Die zeitliche Diskrepanz ist das Kernproblem der Energiewende. Zwar gewinnen die erneuerbaren Energien am Markt langfristig. Aber das Klima verliert kurzfristig, wenn wir nicht lernen, unsere eigenen Verzögerungskräfte zu überlisten.
Die Schweiz gilt zu Recht als politisches Labor der Welt. Ihre direkte Demokratie löst weltweit Bewunderung aus. Kaum irgendwo sonst haben Bürgerinnen und Bürger derart tiefgreifenden Einfluss auf politische Entscheidungen. Doch gerade dort, wo dieser Einfluss besonders wertvoll wäre – in der Frage der Energiezukunft –, zeigt sich eine paradoxe Schwäche. Denn die Energiewende erfordert Geschwindigkeit, Weitsicht und die Fähigkeit, Veränderungen auch dann voranzutreiben, wenn sie unbequem sind. Und genau an dieser Stelle wirkt die direkte Demokratie oft wie ein schwerfälliger Apparat, der sich selbst blockiert.
Wenn die Mehrheit nur von der Tapete bis zur Wand denkt
In Energiefragen zeigt sich immer wieder eine eigentümliche Kurzsichtigkeit. Solange die Energiewende abstrakt bleibt, findet sie breite Zustimmung. Sobald jedoch konkrete Projekte vor der Haustür stehen, kippt die Stimmung: Solarpanels stören angeblich das Ortsbild, Windräder den Seelenfrieden, Speicheranlagen den Blick aufs Tal. Die Einsprachekultur, eigentlich ein Instrument des Schutzes, wird zur systematischen Verzögerungsmaschinerie. Das Ergebnis ist eine Art politischer Selbstblockade, in der nationale Ziele an lokalen Reflexen scheitern.
Diese Dynamik wäre weniger problematisch, wenn Zeit ein reichlich vorhandenes Gut wäre. Das ist es jedoch nicht. Die klimatische Belastung nimmt schneller zu, als infrastrukturelle Anpassungen vorankommen. Die physikalischen Realitäten entwickeln sich in einer Dringlichkeit, die den politischen Trägheitskräften schlicht davonläuft.
Ein strukturelles Tempo-Problem
Während technologischer Fortschritt und ökonomische Entwicklungen den Wandel längst eingeleitet haben, bremst die politische Entscheidungsfindung im Inland oft auf Jahre hinaus, was eigentlich innert Monaten entschieden werden müsste. Die dafür zuständigen Verfahren sind nicht schlecht – sie sind einfach zu langsam für eine Epoche, in der jeder verlorene Sommer, jeder verpuffte Winter eine grössere Schadenslast erzeugt.
So entsteht eine gefährliche Lücke zwischen dem, was technisch möglich wäre, und dem, was politisch durchsetzbar scheint. Ein Land, das über die Ressourcen, die Innovationskraft und den gesellschaftlichen Wohlstand verfügt, um die erneuerbare Transformation entschlossen voranzutreiben, verliert wertvolle Zeit – nicht aus Unfähigkeit, sondern aus institutionellem Überfluss an Mitsprache.
Das Bild einer «grünen Monarchie» – ein demokratischer Hilfeschrei
Wenn also davon die Rede ist, die Schweiz brauche energiepolitisch eine «grüne Monarchie», dann ist das keine Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft. Es ist ein Bild für jene Art Entscheidungskraft, die wir zwar bräuchten, in unserem politischen Alltag aber kaum mobilisieren können. Es steht für langfristiges Denken, wissenschaftliche Orientierung und die Fähigkeit, kollektive Interessen höher zu gewichten als kurzfristige Befindlichkeiten.
In Wahrheit geht es darum, demokratische Mechanismen zu schaffen, die uns vor unserer eigenen Kurzsichtigkeit schützen – eine Art politischer Weitwinkel, der verhindert, dass wir uns in lokalen Details verlieren, während globale Entwicklungen längst Fakten schaffen.
Wie man institutionelle Weitsicht demokratisch verankert
Die Schweiz müsste sich nicht neu erfinden, um diese Art «weise Regierung» zu ermöglichen. Sie müsste lediglich akzeptieren, dass gewisse Entscheidungen einer anderen Taktung folgen müssen als der öffentlichen Meinungsbildung. Das bedeutet:
- Unabhängige Energie-Institutionen, die Ausbaupfade definieren und deren Umsetzung sicherstellen – ähnlich wie eine moderne Notenbank, nur für Infrastruktur statt Währungen.
- Planungs- und Bewilligungsverfahren mit verbindlichen Fristen, die Einsprache ermöglichen, aber nicht endlos perpetuieren.
- Langfristig gesicherte Investitionsrahmen, die den politisch gesetzten Zielen Stabilität verleihen, unabhängig vom Wahlkalender.
- Klare nationale Prioritäten, die es erlauben, Einzelinteressen einzuordnen, ohne sie zu ignorieren.
All diese Instrumente können langfristige Stabilität schaffen, ohne auch nur einen Hauch autokratischer Macht zu benötigen. Man könnte sagen: Es wäre die institutionalisierte, demokratisch kontrollierte Weisheit, die das tun darf, wofür dem Alltagsbetrieb der direkten Demokratie oft der Atem fehlt. So würde die Demokratie nicht geschwächt, sondern ergänzt: Die Bevölkerung bestimmt weiterhin Ziele und Leitplanken – doch die Umsetzung erfolgt über Institutionen, die das nötige Tempo einhalten können.
Energiepolitik als Generationenprojekt
Die Energiewende ist kein Automatismus, der dem technischen Fortschritt geschuldet ist. Sie ist schlicht ein Wettlauf mit der Zeit. Der grundlegende Wandel in der globalen Energielandschaft findet statt; er wird sich letztlich durchsetzen. Aber ob dieser Wandel früh genug erfolgt, um ökologisch wirksam zu sein, hängt massgeblich davon ab, wie rasch wir handeln.
Und genau hier entscheidet sich die Rolle der Schweiz: Will sie Zuschauerin einer ohnehin stattfindenden Entwicklung sein – oder Gestalterin? Will sie sich auf das beruhigende Gefühl verlassen, dass der Markt alles richten wird – oder die Verantwortung übernehmen, die Zeit so zu verkürzen, dass die kommende Generation nicht nur technologisch, sondern auch klimatisch profitieren kann?
Die eigenen Verzögerungskräfte überlisten
Die direkte Demokratie ist eine der wertvollsten Errungenschaften der Schweiz. Doch sie ist nicht dafür gebaut, Krisen im Zeitraffer zu bewältigen. Die Energiewende verlangt ein anderes Tempo, eine andere Konsequenz und eine andere Perspektive.
Eine «grüne Monarchie» im metaphorischen Sinn – also eine demokratisch legitimierte, weitsichtig agierende Institution – wäre kein Angriff auf die politische Kultur, sondern ihre notwendige Ergänzung.
Erst dann, wenn wir lernen, unsere eigenen Verzögerungskräfte zu überlisten, wird es uns gelingen, die Energiewende in jener Frist zu realisieren, die nicht nur unseren Bedürfnissen, sondern auch unserem Planeten gerecht wird.
Kurzporträt Andreas Turner

Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik folgte der Einstieg in den Journalismus mit Stationen bei der damals linksliberalen Wochenzeitung «Weltwoche», als Chefredaktor der TV-Zeitschrift «TR7» und als Produzent beim Wirtschaftsblatt «Cash». Zuletzt war Andreas Turner rund 20 Jahre auf Agenturseite in der Unternehmenskommunikation und im Content Marketing tätig. Heute konzipiert, textet und produziert Turner mit Leidenschaft Print- wie Online-Formate und übernimmt Beratungsaufträge im Energie- und Cleantech-Sektor.
Bildnachweis: GPT-5.2
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