Beat Kappelers Erkenntnisse zum Wandel – ökonomisch und politisch, beruflich und persönlich – erscheinen auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH als fünfteilige Serie, substanziell als zeitgenössische Studie, publizistisch als einzigartige Trouvaille, ebenso gehaltvoll, grundlegend wie erhellend: Kapitel 1 OEKONOM UND OEKONOMIE, Kapitel 2 MEDIEN, INFORMATION, WISSEN, Kapitel 3 INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT, Kapitel 4 ALS BÜRGER IM STAAT, Kapitel 5 HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT.
Lesen Sie Kapitel 2 «Kappeler zum Wandel: MEDIEN, INFORMATION, WISSEN».
Die Medienwelt, die mein Berufsziel und Berufsweg war, ist weg. Vor dem Internet waren die kleinen Revolutionen das Taschenbuch, der Fax, die ersten PC’s als bessere Schreibmaschinen, deren Disketten man per Post versandte. Die Zeitungsartikel waren nur selten scoops, «investigative», der grosse Rest nahm Verlautbarungen von Behörden, Verbänden, Firmen auf und kam ohne viele weitere Fakten aus. Woher sie auch nehmen – Fachbücher waren meist schon Jahre alt, statistische Jahrbücher anderer Staaten oder internationaler Organisationen lagen nur in drei, vier Bibliotheken des Landes auf. Meine Eltern erneuerten das Radio nach einer Störung nicht mehr, das Fernsehen galt lange als etwas extravagant, sodass ich bis etwa 13 Jahre mit Appenzeller Zeitung und Ostschweiz als Tagesmedien aufwuchs. Aber auch mit 13 Jahren schrieb ich meinen ersten Artikel in der «Schweizer Jugend».
Mit etwas Ideen konnte man in dieser Medienwelt enorme Erfolge haben. So verglichen Urs P. Gasche und ich als Studenten die Nachrichtensendungen «Beromünsters» und von «Sottens» während der Tête-Offensive in Vietnam 1968 dank unseren Tonbändern und zerfetzten das Deutschschweizer Radio nach Strich und Faden in der kritischen Basler Nationalzeitung auf zwei ganzen Seiten. Die trägen Radiomacher in Bern beteten die amerikanischen Quellen nach, die Romands nutzten Korrespondenten der Franzosen an Ort. Anderthalb Jahre später fuhr ich mit dem Moped rund um den Zürichsee, liess mir in allen Gemeindeverwaltungen die Grundstücke und Besitzer nennen – und schrieb «Wem gehört der Zürichsee?», ebenfalls mit nationalem Echo.
Nachher als freier Journalist mit Sitz in Bern hielt ich geflissentlich Distanz zur grossen Bundeshaus-«duz-Runde» zwischen Journalisten und Politikern und schrieb zu Themen wie vorher, die ich selbst ausgrub. Auch nach der Verbandszeit im Gewerkschaftsbund, wieder als Autor in den Kolumnen der NZZ am Sonntag (16 Jahre) und in Le Temps (12 Jahre) hielt ich es so. Mangels intellektueller Neugier der Journalisten anderer Medien, besonders auch von Radio und TV der SRG, wurden auch die gegen den ächt-schweyzerischen Mainstream Berns zielenden Kolumnen selten aufgegriffen, oder gar Pressefehden ausgefochten (etwa meine Kritik an den Käufen von $ und € Staatstiteln 2016).
Die SRG-Medien interviewten mich zwar häufig zu geläufigen, immer wiedergekauten Tagesfragen des Landes, aber meist in der sterilen Form «gestalteter Sendungen». Diese Spezialität eines abgestandenen Journalismus besteht darin, zu einem Thema Befürworter und Gegner zu Kurzstatements zu interviewen, diese zusammen zu schneiden, und nach Gusto der Redaktion dann als Mosaik zu produzieren, wobei die Redaktion den Lauftext spricht und von Anfang an weiss, was da kommen soll. Es ist mir nie gelungen, im kurzen Sätzchen weiterzufahren mit «wichtig ist aber auch…»/Schnitt. Noch zu den US-Zöllen 2025 reisten zwei TV-Journalisten zu mir nach Bern, nahmen sieben, acht Sätze auf («könnten sie dies nochmals wiederholen, aber mit der Pharma», o.ä.), doch die Sendung brachte nur das ungefähre Sätzchen «ich mache mir keine übergrossen Sorgen». Es gibt Radio-Journalisten, die solche Interviews ab Kartonkärtchen mit Fragen in Dialekt machen, so unsicher sind sie. Die Romands hingegen interviewten mich über Jahre morgens von 8 bis 8.30, zusammen mit Gegenparts, sie sind in der Lage, spontan zu moderieren. Meine Vorbehalte gegen die verschlafene SRG, seit unserer Kritik 1968, haben mich seither gehindert, auch nur eine Stunde SRG-Medien zu verfolgen.

Das Internet ab 1995 brachte zunächst eine Fundgrube der Informationen, Statistiken, Studien, je besser es wurde. Dann aber setzte sich der wahre Mechanismus elektronischer Medien durch, die zum Netz wurden: sie wurden skalierbar ins Unendliche, die Grenzkosten waren null für die Betreiber, also jeder neue Nutzer schaltete sich selbst ins Netz und kostete nichts. Ihn selbst kosteten aber die Informationen und die Milliarden anderer Nutzer im Netz auch nichts, sein Nutzen stieg damit an. Dies läutete das Ende fast aller Printmedien ein, es relativierte die Stellung eines staatlich mit Gebühren gestützten Radios und Fernsehens völlig. Mein Bild der SRG und der Lethargie ihrer Leiter bestätigte sich erneut im Sommer 2025, als die Direktorin an einer grossen Tagung in Bern einen Vortrag über diese Herausforderungen hielt, ohne nur einmal auf den Netzcharakter, die Grenzkosten und die beliebige Skalierbarkeit der neuen Medienwelt einzutreten. Die «staatspolitische Bedeutung» hatte stattdessen erneut herzuhalten.
Doch die steifen Sendungen, Interviews der SRG werden immer stärker konkurrenziert und abgehängt von den vielen Blogs, von Youtube, von bewegten Bildern in Studien, von Sendungen der Privatgesellschaft. Nach dem Internet kam der nächste Schritt, die Internet-fähigen Mobilephones 2007. In der Kommunikationskommission, dem Regulator, dem ich zehn Jahre angehörte, sagten die Fachleute vom Bakom ca. 2002 voraus, man werde bald bewegte Bilder auf dem Mobilephone sehen können, was fast unglaubhaft schien. Nun aber war mit einem Schlag die gesamte Menschheit und ihre Information, ihr Wissen, einander rund um die Uhr zugeschaltet, wo immer sich die Einzelnen befinden.
Die Voraussage, oder der Wunschtraum Andy Warhols von 1968 verwirklichte sich beinahe – dank der neuen Medien kann sich jeder Mensch «15 minutes of worldfame» schaffen…
Doch nicht nur in den Medien, auch in der Volkswirtschaft allgemein dezentralisieren die Netze die Chancen, etwa zur Selbständigkeit. Die ersten Modelle wie Uber, viele online-Handelsfirmen, von Antiquariaten bis zu Amazon und Pizza-Lieferungen oder Airbnb sind unter uns. Doch die Staatsbürokratien tun sich damit ebenso schwer wie die SRG-Direktion. Uber wurde vielfach angefeindet oder verboten – weil die Fahrer nicht Selbständige seien. Tatsächlich gibt Uber oft die Tarife und Bedingungen vor, ist damit ein Kartell, wenn die Fahrer wie von Uber behauptet, selbständig arbeiten. Sind die Fahrer aber unselbständig Erwerbende, dann müssen die Sozialversicherungen bessere Modelle anbieten. Die Lösung wäre einfach – sie sind Selbständige, und schreiben sich ganz normal in den Versicherungen ein, und Uber betreibt das Inkasso, nicht aber die Tarife.
Eine andere Frage übersteigt die Politiker der meisten Länder ebenfalls – der Zugang anderer Anbieter über skalierte, daher monopolähnlich gewordene Netze wie Amazon im Handel oder Google bei der Werbung. Das Modell der «Netzneutralität» der Telekom-Firmen ist dabei schon erprobt: ihr Netz lässt andere Anbieter ebenfalls auftreten, und dies ohne preisliche Behinderungen. Damit entkoppelt sich der Widerspruch globaler, skalierter Netze und vielfach erweiterter individueller Aktivität darin.
Ein erster Vorbote der neuen Medien in der Schweiz kam 1979, als sich viele empörten, weil Roger Schawinski von einem italienischen Gipfel aus die Region Zürich mit seinem privaten Radio bestrahlte und letztlich dank Physik das Staatsradio SRF bedrängte.
In der EWG/EG und auch in der Schweiz nahm man nicht zur Kenntnis, dass in den USA schon 1982 die monopolartige AT&T in Netzgesellschaften und in eine Betreibergesellschaft für Inhalte aufgelöst wurde. Erst 1998 zogen die EU und die Schweiz nach, gaben die Telekom-Netze (fest und mobil) frei. Die Politiker schonten die Staatskassen und die Gewerkschaften, alimentiert von fetten Postgebühren. Die Europäer liessen also den Amerikanern volle sechzehn Jahre Vorsprung, um die Netzgesellschaften, die IT-Firmen, die Chip-Hersteller zu schaffen, welche nachher die Welt dominierten (Verizon, AT&T, Sprint, Qualcomm, Netscape, Google, u. a. m.).
Ich hatte die Liberalisierung der Telecom in den USA in den Medien (Bloomberg, Herald Tribune) verfolgt, war konsterniert über den Verzug hierzulande. Der Bundesrat wollte zaghaft ca. 1991 den Datenfluss liberalisieren, und ich fügte in der Vernehmlassung «… und die Sprache» bei. Das merkte aber ein Vorstandsmitglied und man strich diese Voll-Liberalisierung.
Heute jammert die EU über amerikanische Tech-Giganten und möchte mit öffentlichen Milliarden das nachholen, was junge Amerikaner vierzig Jahre vorher oft in den Garagen ihrer Eltern erfunden haben. Staatliche Infrastrukturpolitik ist meist im Verzug, Bürokratien erfinden nichts. Hingegen argumentiert die EU-Kommission auch hier mit dem abgestandenen Argument der Sicherheit, um die «social media» auf den Netzen zu regulieren, d.h. zu bevormunden, im «Digital Services Act», den der Bundesrat soeben in grossen Teilen nachzuahmen vorschlägt. Die Eingriffe der EU wehren Kritiken an offiziellen Meldungen ab, z.B. des Weltklimarats, und empfehlen ganz unverhohlen, doch bitte Mainstreammedien als Quellen zu benützen. Die Netzgesellschaften folgen meist in vorauseilendem Gehorsam, gewitzt durch drohende Milliardenbussen.
«Kappeler zum Wandel»: Lesen Sie alle fünf Kapitel
Kapitel 1: OEKONOM UND OEKONOMIE
Kapitel 2: MEDIEN, INFORMATION, WISSEN
Kapitel 3: INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT
Kapitel 4: ALS BÜRGER IM STAAT
Kapitel 5: HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT
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Kurzporträt Beat Kappeler

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Bildnachweis: Titelbild Google_Gemini. Beat Kappeler im Interview: RTS Radio Télévision Suisse, L ‚invité de La Matinale, Juli 2025, Journalistin Aleksandra Planinic. Porträtbild zvg. Cover Stämpfli Verlag.
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