Wie Kriege die Klimaziele torpedieren

Während Länder wie die Schweiz ihre Emissionen systematisch reduzieren und ambitionierte Klimaziele verfolgen, verursachen moderne Kriege verheerende, oft unzureichend erfasste Treibhausgasemissionen. Hier der Versuch einer Einordnung, wie stark militärische Konflikte das globale Klima beeinflussen – und welche Rolle hochentwickelte Industrienationen dabei indirekt spielen.


Ein blinder Fleck in der Klimadebatte


Die internationale Klimapolitik konzentriert sich stark auf Energie, Verkehr und Gebäude. Weniger Beachtung findet hingegen ein Bereich, der in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen hat: die Klimawirkung militärischer Konflikte.

Der seit 2022 andauernde Krieg zwischen Russland und der Ukraine liefert hierfür ein ausreichend gut untersuchtes Beispiel. Forschungsgruppen und internationale Organisationen schätzen, dass dieser Konflikt bis 2024/25 rund 150 bis 180 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente (CO₂e) verursacht hat. Damit bewegt sich der Krieg in einer Grössenordnung, die den jährlichen Emissionen eines mittelgrossen Industrielandes entspricht.

Diese Emissionen entstehen nicht nur durch Kampfhandlungen selbst, sondern durch eine Vielzahl miteinander verknüpfter Prozesse.


Direkte Emissionsquellen moderner Kriege


  • Zerstörung fossiler Infrastruktur: Zu den grössten Einzelereignissen zählt die Sabotage der Nord-Stream-Pipelines im Jahr 2022. Dabei wurden schätzungsweise 300’000 bis 500’000 Tonnen Methan freigesetzt. Aufgrund der hohen Klimawirksamkeit von Methan entspricht dies etwa 10 bis 15 Millionen Tonnen CO₂e.

    Auch wiederholte Angriffe auf Öldepots, Raffinerien und Treibstofflager führten zu grossflächigen Bränden. Solche Ereignisse setzen nicht nur CO₂ frei, sondern auch Russpartikel, welche die Erwärmung zusätzlich verstärken.


  • Militärischer Treibstoffverbrauch: Moderne Armeen sind hochgradig energieintensiv. Kampfjets, Panzer und logistische Versorgungsketten verbrauchen grosse Mengen fossiler Brennstoffe.

    Allein der militärische Betrieb im Ukraine-Krieg bis Mitte 2024 wird auf 30 bis 40 Millionen Tonnen CO₂e geschätzt. Diese Emissionen sind besonders schwer zu erfassen, da militärische Daten oft nicht öffentlich zugänglich sind.


  • Brände und Landschaftszerstörung: Artilleriebeschuss und Explosionen lösen regelmässig grossflächige Brände aus. Wälder und Steppen, die zuvor als CO₂-Senken dienten, werden zerstört und setzen zusätzlich Kohlenstoff frei.

    In besonders intensiven Phasen werden mehrere Millionen Tonnen CO₂e pro Jahr allein durch solche Brände freigesetzt.


  • Zerstörung und Wiederaufbau: Ein oft unterschätzter Faktor ist die langfristige Klimawirkung zerstörter Städte. Die Produktion von Zement und Stahl sowie der Transport von Baumaterialien sind stark emissionsintensiv. Für den Wiederaufbau stark zerstörter Städte wie Mariupol oder Bachmut werden zusätzliche Emissionen im zweistelligen Millionenbereich erwartet – verteilt über Jahre oder Jahrzehnte.



Weitere Kriege und ihre Klimawirkung


Auch andere Konflikte tragen zur globalen Emissionsbilanz bei:

  • Im Gazastreifen führen intensive Bombardierungen zu Bränden in dicht besiedelten Gebieten, wobei Kunststoffe und Treibstoffe verbrannt werden. Erste Schätzungen gehen von mehreren Millionen Tonnen CO₂e aus.
  • In Syrien haben Angriffe auf Öl-Infrastruktur und improvisierte Raffinerien über Jahre hinweg erhebliche Emissionen verursacht.
  • Im Jemen kam es wiederholt zu Bränden in Ölterminals und Energieanlagen.
  • Im Krieg von USA und Israel gegen den Iran entstehen erhebliche Emissionen durch Luftangriffe auf militärische und energiebezogene Infrastruktur, darunter Treibstofflager und Industrieanlagen. Brände, Explosionen und sekundäre Schäden setzen CO₂ sowie andere klimawirksame Gase frei.
  • Gegenschläge des Iran – etwa durch Raketen- und Drohnenangriffe – führen ebenfalls zu Bränden und Zerstörungen von Infrastruktur, wodurch zusätzliche Emissionen entstehen. Hinzu kommt der hohe Treibstoffverbrauch moderner Luft- und Raketenoperationen auf beiden Seiten.
  • Im Sudan, wo der Bürgerkrieg seit 2023 grosse Teile der Hauptstadt Khartum erfasst hat, werden gezielt Industrieanlagen beschädigt. Laut Analysen der Conflict and Environment Observatory wurden zwischen April 2023 und Januar 2024 über 400 Vorfälle in zentralen Industriegebieten registriert, darunter Schäden an Ölraffinerien sowie an chemischen und industriellen Anlagen.


Diese Konflikte sind bislang weniger gut dokumentiert, tragen aber kumulativ erheblich zur globalen Klimabelastung bei.


Die Rolle technologisch führender Staaten


Industrienationen wie die Schweiz sind in diesen Konflikten keine direkten Kriegsparteien. Dennoch sind sie Teil globaler Lieferketten, die auch militärisch genutzt werden können.

Schweizer Unternehmen liefern beispielsweise:

  • Navigationsmodule
  • Mikroelektronik
  • Sensorik
  • Präzisionsmaschinen

Solche Technologien sind «Dual-Use-Güter» – sie haben sowohl zivile als auch militärische Anwendungen. In modernen Waffensystemen sind sie jedoch oft unverzichtbar.

Analysen ukrainischer Behörden zeigen, dass mehrere hundert Komponenten von Herstellern mit Sitz in der Schweiz in russischen Waffensystemen identifiziert wurden. Diese Komponenten wurden in der Regel nicht direkt für militärische Zwecke exportiert, sondern gelangten über komplexe internationale Lieferketten in die Systeme.

Obwohl moderne Kriege Emissionen in der Grössenordnung ganzer Volkswirtschaften verursachen, werden diese Schäden bislang kaum systematisch in Reparationsforderungen berücksichtigt. Zwar existieren völkerrechtliche Grundlagen für finanzielle Kompensationen bei Umweltschäden, doch fehlen standardisierte Methoden zur Bewertung von Klimafolgen. Zudem erschweren geopolitische Realitäten die Durchsetzung solcher Ansprüche. So bleibt ein zentraler Teil der verursachten Klimakosten bis heute weitgehend unbeachtet.


Klimapolitik im nationalen Kontext


Die Schweiz verfolgt ambitionierte Klimaziele und hat ihre Emissionen in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert. Massnahmen umfassen:

  • Förderung erneuerbarer Energien
  • Effizienzsteigerungen im Gebäudesektor
  • Elektrifizierung des Verkehrs


Im globalen Massstab sind diese Beiträge relevant, aber begrenzt. Die Emissionen eines einzelnen grossen Konflikts können die jährlichen Einsparungen eines Landes teilweise übersteigen.


Neue Atomkraftwerke im Spannungsfeld


Vor dem Hintergrund der Klimaziele wird in der Schweiz und anderen Ländern erneut über Kernenergie diskutiert. Atomkraftwerke verursachen im Betrieb nur geringe direkte CO₂-Emissionen und gelten daher als klimafreundliche Energiequelle.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Konflikte, dass solche Anlagen in Kriegsgebieten ein erhebliches Risiko darstellen können. Das Beispiel des AKW Saporischschja, des grössten Atomkraftwerks Europas, verdeutlicht, wie verwundbar kritische Infrastruktur ist.
 

Ein Ausfall von Kühlsystemen oder Stromversorgung könnte zu schweren nuklearen Unfällen führen, deren ökologische und wirtschaftliche Folgen über Jahrzehnte anhalten würden.


Ein strukturelles Problem der Klimabilanz


Ein zentrales Problem liegt darin, dass militärische Emissionen international nur unzureichend erfasst werden. In vielen Klimaberichten werden sie:

  • gar nicht ausgewiesen
  • oder nur teilweise berücksichtigt


Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der tatsächlichen globalen Emissionen.


Fazit


Die Klimapolitik moderner Industrieländer erzielt messbare Fortschritte. Gleichzeitig zeigen aktuelle kriegerische Konflikte, dass militärische Aktivitäten erhebliche und oft unterschätzte Emissionsquellen darstellen.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Kriege verursachen Emissionen in der Grössenordnung ganzer Volkswirtschaften
  • Besonders relevant sind Methan-Lecks, Infrastrukturbrände und Wiederaufbau
  • Technologisch hochentwickelte Länder sind indirekt über Lieferketten eingebunden
  • Militärische Emissionen sind in globalen Klimabilanzen bislang unzureichend berücksichtigt
  • Klimaschäden durch Kriege werden bislang kaum systematisch in Reparationsforderungen einbezogen.


Eine umfassende Klimastrategie muss daher künftig auch diesen Bereich stärker einbeziehen – nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus sicherheitspolitischen Gründen.

Solange militärische Konflikte Emissionen in der Grössenordnung ganzer Volkswirtschaften verursachen und gleichzeitig kaum systematisch erfasst werden, bleibt Klimapolitik zwangsläufig gehandicapt – und blendet eine ihrer grössten strukturellen Gegenwirkungen aus.
 


Kurzporträt Andreas Turner
Der Publizist Andreas Turner verhandelt Energie wahlweise als physikalische Grösse, Triebfeder oder kulturelle Errungenschaft. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich.

Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik folgte der Einstieg in den Journalismus mit Stationen bei der damals linksliberalen Wochenzeitung «Weltwoche», als Chefredaktor der TV-Zeitschrift «TR7» und als Produzent beim Wirtschaftsblatt «Cash». Zuletzt war Andreas Turner rund 20 Jahre auf Agenturseite in der Unternehmenskommunikation und im Content Marketing tätig. Heute konzipiert, textet und produziert Turner mit Leidenschaft Print- wie Online-Formate und übernimmt Beratungsaufträge im Energie- und Cleantech-Sektor.



Bildnachweis: Titel: KI-generiertes Bild mit ChatGPT (OpenAI), Porträt: zvg

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