Liliane Ritzi ist stets zwischen «Flow und Wipeout», mit genügend Fokus, damit ihre Lippe sie nicht erwischt – und sie die Balance hält. Entdecken Sie im Interview eine ebenso vielfältige wie respektvolle, engagierte wie konstruktive, reflektierte und zugleich praxiswirksame Persönlichkeit. (Red.)
SICHTWEISENSCHWEIZ.CH: Am Ende eines langen Tages haben Menschen schon mal den Eindruck, alles gehe schief und kommen aufgelöst nach Hause. Was tun? Sie als Therapeutin anrufen? Oder einen Ratgeber aus Ihrem Verlag kaufen?
Liliane Ritzi: «Man soll nicht allen seinen Gedanken glauben und darum stelle ich meist ein paar Fragen, um den Eindruck einzuordnen «Muss jemand sterben? Nein. Wird jemand krank? Nein. Hast du viel Geld versenkt? Nein? Was also genau ist so schlimm?» Atmen hilft auch immer. Dann wird geredet.»
Sie sind Unternehmerin, Therapeutin, Mediatorin, Krisenmanagerin, Werberin plus Verlegerin. Wie bringen Sie das unter einen Hut? Alle und alles eng getaktet?
«Serielle Parallelität. Eins nach dem anderen. Ich bin Spezialistin im virtuell die Tube zu fahren. Alles ist in Bewegung und ich versuche einfach die Linie zu halten, mit genügend Fokus, damit die Lippe mich nicht erwischt. Immer zwischen Flow und Wipeout. Der Schlüssel ist die Balance. Wie bei allem. Das geht nur, weil ich alles liebe, was ich mache. Und weil ich meine Grenzen respektiere. Meistens.»
«Wenn Du das Buch schreibst, mache ich einen Verlag.»
Liliane Ritzi
Nicht wenige Verlage darben und kämpfen ums Überleben, was Sie nicht abhalten konnte, 2023 einen eigenen Verlag zu gründen. Warum?
«Ich kann Herausforderungen nicht widerstehen. Eine gewisse Abenteuerlust ist mir angeboren. Oder antrainiert. Ich bin neugierig und an allem interessiert. Dazu kommt, dass ich mir als Kind erträumt habe, ich könnte mit Lesen Geld verdienen. Denn das habe ich am liebsten gemacht. Wohl auch, weil ich nicht viel andere Möglichkeiten in meiner Freizeit hatte. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es mehr Verbote als Angebote gab.»
«Verlegerin zu werden – das tun sich nur sehr wenige Menschen an. Sie gehören dazu. Was war der entscheidende Auslöser?»
«In der Agentur ist es über den Jahreswechsel am ruhigsten und wir nutzen diese Zeit, um ein paar Tage wegzufahren. Ende 22 waren wir in Hyères, da wo Flamingos wohnen. Mein Partner Rolf machte frühmorgens einen Spaziergang am Strand. Er kam zurück, machte mir einen Kaffee und überraschte mich mit der Information: Ich glaube, ich schreibe ein Buch. Worüber schreibst du ein Buch? Fragte ich zurück nach meinem ersten Schluck. Über KI und ChatGPT. In meinem Kopf rechnete es kurz: Manuskript, Verlagssuche, Lektorat, Korrektorat, Druck. Das wird Herbst. Dann ist das Buch schon out, überholt. Also sagte ich: Wenn du das Buch schreibst, mache ich einen Verlag. Und so erschien sein erstes Buch am 27.Januar 2023 im VOIMA-Verlag. Auf dem Cover Flamingos, weil die ihre Farbe ändern, je nachdem, was sie gegessen haben. Genauso wie sich die «Farbe» der Antworten von ChatGPT verändern, je nachdem, wie es gefüttert wird.»
Ihr Verlag heisst «VOIMA». Finnisch drückt Voima physische Kraft, mechanische Energie oder metaphorische Stärke aus. Ist Voima der Kern Ihres Verlags?
«Ja. Es geht um Energie. Um Leidenschaft. Das gehört für mich zusammen. In Helsinki gibt es einen wendigen Eisbrecher mit diesem Namen. Er hat den Zweck, den Hafen eisfrei zu halten. Er sichert das Überleben sozusagen. Das hat mir auch sehr gefallen. Die Reederei erlaubt uns, die Bilder zu benutzen.»
Das Verlagsprogramm umfasst Sachbücher und Belletristik – ist das für einen Kleinverlag wie VOIMA zu ambitioniert?
«Ich verlege, was die Menschen bewegt. Oder bewegen sollte. Relevante Bücher zu gesellschaftlichem Wandel, technologischer Transformation und menschlichen Grenzerfahrungen. Im Zentrum stehen starke Stimmen, neue Perspektiven und Themen mit gesellschaftlicher Relevanz. Wichtig ist mir eine klare menschliche Haltung verbunden mit verlegerischer Qualität und modernen Produktionsmethoden.»
Ihre Autorinnen und Autoren sind Sachverständige in ihrem Metier – zum Beispiel Frank Urbaniok als forensischer Psychiater, Janita-Marja Juvonen als Sozialaktivistin zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit, Rolf Jeger als Digitalexperte, Dumeng Girell di Giovanoel als Philosoph, Religionswissenschaftler und Offizier – unter Ihren Autorinnen und Autoren finden sich jedoch kaum literarische Schriftsteller. Ist das Absicht?
«Menschen mit echter Erfahrung, klare Stimmen, starke Perspektiven, Relevanz, Eigenständigkeit: Wer da reinpasst und noch nicht dabei ist, für den habe ich noch keine Zeit gefunden oder sie hat mich noch nicht gefunden. Seit diesem Sommer ist auch Steven Mack mit dem Goldfahrer dabei. Er ist nicht nur ein blinder Autor. Er bewirbt sich gerade für die Paralympics in den USA 2028. TEAM SCHWEIZ von Silvano Cerutti und Theo Haldemann ist ebenfalls ein wichtiges Buch aus meiner Sicht. Das sind durchwegs authentische Schriftsteller mit wichtigen Themen. Und es sind neue Bücher on the way. Seien Sie gespannt.»
«Mittlerweile habe ich erkannt: ein Vielleicht ist ein Nein.»
Liliane Ritzi
Sie finden Streit spannend. Warum?
«Streiten aktiviert – das ist spannend – aktiviert den Widerstand, den Konsens, das Nachdenken, das Ausformulieren. Streiten ist für mich Debattieren. Diskurs führen. Durch Widerspruch entsteht oft Klarheit, Ideen werden robuster, wenn man sie auf Schwächen testet. Blinde Flecken werden entdeckt, Selbstbewusstsein wächst. Man lernt zuzuhören und die Resilienz wird gestärkt. Manipulation, Erniedrigung und Gewalt sind zu vermeiden. Oder anders gesagt: Harmonie ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern die Fähigkeit, durch Konflikte hindurch verbunden zu bleiben.»
Gehen Ihre Autoren mit Ihnen als Verlegerin durchs Stahlbad des Streits, um Standpunkte zu schärfen und Inhalte im Manuskript zu stählen?
«Wer das nicht erträgt, ist bei mir am falschen Ort. Ich will jede Autorin, jeden Autor persönlich treffen, um zu prüfen, ob wir miteinander arbeiten können. Achtsam, aber mit Klarheit.»
Felix E. Müller, ehemaliger Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», hat bei VOIMA sein Buch zur Abschaffung der Zwangspensionierung veröffentlicht. Dieses positionieren Sie explizit als «Streitschrift». Verkauft sich Streit besser?
«Streitschrift war kein verkaufsförderndes Argument. Es äussert die Absicht des Buchs. By the way war das die Idee von Felix E. Müller, das Buch so zu deklarieren. Er denkt offenbar ganz ähnlich wie ich. Ich hatte noch über Alternativen nachgedacht. Wie ich es halt so mache. Die Alternativen waren alle schlechter. Es ist keine Erzählung, kein Roman, kein Essay. Felix will, dass über die starre Grenze 65 debattiert wird. Und das findet ja auch statt.»
Nach dem grossen Erfolg mit Frank Urbanioks «Schattenseiten der Migration»: Welches Profil erwarten Sie von neuen Autorinnen und Autoren? Mindestens ein fixfertiges Manuskript mit einem Problemthema von grösster gesellschaftlicher Relevanz, beruflich anerkannt als Chefarzt und Professor sowie bekannt wie Frank Urbaniok?
«Es ist einfacher, mit klugen Menschen zu arbeiten. Das gilt nicht nur im Verlagswesen. Aber Intelligenz macht noch keinen Schriftsteller. Für ein gutes Buch sollten sie auch formulieren können, dass die Leser dranbleiben wollen. Weil das Lektorat, also ich, sonst an die Grenzen kommt. Das Thema muss mir gefallen. Es muss zum Verlag und zu mir passen. So auch der Autor oder die Autorin. Dann kommt es gut.»
Verlagssuche für «Schattenseiten der Migration» – eine Tortur für Frank Urbaniok
Die grossen Verlage lehnten «Schattenseiten der Migration» durchwegs ab. In Deutschland war das Buch nicht publizierbar. Die Verlagsleitungen hielten Begründungen vor wie: Das Thema Migration sei nicht aktuell. Bestehende Autoren könnten sich solidarisieren und abspringen. Man befürchte einen Shitstorm, ein negatives Image, eine soziale Ächtung, man werde in eine ideologisch-politische Ecke gestellt. Oder man werde in der Verlagsexistenz gefährdet. Sie hingegen brachten «Schattenseiten der Migration» heraus. Hand aufs Herz: Welche dieser Befürchtungen sind bislang über Sie hereingebrochen?
«Perception is reality. Vielleicht habe ich ja all das ignoriert. Wahrgenommen habe ich auf jeden Fall nicht viel von alledem. Weder persönlich noch als Verlegerin. Ich habe viele Zuschriften erhalten mit Lob und Anerkennung für meinen Mut. Ich fand das gar nicht so mutig. Was soll mir denn schon passieren? Dass jemand schlecht über mich redet? Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, ist das ok. Man darf mit mir auch debattieren. Oder streiten.»
Vor VOIMA fand der Autor gar einen Schweizer Verlag, der jedoch nach Abgabe des Manuskripts das Buch regelrecht abschoss: Es sei schlecht geschrieben, inhaltlich falsch und verstosse gegen ethische Regeln. Eine deutlichere Absage kann es für einen Autor nicht geben. Sie hingegen stiegen mit VOIMA in «Schattenseiten der Migration» ein. Haben Sie ein anderes Manuskript gelesen?
«Unternehmerische Freiheit ist ein wertvolles Gut. Ich habe diese vollumfänglich, bin nur meinen eigenen Werten verpflichtet und unabhängig von Parteien, Geldgebern und Medien. Ich diskutiere meine Entscheidungen mit meinem Partner und Mitarbeitern, aber ich verantworte sie allein. Das ist bei grossen Verlagen anders. Ich weiss nicht, ob all diese abwertenden Worte ernst gemeint waren. Jemand hat es aber unterschrieben. Und der wollte nicht achtsam morden.
Absagen zu verschicken, Nein zu sagen, ist sehr schwierig. Ich lerne es gerade. Wöchentlich bekomme ich 2-20 Manuskripte angeboten. Ich versuche, mir innerhalb von drei Monaten eine Meinung zu bilden, ob ich es machen möchte. Erinnern Sie sich an ihre Teenager-Jahre? Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht? Mittlerweile habe ich erkannt: ein Vielleicht ist ein Nein. Weil ich genug Arbeit habe und nur genug Energie mit und für die Jas. Dann gilt es ein Nein so zu formulieren und allenfalls zu begründen, dass es beim Autor Verständnis weckt. Es gibt keine Verpflichtung für den Verlag, ein Buch zu veröffentlichen. Und ein Verlag muss Erfolg haben. Denn ein Erfolg darf maximal zwei bis drei Misserfolge finanzieren.»
Eine Freundin telefoniert sonntags – dann greift das «Ritzi-Prinzip»
Hinter sich hatte Frank Urbaniok eine einjährige vergebliche Verlagssuche – warteten Sie bereits auf ihn?
«Meine Verlagsstrukturen hatten Anfang 2024, als er zu suchen begann, das erforderliche Maturitäts-Niveau einfach noch nicht erreicht. So hat er gewissermassen unbewusst warten müssen, bis ich so weit war. Der Aufbau eines Verlags in dieser Komplexität braucht viel Perseverance. Also Ausdauer. Wie das Wort sagt, dauert es. Heute bedauern weder Professor Urbaniok noch ich, dass dem so war.»
Wie verlief der Erstkontakt: Wie trafen Sie konkret aufeinander?
«Eine Freundin hat mich an einem Sonntag angerufen und mir erzählt, dass Frank Urbaniok einen Verlag sucht und ob das etwas für mich wäre. Darüber habe ich dann eine Nacht geschlafen, und ihr am Montag gesagt, sie solle ihm meine Telefonnummer und die Verlagsseite mitteilen. Er hat mich gleichentags angerufen.»
Waren die Gedanken in der besagten Nacht klar, der Schlaf tief?
«Ich wusste, dass es viel Energie braucht, einen Bestseller zu produzieren. Ich musste herausfinden, ob ich es mit meinen Leuten «stemmen» kann. Mir ist ja grundsätzlich nie langweilig und es war aus dem Gespräch klargeworden, dass Frank Urbaniok nicht nochmals ein Jahr warten wollte. Ihm hat der Gedanke gefallen, mit mir zu publizieren. Wir unterhielten uns eine Stunde und dann war mir klar, worum es genau geht. Ich las das Manuskript und ja, da ist Sprengstoff drin für Menschen, die es anders sehen wollen. Als wir uns dann eine Woche später persönlich getroffen hatten, war ich parat mit Vorschlägen für alles, was man regeln muss für einen Bestseller. Dass es ein vielgelesenes Buch werden wird, war schon damals glasklar.»
Frank Urbaniok erinnert sich, dass Sie zu «150%» zugesagt haben, das Buch herauszubringen. Warum 150% statt «nur» 100%? Ist das das «Ritzi-Prinzip» – gar nicht oder dann 150%? Mindestens.
«Ja, das ist das Ritzi-Prinzip. Wir waren bis kurz vor Drucklegung in Ägypten in den Ferien. Die waren bereits geplant, bevor ich gewusst habe, dass mir Urbaniok einen Bestseller bringt. Es wurde ein Arbeitslager am Meer. Zum Glück hatte das Hotel ein gutes WLAN. Das Satzdokument war fertig, als Frank Urbaniok anrief, kurz bevor das Taxi uns zum Flughafen gebracht hat, um das Wort «mutig» in «unerschrocken» zu ändern. Das war die letzte Änderung, die der Setzer umgesetzt hat. Als wir am Gate in der wartenden Menge sassen und auf das Boarding warteten, hat Rolf das geänderte Dokument für die Druckerei hochgeladen. Hardcover. Mit einem Bändeli. Blau, wie das Cover. Weil Frank Urbaniok Bändeli liebt.»
So sehr sich die Odysee «Verlagssuche» für Frank Urbaniok hinzog, so schnell entstand das Buch binnen acht Wochen. Mit welchen Beschleunigern?
«Ich habe Professor Urbaniok und sein Buch zu meinem «one and only» gemacht. Alle Ressourcen «umgeschiftet», in den Ferien gearbeitet. Mir die Texte vorlesen lassen, wenn ich es nicht mehr gesehen habe. Ohne den bedingungslosen Support von Rolf, meinem Partner, hätte es nicht so funktioniert.»
«Schattenseiten der Migration» erscheint: Shitstorm und Champagner zugleich?
Sie bezeichnen sich als praktisch und pragmatisch, Frank Urbaniok setzt auf Fakten und Differenzierung. Wie arbeiten Sie als Verlegerin mit Autor Fank Urbaniok zusammen?
«Ich bin eine Vertreterin der Economy of Kindness. Unsere Zusammenarbeit ist geprägt von absolutem Vertrauen und gegenseitiger hoher Wertschätzung und Respekt.»
Wie erlebten Sie den Tag, als «Schattenseiten der Migration» erschien? Champagner oder Shitstorm, explodierende Bestelleingänge oder Anprangerung?
«Im Vorfeld der Veröffentlichung habe ich versucht, alle wichtigen Player im Buchhandel dazu zu bewegen, Vorbestellungen zu tätigen. Meine persönlichen Erwartungen wurden natürlich nicht erfüllt. Diejenigen des Buchzentrums dagegen weit übertroffen. Wir haben am zweiten Tag nach der Erscheinung mit dem Privatauto Schachteln nach Hägendorf gebracht. Der Start war eher leise. Erst als die Bestsellerliste publiziert war, und mir ein Freund geschrieben hat, um zu gratulieren, ist es bei mir so eingesunken. Dann gab es ein Filet und ein Glas Prosecco.»
«Frank Urbaniok ist der Schlüssel des Erfolgs. Nicht ich.»
Liliane Ritzi, Verlegerin
Wie wurde das Buch in Zielmärkten aufgenommen? Welche Unterschiede gibt es zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich?
«In der Schweiz wurde es ja zum Erscheinungsdatum zum Bestseller. In Deutschland fand gerade Koalitionsbildung statt und die deutschen Medien waren mit anderen Themen beschäftigt. Der Buchverkauf in Deutschland nahm erst später Fahrt auf. Dann aber sehr kontinuierlich. Österreich war auch lange zurückhaltend. Es hängt immer auch damit zusammen, wo Frank Urbaniok auftritt. Er ist der Schlüssel des Erfolgs. Nicht ich.»
Wie reagierten Zielgruppen wie Politik, Medien, Wissenschaft, Bürgerinnen und Bürger auf das Buch?
«Es gab viel Interesse und manche Medien haben gut reagiert. Differenziert sozusagen. Eine Journalistin der WOZ hat Frank Urbaniok eine Profilneurose attestiert. Das hat mich amüsiert. Es gab unzählige Reaktionen von Menschen, die froh sind, dass es jemand auf den Punkt bringt. Auch Menschen mit Migrationshintergrund haben geschrieben. Polizisten, ehemalige Richter. Handgeschriebene Briefe waren dabei. Ein paar davon sind in die zweite Auflage eingeflossen.»
Wie reagierte die Verlagsbranche auf Sie, die Sie «Schattenseiten der Migration» herausbrachten?
«Ich habe nicht den Eindruck, dass die Verlagsbranche zur Kenntnis genommen hat, dass es uns gibt.»
Die Freiheit der Verlage ist ein Grundpfeiler einer freien Gesellschaft. Zur vornehmen Aufgabe der Verlage gehörte respektive gehört es, Bücher zu kritischen Themen zu veröffentlichen. Was läuft derzeit schief bei renommierten Verlagen, die «Schattenseiten der Migration» abgelehnt haben?
«Ein Buch zu produzieren ist aufwendig und teuer. Wenn Befürchtungen in der Luft sind, dass ein Buch rechtliche Auseinandersetzungen mit sich ziehen könnte, dann ist auch eine Rechtsprüfung angezeigt. Möglicherweise haben Verlage einfach zu viel zu tun, um diesen Aufwand intern zu rechtfertigen. Wer weiss.»
Und welche Therapie verschreiben Sie der Verlagsbranche? Als Therapeutin machen Sie – ich zitiere Sie «Probleme der Klienten weg». Welche Sachen machen Sie als Verlegerin im Verlags- und Buchbusiness weg?
«Ich führe meinen Verlag und die Agentur als Boutique. Boutique heisst Flexibilität. Kein starres Programm. Keine Publikationen auf Messetermine. Wir entwickeln uns mit Autoren und Partnern. Masse ist nicht unsers. Und so mache ich es auch in der Therapie. Individuell. Auf den Klienten zugeschnitten. Mit den für das störende Problem passenden Tools.»
Liliane Ritzi als Bürgerin: WG-Regeln in der Migrationspolitik beachten
Und wenn Sie als Bürgerin Liliane Ritzi in der Migrationspolitik der Schweiz etwas ändern könnten: Was würden Sie vorrangig anpacken?
«Ich bin der Meinung, dass wir nicht adäquat kommunizieren. Wir sagen nicht klar genug, wer wir sind. Welche Regeln bei uns gelten. Menschen, die zu uns kommen wollen, müssen verstehen, was wir von ihnen erwarten und was wir nicht tolerieren. Dieses Nichtkommunizieren führt zu falschen Vorstellungen. Wir sind nett und freundlich, wenn unsere Regeln eingehalten werden. Wir sollten deutlicher werden mit denen, die unsere Regeln des Zusammenlebens missachten. Mit denen, die Opfer generieren. Das haben wir nicht verdient, wenn wir jemanden aufnehmen. Migration ist für mich wie in eine WG einziehen. Wer sich daheim fühlen will, der muss sich anpassen. Wer das nicht will, gehört nicht in die WG. Wir müssen also die WG-Regeln eindeutig formulieren, unterschreiben lassen und sanktionieren, wenn sie nicht eingehalten werden. Man kann nicht Nichtkommunizieren und erwarten, dass die WG funktioniert. Es liegt in unserer Verantwortung, diejenigen zu schützen, die hier sind und sich in unserer WG einbringen.
Ich selber habe zu Beginn des Ukrainekriegs eine S-Status Frau bei mir zu Hause aufgenommen. Sie in die Familie und in den Freundeskreis integriert. Langsam, achtsam. Zusammen haben wir ihr gezeigt, wie wir in der Schweiz funktionieren. Sie hat in der Migros Clubschule intensiv Deutsch gelernt, eine SRK-Ausbildung in Pflegehilfe gemacht, weil ihre Versicherungskenntnisse bei uns nicht anerkannt sind und arbeitet heute in einem Pflegeheim.
Vielleicht war das auch ein bisschen Glück. Aber vor allem waren es Verantwortung, viel guter Wille, beidseitig, Anteilnahme und Miteinander. Jemand, der aus einem Land ausserhalb Europas zu uns kommt, braucht eine Gotte oder einen Götti, der unterstützt und anleitet. Es kann auch ein Arbeitgeber sein. Aber jemand muss sich kümmern. Sonst klappt das meines Erachtens nicht.»
Liliane Ritzi – eine moderne Jeanne d’Arc der Buchverlage?
Karriere, Klima, Krisen, Kriege, Katastrophen: Wir scheinen in einem Zeitalter der Ängste zu leben. Unter welchen Ängsten leiden Ihre Klienten am meisten? Welche Ängste bringen Klienten zu Ihnen als Therapeutin? Auf dem Cover von «Schattenseiten der Migration» ist eine Stichwaffe abgebildet.
«Angst vor dem Versagen ist verbreitet. «Es» ist zuviel. Oft maskiert durch Perfektionismus. Das kann zu Schlafproblemen führen, falscher Ernährung, Gedankenkreisen… und vielen körperlichen Symptomen. Nicht nur bei Erwachsenen. Auch bei Kindern. Es ist allerdings nicht oft so, dass diese Versagensangst sich zuerst zeigt. Und nicht selten ist sie «anerzogen».»
Wie positionieren Sie «Schattenseiten der Migration» als Verlegerin – als kritisches Migrationsbuch oder als aufrüttelndes Gesellschaftsbuch?
«Mich beschäftigt sehr, dass heute sehr schnell schubladisiert wird, wenn jemand Bedenken formuliert. Es ist viel Raum für Ideologien und wenig für gesunden Menschenverstand.»
«Schattenseiten der Migration» ist, so Frank Urbaniok, das Buch, das eigentlich nicht hätte erscheinen sollen. Es ist erschienen. Dank Ihnen und Frank Urbaniok. Würden Sie es heute nochmals herausgeben?
«Ja. Auf jeden Fall. Ja.»
Wäre es nicht an der Zeit, Ihnen einen Award, etwa den Titel «Jeanne d’Arc der Buchverlage» zu verleihen? Immerhin kämpft Liliane wie Jeanne für Freiheit.
«Ich möchte lieber nicht verkauft, verbrannt und in die Seine gestreut werden. Auch eine Heiligsprechung ist nicht im Plan.»
«Und es soll ein Buch werden,
Liliane Ritzi
das keine Scheu vor Wohlstand hat.»
Vielbeschäftigt wie Sie sind: die Zeit zum Lesen fehlt der Verlegerin wohl?
«Ich habe kürzlich einen Krimi von Christine Brand gelesen. Es stimmt, es bleibt nicht viel Energie, um Bücher zu lesen, die nicht in meinen Verlagskontext gehören. Aber es ist schön. Unter anderem, weil ein erfolgreiches Buch bereits lektoriert ist. Ich kann also meinen Lektorats-Detektor abschalten und muss nicht bei jedem Satz überlegen, ob der so stimmt.»
Welches Buch müsste erst noch geschrieben werden?
«Ein Buchprojekt? Ja, da habe ich eine Idee: Die Schweiz – Ein Land des Vertrauens. Die Schweiz wirkt heute wie eine Firma in der Identitätskrise. Sie weiss nicht mehr so richtig, wofür sie steht. Ich will das ändern – mit einem Buch, dessen Antwort so einfach wie radikal ist: Vertrauen. Vertrauen ist die Grundlage von allem, der beste Kleber, den es gibt. Und wir brauchen dringend wieder mehr davon.
Das Buch soll eine Schweiz entwerfen, die ihren Bäuerinnen und Bauern die Ernährung des Landes anvertraut; als gut bezahlte, sozial abgesicherte Unternehmerinnen und Unternehmer, die im Vertrauen auf ihre gesicherte Existenz innovativ wirtschaften können, statt sich in sinnentleerten Subventionsdebatten um einzelne Bäume oder Liter Milch zu verlieren. Qualität statt Masse. Denn wir sind, was wir essen, und unsere Ernährung ist die Grundlage von allem Weiteren. Wer sie sichert, sichert das Volk. Dazu gehört auch der verantwortungsvolle Umgang mit unserem grössten Kapital: Wasser, Alpen, eine intakte Umwelt. Die Schweiz als Wasserschloss Europas trägt eine ökologische Verantwortung, die weit über die eigenen Grenzen hinausreicht.
Es soll eine Schweiz als «Tresor der Welt» beschreiben – nicht mehr nur für Geld, sondern auch für Daten, das neue Gold. Die Welt vertraut sie uns an. Das macht uns nicht nur sicher, sondern relevant. Dieses Vertrauen hat eine lange Tradition: als neutraler Boden für gute Dienste, als Sitz humanitärer Organisationen, als Ort, an dem verhandelt wird, wo andernorts nur gekämpft wird.
Es soll von einer Demokratie erzählen, die Vertrauen nicht behauptet, sondern täglich einlöst: direkte Mitsprache, Föderalismus, ein Rechtsstaat, auf dessen Verträge, Eigentum und Gerichte man sich verlassen kann. Vertrauen ist dabei immer ein Vorschuss, kein Freibrief: Wer ihn missbraucht und Opfer schafft, statt sie zu schützen, hat sich das Recht auf Aufenthalt in diesem Vertrauensraum selbst genommen. Und es soll von einem Land erzählen, das sich in vier Sprachen versteht, ohne eine gemeinsame zu brauchen – vielleicht der unterschätzteste Vertrauensbeweis von allen.
Und es soll Bildung für alle als Schlüssel zur Zukunft fordern. Unsere Universitäten sind berühmt, unsere Handwerkskunst ebenso; beides gilt es auszubauen und in die Zukunft zu investieren. Wer bei uns lernen will, soll lernen dürfen, grosszügig und ungeachtet der Herkunft – aber kostendeckend. Wir bilden aus, wir subventionieren nicht die Welt. Exzellenz in Innovation, Technologie, Life Sciences, Drohnen und künstlicher Intelligenz – das können wir, und das wird global entscheidend sein.
Vertrauen heisst für mich auch: dass niemand zurückbleibt. Ein Land, das auf sich zählen kann, muss auch nach innen Wort halten – Armut in der Schweiz zu lindern und zu mindern ist für mich untrennbar vom Wohlstand.
Und es soll ein Buch werden, das keine Scheu vor Wohlstand hat. Wir sind gern reich. Wir stehen dazu – diskret und klar.
«Die Schweiz – Ein Land des Vertrauens» soll ein Manifest gegen die Verwaltung des Status quo werden – und ein Plädoyer dafür, dass die Schweiz wieder weiss, wofür sie steht. Für dieses Buch brauche ich eine Co-Autorin oder einen Co-Autor.»
Frau Ritzi, vielen Dank für das erkenntnisreiche und anregende Gespräch.
Kurzporträt Liliane Ritzi

Service: Buchempfehlungen
Es folgen Bücher aus dem Verlag VOIMA, die Liliane Ritzi im Interview erwähnt hat.







Bildnachweis: Porträt Frank Urbaniok: Frank Urbaniok. Alle anderen Bilder: Verlag Voima.
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