Thomas Minder, der Präsident des Verbandes der schweizerischen Schulleitungen, hat der Organisation einen neuen Namen und ein neues Logo verpasst: Visenti – Verband Schulführung Schweiz.
Visenti soll wohl suggerieren, dass sich die Schulleitungen inzwischen als Visionäre sehen, die ihre Schulen nicht einfach verwalten, sondern in eine Zukunftsutopie führen wollen.
Von den eigentlichen Aufgaben, welche die Schulleitungen tagtäglich zu erfüllen haben, ist denn auch auf der «Visenti»-Webseite gar nicht die Rede. Stattdessen dominiert der Anspruch, die Schule zu etwas Neuem weiterentwickeln zu wollen.

Visentis vorherrschende Ideologie
Das alles dominierende Thema lautet denn auch: FÖRDERN STATT FILTERN. «Darf Luca ins Gymi, kommt Anna in die Realschule?»
Damit erschöpft sich die Vision auch schon. Zitate von sogenannten Experten und die Nennung wissenschaftlicher Studien ohne genauere Angaben untermauern angeblich das einzige grosse Ziel des Verbandes: Die Selektion (das «Filtern») auf das Ende der obligatorischen Schulzeit zu verschieben. Nur so könne die Schule die Kinder richtig fördern, soziale Gerechtigkeit herstellen. Die Einteilung in kognitive Niveaus am Ende der Primarschule, im Alter von 12 Jahren, sei verfrüht, ungerecht und verhindere, dass die Schweiz genügend gute Fachkräfte ausbilden könne. Im Übrigen unterstütze eine Mehrheit der Schweizer Schulleitungen (noch heissen sie nicht Schulführungen) diese Vision.
Nehmen wir die Mindersche Doktrin zunächst einmal beim Wort. Was bedeutet das für die Schulen? Es bedeutet, dass die Klassen bis Alter 15 integrativ beschult werden. Wenn jedes Kind in seinem Sinne optimal gefördert werden soll, muss Minder aber auch auf deren unterschiedliche Interessen, Fähigkeiten, Entwicklungen, Neigungen und Eigenschaften persönlich eingehen. Denn Kinder und Jugendliche unterscheiden sich, je älter sie werden, desto mehr voneinander. Folglich muss Minder seine Lehrpersonen für jedes Kind eigene Programme zusammenstellen lassen.
Dies bedeutet aber, dass individuelle Förderung automatisch zu differenzierten Anforderungen führt. Dabei findet die von Visenti verteufelte Filterung im Rahmen der Einzelförderung genauso statt wie bei einer Niveaueinteilung in Gruppen. Die Selektion entsteht gerade durch die optimale Förderung des individuellen Kindes. Die Gemeinsamkeit der Klassengruppe wird dadurch automatisch durchbrochen, denn natürlich bemerken die Jugendlichen, dass sie leichtere oder schwierigere Aufgaben lösen müssen als ihre Kameraden. Und natürlich bemerken sie, dass die Lösung schwieriger Mathematikaufgaben den Besseren den Weg zum Gymnaisum öffnet und den Schwächeren nicht. Das sind die Tatsachen der Realität.
Minder behauptet auch, das bisherige System der Selektion verhindere, dass Spätentwickler noch ihren Rückstand aufholen, bzw. in höhere Schulen übertreten könnten, wenn sie plötzlich den Knopf auftäten. Dies ist jedoch hinlänglich widerlegt. Die Sekundarstufe II, die Fachhochschulen, die höheren Fachschulen, die Berufsmatur, die Passerelle: Alle diese in den letzten 30 Jahren geschaffenen Möglichkeiten verhelfen auch solchen jungen Menschen mit verzögerter Entwicklung zum Erfolg.
Dies alles verschweigt Visenti. Es ist ein stures Verharren in einer Opferideologie, die Schulkinder als Benachteiligte sehen will, denen durch Selektion alle Lebenschancen verbaut werden.
Die Aufgabe von Schulleitungen
Was wäre eigentlich die Aufgabe von Schulleitungen? Dazu muss zunächst Einiges klargestellt werden:
1. Die Aufgabe der obligatorischen Schule ist in den Verfassungen der Kantone demokratisch festgelegt. Weder die EDK noch die Schulleitungen oder die Lehrpersonen haben das Recht, diesen Auftrag abzuändern. Er besteht darin, den Kindern und Jugendlichen die grundlegenden Fähigkeiten und Kenntnisse im Lesen, Schreiben, Rechnen und in den Fächern Geografie, Geschichte, Biologie, Physik, Chemie, Musik, Kunst, Werken und Sport zu vermitteln.
Nirgends steht, dass die Schule eine therapeutische Funktion übernehmen müsse. Sie hat wohl eine erzieherische Funktion, die jedoch im Zusammenhang mit dem Bildungsziel steht, an dem eine Gruppe arbeitet.
Erzieherische oder psychologische Heilungs- oder Umformungsprozesse, die über die Bildungsziele hinausgehen, gehören nicht zum Auftrag einer staatlichen Schule. Wer das will, muss für seine Kinder eine entsprechende Privatschule oder eine heilpädagogische Institution aussuchen.
In der jüngsten Zeit wird dieser letzte Punkt häufig übersehen. An die öffentliche Schule werden plötzlich Anforderungen gestellt, für die sie nicht geschaffen wurde und für die Lehrpersonen nicht ausgebildet wurden. Lehrpersonen müssen gemäss Auftrag fachdidaktisch ausgebildet sein, damit sie Kindern die geforderten Inhalte sach- und altersgerecht vermitteln können.
Stattdessen wird heute immer häufiger verlangt, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht unterrichten, sondern therapieren. Beraterfirmen entwickeln Geschäftsmodelle, die ganze Kollegien entsprechend «weiterentwickeln» sollen. Visentis Vision zielt in diese Richtung. Man will nicht mehr fachkundige Lehrpersonen, man will Therapiekundige.
2. Schulleitungen sollten eigentlich ausgelastet sein mit der Organisation des Schulbetriebs: Zimmereinteilung, Pensen, Turnhallenbelegung, Pausenordnung, Genehmigung von Urlauben, Streitschlichtung, Leitung der Schulkonferenzen, Unterrichtsbesuche, etc. Seit einigen Jahren wurden die Schulleitungen mit zusätzlichen Machtbefugnissen ausgestattet: Anstellung der Lehrpersonen, Sanktionierung von Lehrpersonen, Organisation von Weiterbildung, Einmischung in den Unterricht. Die politischen Laienbehörden wurden jedoch in ihren Kompetenzen zurückgebunden.
Diese Entwicklung mindert gleichzeitig die Fachhoheit der Lehrpersonen. Diese sind nämlich für den Unterricht ausgebildet und verantwortlich. Das Trimmen auf Einheitlichkeit, das bei Visenti durchschimmert, bedeutet eine Schwächung der individuellen Gestaltungsfreiheit der Lehrkräfte. Diese ist jedoch eine Voraussetzung, dass Unterricht zwischen einer eigenständig operierenden Lehrperson und einer bestimmten Klasse funktioniert. Wer, wie Visenti, einen erfolgreichen Unterricht ermöglichen will, muss gerade betont darauf aus sein, die persönlichen Stärken und Vorlieben seiner Lehrpersonen ohne Einmischung zu dulden und zu unterstützen.
Visenti hingegen sieht sich mit der Umbenennung von Schulleitung zu Schulführung berechtigt, die Schule wie eine Firma zu führen, die Lehrkräfte an ihrem Bändel tanzen zu lassen. Im Unterschied zu einer Firma geht es jedoch in der Schule nicht darum, Heizungen zu installieren oder zu reparieren. Es geht darum, Menschen in ihren Kenntnissen und Fähigkeiten aufzubauen. Dies erfordert Gestaltungsfreiheit, Vielfalt, Initiative, grossen Arbeitseinsatz und nicht Abspulen von ideologisch festgelegten Ritualen.
Fazit
Die Umbenennung des Schulleitungsverbandes ist letztlich der Versuch, die Macht der Leitenden über ihre Schule in Richtung einer totalitären Firmenstruktur auszubauen. Dabei soll der eigentliche Auftrag der Bildungsinstitution Schule der demokratischen Kontrolle entzogen und auf eine rein ideologisch ausgerichtete Vision hin verändert werden, im Glauben die Schule würde gerechter, effizienter und zukunftsträchtiger, wenn sie dem Gleichheitsideal nachrennt.
Es ist zu hoffen, dass es unter den Schulleitungen und den Schulbehörden genügend vernünftige Leute gibt, die Visentis Fehlentwicklung erkennen und Gegensteuer geben.
Kurzporträt Felix Schmutz

Bildnachweis: Titelbild KI ChatGPT, Logo Website Visenti, Poträtbild zvg
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