Vom Protest gegen die helvetische Enge zur neuen Leichtigkeit der jüngeren Schweizer Literatur

Während zu Beginn der 1990er Jahre ein Linus Reichlin in einem Programmheft der Solothurner Literaturtage ernüchtert feststellte, die Schweizer Literatur befinde sich in einem Tief, reiten die Schweizer Autorinnen und Autoren heute geradezu auf einer Erfolgswelle. Bücher von Alex Capus, Franz Hohler, Gertrud Leutenegger, Eleonore Frey, Lukas Bärfuss, Peter Stamm, Urs Widmer, Arno Camenisch, Pedro Lenz, Jonas Lüscher, Martin Suter u.a. sind gefragt wie selten zuvor.

Woran liegt es, dass die Schweizer Literatur zurzeit so erfolgreich ist? Peter Bichsel, der grosse alte Mann der Schweizer Literatur, hat gemeint, es sei das Ringen um die deutsche Hochsprache, das die Schweizer Schriftsteller stark mache. Sie müssten die Sprache ihrer Bücher erst erwerben – ein Wort, in dem das Liebe- und Mühevolle des Kunstwerks schon enthalten sei. Die Schweizer Schriftsteller könnten nicht, wie etwa Thomas Mann, aus dem Selbstverständlichen schöpfen. Und das sei ihr Glück.

Fragen wir uns nun aber, was sich in der Literaturszene der Deutschschweiz in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert hat. Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es eines Blicks zurück in die jüngere Geschichte der Schweizer Literatur.


«Schweizerart ist Bauernart» – so ein uralter helvetischer Topos. Ganz im Sinne dieses Topos setzte sich die Literatur der Schweiz lange vornehmlich mit den Themen «Heimat» und «Herkunft» auseinander. Beide Begriffe lieferten den Stoff für Schweizer Geschichten und Geschichte. Das hat sich radikal geändert. Rund 50 Jahre hatte sich die Literatur unseres Landes von den Entwicklungen der Moderne, die sich als Bruch mit den herkömmlichen Formen und Normen der Literatur verstand, abgeschottet. Während des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus war sie gar Organ «Geistiger Landesverteidigung» gewesen, deren Hauptanliegen in der Bekämpfung fremder, äusserer Einflüsse, «unschweizerischen Gedankengutes» bestand und die als antikommunistischer Abwehrreflex bis weit in die 1950er Jahre hinein wirkte.

Nun aber, zu Beginn der 1960er Jahre wandelte sich ihr Bild fast über Nacht. Vor allem vier Autoren ist es zu verdanken, dass der Anschluss der Schweizer Literatur an die literarische Moderne wiedergefunden wurde. Da sind zunächst die zwei bedeutendsten, die beiden Überväter Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, wie Hänsel und Gretel stets in einem Atemzug genannt. Sie haben die Schweizer Literatur über vierzig Jahre hinweg nicht nur dominiert, sondern zudem bewiesen, dass auch Schweizer Autoren zu Weltruhm gelangen und diesen bewahren können. Kann es, so fragte man sich nach ihrem Tod allen Ernstes, eine Schweizer Literatur ohne Frisch und Dürrenmatt geben? Und falls ja: Wer könnte ihre Stelle einnehmen? Ich sprach von vier Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Literatur der Schweiz für die Moderne geöffnet haben. Es fehlen also noch zwei.


Das Politische springt in den Hag: Kurt Marti

Die Mundartliteratur in der Schweiz verstand sich bis weit in die 1950er Jahre hinein als eine Art Heimatschutzdichtung, die vielfach aus einer geistigen Enge heraus das Eigene verklärte und alles Fremde fast pauschal ablehnte oder gar verdammte. Kein Wunder, dass eine solche Literatur mit den Forderungen der Moderne, etwa nach der Preisgabe eines gesicherten Orientierungszentrums oder nach dem Durchbrechen konventioneller Formen, nichts anfangen konnte. Die Dialektdichtung, von ihren Vertretern als «bodenständig», «währschaft» und «urchig» gerühmt, verstand sich denn auch als selbständiges und isoliertes Gebilde jenseits der modernen Literatur – eine Vorstellung, die mitunter geradezu selbstmörderische Dimensionen annahm.


Der vom «Bluemete Trögli», von der «Buebezyt» und der «Häimet», «vo mym Dörfli» und vom «Berg im ebge Schnee» getragene Leierkastenwortschatz wurde so lange strapaziert, bis er den Geist aufgab.


Hier setzte nun zu Beginn der 1960er Jahre der Berner Pfarrer und Autor Kurt Marti ein. Sein Rat an die Vertreter einer traditionalistischen Dichtung, endlich «mal ein bisschen von all den Dadaisten, Surrealisten, Existentialisten und wie immer sie heissen mögen» zu lernen, wurde zwar mit Empörung zurückgewiesen. Doch als dann sein erstes Dialektgedicht, das mit den «Gemüsegartenmissverständissen und den Scheiden-tut-weh-Schleichereien» gründlich aufräumte, 1962 im «Berner Bund» erschien, war das Eis für viele gebrochen. Das Gedicht trug den traulichen Titel «früelig» und provozierte folgendermassen:

«früelig»

hahnefuess und ankeballe
früelig trybt scho schtyf
liechti rägetröpfli falle
radioaktiv
 
härzig äugt dr erscht salat o
wie ne gwunderfitz
aber warschaupakt und nato
näme kei notiz.

Kurt Marti

Dass Warschauer Pakt und Nato auf einmal das «bluemete Trögli» unsicher machten und dass nervöse Fremdvokabeln wie «radioaktiv» ein Gebiet unterwanderten, in dem sie füglich nichts zu suchen hatten – das war neu. Neu war auch Kurt Martis Standortbestimmung in seinem 1966 publizierten Essay «Die Schweiz und ihre Schriftsteller – die Schriftsteller und ihre Schweiz». Marti stellte hier kurz und bündig fest, nationale Themen seien ausser Kurs geraten. Was die zeitgenössische Literatur beschäftigen müsse, sei allein die soziale Frage, und diese sei von internationaler Bedeutung. Es gehe nicht mehr um «nationale Selbstvergewisserung», Mythos und Geschichte hätten ihren Glanz verloren. Relevant sei einzig die Frage nach den Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen.

Damit waren neue Themen in die Schweizer Literatur eingedrungen, Themen, die mit «Geistiger Landesverteidigung» nichts mehr zu tun hatten, die im Gegenteil ein ganz neues Klima schufen. Mythos, Geschichte, Heimat, Wehrhaftigkeit, Vaterlandsliebe, Naturgefühl, die bis weit in die fünfziger Jahre hinein die Schweizer Literatur bestimmt hatten, waren mit einem Male out.


An ihre Stelle trat die Kritik an der Schweiz und ihren vermeintlich festgefahrenen Institutionen, aber auch an ihrer Selbstgenügsamkeit, ihrem idyllisch-heroischen Schweizmythos.


Vor allem das Wort «Heimat» war den Schriftstellern zum Reizwort geworden. Zwischen ihnen und dem «Establishment», aber auch dem Volk, begann sich jene verhängnisvolle Kluft aufzutun, die das schweizerische Kulturleben lange bestimmte. Sie manifestierte sich zunächst in der «Gruppe Olten», jener Gruppe von 22 Schriftstellern, die 1970 unter Protest aus dem Schweizerischen Schriftsteller Verband ausgetreten war, nachdem dessen Präsident, der Walliser Maurice Zermatten, am damals berühmt-berüchtigten Zivilverteidigungsbuch mitgearbeitet hatte. Die politisch durchwegs links stehenden Schriftsteller warfen diesem Buch eine veraltete Widerstandsideologie, ja sogar eine Blut- und Boden-Haltung, jedenfalls einen Rückfall in die «Geistige Landesverteidigung» vor.

Die «Gruppe Olten», zu deren Gründern Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Adolf Muschg, Otto F.Walter und Peter Bichsel gehörten, nahm in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrer Auflösung im Jahre 2002 zu allem und jedem Stellung. Aufrufe, Resolutionen, öffentliche Versammlungen und Demonstrationen waren an der Tagesordnung. Die Gruppe trat gerne im Namen aller Schriftsteller auf und liess sich manchmal zu Auftritten hinreissen, die dem Ansehen des Schriftstellerstandes schadeten. Die Konfrontation mit dem Establishment führte zu einer Verhärtung der Fronten; sie führte auch dazu, dass die Öffentlichkeit die Schriftsteller achselzuckend gewähren liess, was diese nur zu immer lauteren Kundgebungen anstachelte – ein Teufelskreis.

Höhepunkt dieser Konfrontation war die 700 Jahr-Feier der Schweiz 1991, als eine Reihe von Schriftstellern, im Zusammenhang mit dem Fichenskandal, das Ende ihres Patriotismus verkündeten und mit dem Slogan «700 Jahre sind genug» die Abschaffung der Schweiz verlangten. «Ich bin dazu verurteilt, Schweizer zu sein», schrieb damals ein Jürg Läderach, und Christoph Geiser gab die Parole aus, nach Europa auszuwandern. Max Frisch sprach von einem «verluderten Staat», andere riefen nach einer «Landsgemeinde der Kulturschaffenden». Mit aufklärerischer Arbeit hatte dies alles freilich nicht mehr viel zu tun; aber es machte deutlich, wie sehr die Kluft zwischen den Schriftstellern und der politischen und wirtschaftlichen Führung des Landes, ja des Volkes gewachsen war.


Mit der Sprache spielen: Eugen Gomringer

Die Schweizer Literatur hat, auch was die Form angeht, stark verzögert auf die literarische Moderne reagiert. Dass sie nach 1945 überhaupt reagiert hat, ist unter anderem ein Verdienst Eugen Gomringers, jenes Schweizer Autors, der 1925 in Bolivien geboren wurde und der durch Schule und Studium in die Schweiz gelangte. Hier gedieh er zum Wegbereiter einer neuen Poesie, der konkreten Poesie – einer Poesie notabene, die bewusst Antwort sein wollte auf die vollkommene Erstarrung der traditionellen Lyrik. Deren Sprache sollte nicht mehr durch einen Rückzug aus dem Alltag, sondern durch die aus Technik und Ökonomie bestimmte Arbeitswelt getragen sein.

Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, wie wohltuend frisch Gomringers einfache, auf die blossen Signifikanten reduzierte Sprache nach Jahrzehnten gefühlsseliger, volksliedhaft-romantischer Natur- und Liebesgedichte wirkte. Sein Tischtennis-Gedicht, das den Rhythmus beim Aufschlagen der Bälle zum Gegenstand hat, mag davon Zeugnis geben:

ping pong
                         ping pong ping
                          pong ping pong
                                                   ping pong

Eugen Gomringer

Die Sprache setzt sich hier selbst zum Thema – ein Umstand, der sich für die gesamte moderne Dichtung als zentral erweist. Man kann die konkrete Poesie eines Eugen Gomringer, eines Claus Bremer und Dieter Roth, ja auch eines Kurt Marti, lieben, man kann sie, wie der deutsche Romanist Hugo Friedrich, ablehnen.

Eines wird man nicht leugnen können: dass sie in ihrer experimentellen Art die moderne Literatur der folgenden Jahre und Jahrzehnte, vor allem die Erzählprosa, entscheidend beeinflusst hat. In der Schweiz sorgte sie für eine Verhärtung der Fronten im Literaturbetrieb, denn mit ihr als radikalster Gegenposition zu Heimatstil und Heimatmystik setzte in den 1950er und 60er Jahren eine moderne, experimentelle Literatur ein. Sie hatte desillusionierende und provokative Wirkung, wurde deshalb häufig als destruktiv, bisweilen sogar als unschweizerisch empfunden. An ihr schieden sich die Geister.

Den Höhepunkt der Kontroverse zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Moderne bildete der «Zürcher Literaturstreit» von 1966/67 zwischen dem Germanisten Emil Staiger und der jungen Generation der Autoren, angeführt von Max Frisch. Staiger, sich auf Friedrich Schiller und eine normative klassische Ästhetik berufend, erteilte der modernen engagierten Literatur eine pauschale Absage. Er forderte wieder Schriftsteller, die den Willen zu einer «auf Sittlichkeit gegründeten Menschengesellschaft» zeigten. Der Schriftsteller habe sich um die «Heiterkeit des Schönen» und um das «Erfinden vorbildlicher Gestalten» zu bemühen. Staigers These, die Gegenwart sei an der Vergangenheit zu messen, stellten sich die zeitgenössischen Autoren geschlossen entgegen. Der «Zürcher Literaturstreit» machte so die Kluft sichtbar, die zwischen der wohlgeordneten Schweizer Bürgerlichkeit, ihrem Verständnis von Ästhetik und Moral, und den sogenannten «kritischen Intellektuellen» bestand.


«Region» statt «Heimat» – ein Weg aus der Sackgasse?

In der Schweiz und ihrer Literatur wurde der Gegensatz von «Werte erhaltend-konservativ» und «Werte infrage stellend-modern» stets viel stärker, viel intensiver erlebt als in Deutschland oder Österreich. Das hängt, politisch gesehen, wohl mit dem betont föderalistischen Aufbau unseres Landes zusammen, aber ganz allgemein auch mit den natürlichen Abwehrreflexen, die zum Wesen eines neutralen Kleinstaates gehören. Nicht umsonst wird in der Schweiz das konservative, werteerhaltende Element gerne mit der Beschränkung auf das Heimatliche, das «typisch Schweizerische» in Verbindung gebracht, während das Moderne als das Importierte, das Fremde empfunden wird.


  • Das war schon bei Robert Walser so, der als moderner Autor trotz Kafkas Hochschätzung seiner Prosa in der Schweiz erst nach seinem Tode, in den 1960er Jahren nämlich, entdeckt wurde.
  • Nicht anders bei Friedrich Dürrenmatt, dessen Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame» Kurt Guggenheim der fehlenden Versöhnung wegen als «unschweizerisch» bezeichnete.
  • Ähnlich negativ hatte schon Werner Weber, damals Feuilletonchef der NZZ, über Max Frischs 1954 erschienenen modernen Roman «Stiller» geurteilt.


Versöhnung, Ausgleich, Harmonie – das empfinden wir offenbar als typisch schweizerisch; Dissens, Konflikt, Disharmonie demnach als ausländisch, als fremd. Das dürfte ein Hauptgrund für die insgesamt verzögerte Rezeption der Moderne in der Schweiz sein. Wundert es da, dass in der Schweizer Literatur die Heimat stets ein zentrales Thema war und noch ist. Wurde sie bis weit in die 1950er Jahre, nicht nur in der traditionellen Mundartdichtung, als «heile Welt» verstanden, so ging diese Assoziation seit Beginn der sechziger Jahre gründlich verloren. «Heimat» wurde nun zunehmend als «Enge» empfunden, aus der man fliehen muss.

«Heimat» als zentrales Thema der Schweizer Literatur. Sicher, auch wenn wir seit den 70er Jahren nicht mehr von Heimatdichtung, sondern von einem «Neuen Regionalismus» sprechen und damit meinen, dass in der Schweizer Literatur die Werke häufig aus der Region als dem heimatlichen Lebensraum der Autoren herauswachsen. Gotthelfs Gemeinde «Unverstand» im «Bauernspiegel» entsprechen in der zeitgenössischen Schweizer Literatur E.Y. Meyers «Trubschachen», Gerold Späths «Spiessbünzen» oder «Barbarswila», wie er «sein» Rapperswil nennt; Silvio Blatters katholisches Freiamt, Gertrud Leuteneggers Gegend um den Lauerzersee, Otto F. Walters Jammers am Südfuss des Jura, Hermann Burgers «Schiltwald» und «Menzenmang», Peter Webers «Unterwasser», Martin Stadlers Urnerland und neuerdings Michael Fehrs «Simeliberg», um hier nur einige wenige Namen aus der Vielzahl möglicher Beispiele zu nennen.


Die eigene Biographie als neue Heimat?

Hatte sich die jüngere Schweizer Literatur, vor allem im Nachgang der 68er Bewegung, in erster Linie als «littérature engagée» verstanden, als eine Literatur, in der Dichtung und Politik eng miteinander verflochten sind, so setzte Anfang der neunziger Jahre ein erneuter Paradigmenwechsel ein. Eine neue Generation von Schriftstellern meldete sich zu Wort. Eine Generation, der es nicht mehr um die Auseinandersetzung mit der Schweiz, um die Heimat als politische Kategorie, sondern höchstens noch als epische oder dramatische Kulisse für die Entwicklung der Figuren geht.


Das literarische Herz dieser nachrückenden Generation schlägt weder für noch gegen das Vaterland; es schlägt vielmehr für die eigene Biographie, die eigene private Welt.


Landesgrenzen spielen keine Rolle mehr; die schweizerische Identität – und das ist neu – hinterlässt daher in den Romanen der Schweizer Autoren immer geringere Spuren. In der Tat: Eine neue Generation von Autoren hatte in der Schweiz die Bühne betreten. Es war wohl Peter Weber mit seinem 1993 erschienenen Debüt «Der Wettermacher», der als Erster dieser neuen Generation in Erscheinung trat. Kurz danach folgte mit der Basler Autorin Zoë Jenny eine Frau, deren Auftritt noch wesentlich spektakulärer war. Von ihrem 1997 erschienenen Erstlingsroman «Das Blütenstaubzimmer» wurden bis heute weit über 300’000 Exemplare abgesetzt. Wenn man bedenkt, dass ein Schweizer Autor, der 3’000 bis 5’000 Exemplare eines Buches verkauft, bereits als erfolgreich gilt, ist das ein gigantischer Erfolg. Dazu kommen Übersetzungen in 27 Sprachen und Lesetourneen in alle Welt.

Der Verkaufserfolg eines Buches ist bekanntlich eines der Indizien für einen Wandel. Wenn dies auf Zoë Jennys Roman zutrifft, worin besteht denn hier der Wandel, der Paradigmenwechsel, der letztlich für die ganze jüngste Schweizer Literatur gilt? Wohl in einem Zweifachen: Zum einen in der Abwendung von allem Politischen. An die Stelle des politischen Diskurses sind die eigene Biographie, die Ichfindung, also autobiografisch gefärbte Romane, vor allem Kindheitsgeschichten, ins Zentrum gerückt. Und zum andern in der neu gewonnenen Unbefangenheit des Erzählens, die keine Erzählkrise, keine Tendenz, das Erzählen selbst zum Thema zu machen, mehr kennt. Das kommt den normierten Erwartungen einer breiten Leserschaft entgegen, was den internationalen Erfolg vieler junger Schweizer Autoren zu einem guten Teil erklärt.


Dass dabei die «Moderne» oftmals auf der Strecke bleibt, ist die andere, weniger schöne Seite dieser jungen Schweizer Literatur.


Die Gefahr, dass diese Literatur, gerade weil sie auf die Errungenschaften der literarischen Moderne, etwa auf neue Erzählmuster, häufig verzichtet, nur ein kurzfristiger Saisonerfolg bleibt, ist jedenfalls gegeben.

Freilich finden sich in der Schweizer Gegenwartsliteratur auch Autoren, die in der Tradition der «klassisch» gewordenen Moderne fortschreiben. Zu ihnen gehören etwa Dorothee Elmiger mit dem polyperspektivisch erzählten Roman «Die Schlafgänger», Ruth Schweikert, die im Roman «Ohio» mit Rück- und Überblendungen arbeitet oder in ihrem letzten Roman «Wie wir älter werden», ähnlich wie Claude Sulzer in seinem Roman «Postskriptum», dauernd die Zeitebenen wechselt, Zsuzsanna Gahse mit ihrer konsequent gestischen Schreibweise im Roman «durch und durch», Ralph Dutli mit dem ständigen Wechsel zwischen Fiktion und Realität in seinem Erstling «Soutines letzte Fahrt», Charles Lewinsky mit seinen vielschichtigen Textcollagen und seiner Wiederentdeckung des inneren Monologes im Roman «Andersen», Michael Fehr, der im Roman «Simeliberg» Hochsprache und Dialekt wild durcheinandermischt, und schliesslich der Lyriker Urs Allemann, der in seinen Gedichten ältere Texte demontiert, um sie zu remontieren. Der Beispiele wären selbstverständlich noch mehr.


Dominanz einer personalisierten Eventkultur

Ein weiterer Paradigmenwechsel in der Schweizer Literatur, aber nicht nur in ihr, zeigt sich in einem bestimmten Trend des Literaturbetriebes besonders deutlich: in der zunehmenden Fixierung des öffentlichen Interesses nicht so sehr auf das literarische Werk als vielmehr auf die Person des Autors, oder, besser gesagt, der Autorin. Im Zentrum dieses Interesses steht dabei das attraktive und photogene äussere Erscheinungsbild, das in den Medien marktgerecht aufgebaute jugendliche und damit absatzfördernde Image. Es ist wohl kein Zufall, dass die meisten Vertreter der jüngsten Autorengeneration ihre Erstlingswerke in relativ jungen Jahren veröffentlicht haben: Zoë Jenny war 23, als ihr Erstling «Das Blütenstaubzimmer» erschien, Peter Weber mit seinem «Wettermacher» 25, Peter Stamm erst 20, als er seinen Debütroman «Agnes» schrieb, Dorothee Elmiger 25, als sie mit ihrem Roman «Einladung an die Waghalsigen» in Klagenfurt den Kelag-Preis gewann und die jüngste Preisträgerin, die Zürcherin Katja Brunner, war im Jahr 2013, als sie den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, gerade mal 22.


Vom «Triumph der Jugendidole» sprachen die einen Literaturkritiker Ende der 90er Jahre, andere vom «literarischen Fräuleinwunder».


Gefragt sind nicht mehr so sehr Autoren, die ihre Literatur als moralische Gegenmacht zur herrschenden Gesellschaft verstehen, gefragt ist, etwas überspitzt formuliert, was kommerziellen Erfolg verspricht, was unterhaltsam und möglichst unpolitisch ist. Der Literaturbetrieb wird so zum gezielten Marketing.

Die Literatur selber verkleinert sich dabei zum harmlosen Vergnügungshäppchen und büsst so ihren ursprünglich auf Störung, Irritation und Reflexion ausgerichteten Charakter ein. Das sind harte Worte. Aber sie sind notwendig, will die Literatur, und gerade die schweizerische, nicht zum billigen Vehikel unserer postmodernen Spassgesellschaft verkommen.

Neben dieser, aus der Sicht des Literaturkritikers, negativen Seite der Eventkultur gibt es aber eine äusserst positive: Es ist der Wandel von einer Literatur, deren zentrales Thema die Heimat war, deren Autoren in ihrer «Hassliebe» zur Schweiz den helvetischen Diskurs über Jahrzehnte verengten, ja pervertierten, zu einer Literatur, die sich, bedingt durch die Entstehung einer multikulturellen Gesellschaft, zunehmend auf die Welt hin öffnet, zu einer gleichsam «globalisierten Literatur».

Dass die Immigranten, d.h. die eingewanderten Schriftsteller nichtdeutscher Muttersprache (Melinda Nadj Abonji, Franco Supino, Zsuzsanna Gahse, Ilma Rakusa, Aglaja Veteranji u.v.a.), mit ihren neuen Themen, wie Erfahrungen in der Fremde, Sprach- und Identitätsverlust, Orientierungssuche, Diskriminierung usw., dabei eine zentrale Rolle spielen, liegt auf der Hand. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass der weitaus grösste Teil der Migrationsliteratur autobiographisch ist und dass häufig auch Frauen im Mittelpunkt stehen.

Bleibt uns noch die Frage, welchen Einfluss die Literatur der Migranten auf die neuere und neueste Schweizer Literatur, wenn überhaupt, ausgeübt hat. Um darauf eine kurze Antwort geben zu können, müssen wir uns bewusst machen, dass die Migrationsliteratur nicht eine Literatur zwischen, sondern über den Kulturen ist, dass sie geradezu als prototypisch für die Welt unseres 21.Jahrhunderts gelten kann, für eine Welt, in der sich klare Zuordnungen immer mehr verabschieden. Beziehen wir das auf die literarische Situation der Schweiz, so heisst das: Denkmuster, die die Welt in Innen und Aussen, in Eigenes und Fremdes einteilen, wie sie für die Schweizer Literatur auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch bezeichnend waren, lösen sich zusehendes auf; starre Nationalitätskonzepte werden immer hinfälliger.


Hinfällig wird damit auch die seit dem 19.Jahrhundert erörterte Frage, ob es so etwas wie eine eigenständige Schweizer Literatur, eine spezifisch schweizerische Literatursprache gibt. Es gab sie schon zur Zeit Kellers und Meyers, die sich beide gegen eine Schweizer Nationalliteratur wandten, nur bedingt; am Ausgang des 20. und zu Beginn des 21.Jahrhunderts, seit immer mehr Immigranten aus den verschiedensten Kulturen die Literatur unseres Landes schreibend mitprägen, kann von ihr keine Rede mehr sein.


Jüngste Beobachtungen und ein Befund

In jüngster Zeit findet eine Renaissance des Dorfromans statt, der im 19.Jahrhundert, in der Epoche des Realismus, gegen die Industrialisierung und die Zerstörung der traditionellen ländlichen Lebensformen gerichtet war. Heute, in Zeiten der Globalisierung, boomt der Dorfroman als Ausdruck einer Sehnsucht nach Heimat und nach Authentizität. Judith Hermanns «Daheim» (2021), Arno Camenisch «Der Schatten über dem Dorf» (2021) und Monika Helfers «Die Bagage»“ (2020) sind dafür sprechende Beispiele.

In diesen Zusammenhang gehören auch jene neuesten Romane, die Elemente der sogenannten MeToo-Bewegung aufnehmen – jener Bewegung seit 2017, die betroffene Frauen ermutigen will, auf sexuelle Belästigung und Übergriffe aufmerksam zu machen. Ein typischer Vertreter dieses jüngsten Genres ist der 2022 erschienene Dorfroman «Die Dinge beim Namen» der Schweizer Autorin Rebekka Salm. Der Roman, ein feinmaschiges Netz aus Geschichten und Charakteren, zeichnet eine trügerische Dorfidylle.


Die Schweizer Literatur ist trotz ihrer politischen und kulturellen Öffnung, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Literatur aus der Provinz geblieben. Das erinnert mich abschliessend an ein Wort des Berner Schriftstellers Gerhard Meier: «Ich glaube, dass man nur Weltbürger wird über den Provinzler. Man muss den Dienstweg einhalten: erst Provinzler, dann Weltbürger.» Ein Charakteristikum der Schweizer Literatur, das treffender nicht sein könnte.



Kurzporträt Mario Andreotti
Prof. Dr. Mario Andreotti, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich. 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf. 1977 Diplom des höheren Lehramtes. Danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschullehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminaren. Mitglied des Preisgerichtes für den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen. Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge u.a. in der NZZ zur modernen Literatur und Dichtung sowie zu aktuellen Fragen in Bildung und Schule.


Buchempfehlungen

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Mehr zum Standardwerk von Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Neue Formen und Techniken des Schreibens. Verlag UTB.

«Ich habe in diesem Buch mehr gefunden, als ich gesucht habe. Mein Eindruck: ein Buch von unendlicher Brauchbarkeit.» Martin Walser


Der Band vereinigt eine Auswahl von Beiträgen zu den Themen Sprache, Schule und Bildung, die zunächst im St. Galler Tagblatt, danach in den Titeln der CH Media erschienen sind. Schon der Titel «Eine Kultur schafft sich ab» macht deutlich, dass sich in Sprache, Schule und Bildung spätestens seit den 1990er-Jahren ein kultureller Verlust abzeichnet. Die Sprache, vielen ihrer Benützer heute so gleichgültig wie nur weniges sonst, wird fortwährend beschädigt, ohne dass dies noch besonders auffiele oder irgendwelche Folgen hätte. Dabei ist sie unser wichtigstes Werkzeug, bildet sie die Grundlage unserer kulturellen Identität. Ähnlich steht es um die gegenwärtige Schulreform, die nicht nur Reform, sondern Umbau unseres ganzen Bildungswesens im Rahmen der Digitalisierung ist: Schule und Hochschule leisten nicht mehr Bildung um des Menschen willen, sondern stehen zunehmend unter dem Diktat der Ökonomie, so dass der Markt vorgibt, welches Wissen relevant sein soll.

Mehr zum Buch von Mario Andreotti: Eine Kultur schafft sich ab. Über den kulturellen Verlust in Sprache, Schule und Bildung. Beiträge zu Schule und Bildung. FormatOst. Verlagshuus Herisau.


Bildnachweis: Titelbild Carmen Wueest, Verlagshuus, Herisau. Porträtbild zvg

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