieren schwierig. Man ist sich oft nicht einig über den einzuschlagenden Weg. Ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung droht die Weimarer Republik frühzeitig zu scheitern.


Der Bundesrat wollte 1918 kein Risiko eingehen. Er liess das Bundeshaus durch bewaffnete Truppen bewachen. Die neu mit einem Stahlhelm ausgerüsteten Soldaten hatten den Befehl, das Bundeshaus zu verteidigen, falls revolutionäre Arbeiter das Gebäude stürmen wollten. Die Streikleitung sah ein, dass die Situation gefährlich wurde. Das Streikkomitee hatte nicht mit der unnachgiebigen Haltung des Bundesrats gerechnet. Vielmehr glaubte man, es würde zu Verhandlungen kommen. Nach drei Tagen brach die Streikleitung den Generalstreik bedingungslos ab, um einen bewaffneten Konflikt zu verhindern. Die Arbeiterschaft war enttäuscht. Doch die Mehrheit des Streikkomitees hatte sich dafür entschieden, auf demokratischem Weg mit Volksabstimmungen ihre politischen Forderungen durchzusetzen.


Der Generalstreik bleibt nicht ohne rasche Folgen. Das vom Volk bereits beschlossene Proporzwahlsystem wird bei den vorgezogenen Nationalratswahlen erstmals angewandt. Die Wahlen werden vorgezogen, weil im bisherigen Nationalrat die gesellschaftliche Struktur der Bevölkerung verzerrt abgebildet ist. Man erhofft sich so einen Abbau der grossen sozialen Spannungen zu Beginn der Zwanzigerjahre. Das Interesse an den Nationalratswahlen ist enorm. Die Stimmbeteiligung erreicht fast 81 Prozent, was einen absoluten Rekord bei eidgenössischen Wahlen bedeutet. Das bisherige Majorzsystem gab der stärksten Partei eines Wahlkreises jeweils sämtliche Sitze. Auf diese Weise hatte bereits die zweitstärkste Partei das Nachsehen. So konnten die Sozialdemokraten nur in den eigentlichen Arbeiterquartieren wie Aussersihl in Zürich zum Erfolg kommen. In den kleineren Städten und den Landgemeinden hingegen waren die Arbeiterparteien in der Regel nicht stark genug, um stärkste Partei eines Wahlkreises zu werden. Mit der Proporzwahl erobern nun auch mittlere und kleinere Parteien Sitze in den einzelnen Wahlkreisen. Der Wählerwille kommt im neuen Parlament von 1919 deshalb viel besser zum Ausdruck.


Die Proporzwahl von 1919 bringt Im Nationalrat gewaltige Sitzverschiebungen zugunsten der Sozialdemokraten und der SVP (damals Bauern- und Bürgerpartei). Verlierer sind die Freisinnigen, welche die absolute Mehrheit im 189 Mitglieder zählenden Nationalrat einbüssen. Neu im Nationalrat von 1919 sind neben der SVP die Demokraten, die Grütlianer und die EVP. Aufgrund der Parteienstärke hätte die SP Anspruch auf zwei Bundesräte gehabt. Doch die Zeit für die Zauberformel für einen Bundesrat mit linker Beteiligung ist noch nicht reif. Die Bürgerlichen verfügen nach wie über eine solide Mehrheit im Parlament und trauen den Sozialdemokraten nicht zu, dass diese verantwortungsvoll mitregieren wollen. Die Erinnerungen an den Generalstreik und die Spannungen zwischen den Gesellschaftsschichten sind noch viel zu stark. Erst 1943 wird mit Ernst Nobs der erste Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt. – Im Ständerat, der aufgrund der Zweiervertretungen aus den Kantonen den Kandidaten kleinerer Parteien kaum Wahlchancen bietet, bleibt die Dominanz der FDP im Jahr 1919 weiter bestehen. Die kleine Kammer kann deshalb bei der Gesetzgebung bürgerliche Anliegen mit Erfolg verteidigen.


Mit der Proporzwahl von 1919 betritt erstmals die SVP die politische Bühne. In einigen ländlich geprägten Kantonen wie etwa in Bern wird sie eine führende politische Kraft. Die damalige SVP vertritt in erster Linie die Bauern und das Kleingewerbe. Sie sieht den Bauernstand als Rückgrat für die Selbstversorgung unseres Landes und steht zu wertkonservativen Vorstellungen. Die SVP tritt trotz der grossen Friedenssehnsucht in den Zwanzigerjahren für eine starke Landesverteidigung ein. – Führender Kopf in der Berner SVP ist Rudolf Minger. 1929 wird der praktizierende Bauer als erstes SVP-Mitglied in den Bundesrat gewählt. Der populäre Minger übernimmt das Militärdepartement und versucht mit grossem Engagement die Schweizer Armee militärisch auf einen kommenden Krieg vorzubereiten.


Das Plakat links nimmt den revolutionären Schwung der Arbeiterschaft in den Zwanzigerjahren auf. Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten glauben an eine neue Gesellschaftsordnung. Mit der Ablehnung aller Militärausgaben (Friedenspolitik der SP) und den Vorstellungen von einer vorübergehenden Diktatur des Proletariats stossen die linken Parteien auf scharfe Ablehnung bei den Bürgerlichen. Politisch sind die linken Parteien völlig isoliert. FDP und CVP (damals Katholisch Konservative) haben im Parlament die absolute Mehrheit und können die Anliegen der SP verhindern. Das Wahlplakat der Freisinnigen malt die Kommunisten (Bolschewisten) als roten Teufel an die Wand. Die Darstellung kommt bei der Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gut an, da immer mehr über die Schreckensherrschaft von Lenin und seinem Nachfolger Stalin in der Sowjetunion bei uns bekannt wird. Solange sich die Linke der Zwanzigerjahre nicht von der Vorstellung der Diktatur des Proletariats klar distanziert, wollen die Bürgerlichen keine Mitbeteiligung der Sozialdemokraten in den kantonalen Regierungen zulassen.


In der Schweiz scheitern in den Zwanzigerjahren alle Bemühungen der Frauenverbände und linker Parteien, den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zu geben. In allen Kantonen werden Vorlagen für gleiche Rechte von Mann und Frau wuchtig verworfen. Die Vorstellung, Frauen gehörten nicht in die Politik, war in der Schweizer Bevölkerung (nicht nur bei den Männern) sehr weit verbreitet. Frauen sollten in erster Linie für Familie und Haushalt sorgen. – Fortschrittlich dachten die Schweizer Männer hingegen bei der Frage des Beitritts unseres Landes zum Völkerbund. Die Vorlage für einen Beitritt wurde klar angenommen. Wohl ein wichtiges Ja-Argument war, dass Genf der Sitz der neuen Organisation wurde und die Schweiz als Vermittlerin in Konflikten künftig eine wichtige Rolle spielen konnte.


Im Abstimmungslokal dominieren zwar die Männer. Aber politisch sind die die Frauen in vielen Ländern den Männern bereits völlig gleichgestellt. Die Frauen beteiligen sich aktiv an politischen Fragen und machen von ihrem Stimmrecht rege Gebrauch. In der Schweiz jedoch bleibt Politik noch lange reine Männersache. In Europa kannten in den Zwanzigerjahren bereits 13 Staaten das aktive Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Darunter waren Deutschland, die skandinavischen Länder, Österreich, die Niederlande und Grossbritannien. Es bleibt noch ein weiter Weg bis zur Gleichberechtigung der Schweizer Frauen. Erst 1971 wird ihnen auf eidgenössischer Ebene die volle politische Gleichberechtigung zugestanden.


Am 15. November 1920 trat die Mitglieder des Völkerbunds zum ersten Mal in Genf zusammen. Doch der Start des Völkerbunds verlief nicht wie geplant. Obwohl US-Präsident Wilson der eigentliche Initiator für eine weltumspannende Friedensorganisation war, blieben die USA dem Völkerbund fern. Grund war die Ablehnung des Völkerbund-Vertrags durch den amerikanischen Senat. Die Senatoren waren verstimmt, weil sie bei der Ausarbeitung des Vertragswerks durch Präsident Wilson nicht miteinbezogen worden waren. Wenig zukunftsweisend war auch der Beschluss des Völkerbunds, das seit 1919 demokratische Deutschland und die kommunistische Sowjetunion nicht in die Völkergemeinschaft aufzunehmen. Damit fehlten zwei wichtige Akteure der Weltpolitik im Völkerbund. Der Völkerbund tagte anfänglich jährlich einmal im Palais Wilson in Genf. Als nachteilig für mutiges Intervenieren in Konfliktfällen erwies sich dabei, dass fast alle Beschlüsse der Völkerbundsversammlung einstimmig gefällt werden mussten. Diese Bestimmung machte den Völkerbund in entscheidenden Situationen handlungsunfähig. Für die laufenden Geschäfte gab es daneben den Völkerbundsrat, in welchem die meisten damaligen Grossmächte einen ständigen Sitz hatten (ähnlich dem Sicherheitsrat der heutigen UNO).


Das Kapitel zeigt, wie es zum Aufschwung in den Zwanzigerjahren nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs kam. Entscheidend für die kurze Blütezeit ist erstens der Regierungswechsel in Frankreich, der mit Aristide Briand eine Epoche der Versöhnung einleitet. Damit ändern sich die politischen Voraussetzungen für einen Aufschwung. Der zur Friedenssicherung gegründete Völkerbund in Genf bekommt so eine grössere Bedeutung. Zweitens spielen die US-Banken mit ihren Kreditvergaben an Deutschland und an andere Länder eine wichtige Rolle. Europa erhält Kapital, das für eine Erneuerung der Betriebe und zur Ankurbelung der Wirtschaft dringend nötig ist.


Der amerikanischen Wirtschaft geht es nach dem Krieg glänzend. Die Autoindustrie und neue Technologien erleben einen rasanten Aufschwung. Die amerikanischen Banken verfügen durch hohe Kursgewinne viel Geld. Sie suchen nach neuen Märkten, um das Geld gewinnbringend anlegen zu können. Ihr Blick richtet sich deshalb nach Europa, wo die kriegsbedingte Krise noch nicht überwunden ist. Da in der deutschen Wirtschaft infolge der Reparationszahlungen an die Siegermächte (Kriegsschulden) ein eklatanter Geldmangel herrscht, sind die US-Banken bereit, deutschen Unternehmen umfangreiche Kredite zu gewähren. Viele Banken beteiligen sich auch als Aktionäre bei deutschen Grossfirmen und bei Firmen in ganz Europa. Ab 1924 verbessert sich deshalb die wirtschaftliche Situation in Europa entscheidend und die Arbeitslosigkeit sinkt stark. Die amerikanischen Kredite haben aber einen Nachteil. Die meisten Geldanleihen haben nur eine kurze Laufzeit von höchstens fünf Jahren und müssen danach zurückbezahlt werden. Das hat sich später zu Beginn der Wirtschaftskrise ab 1930 als verheerend ausgewirkt. Die US-Banken haben die Laufzeit der Kredite nicht verlängert und eine sofortige Rückzahlung verlangt. Das führte zum raschen Zusammenbruch der neu erblühten europäischen Wirtschaft.


Ein anschauliches Beispiel für die Finanzhilfe amerikanischer Banken ist die Firma Adam Opel (Firmengründer) in Rüsselsheim. 1924 kann Opel ein modernes Produktionswerk mit Fliessbändern in Betrieb nehmen. Es gelingt den Brüdern Fritz und Wilhelm Opel, ein preisgünstiges Kleinauto mit dem Namen «Laubfrosch» (Opel 4 PS) auf den Markt zu bringen. Das Auto wird zum Erfolg. Im Jahr 1928 stellt Opel fast 43 000 Autos her und wird zum grössten deutschen Automobilproduzenten. Die Belegschaft von Opel vergrössert sich von 2400 Angestellten auf das Vierfache innert vier Jahren. 1929 übernimmt das US-Grossunternehmen General Motors den grössten Teil der Aktien des deutschen Autoherstellers. Opel ist nun eine amerikanische Firma, doch es sind deutsche Ingenieure, welche die weiteren Opel-Modelle konzipieren. Auch Ford baut in Deutschland Autos für den europäischen Markt. Dies alles ist nur möglich, weil US-Banken den Autofirmen Geld in Form von kurzfristigen Krediten mit einer Laufzeit von fünf Jahren zur Verfügung stellen.


Ende 1923 beschloss die die deutsche Reichsregierung, das praktisch wertlose Papiergeld durch eine neue Rentenmark zu ersetzen. Herausgeber der neuen Währung war die private Rentenbank, welche gemeinsam von Industrie, Landwirtschaft und Handel getragen wurde. Der Wert einer Rentenmark entsprach einer Billion in Papiergeld. Die Rentenmark hatte damit etwa den gleichen Wert wie eine Mark vor dem Ersten Weltkrieg zur Zeit der Golddeckung des Geldes. Die Rentenbank, welche von der Regierung Zuschüsse für die Herausgabe der neuen Währung erhielt, ging ein ziemliches Wagnis ein. Doch die Umstellung auf die Rentenmark im Verlauf des Jahres 1924 wurde zum überraschenden Erfolg: Die Leute fassen Vertrauen zur neuen Währung und die Inflation stoppt nach kurzer Zeit. Das Ganze kommt so unverhofft, dass man vom «Wunder der Rentenmark» spricht. Möglich ist dieser Aufschwung, weil dank amerikanischem Geld und einer neuen Politik der deutschen Reichsregierung in den Fabriken wieder voll gearbeitet wird. Die lähmenden Streiks werden abgebrochen, die Produktivität der Wirtschaft steigt stark an und in Verkehr und Technik gelingt deutschen Ingenieuren Bahnbrechendes. Die Elektro- und Chemieindustrie schafft es gar, europaweit eine Führungsrolle zu übernehmen. In der internationalen Politik zeigt man sich bereit, den Deutschen bei der Rückzahlung der Kriegsschulden entgegenzukommen. 1924 einigt man sich in London in einem Vertrag, der die Reparationszahlungen an die Leistungen der deutschen Wirtschaft koppelt. Die Bevölkerung fasst wieder Mut. Entsprechend gestaltet sind die Plakate jener Zeit.


Aristide Briand war ein Politiker, der sich unermüdlich für die Versöhnung der europäischen Völker einsetzte. Zwischen 1909 und 1932 bekleidete er in verschiedenen französischen Regierungen das Amt des Ministerpräsidenten oder des Aussenministers. Den harten Versailler Vertrag lehnte er ab, da er zu Recht starke Revanchegedanken der Verliererstaaten befürchtete. Kurzzeitig verliess er deshalb 1919 das Regierungskabinett. Briands grosse Zeit sind die Goldenen Zwanzigerjahre. 1925 trifft er sich mit dem deutschen Aussenminister Gustav Stresemann und Politikern anderer europäischer Staaten in Locarno. Es gelingt Briand, die erstarrten politischen Fronten aufzuweichen. Mehrere europäische Staaten sind bereit, in einem Vertrag gegenseitig die aktuellen Grenzen zu garantieren. Deutschland wird als Gegenleistung wieder voll anerkannt und in den Völkerbund aufgenommen. Briand und Stresemann erhalten 1926 den Friedensnobelpreis.


Der Völkerbund wurde vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson initiiert. Wilson wollte nach dem schrecklichen Weltkrieg eine Institution schaffen, die künftige Kriege verhindern sollte. Gegründet wird die Friedensorganisation im Januar 1920. Die erste Versammlung der Nationen findet aber ohne die USA, die Sowjetunion und Deutschland statt. Der amerikanische Senat war verärgert, weil er von Wilson nicht ausreichend über die Organisation des Völkerbunds informiert worden war und verweigerte die Zustimmung zum Beitritt. Russland steckte in Bürgerkriegswirren und Deutschland wollte man als schuldige Nation nicht dabei haben. Grösstes Hindernis für den Völkerbund aber sind nach wie vor die starken Eigeninteressen der Grossmächte. Diese sind meistens nicht bereit, zugunsten der Weltgemeinschaft auf eigene Vorteile zu verzichten. Da Einstimmigkeit bei Beschlüssen Voraussetzung für die Durchführung von wichtigen Massnahmen ist, scheitern leider viele Friedensbemühungen. Nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (1926) gewinnt die völkerverbindende Organisation an Bedeutung. Diese Zeit endet aber mit dem Machtergreifung Hitlers und dem Austritt des Deutschen Reichs aus der internationalen Gemeinschaft. Das Bild links zeigt den neuen Völkerbundspalast aus den Dreissigerjahren.


Das Bild zeigt den neuen Gebäudekomplex des Völkerbunds aus der Mitte der Dreissigerjahre. Im Zentrum der Anlage befindet sich der grossartige Palais des Nations. Obwohl die Schweiz neutral ist, tritt sie ebenfalls dem Völkerbund bei. Die neue Organisation soll möglichst universell sein und auf die guten diplomatischen Dienste der Schweiz zählen können. Genf wird als Standort des Völkerbunds zu einer internationalen Stadt mit grosser Ausstrahlung. Zu den Zielsetzungen des Völkerbunds gehört es, Streit zwischen den Nationen zu schlichten und mit Abrüstungsverhandlungen den Frieden zu sichern. In der Zeit der Goldenen Zwanzigerjahre (1924 bis 1929) kann der Völkerbund einige Erfolge in der Zusammenarbeit der Nationen verzeichnen. Mit der grossen Wirtschaftskrise und dem Aufkommen des Faschismus in Deutschland, Italien und Japan, wird der hoffnungsvolle Ansatz zur Völkerverständigung rasch zerstört. Die drei auf Aggression ausgerichteten Länder verlassen den Völkerbund und kümmern sich nicht um dessen Beschlüsse. 1946 wird der Völkerbund aufgelöst. Nachfolgerorganisation ist die neue Staatengemeinschaft der UNO mit Sitz in New York. Die umfangreichen Bauten in Genf werden heute für Unterorganisationen der UNO genutzt.


Im heutigen Palais des Nations als europäischer Sitz der UNO mit seinen 34 Konferenzsälen finden jährlich rund 600 grosse Konferenzen statt. Daneben gibt es jährlich rund 8000 kleinere Konferenzen und wichtige Begegnungen zwischen Diplomaten aus aller Welt.


1929 erscheint Erich Remarques Antikriegsroman «Im Westen nichts Neues». Darin schildert der deutsche Autor (trotz französischem Namen) in brutalen realistischen Szenen das Kriegsgeschehen an der deutschen Westfront. Geschildert werden Sturmangriffe gegen Maschinengewehrstellungen, Schreckensszenen im Unterstand während eines Artillerie-Trommelfeuers, mörderische Gasangriffe, das zermürbende Warten im Schützengraben und vieles mehr. Remarque, der selber im Krieg verwundet wurde, schreibt über das Schicksal einer Gruppe junger Freiwilliger, die direkt von der Schulbank zum Militärdienst eingerückt ist. Remarque schildert das Geschehen sachlich, aber enorm packend. Er versetzt sich dabei in die Rolle eines der jungen Soldaten und schreibt in der Ich-Form. Das Buch ist sofort ein Riesenerfolg und wird gleich in 26 Sprachen übersetzt. Schon 1930 wird das der Roman in den USA erstmals verfilmt. 1979 wird die Geschichte für eine mehrteilige Fernsehserie erneut verfilmt. «Nie wieder Krieg!», sollte für immer gelten.


Die Olympiade von 1928 ist eine Grossveranstaltung mit über 3000 Teilnehmenden aus 46 Nationen. Die Schweiz stellt eine grosse Delegation von 113 Sportlern und einer einzigen Sportlerin (Florettfechten). Erstmals findet der Einzug der Nationen in der heuten geltenden Reihenfolge statt. Die Delegation Griechenlands marschiert an der Spitze, dann folgenden die anderen Nationen in alphabetischer Reihenfolge und zuletzt kommt das Gastgeberland, die Niederlande. Deutschland darf erstmals nach dem Weltkrieg wieder an der Olympiade teilnehmen. Neu ist das Entzünden des olympischen Feuers und die Teilnahme von Sportlerinnen in der Leichtathletik. Auf den Schiesssport wird in Amsterdam ganz verzichtet. Dafür steigen Friedenstauben in den Himmel auf. Die Welt will nicht mehr an den Weltkrieg erinnert werden. Für die Schweizer Athleten ist Amsterdam ein grosser Erfolg. Die Delegation gewinnt nicht weniger als 15 Medaillen, davon 7 goldene. Am erfolgreichsten sind die Turner, die fünf Goldmedaillen und den Mannschaftswettkampf gewinnen. Georges Miez ist der eigentliche König der Turner. Er gewinnt den Einzelmehrkampf und das Reckturnen. Im Fussball hingegen scheidet unsere Nationalelf früh aus. Die USA stehen am Ende mit 56 Medaillen überlegen an der Spitze des Medaillenspiegels. Die Schweiz mit ihrer grossartigen Turnerdelegation belegt im Gesamtranking den ausgezeichneten 6. Rang.


Die olympischen Winterspiele von 1928 in St. Moritz dauern nur neun Tage. Die Teilnehmerzahl ist mit ist 464 Teilnehmenden und 25 beteiligten Nationen deutlich kleiner als bei den Sommerspielen in Amsterdam. Die Schweiz stellt mit 41 Teilnehmern die grösste Delegation aller Nationen. Sie ist aber mit nur einer gewonnenen Bronzemedaille weit weniger erfolgreich als bei den Sommerspielen. Zuoberst beim Medaillenspiegel steht mit grossem Vorsprung Norwegen, dessen Delegation 15 Medaillen gewinnt. Am beliebtesten ist Eishockey, das auf Natureis auf einem Eisfeld vor einer 4000 Personen fassenden Tribüne gespielt wird. Kanada ist haushoch überlegen und gewinnt die Goldmedaille vor Schweden und der Schweiz. Neben Eishockey gibt es Wettbewerbe im Bob, Skeletton, Langlauf, Nordische Kombination, Eisschnelllauf und Eiskunstlauf. Nur bei letzterem dürfen Frauen mitmachen. Pech haben die Organisatoren 1928 mit dem Wetter. Infolge eines unerwarteten Föhneinbruchs taut auf den Eisfeldern das Natureis. Der Zeitplan wird sehr gedrängt und der 10 km Eisschnelllauf fällt buchstäblich ins Wasser (keine Medaillenvergabe). Alpine Skiwettbewerbe finden 1928 keine statt. Auch ein olympisches Dorf gibt es nicht. Die Sportler werden alle in Oberengadiner Hotels untergebracht. 1948 werden erneut olympische Winterspiele in St. Moritz stattfinden.


Das Kapitel zeigt, wie in den Zwanzigerjahren die Elektrizität bei uns das tägliche Leben stark verändert. Durch Massenproduktion elektrischer Geräte werden diese für eine breite Bevölkerungsschicht erschwinglich. Für die Energieversorgung unseres Landes werden Laufkraftwerke an den Flüssen und grosse Speicherkraftwerke in den Alpen gebaut. Um von der Kohle unabhängig zu sein, setzt die SBB als eines der ersten Bahnunternehmen weltweit auf die Elektrifikation im grossen Stil. Das ausklingende Dampfzeitalter geht in der Schweiz früher zu Ende als in unseren Nachbarländern.


Es ist schon erstaunlich, dass mitten in der Kriegszeit mit dem Bau eines schweizerisch-deutschen Laufkraftwerks begonnen wird. 1920 wird der Betrieb des Kraftwerks Eglisau aufgenommen. Der grösste Teil des produzierten Stroms geht an die Schweiz (92%), da im Staubereich oberhalb des Kraftwerks die Ufer beidseitig fast vollständig zur Schweiz gehören. Da das Kraftwerk an der Stelle der alten Glattmündung gebaut wird, muss die Glatt durch einen Stollen weiter unten in den Rhein geleitet werden. Infolge der Stauung des Rheins oberhalb des Kraftwerks müssen mehrere Häuser in Ufernähe und die holzgedeckte Rheinbrücke in Eglisau abgebrochen werden. Etwas weiter unten wird dann eine neue steinerne Brücke errichtet. Links auf dem farbigen Bild ist das 114m breite Stauwehr mit sechs Öffnungen zu sehen. Bei grosser Wassermenge kann hier überschüssiges Wasser abfliessen. Ganz links am deutschen Ufer ist eine schmale Schleuse für die damals geplante Hochrheinschifffahrt errichtet worden. Sie ist nie in Betrieb genommen worden. Rechts im Bild sieht man die Maschinenhalle mit sieben Kaplanturbinen. Bei einer Fallhöhe von 11m und einem maximalen Durchfluss von 500 Kubikmetern pro Sekunde liefern die sieben Turbinen zusammen 43,4 Megawatt Strom.


Laufkraftwerke sollten möglichst Tag und Nacht in Betrieb sein, damit sie die Energie des fliessenden Wassers nutzen können. Nur bei Servicearbeiten oder Reparaturen werden einzelne Turbinen vorübergehend abgestellt. Der Rhein wird gestaut, damit eine möglichst grosse Fallhöhe erreicht wird. Aber speichern lässt sich das Wasser des Stroms nicht. Tagsüber benötigen die Haushalte und Industriebetriebe zusätzlichen Strom aus Atom- und Speicherkraftwerken in den Alpen. Bei einer relativ geringen Fallhöhe von 11m ist man auf grosse Wassermassen für die Turbinen angewiesen. Im Fallen drücken Tausende von Litern Wasser die Schaufeln der Kaplanturbinen zur Seite und versetzen so die Turbine eine Drehung. Jeder Generator im Maschinenhaus (rechts oben) ist durch eine stählerne Welle mit der Turbine verbunden. Die Generatoren, die einem festen Stator (S) und einem beweglichen Rotor (R) bestehen, produzieren durch Magnetwirkung den Strom. Vergleichbar ist das Ganze mit einem Velo-Dynamo, dessen äussere Hülle den Stator bildet. L steht für die Leitschaufeln. Diese leiten das Wasser im günstigsten Winkel auf die Turbinen und können die Wasserzufuhr auch ganz stoppen.


Die Wägitaler Staumauer im Kanton Schwyz war von 1924 bis 1929 die höchste Gewichtsstaumauer der Welt. Sie ist 111m hoch, oben vier Meter breit und weist eine Kronenlänge von 150m auf. Die Füllung des Sees dauerte zwei Jahre. Das Wasser, das in zwei Stufen insgesamt gut 400m in die Tiefe stürzt, wird vor allem im Winter zur Stromerzeugung genutzt. Das Niveau des Sees erreicht Ende Herbst seinen Höchststand (900m über Meer) und liegt dann im Frühling gut zwanzig Meter tiefer. Die Zentrale des Kraftwerks (Maschinenhaus) befindet sich weiter unten in Siebnen. 140 000 PS ist die Leistung, welche die Turbinen der Anlage in den Zwanzigerjahren erbrachten. 140 000 Pferdestärken gegen 37 Häuser: Durch die Füllung des Stausees verlieren die meisten Einwohner von Innerthal ihr Heimwesen. 37 Häuser müssen geräumt und verlassen werden. Manche tun dies erst im letzten Moment, wenn bereits das Wasser die Türschwellen erreicht. Die Kirche wird gesprengt. Oberhalb des Stausees wird eine neue Kirche errichtet.


Hochdruckkraftwerke sind Speicherkraftwerke, die unseren Energiebedarf in täglichen Spitzenzeiten und im Winterhalbjahr abdecken. Die Turbinen können im Gegensatz zu den Flusskraftwerken ohne Energieverlust abgestellt werden. Zum Schaubild: (1) Hinter der Staumauer sammelt sich das Wasser von Bächen des ganzen Tales zu einem See. Oft wird in Stollen noch Wasser aus Nachbartälern zugeführt. (2) Horizontale Zuführung von Wasser aus dem Stausee zum Wasserschloss. Dort wird die Wassermenge für die Druckleitungen reguliert und gefiltert, damit möglichst wenig Sand im Wasser enthalten ist. (3) Die Druckleitungen führen steil in die Tiefe, damit das Wasser mit voller Kraft auf die Schaufeln der Turbinen auftreffen kann. (4) Mit einer verstellbaren Nadel im Druckrohr kann man die Wasserzufuhr modifizieren und durch eine Verengung den Druck auf die Schaufeln erhöhen. (5) Generatoren erzeugen den Strom. (6) Transformator zur Umwandlung des Stroms auf eine Hochspannung von 300 000 Volt für den Stromtransport über längere Distanzen.


Dieser Coiffeur schneidet einem Kunden die Nackenhaare mit einem elektrischen Rasierapparat. Das Kabel für die Stromzufuhr hängt von der Decke herunter. Unter der elektrisch beheizten Föhnhaube trocknen die Haare schneller. Zwischen 1910 und 1920 verdoppelt sich der Stromverbrauch in der Schweiz. Überall ersetzen elektrische Geräte einfache Instrumente und mechanische Antriebe. Die Schweiz nimmt einen Spitzenplatz ein bei der frühen Elektrifizierung von Industrie, Bahnen und Haushalten. Elektrizität aus Wasserkraft ist im Gegensatz zur teuren Kohle bei uns relativ günstig zu beziehen. Kantone und Gemeinden gründen verschiedene Elektrizitätsgesellschaften, um günstigen Strom anbieten zu können. Man will sicher sein, dass die wichtige Stromversorgung stets gewährleistet ist und keine Spekulanten den Strommarkt beherrschen. Ein Beispiel: 1914 schliessen sich die Kantone der Nordostschweiz zur NOK (Nordostschweizerische Kraftwerke AG) für die Energiegewinnung aus Wasserkraft zusammen. Aus der NOK wird später die Axpo Power AG. Die Axpo ist zu 100 Prozent in öffentlicher Hand.


In den Zwanzigerjahren kommen leistungsfähige Staubsauger auf den Markt. Diese sind aber noch so teuer, dass sich die wenigsten Familien in Europa einen Staubsauger leisten können. Schwere Teppiche müssen deshalb immer wieder aus dem Haus geschleppt, über eine Teppichstange gelegt und mit einem Teppichklopfer vom Staub befreit werden. Bei reichen Leuten hingegen hält der Elektrolux bereits Einzug in den Haushalt. Fast überall ersetzt nun das elektrische Licht in den wichtigsten Räumen wie Stube und Küche die Petrol- oder Gaslampen. Diese braucht man aber oft noch für die Nebenräume.


1925 wird die Bahnstrecke Winterthur-Zürich elektrifiziert. Dieses Ereignis nützt die Firma Maggi in Kemptthal, um ihre berühmten Suppen als modernes Nahrungsmittel in einer Reklamezeichnung anzupreisen. Auf dem Bild ist eine moderne Ae 3/6 der SBB mit Stangenantrieb zu sehen. Im Laufe der Zwanzigerjahre elektrifiziert die SBB fast alle ihre Hauptstrecken. Damit ist man viel weniger von der Einfuhr teurer Kohle abhängig. Zur Firma Maggi: Wo Vater und Mutter kinderreicher Familien in einer Fabrik arbeiten müssen, ist man froh um die schnell zubereitbaren Produkte der Firma Maggi in Kemptthal. Die Suppenfabrik hat beim Bahnhof Kemptthal einen direkten Bahnanschluss. Maggis Suppen und Maggis Würze finden grossen Absatz und werden bis heute auch in Tochterfirmen in vielen anderen Ländern produziert.


In den Zwanzigerjahren fahren viele Züge noch in die grosse Zürcher Bahnhofhalle von 1871. Aber es haben nur sechs Gleise darin Platz. Da Mitte der Zwanzigerjahre die Hauptlinien der SBB elektrifiziert sind, hat es schon bald bereits mehr Elektrolokomotiven als Dampfloks in der Halle. Vor der Halle gibt es einen Vorbahnhof mit einigen Perrondächern. 1930 wird auf dem Gelände des Vorbahnhofs eine moderne mehrschiffige Gleishalle mit 16 Gleisen eröffnet. Die Gleise in der alten Halle werden herausgenommen. In dieser leeren Halle wird später Platz für den Weihnachtsmarkt und andere Veranstaltungen sein.


Diese prächtigen Plakate zeigen, wie sehr die Elektrizität damals faszinierte. Das Plakat rechts mit der Appenzellerbahn stammt zwar aus den frühen Dreissigerjahren, passt aber ganz zum Aufbruch des vorangegangenen Jahrzehnts. Das Wort «elektrisch» drückt fast magisch aus, wie fortschrittlich die Bahn ist. Die Appenzellerbahnen wurden nach 1930 in Etappen elektrifiziert. Mit der Wucht der Felswand im Hintergrund und der Dynamik des aus dem Tunnel brausenden Gotthard-Schnellzugs erzielt das Plakat links eine starke Wirkung. Der Zug wird am Bahnhof Göschenen vorfahren und die Fahrgäste sicher noch Norden führen. Die SBB hat bereits 1920 die Gotthardlinie als wichtige Hauptstrecke elektrifiziert. 1922 konnte die gesamte Strecke von Luzern bis Chiasso mit elektrischen Zügen befahren werden.


Die Industriebetriebe teilen die Aufträge der SBB und von Privatbahnen unter sich auf. So baut die SLM in Winterthur die mechanischen Teile der Lokomotiven, während die Maschinenfabrik Oerlikon und die BBC in Baden (heute ABB) die elektrischen Einrichtungen einbauen. – Die Ae 4/7 sind Lokomotiven mit Einzelachsantrieb. Sie hat vier von je einem Motor angetriebene Achsen, die restlichen drei sind nur Laufachsen zur Verringerung des Achsdrucks. Die Maschinen waren so solid gebaut, dass sie über sechzig Jahre auf dem Netz der SBB verkehrten. Höchstgeschwindigkeit der Ae 4/7: 100 km/h, Motorenleistung total: 3120 PS, Dienstgewicht: 120 Tonnen. – Die braune Ae 3/6 (Typ 2) besitzt einen Stangenantrieb und zwei Motoren. Dank der Antriebsstange werden drei Achsen miteinander verbunden. Die meisten Maschinen waren aber nicht braun, sondern dunkelgrün. – Die Krokodillokomotiven ersetzen ab 1920 die schweren Dampflokomotiven auf der Gotthardstrecke. Die grünen Prachtsmaschinen werden in mehreren kleineren Serien gebaut, die gewisse Unterschiede (Leistung, Antriebsstangen) aufweisen. Oft sieht man sie in Doppeltraktion vor schweren Güterzügen. Nach dem 2. Weltkrieg sind die Maschinen vermehrt im Flachland im Einsatz. Zuletzt benötigte man sie für Kieszüge und im Rangierdienst.


In den Zwanzigerjahren bestellt die SBB keine Dampflokomotiven mehr. Das Bild von der Lokomotivfabrik Winterthur (SLM) erlaubt einen Blick in die Montagehalle etwa um 1925. Rechts sind Elektrolokomotiven für die SBB zu sehen (vermutlich Ae 3/6 mit Stangenantrieb). Links wird an einer grossen Dampflokomotive für eine Bahn im Ausland gearbeitet. Die SLM hat noch bis in die Fünfzigerjahre Dampflokomotiven für Bahnen im Ausland produziert. Während die Dampfloks fast am Ende ihrer Entwicklung stehen, sind die technischen Möglichkeiten der E-Loks noch kaum ausgeschöpft. Schon Ende der Zwanzigerjahre gibt es elektrische Maschinen mit mehr als 3000 PS. Die Grossaufträge der SBB haben der SLM über Jahrzehnte die Arbeitsplätze gesichert. Lange Zeit waren die Lokomotiven aus Winterthur der Konkurrenz in mancher Hinsicht voraus. Erst mit der Marktöffnung in den Neunzigerjahren und durch Fehler des Sulzer Managements geriet die SLM mit ihrem hohen Schweizer Lohnniveau in Schwierigkeiten (die SLM war von Sulzer übernommen worden).


Sulzer und SLM sind in den Zwanzigerjahren zwei bedeutende Schweizer Industrieunternehmen. Im ebenen Tössfeld zwischen dem Winterthurer Rangierbahnhof und der Zürcherstrasse (entlang der Fabrikhallen) dehnen sich die Werkshallen der beiden Grossfirmen aus. Links ist der alte Rangierbahnhof Winterthur zu sehen. Elektrifiziert wird der Bahnhof im Jahr 1925. Oben rechts befindet sich die SLM, die direkt an die Sulzer Fabrikhallen anschliesst. Sulzer Dampfmaschinen waren bis zum Ersten Weltkrieg weltweit führend und zeugten vom hohen Standard der Schweizer Industrie. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte Sulzer auf den Bau von grossen Dieselmotoren um. Auch in diesem Bereich gehörte Sulzer schon bald zur Weltspitze.


Die Anstrengungen der SBB im Bereich der Elektrifikation in den Zwanzigerjahren sind gewaltig. Die SBB elektrifiziert innerhalb von zehn Jahren alle Hauptlinien, ersetzt unzählige Dampflokomotiven durch leistungsfähigere Elektroloks und baut mehrere betriebseigene Kraftwerke für eine preisgünstige Stromproduktion. Die wenig rentablen Nebenlinien kommen zuletzt an die Reihe. Die letzten dieser Nebenbahnen werden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Standardlokomotive für Nebenbahnen ist die Tenderlok Eb 3/5. Der direkt am Führerstand angebaute Tender kann 2.5 Tonnen Kohle fassen. Die solide Maschine erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h. Entsprechend gemütlich dampfen die Nebenbahnzüge durch die ländlichen Gegenden der Schweiz. Das grosse Bild zeigt den Bahnhof Wald im Zürcher Oberland. Zwei Postautos warten auf die vom Zug kommenden Passagiere, um sie in die nahen Dörfer zu bringen. Das vordere Postauto besitzt zwei Hinterachsen, was darauf schliessen lässt, dass diese Postautolinie gut frequentiert ist.


1928 wird auf dem Vierwaldstättersee der letzte Raddampfer der stolzen Dampferflotte in Dienst gestellt. Das Schiff mit dem Namen «Stadt Luzern» bildet den Höhepunkt und zugleich Abschluss des Dampfzeitalters auf dem See. Der Dampfer übertrifft die bisherigen Schiffe bezüglich Fassungsvermögen und Leistungsstärke. Er besitzt eine 1600 PS starke Sulzer Dampfmaschine, die damals noch mit Kohle geheizt wird und mehr Personal erfordert als heute mit Ölförderung. Die maximale Geschwindigkeit ist von 30km/h auf 26 km/h reduziert worden (Schonung der Maschine). Links unten sehen wir eine Zweizylinder Dampfmaschine. Der Maschinist steht über ein Hörrohr mit dem Kapitän auf der Brücke in Verbindung. Er führt Befehle wie «Halbe Kraft voraus!» oder «Maschinen stopp!» aus – ohne Sicht auf den See. Rechts unten sehen wir das Schiff im Trockendock.


Das Kunstschaffen der Zwanzigerjahre ist sehr vielschichtig und reichhaltig. Zum Eintauchen in diese faszinierende Epoche ist es hilfreich, ein paar Eindrücke über bedeutende Entwicklungen der Kunst jener Jahre zu erhalten. Vorab einige wenige Hinweise: Viele neue Kunststile in der Malerei sind bereits vor und während des Ersten Weltkriegs entstanden. Voll von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird die moderne Kunst aber erst in den Zwanzigerjahren. Die moderne Malerei geht sehr unterschiedliche Wege. Von der abstrakten Kunst bis zur neuen Sachlichkeit und dem Expressionismus ist alles zu finden. Mit ihrem funktionalen Stil weist die Bauhaus-Architektur dem modernen Bauen ganz neue Wege. Das Dessauer Bauhaus hat unsere Auffassung vom Wohnen stark verändert. Die Mode der Frauen in den 1920er-Jahren ist eine kleine Revolution gegen alles Einengende in der Zeit davor. Sie ein erster Schritt zur politischen und gesellschaftlichen Befreiung der Frauen.


Das Bild zeigt die 1926 bezogene neue Bauhaus-Schule in Dessau. In dieser Fachhochschule für Gestaltung sind Künstler und Handwerkermeister tätig, die junge Werkstudenten zu künstlerisch und technisch kompetenten „Baumeistern“ ausbilden. Die Verbindung von Handwerk und Kunst ist den Gründern des Bauhauses ein grosses Anliegen. Zu den berühmten Lehrern am Bauhaus zählen die Architekten Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius. Ursprünglich war das Bauhaus 1919 in Weimar gegründet worden. Doch als sich dort die politischen Verhältnisse verschlechterten, wagte man einen Neubeginn in dem von Walter Gropius konzipierten Bauhaus-Gebäude in Dessau. Hier konnten die Formmeister (Künstler, Architekten, Kunstgelehrte) und die Werkmeister unter einem Dach ihre revolutionären Vorstellungen vom modernen Bauen verwirklichen.


Das Bauhaus vertritt auch ein politisches Programm. Das neue Bauen soll mehr Licht in die Wohnungen der Städte bringen und das Leben der Menschen erleichtern. So entwerfen die Bauhausdesigner verblüffend einfach gestaltete Inneneinrichtungen, unter anderem die berühmten Stahlrohrstühle mit den zweckmässigen Formen. Die neuen Ideen aus Dessau werden in jährlich herausgegebenen Büchern und in einer Zeitschrift rasch weltweit verbreitet. Die Bilder oben und rechts unten zeigen das Werkgebäude der Fachhochschule mit den beiden riesigen Glasfronten. Dies ermöglicht das Arbeiten bei besten Lichtverhältnissen. Wie modernes Wohnen künftig aussehen könnte, zeigt Gropius beim Bau der «Meisterhäuser» in einem ruhigen Quartier in Dessau. Diese aus kubischen Baukörpern gestalteten Häuser sind wegweisend für das moderne Bauen in unserer Zeit (Bild links unten mit dem Swimmingpool).


Die Gegenstände des täglichen Bedarfs sollen durch einfache klare Formen überzeugen und preisgünstig herstellbar sein. So werden in Dessau die schönen Stahlrohrstühle und Gefässe wie die von Marianne Brandt entworfene Teekanne (rechts unten) geschaffen.


Das von 1925 bis 1928 errichtete Goetheanum in Dornach ist nach Plänen des Pädagogen Rudolf Steiner konzipiert worden. Es ist heute Sitz- und Tagungsort der Anthroposophischen Gesellschaft und dient auch als Theaterbau. Architektonisch kann der monumentale Sichtbetonbau dem Expressionismus zugeordnet werden. Auffällig ist der weitgehende Verzicht auf rechte Winkel. Der Bau erinnert an eine von einem Bildhauer geschaffene riesige Skulptur. Für den Bau wählte Rudolf Steiner bewusst Beton, da das erste aus Holz gebaute Goetheanum einer Brandstiftung zum Opfer gefallen war.


Das Bild zeigt zwei bedeutende Stilrichtungen der Zwanzigerjahre. (1) Der niederländische Maler Piet Mondrian (1872 bis 1944) gehört mit seinen aus Rechtecken komponierten Bildern in den Primärfarben zu den Gründern der abstrakten Malerei. Das Bild links besticht durch seine Farbwahl und den Rhythmus der Bildfolgen. Mondrian hat zuerst im impressionistischen Stil gemalt und später auch unter dem Einfluss der Bilder von van Gogh dessen Stil teilweise übernommen. Als er Picasso kennenlernt, beginnt er viele Gegenstände immer mehr zu vereinfachen, bis er das Gefühl hat, diese auf das Wesentliche reduziert zu haben. (2) Grosse Künstler wie Pablo Picasso nehmen sich die Freiheit, die Objekte nicht massstabgetreu, sondern so zu malen, wie sie sie subjektiv wahrnehmen. Das gut 2m mal 2.2m grosse Bild rechts heisst «Die drei Musikanten». Es ist von Picasso 1921 im Stil des synthetischen Kubismus gemalt worden. Diese Kunstform schafft aus abstrakten Elementen konkrete Bilder und steht damit im Gegensatz zum etwas älteren Stil des analytischen Kubismus, bei welchem aus konkreten Dingen abstrakte Elemente gebildet werden. Das Bild zeigt drei in Kostüme verkleidete Musiker. Wahrscheinlich ist das Bild eine Erinnerung an seine Italienreise von 1917, wo er von den Auftritten der Gaukler in der Commedia dell‘Arte (Spontantheater auf Marktplätzen) begeistert war. Links ist ein Harlekin zu sehen, rechts ein Mönch.


Künstler wollen ihren Gefühlen mit kräftigen Pinselstrichen und leuchtenden Farben Ausdruck verleihen. Ernst Ludwig Kirchner lebte seit 1917 in Davos. Er malt immer wieder das Dorf und Motive aus der Umgebung. Die Landschaft hat Kirchner nach einem eigenen Farbkonzept gemalt. Die Farben entsprechen nicht der Realität. Heute befindet es sich im Kirchner Museum in Davos. Dort ist die grösste Sammlung seiner insgesamt 30 000 Werke umfassenden Arbeit ausgestellt. Das in vorwiegend warmen Farben gemalte Bild rechts zeigt Davos im Sommer. Hier lebte Kirchner die meiste Zeit bis zu seinem Tod im Jahr 1938. Da er gesundheitlich an der Kälte litt, bevorzugte er den Sommer. – Worin liegt der Unterschied zwischen Impressionismus und Expressionismus? Während in der Zeit des Impressionismus die Künstler den Objekten (z. B. Seerosen oder Blumenwiesen) ihre volle Aufmerksamkeit schenken, sind im Expressionismus die Gegenstände Mittel zum Zweck. Das Subjektive der eigenen Gefühlswelt hat Vorrang.


Kirchners grossartiges Ölbild von 1927 mit der Basler Altstadt misst 120 cm mal 201 cm. Der Maler bevorzugt auf dem Bild eine Darstellung mit vielen Flächen und und kräftigen Pinselstrichen. Der Rhein ist auffallend bewegt und der Himmel dramatisch gestaltet. Die Stadt und die Brücke hingegen stehen unerschütterlich da. Wie bei den Davoser Landschaftsbildern wählt Kirchners wieder eine ganz eigenwillige Farbgebung mit pastellartigen Farbtönen, um das auszudrücken, was ihn bewegt. Kirchners Werke werden überall in Europa ausgestellt und finden in den Zwanzigerjahren viel Anerkennung. In den Dreissigerjahren wagt er sich auch an leicht abstrakte Darstellungen. Doch die modernen Bilder kommen schwer unter Beschusss. Die Nazis in Deutschland beschimpfen seine Malereien als «entartete Kunst». Seine Bilder dürfen ab 1933 in Kirchners Heimat nicht mehr ausgestellt und verkauft werden. Der empfindliche Kirchner leidet darunter sehr. 1938 nimmt er sich mit einer Schusswaffe das Leben.


Das Plakat links oben wirbt mit einer modebewussten Skifahrerin für den Wintersportort Crans im Wallis. Nachdem mit Beginn des Ersten Weltkriegs der Schweizer Tourismus in eine grosse Krise geraten war, versuchen die Ferien- und Wintersportorte die ausländische Kundschaft wieder zurückzugewinnen. Dies gelingt während der Blütezeit der Goldenen Zwanzigerjahre von 1924 bis 1929 recht gut. Für die meisten Schweizer Familien bleiben aber Wintersportferien unerschwinglich. In kalten Wintern ist es deshalb ein Fest für die Kinder, wenn ein grösserer Weiher zugefroren ist und fürs Schlittschuhlaufen freigegeben werden kann. Das Bild rechts zeigt die Eisfläche eines gestauten Rieds bei Effretikon in den Zwanzigerjahren.


Die Frauengruppe links wirkt selbstbewusst und voll Lebensfreude. Nach der düsteren Zeit des Ersten Weltkriegs gilt es, das Leben wieder mehr zu geniessen. Lange und enge Röcke sind passé. Sie reichen nicht mehr bis zum Knöchel, sondern enden knapp unter dem Knie. Im Sommer tragen modebewusste Frauen schulterfreie Kleider mit einen etwas tieferen Ausschnitt. Die Frauen haben sich die neuen Freiheiten oft hart erkämpft. Im Ersten Weltkrieg mussten sie zuhause zusätzlich einen Teil der Arbeit der Männer übernehmen, da diese im Militärdienst waren. Viele stellten dabei fest, dass sie durchaus fähig waren, «ihren Mann zu stellen». Nach dem Krieg verlangen die Frauen deshalb mehr Rechte und mehr Freiheiten. Modeschöpfer in den grossen Städten haben diese gesellschaftlichen Veränderungen rasch erkannt und neue Kreationen mit leichteren Kleidern geschaffen. Modern ist jetzt auch der Kurzhaarschnitt, der Bob (Bubikopf). Auf den Bildern fehlt hier die Zigarette, die manche selbstbewusste Frau in der Hand hält, um die Gleichberechtigung der Geschlechter zu unterstreichen. Die Männermode nimmt Abschied von Frack, Zylinder und steifen Krägen. Die meisten Männer tragen nun elegant geschnittene Anzüge und Krawatten. Bärte sind nicht mehr in Mode. Die Entwicklung erfasst aber vorerst nur einen Teil der Gesellschaft. Bis die neue Mode auch in entfernten Tälern der Schweiz Veränderungen bringt, dauert es noch etwas länger.


Die Anfänge des Tangos finden sich schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Doch erst in den Zwanzigerjahren wird der Tanz mit den argentinischen Wurzeln in Europa richtig beliebt. Der Charleston ist ein aus dem Süden der USA stammender Tanz mit afroamerikanischen Wurzeln. Berühmt wurde er, nachdem ein Jazz-Musical mit dem Namen «The Charleston» am Broadway-Theater in New York aufgeführt wurde. In diesem Stück feierte der wilde Charleston-Tanz seinen Durchbruch. In Europa wird der Charleston durch die Tänzerin Joséphine Baker populär. Der Tanz galt damals allerdings in vornehmeren Kreisen als unkultiviert und nicht salonfähig.


Der Jazz hat seine Wurzeln im Süden der USA. In New Orleans, dem Zentrum des amerikanischen Baumwollanbaugebiets, leben viele Schwarze, die mit der Kultur der dort ansässigen Franzosen und ihrer Musik in Kontakt gekommen sind. Aus der Verbindung von europäischen Harmonien und afrikanischem Rhythmusgefühl entsteht eine neue Musik: der Jazz. Der Jazz wird zwar auch von Weissen übernommen, doch die grossen Stars der Zwanzigerjahre sind schwarze Jazzmusiker. Durch die ersten Schallplattenaufnahmen schwarzer Jazzbands aus den USA wird der neue Musikstil in Europa bekannt. In den Zwanzigerjahren gehen einige US-Jazzbands auf Europatournee. Sie treten in berühmten Lokalen der Grossstädte auf. Die Darstellungen zeigen recht gut, welche Rolle die einzelnen Musiker in der Band einnehmen. Der Schlagzeuger gibt lustvoll den Takt an und der Trompeter legt sich mit seinem Instrument gerade gewaltig ins Zeug. Die andern werden im Verlauf des Programms auch noch ihren besonderen Auftritt haben und zeigen können, was sie solistisch drauf haben.


Die in Berlin gegründete Vokalgruppe der Comedian Harmonists trat im Sommer 1928 erstmals öffentlich auf. Die sechs professionell ausgebildeten Sänger hatten wohlklingende Stimmen, die wunderbar zusammenpassten. Begleitet wurden sie von einem Pianisten, aber oft sangen sie ganz ohne Klavierbegleitung. Die meisten Lieder und Schlager komponierten sie selber. Ihre Texte parodierten oft Szenen aus dem Alltag. Zu Beginn der Dreissigerjahre wurde die Gruppe so berühmt, dass sie die Konzertsäle überall füllten. Sie gingen zuerst in Deutschland auf Tournee, später unternahmen sie Konzertreisen nach Frankreich und in die USA. In der Zeit von 1928 bis 1935 nahm die Firma Elektrola 69 Schallplatten mit Liedern der Gruppe auf. Die Aufnahmen bestachen durch den Wohlklang der sechs Männerstimmen und durch Swingelemente aus dem amerikanischen Jazz. Diese gelungene Mischung machten Lieder wie «Veronika, der Lenz ist da!» äusserst populär. 1935 wurde die Gruppe auf Druck der Nazis aufgelöst, da drei der Sänger Juden waren. Alle sechs Mitglieder der Gruppe haben aber den Zweiten Weltkrieg überlebt.


Das Ölgemälde von Max Radler im Stil der neuen Sachlichkeit stammt zwar von 1930, zeigt aber Radiotechnik der frühen Zwanzigerjahre. Das Reklamebild rechts der Firma Zellweger in Uster hingegen hält die neuste Entwicklung des Radios am Ende der Zwanzigerjahre fest. Das Radiohören ist zu Beginn der Zwanzigerjahre in Europa mehr eine Sache von Bastlern und begeisterten Amateurfunkern aus dem Ersten Weltkrieg. Die privaten Radiosender haben nur eine beschränkte Reichweite und können mehr schlecht als recht empfangen werden. Mitte der Zwanzigerjahre werden in vielen Ländern zahlreiche Radiosender gegründet, die von Aktiengesellschaften betrieben werden. Nachrichten, Auftritte von Künstlern und Musik ab Schallplatten werden über Mittelwelle gesendet. Da nun auch die Lautsprecher der Radios besser werden, nimmt die Zahl der Radiohörer allmählich zu. In der Schweiz erfolgt der Durchbruch des Radios aber erst in den Dreissigerjahren. Mit der Gründung des Landessenders Beromünster im Jahr 1931 beginnt bei uns das Radiozeitalter leicht verspätet.


1926 wurde auf dem Berliner Messegelände der 147 m Hohe Funkturm eingeweiht. Der Stahlfachwerkbau ist damit knapp halb so hoch wie der Eiffelturm. In fünfzig Meter Höhe befindet sich ein öffentlich zugängliches Restaurant und ganz oben eine verglaste Aussichtsplattform. Der Funkturm wurde zum Symbol für die wachsende Bedeutung des Radios in den Zwanzigerjahren. Von hier aus wurden Radiosendungen in die Region Berlin und Brandenburg ausgestrahlt. Der Turm steht heute unter Denkmalschutz. Das Haus des Rundfunks in Berlin ist von 1929 bis 1931 im Stil der neuen Sachlichkeit gebaut worden. Das an zwei Seiten abgerundete dreieckige Gebäude ist für das Radio der damaligen Zeit sehr grosszügig konzipiert worden. Das Haus enthält zwei riesige Sendesäle, mehrere Studios und Büros für die Angestellten des Senders.


In den Zwanzigerjahren ist die Qualität der Schallplatten deutlich verbessert worden. Wer etwas Geld hat, leistet sich ein Grammophon und eine kleine Sammlung mit den neusten Platten. Die Abspielgeräte müssen von Hand mit einer Kurbel aufgezogen werden. Die neusten Modelle haben elektrische Lautsprecher, was die Tonqualität gegenüber einem Gerät mit einem einfachen Trichter deutlich erhöht. Zur Funktion: Auf einer aus Vinyl (heute Polyvinylchlorid) bestehenden Kunststoffplatte sind Tonsignale in einer spiralförmig nach innen verlaufenden Rille mechanisch in unterschiedlich grossen Ausschlägen aufgezeichnet. Beim Abspielen registriert die Nadel des Tonabnehmers die feinen Ausschläge und leitet sie zur Rückverwandlung in Töne zu einer Membran weiter. Diese steht mit einem Trichter oder mit einem elektrischen Lautsprecher in Verbindung.


Am 18. November 1928 wird der Zeichentrickfilm Steamboat Willie in einem New Yorker Theater gezeigt. Es ist die Geburtsstunde der Komikfigur Mickey Mouse und er erste Tonfilm der Filmgeschichte. Die Stimme von Mickey wird vom Produzenten Walt Disney selber gesprochen. Auch der berühmte Gegenspieler von Mickey, Kater Carlo, tritt in diesem Film erstmals auf. Die Werbeplakate für den Film sind farbig, der Film selber ist schwarz-weiss. Die neue Figur wird rasch beliebt und von Disney geschickt vermarktet. 1934 aber tritt eine Nebenfigur der Trickfilmreihe ins Rampenlicht. Es ist Donald Duck, der in unzähligen Geschichten in Schwierigkeiten gerät und immer wieder die Hilfe seiner drei kleinen Neffen (Tick, Trick und Track) benötigt, um aus der Patsche herauszukommen. Die Entenfamilie aus Entenhausen mit Donald, Daisy und dem stein-reichen Dagobert Duck wird für Walt Disney schliesslich zum ganz grossen Erfolg. Besonders beliebt ist Daniel Düsentrieb, der mit seinen verrückten Erfindungen die Herzen vieler Buben höher schlagen lässt.


Der 1889 in London geborene Charly Chaplin hatte keine leichte Jugend. Nach der Trennung seiner künstlerisch tätigen Eltern (Singen und Tanzen) wuchs er bei seiner labilen Mutter auf. Da der Vater früh starb und die Mutter starke psychische Probleme hatte, wuchs Chaplin in Waisenhäusern auf. Oft lebte er auf der Strasse und beobachtete die Menschen. Wie in Dickens berühmtem Oliver Twist gelingt es Chaplin aber, aus der Armut und dem Elend durch viel Fleiss herauszukommen. Chaplins schauspielerisches Talent ist seine Chance, den Weg im Leben zu finden. Er tritt zuerst auf vielen englischen Bühnen auf. Bald wird sein komisches Talent entdeckt. 1913 wagt er den Schritt zum Film und geht in die USA. In Chaplins Filmen ist offensichtlich, dass hinter dem grossen Komiker viel traurige Lebenserfahrung, aber auch viel Mut zur positiven Veränderung steckt. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm gelingt nicht allen Filmschauspielern so gut wie beispielsweise den beiden Komikern Stan Laurel und Oliver Hardy. Charly Chaplin befürchtet nicht ganz zu unrecht, dass mit dem Tonfilm die grosse Schauspielkunst der Pantomime untergehen würde. Chaplin wirkt erst in den späten Dreissigerjahren in grossen Tonfilmen mit. Zu Chaplins grössten Filmen zählen der Stummfilm Modern Times und der Tonfilm Der grosse Diktator. Da sich Chaplin kritisch zum Kapitalismus äussert, gerät er in den USA in den unberechtigten Verdacht, ein Kommunist zu sein. 1952 verlässt er Amerika und lässt sich am Genfersee nieder. Der mit einem Oscar geehrte Komiker stirbt 1977 in der Schweiz.


In den Zwanzigerjahren erlebt das Kino in den grösseren Städten einen gewaltigen Aufschwung. So gibt es in Berlin Mitte (zentraler Bereich der Stadt) rund 60 Kinos. Das ist viermal mehr als heute! Kinos werben mit modernsten Lichtreklamen für ihre Programme. Noch ist es die grosse Zeit der Stummfilme. Erst gegen Ende des Jahrzehnts werden die ersten Tonfilme gezeigt. Einer der grossartigsten Stummfilme ist der monumentale Sciencefiction-Film Metropolis des deutschen Regisseurs Fritz Lang. Der Film zeigt eine Zukunft, wo in einer Megacity Maschinenmenschen und neue Verkehrsmittel das Bild beherrschen. Die Stadt wird von einer in Luxus lebenden Oberschicht beherrscht, während die grosse Masse der Menschen im Untergrund der Stadt schuften muss. Der Film übt scharfe Kritik an der Fliessbandarbeit und generell am Kapitalismus. Ein höchst politischer Film! Der Film ist mit gigantischem Aufwand gedreht worden. Über 500 Modelle von Wolkenkratzern wurden gebaut, um täuschend echte Aufnahmen machen zu können. Fritz Langs Film kann in mancher Hinsicht als Pionierfilm für heutige Sciencefiction-Filme betrachtet werden.


Das neue Medium Film ist so populär, dass auch in Europa grosse Filmstudios in Konkurrenz zu Hollywood gebaut werden. In Berlin wird die Ufa (Universum Film AG) gegründet, die mit Erfolg deutschsprachige Filme produziert. Für die Dreharbeiten stehen den Produzenten nun ganze Filmstädte mit Häuserkulissen zur Verfügung.


Das Kapitel zeigt die eindrückliche technische Entwicklung der Verkehrsmittel ab 1920. Autos, Flugzeuge und Zeppeline stellen in den Zwanzigerjahren immer neue Geschwindigkeits- und Langstreckenrekorde auf. Noch ist offen, welchen Verkehrsmitteln die Zukunft gehört. Aus heutiger Sicht ist das besonders spannend. Die Neuerungen bei den Eisenbahnen sind im Kapitel über die Elektrifizierung der Schweizer Bahnen bereits behandelt worden.


1922 wird die Klausenpassstrasse zwischen Linthal und Altdorf für Autos ausgebaut. Die Strasse ist noch nicht asphaltiert, dennoch verkehrt im Sommer ein Postautokurs über den Pass. Schon 1927 wird mit neuen Postautos der Winterbetrieb bei offener Passstrasse aufgenommen. Zwischen 1922 und 1934 finden europaweit beachtete Auto- und Motorradrennen über den Klausen statt. Es sind die damals besten Rennfahrer, welche sich auf der 21 km langen staubigen Strecke messen. Ohne Rennbrille setzen sie sich nicht in ihren Rennwagen. Die Rennfahrer sind waghalsig und gehen einige Risiken ein, um ein gutes Preisgeld zu erhalten.


In den «fahrbaren Läden» der Migros-Lastwagen werden zehn sauber verpackte Produkte angeboten. Die Migros hat ihre Flotte mit den Ford-Verkaufswagen laufend vergrössert (grosses Bild) und das Produktesortiment später stark ausgeweitet. Die Migros-Verkaufswagen bedienen Gemeinden, wo kein Migros-Verkaufsladen vorhanden ist. Meistens bleibt der fahrbare Laden etwa eine Stunde an einem Ort, bevor der Verkaufstisch wieder hochgeklappt wird. Oben rechts ist ein Transporter für Langholz abgebildet Der steuerbare hintere Teil ist nicht zu sehen. Dort sitzt ein Hilfschauffeur, der in den Kurven gut aufpassen muss.


Private Autos sind in der Schweiz der Zwanzigerjahre nur reicheren Leuten vorbehalten. Im Gegensatz zu den USA, wo die Fliessbandproduktion die Autos rasch verbilligt, geht bei uns die Entwicklung langsamer. Wer sehr reich ist, leistet sich anstelle einer Kutsche nun ein sorgfältig verarbeitetes grosses Auto. Der angestellte Chauffeur sorgt dafür, dass das Auto stets auf Hochglanz poliert und technisch gut gewartet ist. Mit den geteerten Strassen nimmt das Verkehrsaufkommen allmählich zu. Händler kaufen sich einen kleinen Lieferwagen, der Arzt im Dorf macht seine Hausbesuche nun mit dem Auto und vermögende Kaufleute leisten sich ein Motorfahrzeug. Viel günstiger als Autos sind die Motorräder. Sie sind schnell und können mit Seitenwagen noch weitere Personen transportieren. Die Töffs dienen nur selten dem Freizeitvergnügen. Sie sind vielmehr dazu da, um Menschen von A nach B zu transportieren. 1920 ist die amerikanische Firma Harley Davidson die grösste Herstellerin von Motorrädern. Die meisten Schweizer Familien bleiben aber ohne Auto oder Töff.


Die meisten Landstrassen waren zu Beginn der Zwanzigerjahre noch geschotterte Naturstrassen. Bei Trockenheit waren diese Strassen sehr staubig und nach heftigen Regenfällen oft beschädigt. In den Städten und an steilen Streckenabschnitten gab es zwar mit Pflastersteinen befestigte Strassen. Diese Strassenbeläge konnten aber nur mit grossem Aufwand erstellt werden und waren entsprechend teuer. Erst mit der neuen Technik des Asphaltierens (Teerung) konnten Strassen mit einem verhältnismässig günstigen Verfahren mit einem soliden Belag versehen werden. Dies verbesserte die Situation für den motorisierten Verkehr erheblich. Bis 1925 bestand im Kanton Graubünden noch ein Autofahrverbot. Autos wurden an Kutschen befestigt und so «weitertransportiert». Das Bündner Verbot war aber ein Unikum in unserem Land und wurde nach einer Volksabstimmung aufgehoben.


In den Zwanzigerjahren finden in Dübendorf regelmässig Flugmeetings statt. Diese ziehen Tausende von Zuschauern an. Die Flugzeuge werden von Jahr zu Jahr leistungsfähiger und stellen immer neue Rekorde auf. 1922 eröffnet die Luftfahrtgesellschaft Ad Astra mit einer vierplätzigen Junkers F13 die erste Fluglinie von Genf über Dübendorf nach Nürnberg. Damit beginnt die Ära der Zivilfliegerei in Dübendorf. Bis 1948 war in Dübendorf der grösste Flugplatz der Schweiz. Die Schweizer Luftwaffe hatte auf der trockengelegten Ebene zwischen Dübendorf, Wangen und Volketswil ihren Hauptstützpunkt. Die Begeisterung für die Fliegerei hatte viel mit dem legendären Baselbieter Oskar Bider zu tun. 1913 überquerte Bider die Pyrenäen und im gleichen Jahr auch die Alpen. Ein weiterer Rekord war der direkte Flug von Bern nach Paris in etwas mehr als vier Stunden. Damit wurde er weltweit bekannt. Oskar Bider wurde 1914 der Chefpilot der Schweizer Luftwaffe. Er verunglückte 1919 im Alter von 28 Jahren bei einer Akrobatik-Übung in Dübendorf tödlich.


Der berühmteste Schweizer Pilot der Zwanziger- und der Dreissigerjahre ist Walter Mittelholzer. Der gelernte Fotograf war im Ersten Weltkrieg der Fliegertruppe zugeteilt worden. Dort machte er bei Aufklärungsflügen durch ausgezeichnete Luftbilder auf sich aufmerksam. Nach dem Krieg fliegt Mittelholzer für die Junkers Flugzeugwerke von Berlin aus im Liniendienst verschiedene Destinationen an. Er unternimmt auch Flüge in den hohen Norden und macht grossartige Aufnahmen von Spitzbergen. 1927 startet er zusammen mit drei Besatzungsmitgliedern in einem Wasserflugzeug vom Zürichsee aus für einen Flug nach Kapstadt. Mit der Dornier Merkur legt die Crew in 76 Tagen die riesige Distanz in 23 Etappen zurück. Bei jeder Zwischenladung wird das Flugzeug von staunenden Zuschauern umringt und die Crewmitglieder werden als Helden gefeiert. Mittelholzer macht dabei unzählige Fotos und veröffentlicht später spannende Berichte in den Schweizer Bildmagazinen. In Kapstadt lässt er sein Flugzeug zerlegen und schickt es auf einem Frachter nach Europa zurück. Anfangs Januar 1930 wagt er es, den 5900 m hohen Kilimandscharo in Kenia zu überfliegen. Seine Aufnahmen vom Kraterinnern werden zur Sensation. Mittelholzer gründet 1931 zusammen mit anderen Unternehmern die Swissair.


In den Zwanzigerjahren ist Fliegen noch ein richtiges Abenteuer. Nur wenige können sich überhaupt einen Flug leisten und bringen auch noch den Mut dazu auf. Da in vielen Gebieten noch keine Flugplätze vorhanden sind, setzen einige Flugzeugwerke auf die Produktion von Wasserflugzeugen. Führend in Europa ist die Firma Dornier in Friedrichshafen. Sie baut leistungsfähige Wasserflugzeuge, die für Passagiere bereits einigen Komfort bieten. Das Bild zeigt einen viermotorigen «Superwal» von 1928 beim Start auf dem Bodensee. Die Maschine hat zwei Doppel-Sternmotoren (Propeller hinten und vorn) mit insgesamt 2100 PS. Der Superwal erreicht eine Geschwindigkeit von über 200 km/h und hat eine Reichweite von 1000 km. Das Flugzeug bietet Platz für 19 Fluggäste und vier Besatzungsmitglieder. Die Dienstgipfelhöhe beträgt 2000 m. Von der viermotorigen Version des Superwals werden 16 Flugboote, vom leistungsschwächeren zweimotorigen Typ drei Exemplare gebaut. Die jungen Fluggesellschaften wie die 1926 gegründete Lufthansa sind bemüht, den Fluggästen guten Service zu bieten. Doch in der Kabine ist der Motorenlärm nicht zu überhören. Für das Abenteuer des Fliegens nehmen die Passagiere den Lärm jedoch gern in Kauf.


1929 bricht das Dornier-Flugboot Do X eine ganze Reihe von Weltrekorden. Bei der Belastungsprobe hebt das riesige Wasserflugzeug mit 169 Personen an Bord vom Bodensee ab. Auf dem einstündigen Probeflug erreichen die 12 in Tamdemanordnung montierten luftgekühlten Motoren die sagenhafte Startleistung von 6300 PS. Die hohe Zahl von zwölf Motoren rührt daher, dass kleinere Motoren damals sicherer funktionierten als solche mit höheren Leistungen. Später werden die ersten Motoren durch wassergekühlte amerikanische Zwölfzylindermotoren ersetzt, die gar eine Startleistung von 7680 PS erbringen. Die Abmessungen des 50 Tonnen schweren Flugboots (Abfluggewicht) sind eindrücklich. Die Flügelspannweite beträgt 48m und die Rumpflänge 41m. Die 13 Tanks fassten insgesamt 23 300 Liter Flugbenzin. Bei vollem Fluggewicht braucht die Do X gut zwei Minuten, bis sie auf dem Wasser die nötige Geschwindigkeit erreicht, um abzuheben. Nach etwa zwanzig Minuten erreicht sie eine Flughöhe von 1000m, nach vierzig Minuten kann sie auf einer Höhe von 2000 fliegen. In den Dreissigerjahren unternimmt die Do X eine Weltreise. So überquert sie den Atlantik und erreicht Südamerika. Von Rio de Janeiro geht es weiter bis nach New York. Bei den Flügen über den Ozean fliegt sie nur 5m über dem Wasserspiegel.


Auf den langen Flügen sollen die Passagiere nicht auf Komfort verzichten müssen. Damit sie genug Platz haben, wird die Anzahl auf maximal 72 Personen beschränkt. Dafür sorgen 10 Mann im Cockpit und vier Personen beim Kabinenpersonal für die Sicherheit und das Wohl der Passagiere. Die Do X besitzt drei Decks. Unten ist der Frachtraum für die Postsäcke, die Fracht und die Betriebsmittelvorräte (1900 Liter Schmieröl!). Im geräumigen mittleren Deck mit den runden Fenstern sind die Fluggäste untergebracht. Die Einrichtung erinnert mehr an ein Schiff als an ein Flugzeug. Es gibt zwei mit Teppichen und stoffverkleideten Wänden ausgestattete Salons, eine Bordküche und Toilettenräume. Spezielle Kabinen gibt es für zehn Passagiere, die sich einen besonderen Luxus leisten wollen. Im Oberdeck sind die drei Piloten, ein Navigator, ein Funker und ein Bordingenieur. Für den Unterhalt der zwölf Motoren kommen noch vier Bordmonteure dazu. Das Bild rechts oben zeigt die verankerte Do X an einem Palmenstrand in Westafrika. Von da aus wird sie den Südatlantik nach Brasilien überqueren. Auf ihrer Weltreise in drei Kontinenten legt die Maschine 34 000 km zurück. Bei der Landung auf dem Müggelsee in Berlin werden Besatzung und Passagiere begeistert empfangen. Die Do X kommt später auch nach Zürich und wassert auf dem Zürichsee. Im Ganzen sind drei Do X gebaut worden, von denen aber keine mehr erhalten geblieben ist.


Das Luftschiff LZ 127 Graf Zeppelin ist 237 m lang. Es hat einen Aktionsradius von 10 000 km und kann maximal 30 Tonnen Nutzlast transportieren. Für die aufwändige Arbeit an Bord sind 38 Besatzungsmitglieder nötig. Die Zahl der Flugpassagiere bewegt sich zwischen zwanzig und dreissig pro Flug. Das Luftschiff überquert 136mal den Südatlantik und siebenmal den Nordatlantik. Bei diesen und weiteren Fahrten in Europa befördert es insgesamt 13 110 Passagiere. Im September 1928 erhebt sich das silbergraue Luftschiff LZ 127 erstmals von Friedrichshafen aus in die Luft. Die Passagiere sind in der am Rumpf befestigten grossen Gondel (mit Führerstand und Passagierkabinen) unter dem Rumpf untergebracht. Angetrieben wird der Zeppelin von leichten Motoren, die in seitlich aufgehängten Motorgondeln installiert sind. Zu jeder der von je einem Maschinisten betreuten Motorgondeln hat es einen Ausgang. Beim Schichtwechsel müssen die Männer über eine kleine Leiter unter freiem Himmel hinausklettern, um den Platz in der Motorgondel zu übernehmen. Nichts für Leute mit Höhenangst!


Die Konstruktion des Luftschiffs besteht aus einem leichten Aluminiumgerippe. Diese Tragkonstruktion umfasst miteinander verbundene Hauptringe von unterschiedlicher Grösse (die mittleren sind die grössten). Im Innern des Schiffes befinden sich die wie riesige Säcke aussehenden Gaszellen. Das Schiff ist innen auf Laufstegen begehbar. Die Aussenhaut ist mit einem speziellen grauen Lack imprägniert, der die Gaszellen vor Überhitzung schützt.


Das sehr erfolgreiche Luftschiff stellt mehrere Rekorde auf und legt bei total 590 Fahrten bis zu seiner Ausserdienststellung im Jahr 1937 knapp 1.7 Millionen km zurück. Den grössten Erfolg feiert das Luftschiff LZ 127 mit der Weltumrundung im Spätsommer 1929. Auf seiner dreiwöchigen Reise von Friedrichshafen nach New York (Landeplatz Lakehurst), Los Angeles, Tokio und wieder zurück legt der Zeppelin rund 34 000 km zurück. Nach der Weltumrundung des Zeppelins geniesst das Luftschiff grenzenlose Bewunderung, obwohl es sich für den Massentransport von Passagieren kaum eignet. 1940 wird es abgewrackt, da die Nazis nichts von Zeppelinen halten. Beliebt sind auch die Fahrten von LZ 127 in die Schweiz. 76mal fliegt der Zeppelin über Schweizer Gebiet, um den Passagieren die Schönheit unserer Alpen zu zeigen. 1929 ankert das riesige Luftschiff auf dem Flugplatz Dübendorf.


Am 20. Mai 1927 startet der Postflieger Charles Lindbergh kurz vor acht Uhr von einem New Yorker Flugplatz zu einem mehr als 5800km langen Alleinflug nach Paris. Seine einmotorige Maschine ist mit mehreren Zusatztanks ausgerüstet. Um Gewicht zugunsten von mehr Treibstoff zu sparen, verzichtet Lindbergh auf ein Funkgerät. Er navigiert mit Armbanduhr, einem Kompass und einer Karte. Über Neufundland gerät er in einen Schneesturm und kämpft mit widrigen Verhältnissen. Da der Flug fast anderthalb Tage dauert, wird in der langen Nacht die Müdigkeit zum grossen Problem. Immer wieder nickt er kurz ein und muss das Flugzeug wieder hochreissen, wenn es dem Wasser zu nahe kommt. Lindbergh navigiert ausgezeichnet. Er weicht nur 5km von seinem berechneten Kurs ab. Als er am Abend des 21. Mai die Küste von Irland sieht, kann er der Küstenlinie entlang weiterfliegen. Sein Flugzeug wird am Boden erkannt, sodass sich die Nachricht von seiner Atlantiküberquerung rasch verbreitet. Noch vor Einbruch der Dunkelheit sieht er den beleuchteten Eiffelturm und landet auf dem Flugfeld von Le Bourget in der Nähe.


In Le Bourget wird der Atlantikflieger bei Einbruch der Dunkelheit wie ein Held begeistert von den Franzosen empfangen. Später findet zu seinen Ehren eine grosse Konfettiparade in New York statt. Atlantiküberquerungen gab es schon früher, doch Lindbergh schaffte den ersten Alleinflug. Die Maschine hatte einen Neunzylinder- Sternmotor und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h. Das Flugzeug war aus leichtem Material gebaut. Es hatte ein Skelett aus Stahlrohren und Holz und war mit Stoff verkleidet. Das Leergewicht betrug knapp eine Tonne, das Abfluggewicht mit den vollen Tanks jedoch 2330kg.


Der 1929 in Dienst gestellte Schnelldampfer Bremen gehört der Reederei Norddeutscher Lloyd und ist der Stolz der deutschen Passagierschifffahrt. Typisch für die Schiffe jener Jahre sind die niedrigeren Kamine und die gerundeten Aufbauten. Die 286m lange Bremen ist von ähnlicher Grösse wie die gesunkene Titanic. Angetrieben von vier starken Dampfturbinen mit total 135 000 PS ist das moderne Schiff aber mit 54 km/h deutlich schneller als das berühmte Unglücksschiff. 1929 gelingt es der Bremen, das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung von Europa nach New York zu erringen. Mit dieser Auszeichnung besitzt die deutsche Reederei einen grossen Trumpf im Kampf um mehr Passagiere. In der Zeit der Goldenen Zwanzigerjahre werden schnelle Schiffsverbindungen von Europa in die USA immer wichtiger. Wer nach Amerika reisen will, ist auf Schiffe angewiesen, denn Passagierflugzeuge schaffen die Atlantiküberquerung noch nicht.


Die beiden hochmodernen Schwesterschiffe Bremen und Europa verfügen als besondere Attraktion über ein Katapult-Flugzeug. Dieses Wasserflugzeug wird von einem Katapult in die Luft geschleudert und landet vorzeitig am Ankunftshafen des Schiffes. Meistens führt es Briefpost mit sich, welche dank des Flugzeugs die Adressaten einige Stunden vor der Ankunft des Schiffes erreicht. Die Bremen und ihr Schwesterschiff Europa erringen wechselweise das Blaue Band. Gemessen wird die Zeit für die Strecke zwischen den Scilly-Inseln (vor der Südwestspitze von England) bis zur Küste vor New York. Damit habe alle Schiffe die gleichen Wettbewerbsbedingungen. Die Bremen schaffte diese Distanz in genau 4 Tagen 14 Stunden 30 Minuten.


Der Schnelldampfer Europa ist zusammen mit seinem Schwesterschiff Bremen der schnellste Ozeanriese zu Beginn der Dreissigerjahre. Im Gegensatz zur Titanic sind der Bug, die Aufbauten und die Kommandobrücke stark gerundet. Der Sicherheitsstandard ist besser und das Schiff verfügt auch über genügend Rettungsboote. Die niedrigen Kamine haben den Nachteil, dass der Rauch über das Schiff hinwegziehen kann. Wer in weniger als fünf Tagen den Atlantik überqueren möchte, muss eine Fahrt mit dem Zeppelin LZ 127 buchen. Doch Reisen mit diesem Luftschiff sind stark vom Wetter abhängig und nicht ungefährlich. Die Kapazität von LZ 127 ist beschränkt und der Preis für die Überfahrt sehr hoch.


Das Kapitel zeigt, wie sich die Arbeits- und Lebensbedingungen am Ende der Zwanzigerjahre stark verbessert haben. Wirtschaftlich verändert sich vieles zum Guten, doch trotz des Einzugs der Elektrizität in die Haushalte arbeiten die Mütter der meist kinderreichen Familien weiter von früh bis spät. Mit der Einführung des Proporzwahlrechts verändert sich die schweizerische Politlandschaft erheblich. Mit dem neuen Wahlsystem steigen die Sozialdemokraten zu einer einflussreichen Partei auf und die SVP (damals BGB) betritt als neue Bewegung die politische Bühne. Leider findet die Idee des Frauenstimmrechts bei den Schweizer Männern noch kein Gehör. In der Landwirtschaft werden von Pferden gezogene Mähmaschinen eingesetzt und das Getreide wird mit Dreschmaschinen verarbeitet. Die Produktion kann mit weniger Arbeitskräften deutlich gesteigert werden. Grosse Städte wie Zürich und Winterthur wachsen dank der blühenden Industrie sehr rasch. In Zürich kommt es 1928 zu einem Regierungswechsel und zu einer linken Mehrheit im Grossen Gemeinderat. Im sogenannten Roten Zürich werden Genossenschaftswohnungen stark gefördert und ganze Quartiere mit schönen und preisgünstigen Wohnungen errichtet. Auch im Bildungsbereich herrscht vielerorts Aufbruchstimmung.


Die Schweiz ist in den Zwanzigerjahren ausserhalb der grossen Städte stark landwirtschaftlich geprägt. Zwar gibt es Spinnereien, Webereien und gewerbliche Kleinbetriebe auf dem Land, doch die Bauernbetriebe spielen noch eine zentrale Rolle im Dorfleben. Rund um die Bauernhöfe sind überall Hochstamm-Obstkulturen zu finden. Im Frühling geben die blühenden Obstgärten ein wunderbares Bild. Die Nebenstrassen in den Dörfern sind noch nicht asphaltiert. Wenn ein Fuhrwerk oder gar einmal ein Auto vorbeifährt, kann es bei Trockenheit ganz schön stieben. Die Bauernfamilien sind fast alle sehr kinderreich. Es ist üblich, dass die Kinder auf dem Hof täglich bei der Arbeit mithelfen. Sie arbeiten auf dem Kartoffelfeld, beim Zusammenbinden der Ähren zu Bündeln oder beim Misten im Stall. Kaum jemand spricht dabei von Kinderarbeit, da alle wissen, dass die Existenz des Hofes ohne diese Mithilfe gefährdet wäre. Selbständige Bauernbetriebe mit viel eigenem Land haben dabei weit bessere Chancen als kleinere Pachtbetriebe.


Die Technik hält in den Zwanzigerjahren auch in der Landwirtschaft überall Einzug. Eine grosse Erleichterung bringt die von Pferden gezogene Mähmaschine. Durch die rotierenden Räder wird ein Messerbalken in eine rasche Hin- und Herbewegung versetzt und schneidet das Gras. Der Bauer sitzt dabei auf der Maschine und lenkt die Pferde. Früher war es nicht selten, dass der Vater und seine ältesten Söhne in einer Reihe standen und mit ihren Sensen von Hand das Gras mähten. Im Sommer standen alle früh auf, damit das Gras oder das Getreide noch vor der Schule gemäht werden konnte. Von Zeit zu Zeit machte die Reihe der Mäher Halt, um die Sense mit einem Schleifstein wieder zu schärfen («Wetzen» der Sense). Traktoren sind im Gegensatz zu den USA bei uns erst ganz vereinzelt im Einsatz. Die wenigsten Bauern können sich einen Traktor leisten und vertrauen deshalb lieber auf die natürliche Pferdekraft.


Mit den an einem langen Stiel beweglich befestigten runden Holzstücken (vorderer Teil des Dreschflegels) schlugen die Bauern früher die Getreidekörner aus den Ähren. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden bei uns Dreschmaschinen eingesetzt. In den Zwanzigerjahren verdrängten diese das Dreschen mit den Dreschflegeln fast vollständig. Die Dreschmaschinen der Zwanzigerjahre können die Körner mechanisch aus den Ähren lösen und die leichte Spreu (Hülsen, Grannen, usw.) von den Weizenkörnern trennen. Die Maschinen werden von den Bauern gemietet, da sie teuer sind. Beim Dreschen stehen bis zu zehn Mann rund um die Maschine im Einsatz. Bei den heutigen Mähdreschern werden die Getreidekörner zwischen einer schnell rotierenden Trommel und einem Korb in einem schmalen Spalt herausgerieben.


Mit der Tieferlegung der linksufrigen Zürcher Seebahn im Jahr 1927 ist das bisher von der Bahn entzweigeschnittene Aussersihl nun über mehrere Brücken gut verbunden. Damit sind die Störungen des Fussgänger- und Fahrzeugverkehrs durch die Züge vorbei. Als die Bahnlinie noch ebenerdig mitten durch das grosse Arbeiterquartier führte, standen die Bewohne immer wieder vor geschlossenen Barrieren. Ab 1928 setzt nun eine intensive Bautätigkeit westlich der Gleise statt. Rund um den Bullingerplatz (ganz links im Bild) entstehen moderne Arbeitersiedlungen, die von Baugenossenschaften erstellt werden. Es sind sorgfältig geplante Gesamtüberbauungen, die namhafte Architekten konzipiert haben. Da in Zürich grosse Wohnungsnot herrscht, fördert die neue Stadtregierung die Wohnbaugenossenschaften. Diese helfen mit, die Wohnqualität für Arbeiterfamilien entscheidend zu verbessern.


Wohl der grösste Fortschritt zeigt sich beim Kochen und Backen. Elektrische Kochherde oder Kochherde mit Gas werden in den Städten Standard. Die Mütter müssen nun nicht mehr zuerst ein Holzfeuer machen, wenn sie Speisen wärmen wollen. Eine Drehung am Schalter genügt, um die Herdplatten anzustellen. Auch auf dem Land hält die Elektrizität überall Einzug. In grossen Küchen kommt es vor, dass neben dem mit Holz gefeuerten Kochherd nun ein neuer Elektroherd steht. Das Glätten der Wäsche ist nun ebenfalls einfacher. Statt mit dem Kohlebügeleisen, das immer wieder mit glühender Kohle gefüllt werden musste, werden die Hemden mit einem elektrischen Glätteisen gebügelt. Zur Haushaltsarbeit gehört, dass die Frauen und älteren Mädchen selber stricken und nähen. Pullover werden an langen Abenden im Schein der neuen elektrischen Lampen gestrickt. Zerrissene Kleider werden wenn immer möglich wieder geflickt. Dafür stehen einfache Nähmaschinen mit einem mechanischen Tretpedal für den Antrieb zur Verfügung.


Im Alltag der Zwanzigerjahre sind Rollen der Frauen traditionell. Sie kümmern sich um den Haushalt und die Kinder. Es gibt aber auch Familien, wo die Mutter aus finanziellen Gründen fast den ganzen Tag in der Fabrik arbeiten muss. Dies gilt vor allem für Arbeiterfamilien in der Textilindustrie. Das Waschen bleibt mühsam, denn es gibt im besten Fall primitive Waschmaschinen. Die meisten Wäschestücke müssen von Hand vorgewaschen werden. Fortschritte gibt es beim Baden zuhause. Die neuen Wohnungen haben zum Teil bereits ein Badzimmer mit einer weiss beschichteten Badewanne aus Metall.


In der Primarschule sind Klassen mit vierzig und mehr Schülern keine Seltenheit. Die Klassenzimmer sind gross, aber die Schülerinnen und Schüler sitzen in schweren Bänken mit aufklappbaren Pultdeckeln eng beisammen. Auch in der Sekundarschule liegt die durchschnittliche Schülerzahl deutlich höher als heute. Die Klassen werden in der Regel streng geführt und es bleibt wenig Platz für individualisierenden Unterricht. Ziel der Sekundarschule ist es, möglichst vielen Schülern den Eintritt in eine handwerkliche Berufslehre oder ins KV zu ermöglichen. Begabten Schülerinnen und Schülern steht auch das Lehrerseminar offen. Das Bild zeigt eine Stadtzürcher Sekundarschulklasse mit ihrem Klassenlehrer. Sekundarlehrerinnen hatten es in den Zwanzigerjahren nicht einfach. Wenn sie als gewählte Lehrerin unterrichten wollten, sollten sie nicht verheiratet sein. Dies war zwar gesetzlich nirgends festgehalten, aber gelebte Praxis. Viele Lehrer befürchteten, dass verheiratete Lehrerinnen ihnen den Platz streitig machen könnten. Faktisch galt deshalb im Kanton Zürich eine Art erwünschtes «Zölibat» für Sekundarlehrerinnen. Das abgebildete Schulhaus Schlimperg stammt aus dem Jahr 1927 und steht in Effretikon. Auffallend sind die hohen Klassenzimmer mit den grossen Fenstern. Im Dachgeschoss befindet sich die Abwartswohnung.


In der Primarschule werden in den Zwanzigerjahren beim Zürcher Lehrmittelverlag neue Lesebücher geschaffen. In der Mittelstufe dienen die Bücher auch dem Realienunterricht, da es dafür keine speziellen Lehrmittel gibt. Neben Themen über die Jahreszeiten, über Tiere und das tägliche Leben ist in den Büchern die halbe Schweizer Geschichte von den Helvetiern bis zur Schlacht bei Marignano enthalten. Die Bücher sind mit einigen eindrücklichen Holzschnitten und Zeichnungen illustriert. Das Bild links zeigt einen Holzschnitt zu einem Wintergedicht. Aus Kostengründen werden keine Farben verwendet. Zudem müssen die Bücher möglichst lange in Gebrauch sein und über Jahre verwendet werden können. Die Bücher haben unsere Volksschule während fast vierzig Jahren mitgeprägt und sind erst anfangs der Sechzigerjahre ersetzt worden! Die Texte sind spannend geschrieben und bei den Primarschülern beliebt. Die Helvetier werden als unsere Urahnen geschildert, die Römer bringen eine neue Kultur und die Christianisierung unserer Gegenden ist ein wichtiges Thema. Mit dem Kampf der Zentralschweizer um ihre Freiheit beginnt die grosse Zeit der alten Eidgenossenschaft. Vom Rütlischwur geht es über Morgarten und Sempach bis zur kurzen Grossmachtsperiode der Mailänder Feldzüge. Das Bild rechts zeigt den phantasievollen Holzschnitt von Fritz Buchser über die Schlacht bei Morgarten. Ganze Generationen von Schülern haben diese Darstellung verinnerlicht. Das Bild zeigt, wie die Innerschweizer das Ritterheer der Habsburger mit Steinen bewerfen und sich dann mit ihren Hellebarden den Abhang hinunter in die Schlacht stürzen. Historisch ist das Ganze jedoch nicht belegt.


Eine kleine Verkehrsfibel mit den beiden Schwarz-Weiss-Bildern einer Strassenkreuzung wird 1927 an alle Zürcher Schulkinder verteilt. Beim Bild mit dem wirren Verhalten der Fussgänger sieht man, dass zum städtischen Verkehr noch Pferdefuhrwerke gehören. Der Verkehr ist noch nicht so dicht, dass eine Lichtsignalanlage installiert werden müsste. Im Vordergrund steht eine der damals beliebten runden Litfasssäulen, auf welcher Plakate aufgeklebt werden können. Beim Bild mit dem richtigen Verhalten fällt auf, dass es noch keine gelben Fussgängerstreifen im Bereich der Kreuzung gibt. Die Pfeile geben nur an, wie die Fussgänger die Strassen überqueren sollen. Auf dem farbigen Bild sind einige Personen zu entdecken, die ein risikoreiches Verkehrsverhalten zeigen. Dazu gehören der Velofahrer und der Knabe im kleinen Leiterwagen. Das Foto vom Verkehrsunfall stammt aus dem städtischen Polizeiarchiv. Zur Dokumentation des Unfalls fotografierte die Polizei die Unfallstelle.


Der 1899 in Dresden geborene Schriftsteller und Zeitungsjournalist Erich Kästner schreibt 1929 in Berlin ein aufregendes Jugendbuch, das weltweit Beachtung findet. «Emil und die Detektive» ist bis heute in nicht weniger als 59 Sprachen übersetzt worden. Die Handlung der Detektivgeschichte spielt in der Grossstadt Berlin. Dem zwölfjährigen Emil wird auf einer Bahnfahrt nach Berlin von einem Mitreisenden ein grosser Geldbetrag gestohlen. Die Geldscheine sind alle leicht perforiert, da Emil sie mit einer Nadel im Mantel fixiert hat. Emil verfolgt zuerst den Dieb vom Bahnhof Zoo aus auf eigene Faust. Bald erhält er Unterstützung von ein paar hilfsbereiten Grossstadtjungen und später auch von seiner Cousine Poni Hütchen. Die Kinder gründen eine Detektivgruppe und überwachen das Leben des Diebs. Als der Dieb nervös wird und befürchtet, gefasst zu werden, versucht er in einer Bank die perforierten Banknoten umzutauschen. Jetzt kommt es zum aufregenden Finale, bei dem der Dieb gefasst wird. Da der Dieb schon lange steckbrieflich gesucht wird, erhält Emils Gruppe tausend Mark Belohnung (damals ein halbes Jahreseinkommen!). Erich Kästner schreibt noch weitere erfolgreiche Kinderbücher. 1931 erscheint Pünktchen und Anton und zwei Jahre später Das Fliegende Klassenzimmer.


Die goldene Zeit der Wirtschaftsblüte endet ziemlich abrupt zu Beginn der Dreissigerjahre. Auslöser ist der Kurssturz der New Yorker Börse vom November 1929. Da Europa stark von amerikanischen Krediten abhängig ist, wirkt sich der Zusammenbruch der US-Banken verheerend auf die europäische Wirtschaft aus. Die amerikanischen Banken fordern die Gelder zurück und stürzen die euopäische Industrie in grösste Schwierigkeiten. Die Aufträge brechen ein. Die Folge ist eine grosse Arbeitslosigkeit und eine Verelendung eines Teils der Arbeiterschaft. Da es keine Arbeitslosenversicherungen gibt, kämpfen viele Familien ums nackte Überleben.


In den USA scheinen die Goldenen Zwanzigerjahre jedem, der die Chance packt, grosses Glück zu bringen. Selbst einfache Bürger beginnen, Aktien zu kaufen und sich an Spekulationen zu beteiligen. Aktienhandel und Aktienkurse werden zum täglichen Stadtgespräch. Dabei gehen viele das Risiko ein, umfangreiche Kredite für Konsumgüter aufzunehmen und sich stark zu verschulden. Das farbige Bild unterstreicht die nationale Bedeutung der New Yorker Börse. Sie ist auch international der führende Markt für Wertpapiere. Das Bild rechts zeigt eine Aktie einer im Wert von zehn Dollar. Bei den stark steigenden Aktienkursen konnte der Besitzer damit rechnen, dass sich ihr Wert auf dem Börsenmarkt schon nach kurzer Zeit verdoppelte und dann weiter vervielfachte.


1929 war der Börsenhandel an der New Yorker Börse ähnlich organisiert wie an der Zürcher Börse des Jahres 2000. Nur die Computer waren noch nicht vorhanden. Die Börsenmakler bieten am Ring Aktien zum Verkauf an. Sie schreien ihr Angebot in die Runde. Wer kaufen will, meldet sich laut und macht mit meist heftigen Armbewegungen auf sich aufmerksam. Es geht ziemlich wild zu und her. In den Telefonkabinen im Hintergrund nehmen einige Händler Kontakte mit ihren Kunden auf. Es kommen auch Meldungen über neuste Geschäftszahlen herein. Das Ganze ist geprägt von einer unglaublichen Hektik.


Die Zwanzigerjahre sind geprägt von einem starken Wirtschaftsaufschwung in den USA. Viele Amerikaner können sich ein Auto und ein Eigenheim leisten. Sie sind überzeugt, dass der Wirtschaftsboom noch lange weitergehen wird. Der Wert von Aktien erfolgreicher Firmen steigt ununterbrochen. Viele Aktien werden dabei masslos überbewertet. Der Kauf von Aktien an den Börsen steht jedermann offen und wird rege genutzt. Der intensive Aktienhandel treibt die Aktienkurse in schwindelnde Höhen. Damit wächst die Gefahr eines Absturzes.


Ende der Zwanzigerjahre ist der Markt bei vielen Produkten so gesättigt, dass es zu ersten Absatzproblemen kommt. Die Überproduktion führt zu erhöhten Lagerbeständen, was die Börse nervös reagieren lässt. Im Oktober 1929 kommt es zu einem dramatischen Kurssturz an der Wallstreet in New York. Es kommt zu panikartigen Aktienverkäufen, die den Verfall der Wertpapiere noch beschleunigen. Die Leute eilen zu den Banken und wollen ihr Erspartes abheben. Schon nach kurzer Zeit sind viele Geldinstitute pleite. Nach den ersten Kursstürzen fordern die Banken ihre kurzfristigen Kredite in Europa wieder zurück. Es beginnt eine unheilvolle Abwärtsspirale des wirtschaftlichen Abstiegs. In den nächsten drei Jahren geht der Abwärtstrend an den Börsen unvermindert weiter. Die Wirtschaft stellt auf Kurzarbeit um und viele Betriebe machen Konkurs.


Die Grafik der Aktienkurse in den USA zeigt, wie steil es mit den Kursen in den Goldenen Zwanzigerjahren aufwärts und nach dem 24. Oktober 1929 brutal steil abwärts gegangen ist. Zusammenfassung des Geschehens: 1929 führen die Aktienkurse in New York zu aufregenden Gesprächen in der Stadt («Talk of the Town»), da viele Leute Wertpapiere besitzen. Die Aktienkurse erreichen schwindelnde Höhen und entsprechen nicht mehr ihrem realen Wert. Da in einigen Wirtschaftsbereichen der USA Ende 1929 eine Marktsättigung eintritt, beginnt der Wirtschaftsmotor auf einmal zu stottern. Im Oktober 1929 bricht das Kartenhaus der viel zu hohen Börsenkurse zusammen (Börsencrash). Nach dem schwarzen Donnerstag und dem schwarzen Freitag versuchen fast alle, ihre Aktien zu verkaufen, was zu einem unaufhaltsamen Absinken des Börsenkurses bis zum Tiefpunkt im Winter 1931/32 führt.


Donnerstag und Freitag, 24. und 25. Oktober 1929, waren die beiden schwärzesten Tage an der New Yorker Börse. Der Auflauf der Banker und Börsenhändler vor der Börse auf der Wall Street vermittelt einen Eindruck von der aufgeregten Stimmung am New Yorker Finanzplatz. Die meisten Amerikaner hatten alle Warnungen in den Wind geschlagen und geglaubt, das Wachstum und die Kurssteigerungen würden immer weitergehen. Viele rechneten fest damit, dass sie ihre Schulden dank steigender Aktienwerte problemlos begleichen könnten.


Die Schwarz-Weiss-Fotos zeigen verzweifelte Menschen in den ersten Tagen des Kurssturzes an der Wallstreet in New York. Die geschockten Händler eilen durch die Strasse. Die Börse hat das Vertrauen in den Aufschwung der Wirtschaft verloren. Deshalb versuchen die meisten Händler, ihre Aktien rasch zu verkaufen. Das grosse Angebot an Wertpapieren lässt die Kurse abstürzen. Ein Börsenmakler versucht sein neues Auto zu verkaufen, um wieder etwas Geld in der Tasche zu haben.


In den USA bricht im ganzen Finanzsektor Panik aus. Die verunsicherten Kleinsparer eilen zu den Banken und fordern ihre Ersparnisse zurück. Schon nach kurzer Zeit geraten viele Banken in Zahlungsschwierigkeiten und können ihren Kunden kein Geld mehr zurückzahlen. Die meisten Banken schliessen nun ihre Filialen, viele gehen in Konkurs. Die Zahlungsunfähigkeit der Banken bringt das ganze amerikanische Wirtschaftssystem in Turbulenzen. Der auf Kredite angewiesene Handel gerät ins Stocken und die Händler bleiben auf vollen Lagern sitzen. Der Markt verzeichnet tiefe Einbrüche und viele Firmen gehen pleite. Das Bild zeigt Bankkunden in New York, die vor einer geschlossenen Bank vergeblich auf Einlass warten. Unter dem Druck der amerikanischen Kunden fordern die US-Banken nun ihre an europäische Firmen gewährten Kredite zurück. Da es meist kurzfristig gewährte Kredite sind, müssen die Firmen das geliehene Geld rasch zurückzahlen. Der Teufelskreis ist absehbar. Jetzt gerät auch die europäische Wirtschaft in grosse Schwierigkeiten.


Das Empire State Building sollte zum Wahrzeichen des aufstrebenden Amerika werden. Geplant in den Zwanzigerjahren, wurde es mitten in der Wirtschaftskrise 1931 fertiggestellt. Die Verzweiflung mancher Familienväter über den Verlust des eigenen Geschäfts oder des Arbeitsplatzes war so gross, dass sich einige von der obersten Plattform des neuen Wolkenkratzers In die Tiefe stürzten. Daraufhin wurden hohe Schutzgitter montiert.


Die teuren Wohnungen in New York können sich viele nicht mehr leisten. Viele Familien sehen sich gezwungen, sich in einer billigeren Wohnung in einem heruntergekommenen Quartier einzumieten oder eine einfache Unterkunft auf dem Land zu suchen. Einige bauen sich eine Hütte im Central Park, wo sie von den städtischen Behörden geduldet werden.


Manche Familie versucht, den harten Wintern im Nordosten des Landes zu entfliehen und fährt mit ihrem Auto Richtung Süden. Doch auch in den wärmeren Gegenden ist die Arbeitslosigkeit gross. Die «Fahrenden» sind alles andere als willkommen, da die Einheimischen die neue Konkurrenz um Arbeitsstellen gar nicht schätzen. Aus heutiger Sicht hat die US-Regierung von Präsident Herbert Hoover (1929 bis 1933) in der Krise falsch reagiert. Hoover war überzeugt, dass sich der Markt wieder erholen würde. Deshalb lehnte er staatliche Förderprogramme ab. Doch die Krise wurde immer schlimmer. Er war auch nicht bereit, den amerikanischen Farmern in der Krise mit staatlicher Finanzhilfe unter die Arme zu greifen. So musste bis 1933 ein Viertel aller Farmer ihre Betriebe aufgeben.


Die Industrieproduktion kommt weltweit ins Stocken, weil überall das Geld fehlt. Wer will sich jetzt noch ein Auto kaufen? Viele Firmen haben zu wenig Arbeit. In einem ersten Schritt führen sie Kurzarbeit ein. Wenn es noch schlimmer wird, folgen Kündigungen oder gar Betriebsschliessungen.


Die Schweiz wird von der Weltwirtschaftskrise dank langfristiger Aufträge der Industrie mit leichter Verzögerung betroffen. Doch nach 1931 breitet sich die Arbeitslosigkeit rasant aus. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Hitler mit dem Ankurbeln der Waffenproduktion und dem Autobahnbau die Krise zu meistern versucht, setzen sich bei uns vor allem die Städte und Gemeinden mit öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen für die Arbeitslosen ein. Dank der Frankenabwertung verbessern sich die Rahmenbedingungen für unsere Exportindustrie und mit dem Friedensabkommen in der Metallindustrie hören die wirtschaftlich belastenden Streiks auf.


Absatzschwierigkeiten gibt es bei der Industrie wie bei der Landwirtschaft. Schweizer Bauern und Farmer in den USA, die ihre Produkte nicht mehr ins Ausland verkaufen können, geraten in existenzielle Schwierigkeiten. Es kommt zu Konkursen und zur Versteigerung ganzer Bauernhöfe samt ihrem Inventar. Jugendlichen gelingt es kaum noch, eine Lehrstelle zu erhalten, da viele Betriebe in grossen Schwierigkeiten stecken und keine Lehrlinge mehr einstellen wollen. Die meisten Jugendlichen sind froh, wenn sie nach der Schule irgendwo einen Hilfsjob finden. Knaben arbeiten als schlecht bezahlte Bauernknechte auf einem grossen Hof, Mädchen helfen in einem Haushalt aus. Das sind sehr trübe Zukunftsaussichten für junge Menschen.


Direkt nach dem Ersten Weltkrieg (nicht in der Statistik) und ab 1931 war die Arbeitslosigkeit in unserem Land sehr hoch. Dazwischen lagen von 1924 bis 1929 die fünf Goldenen Zwanzigerjahre mit weitgehender Vollbeschäftigung. Erst nach 1936 bessert sich die Situation in der Schweiz, da mit dem Wiederaufschwung der Wirtschaft in Deutschland und der Frankenabwertung der Export wieder anzieht.


Die Löhne der Arbeiter sinken drastisch, wenn sie infolge von Kurzarbeit nur noch drei oder vier Tage in der Woche arbeiten können. Kaum jemand kann sich noch eine neue Wohnung leisten, selbst wenn diese sehr günstig angeboten wird. Am ärgsten trifft es Angestellte, die durch Betriebsschliessungen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Sie fragen sich verzweifelt, wie es weitergehen soll. Die Sorgen der Arbeiter sind riesig. Sie wissen nicht, wie sie ihre Familien richtig ernähren können. Die Arbeiter treffen sich vor dem Arbeitsamt und diskutieren, wo es allenfalls noch etwas Arbeit gibt. Für den ärgsten Hunger werden staatliche Suppenküchen installiert, wo Mittellose wenigstens täglich kostenlos eine Suppe erhalten.


Wer arbeitslos ist, erhält keinen Erwerbsersatz in Form eines Wochen- oder Monatslohns, wie dies heute der Fall ist. Nur ein kleiner Teil der Arbeiterschaft ist gegen Arbeitslosigkeit versichert und erhält wenigstens einen Lohn, der fürs Nötigste reicht. Langjährige Mitglieder in grossen Gewerkschaften erhalten ebenfalls eine bescheidene finanzielle Unterstützung, wenn sie keine Arbeit mehr finden. Die meisten Arbeitslosen gehen täglich aufs Arbeitsamt, wo ihnen ein Notbatzen ausbezahlt wird. Beim Auszahlen drückt ein Beamte einen Stempel ins Büchlein des Geldbezügers. Daher der Ausdruck «stempeln gehen».


Trotz der schweren Wirtschaftskrise verläuft die politische Entwicklung in unserem Land viel weniger radikal als in Deutschland. Die Parteien einigen sich auf staatliche Fördermassnahmen. Staatliche Bauprojekte werden in Angriffe genommen, um Arbeitslose sinnvoll zu beschäftigen. So wird in Winterthur der Bahnhofplatz mit Arbeitslosen umgebaut. Für die tägliche Arbeit erhalten die Beschäftigten einen bescheidenen Lohn, der ihnen hilft, ihre Existenz zu sichern.


Kommunale Projekte wie Schulhausbauten, Schwimmbäder, neue Brücken und Strassen verschaffen den Baufirmen Arbeit. Weil auf dem Bau die meisten Arbeiten von Hand ausgeführt werden, benötigen die Firmen viele Arbeitskräfte. Die Arbeiten können günstig ausgeführt werden, da die Löhne in den Krisenjahren sehr tief sind. In Lausanne wird 1937 ein sehr grosszügig konzipiertes Schwimmbad mit Hilfe von Arbeitslosen gebaut. Diese sind froh, dass sie eine Arbeit gefunden haben und nicht den Tag mit Warten verbringen müssen. Durch die Notstandsmassnahmen wird eine erhebliche Verschuldung des Staates in Kauf genommen. Doch dank der Ausführung nützlicher Projekte gelingt es, einen Teil der Arbeitslosen sinnvoll zu beschäftigen und so politische Unruhen zu vermeiden.


In der Stadt Zürich ist in den Dreissigerjahren eine Linksregierung an der Macht («Rotes Zürich»). Diese ist ausserordentlich bemüht, den Arbeitern sinnvolle Beschäftigungsprogramme anbieten zu können. Die gemässigte Linksregierung unter dem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten Emil Klöti bewies viel Geschick, um die Beschäftigungssituation der Arbeiter zu verbessern. Als 1935 die Turbinenfabrik Escher Wyss vor dem Konkurs stand, griff die Stadt mit einem ungewöhnlichen Schritt ein. Sie rettete die Firma mit einem staatlichen Eingriff und sicherte so 1000 Arbeitsplätze. Emil Klöti setzte sich auch dafür ein, dass die Stadt Zürich Standort der Landesausstellung von 1939 wurde. Die grossartige «Landi» schuf ein Klima der Zusammengehörigkeit in der Krise und war für Zürich und unser Land ein riesiger Erfolg. Emil Klöti erhielt dafür den Ehrendoktortitel der Universität Zürich.


Nicht nur Gemeinden, auch die Kantone und der Bund nehmen grosse Projekte in Angriff. Eindrücklich ist die Realisierung des Sihlsee-Projekts durch die NOK und die SBB zwischen 1932 und 1937. Die NOK (Nordostschweizerische Kraftwerke), zu deren Trägerkantonen auch die Kantone Aargau, Glarus, Schaffhausen, Thurgau, Zug und Zürich zählen, sowie die SBB realisieren durch Dammbauten gemeinsam den flächenmässig grössten Stausee der Schweiz. Noch vor der Flutung des Sihlsees werden auch zwei Brücken über den See gebaut.


Mit der Elektrifizierung ihrer Bahnen benötigen die SBB immer mehr Strom. Der neue Sihlsee ist ein grosser Speicher, um das ganze Jahr Strom produzieren zu können. Um genug Gefälle für die Turbinen zu erreichen, werden Druckrohre vom Sihlsee hinunter bis zur Zentrale in Altendorf am Obersee/Zürichsee gebaut. Der Rote Pfeil ist das Aushängeschild der SBB in den Dreissigerjahren.


Die Exportwirtschaft ist durch eine weltweite Marktabschottung der Staaten schwer beeinträchtigt. Der Schweizer Exporthandel ist ins Stocken geraten und kommt teilweise ganz zum Erliegen. Statt in der Krise eine kluge Welthandelspolitik zu betreiben, heisst das kopflose Motto der allermeisten Staaten «Rette sich, wer kann!». Jeder Staat versucht, seine eigene Industrie zu schützen. Die Einfuhr von ausländischen Produkten soll durch hohe Zölle gedrosselt werden, damit die einheimischen Erzeugnisse bessere Marktchancen haben. Auf diese Weise gerät die ganze Weltwirtschaft in noch grössere Absatzschwierigkeiten. Für unser Land mit seiner auf Export ausgerichteten Maschinenindustrie ist die Situation besonders dramatisch. Ohne Exporte ist ein Teil unserer Industrie kaum noch in der Lage, ohne Kurzarbeit oder Entlassungen die Krise zu überstehen.


Um unsere Exportindustrie wieder konkurrenzfähig zu machen, beschliesst der Bundesrat 1936, den Franken um einen Drittel abzuwerten. Zwar werden dadurch die Importe teurer, doch die Abwertung zeigt insgesamt erfreuliche Auswirkungen. Schweizer Produkte werden im Ausland billiger und dadurch begehrter. Die Nachteile wie eine mögliche Teuerung fallen nicht stark ins Gewicht.


Fanatische Nationalsozialisten möchten künftig alle deutschsprachigen und germanisch geprägten Länder zu einem riesigen Grossdeutschland zusammenschliessen. Sie sprechen diese Grossmachtträume ganz unverhohlen aus. Dazu würde auch die Schweiz gehören, wie man auf der Karte sieht. Die scharfen Töne aus Deutschland kommen in der Schweiz schlecht an. Viele merken, dass nur eine Schweiz, die zusammenhält, eine Chance für ein Fortbestehen hat. Doch wie soll der tiefe Graben zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum zugeschüttet werden?


Durch die Bedrohung aus Deutschland und die grosse Wirtschaftskrise kommen sich die lange Zeit zerstrittenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder näher. Der Druck zugunsten einer Verständigung wird schliesslich so gross, dass führende Köpfe beider Seiten nach einer gangbaren Lösung suchen. Eine Wirtschaft ohne Produktionsausfälle durch Streiks wäre viel konkurrenzfähiger. Die beiden führenden Köpfe Dübi und Ilg sind sich innerlich im Klaren, was in der aktuellen Krise getan werden muss. Ein aussergewöhnliches Friedensabkommen soll die Schweizer Wirtschaft stärken und Tausende von Arbeitsplätzen sichern. Ernst Dübi ist überzeugt, dass es vernünftiger ist, mit fairen Verhandlungen den Gewerkschaften entgegenzukommen als unnötige Härte zu zeigen. Dübi führt den Mitgliedern des Arbeitgeberverbands vor Augen, welchen Schaden die vielen Streiks der Wirtschaft bereits zugefügt haben. Auf Seite der Gewerkschaften ist es der Präsident des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands, Konrad Ilg, der die Zeichen der Zeit erkennt und Verhandlungsbereitschaft signalisiert. 1937 kommt es zu mehreren Gesprächen zwischen Dübi und Ilg im Bahnhofbuffet Zürich. Die beiden gehen aufeinander zu und entwerfen ein Friedensabkommen zwischen den Gewerkschaften und der Maschinenindustrie. Es braucht aber viel Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen, um eine Mehrheit für einen Kurs auf eine starke Sozialpartnerschaft hin gewinnen zu können.


Im Sommer 1937 unterzeichnen Ernst Dübi vom Arbeitgeberverband und Konrad Ilg vom SMUV zusammen mit den Präsidenten der christlichen Gewerkschaften das legendäre Friedensabkommen. Es ist ein Meilenstein der Sozialpartnerschaft. Das Abkommen gilt vorerst für zwei Jahre, wird aber später immer wieder verlängert. Die Vertragspartner halten fest, künftig «Auf Treu und Glauben» miteinander zu verhandeln. Lohnverhandlungen sollen faire Löhne sichern und Streiks sollen verboten sein. Im Fall von Uneinigkeit soll ein von beiden Seiten anerkanntes Schiedsgericht einen Entscheid fällen. Das Friedensabkommen leitet eine lange Phase stabiler wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse in unserem Land ein. Es ist ein wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte der Schweizer Wirtschaft und bahnbrechend für die Entwicklung unseres Sozialstaats. Das Friedensabkommen hat entscheidend mitgeholfen, die Schweizer Wirtschaft zu stärken und Arbeitsplätze zu sichern. Kleinere Streikwellen gibt es zwar nochmals nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch mit dem Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre wird in unserem Land kaum noch gestreikt. Die ganz wenigen Streiks betreffen Branchen, die nicht ins Friedensabkommen oder in Gesamtarbeitsverträge integriert sind.



Tipp

Nr. 1: Das Schweizer Wirtschaftswunder. Aufschwung in den 1950er-Jahren. 96 Charts mit Erläuterungen. Und 12 Thesen.

Nr. 2: Die Erfolgsgeschichte der Gotthardbahn. Vom Gotthardtunnel von 1882 bis zum Basistunnel 2016. 99 Charts mit Erläuterungen. Und 12 Thesen.

Nr. 3: Soziale Frage in der Schweiz. Im 19. und 20. Jahrhundert. 89 Charts mit Erläuterungen. Und 12 Thesen.

Nr. 4: Start der modernen Schweiz – politisch, wirtschaftlich, technisch. Im 19. Jahrhundert. 103 Charts mit Erläuterungen. Und 12 Thesen.

Nr. 5: Ein Höhenflug mit abruptem Fall. Aufregende 1920er-Jahre und schwierige 1930er-Jahre. 154 Charts mit Erläuterungen. Und 24 Thesen.

Weiteres demnächst.



Kurzporträt Hanspeter Amstutz
Ehemaliger Sekundarlehrer mit langjähriger Berufserfahrung. Mitgestalter in der Zürcher Schulpolitik als Kantons- und Bildungsrat. Aktuell tätig als Referent zu historischen Themen, in der Lehrerfortbildung im Bereich Geschichte sowie als Autor für zwei Schulblogs. Kontakt: famamstutz@bluewin.ch

Ein grosses Anliegen von Hanspeter Amstutz ist es, Meilensteine unserer Schweizer Geschichte in Vorträgen lebendig werden zu lassen. Anfragen für öffentliche Präsentationen nimmt er über seine Mailadresse entgegen.


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