Joachim Raff (1822-1882) – ein Komponist mit einer Botschaft an die heutige Schweiz

Für Res Marty ist es faszinierend, wie Joachim Raff es schafft, «mit diesen Vorbedingungen im provinziellen Lachen, so schnell, so kompetent, bei so vielen Widerständen und ohne Anbiederung oder Opportunität und so energiegeladen an die Spitze der damaligen Kulturwelt zu gelangen.»

Über Joachim Raffs Leben und Werk könnte der Autor – Res Marty ist Ehrenpräsident der Joachim-Raff-Gesellschaft – problemlos aus dem Stand 24 Stunden referieren; gönnen Sie sich den 13-minütigen Lesegenuss über den Künstler und dessen Persönlichkeit exklusiv auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH. Res Marty macht Sie ein gutes Stück weit «raffkundig» – auch Sie werden fasziniert sein.


Herkunft

Als Franz Josef Raff (1789-1861) im Jahre 1810 auf Anraten seines Vaters aus Empfingen-Wiesenstetten im süddeutschen Raum in die Schweiz flieht, ahnt er noch nicht, dass sein späterer Sohn Joseph Joachim eine Weltkarriere als Komponist vor sich hat. Die napoleonischen Kriege, im speziellen die Vorbereitungen auf den Russland Feldzug und der frühe Kriegstod eines Bruders, lösen schlussendlich die Flucht ins Kloster Wettingen AG aus. Der musikalisch begabte Franz Josef kommt 1817, nach einer Anstellung als Hauslehrer in Luzern, als Lehrer und Kirchenmusiker nach Lachen, dem Märchler Bezirkshauptort. Fortschrittliche Kreise aus der revolutionären liberalen Elite des Dorfes gründen schon früher zusammen mit der Kirchgemeinde, neben der Lateinschule, eine Volksschule und Vater Raff amtet als gestrenger Pädagoge, der sich auch kirchenmusikalisch hervortut.

Durch die Heirat mit der Tochter des benachbarten, politisch aufsässigen Ochsenwirts und Landammanns Franz Joachim Schmid, Katharina, politisiert sich die Stimmung in der Familie Raff entscheidend. Schmid ist einer der Rädelsführer, die sich gegen die Vorherrschaft der mächtigen adligen Geschlechter und Patrizier in Schwyz zur Wehr setzen und zusammen mit dem Märchler Arzt Melchior Diethelm einen eigenständigen Kanton Ausserschwyz realisieren wollen. Melchior Diethelm wird später einer der Architekten des Schweizer Zweikammersystems. Joachim Raff kommt am 27. Mai 1822 in der alten Sust aus dem 16. Jahrhundert zur Welt. Dieses «Mehrzweckgebäude» dient sowohl als Handels- und Gewerbehaus, wie auch als Schul- und Zeughaus. Auch die Lehrerwohnung muss darin Platz finden.


Lachen 1826: Im Vordergrund ist links die alte Sust, das Geburtshaus von Raff, zu erkennen.


Frühe Hochbegabung von Joachim

Über seine gesamte Schulzeit in der Schweiz bis 1840 fällt Joachim auf durch Fleiss, Musikalität, Mehrfachbegabungen, Einzelgängertum, Ehrgeiz und gar einem, gegenüber der Mutter ausgesprochenen Wunsch, im Leben einmal etwas ganz Besonderes leisten zu wollen. Der gestrenge Vater paukt mit ihm das Violine-, Klavier- und Orgelspiel. Früh beherrscht er Latein und am Jesuitenkollegium in Schwyz, das er von 1838-1840 besucht, ist er mehrfach Klassenbester in ganz verschiedenen Fächern. Lebenslang wird er sich autodidaktisch weiterbilden und sich zu einem der anerkanntesten Musikhistoriker und Komponisten weiterentwickeln. Frühe Prägungen und exzellente Erbanlagen sind dabei massgebend für seine Erfolge.

Die frühe Politisierung am Wirtshaustisch seines Grossvaters, das Bewusstsein der Sohn eines entsprechend exponierten politischen Flüchtlings und damit einer Minderheit angehörend zu sein, aber eben auch seine hohe Sensibilität, sein starker Verstand und ebenso seine markante Persönlichkeit begleiten Raff lebenslang.

Frühe Raff-Kompositionen werden 1840 anlässlich des «Pannerfestes» für den Bannerherr Theodor Ab Yberg (1795-1869) in Schwyz von ihm, zusammen mit seinen Mitstudenten, gesungen. Ebenso beeindrucken ihn der Besuch der Schwyzer Landsgemeinde vom 3. Mai 1840 in Rothenthurm.

Joachim Raff zeigt sich begeistert über die politischen Gepflogenheiten, die entsprechenden demokratischen Riten, Abläufe und Wahlen in dieser politisch sehr unsicheren Zeit des Übergangs vom Staatenbund zum Bundesstaat und damit zum Grundstein der Schweiz.

Er schreibt darüber im Mai 1840 auch im damals bekannten katholisch-konservativen Blatt «Sanct Gallischer Wahrheitsfreund». Früh entwickelt sich bei ihm eine eigene, auf Gerechtigkeit und Gleichstellung beruhende Identität. Es gibt in seinem Lebenslauf Hinweise auf frühes Mobbing, Ächtung wegen seiner Hochbegabung und eindrücklicher, ganz eigener Konfliktverarbeitung bezüglich seines strengen Vaters (er geht gegen ihn in Hungerstreik).

Er definiert sich dabei lebenslang überzeugt und mit ausdrücklich gleichgestelltem Bewusstsein immer als einer, der aus dem Mutterland Schweiz stammt und mit der Herkunft Deutschland als seinem Vaterland.

Dies alles liest sich aus der Biografie von Tochter Helene Raff, der Schriftstellerin und Malerin, über ihren Vater (Bosse, Ravensburg 1925).


Erste Berufserfahrungen und Wanderjahre

Obschon Joachim Raff gegen den Willen seiner Eltern Berufsmusiker werden will, macht er in Rapperswil von 1840 bis 1844 erste Berufserfahrungen als Lehrer.

Eine Expertise beim damals schon bekannten Musiker Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) bescheinigt ihm überdurchschnittliche Musikalität, was bei ihm 1843 endgültig den riskanten Berufswechsel zum freischaffenden Musiker auslöst. Dieser mutige, abenteuerliche und gegen alle Widerstände durchgesetzte Schritt treibt ihn nicht nur aus seiner Familie, sondern auch noch gleich in die Obdachlosigkeit am Platzspitz in Zürich.

Dank einer, wohl auch etwas verzweifelten Kontaktaufnahme mit dem damals als Starpianisten gefeierten Franz Liszt (1811-1886) im Casino Basel im Juni 1845, ermöglicht ihm dieser eine vielversprechende Förderung.

Nach dem ersten gemeinsamen Projekt, der Einweihung des Beethoven-Denkmals in Bonn im August 1845, vermittelt Liszt ihm verschiedene Arbeitsmöglichkeiten in Musikhäusern von Köln, Stuttgart und Hamburg. Viele mehr oder weniger erfolgreiche Kompositionen für Klavier entstehen in dieser Zeit. Vor allem aber lernt Raff autodidaktisch sehr viel, steht im Austausch mit Musikern und publiziert in verschiedenen internationalen Fachzeitschriften. So lernt Raff in Stuttgart seinen wichtigsten Freund und Förderer fürs Leben, Hans von Bülow (1830-1894) kennen und schätzen.


Profilierung in Weimar

Den Schritt hin zur Assistenz für Franz Liszt vollzieht Joachim Raff im Übergang von 1849/50. Trotzdem sich der Komponist aus Lachen von Liszt auch etwas ausgenutzt vorkommt (viele Instrumentierungen, Orchestrierungen, Erledigung von Korrespondenzen, Organisation von Reisen und Musiktagen, Verhandlungen mit Verlegern, publizistische Tätigkeiten), wird er von ihm auch gefördert (Hilfe bei seinen eigenen Kompositionen, Auftritte mit Raffs Werken am Klavier, Dirigate von Raff‘schen Werken, vielfältige Beziehungen anbieten etc.). Die fortschreitende Emanzipation von seinem Förderer ist jedoch auch wegen stilistisch unterschiedlichen Auffassungen unaufhaltsam.

Raff geht von Beginn weg konsequent den Weg der Verarbeitung unterschiedlichster Stilelemente aus der Musikgeschichte, von denen er immer wieder inspiriert ist. Richtungsstreits, die im 19. Jahrhundert leidenschaftlich geführt werden, kennt er nicht.

Zugleich achtet er aber darauf, seinen ganz eigenen Weg, seine eigene Musik, mit letztlich eigenem Stil zu beschreiten. Vor allem seine kontrapunktische Meisterschaft, seine Farbigkeit in der Instrumentierung und seine Komplexität in der Verarbeitung der Themen werden zu seinem Markenzeichen.

Raff erweitert seine kompositorische Tätigkeit. Lieder, Kammermusikwerke, sogar eine Oper («König Alfred») stehen im Fokus seiner weiteren musikalischen Entwicklung in jungen Jahren. Erfolge, aber immer auch wieder Misserfolge, stellen sich parallel ein.

Sein Beziehungsnetz erweitert sich bedeutend. Er lernt u. a. Richard Wagner (1813-1883), die Violinisten Joseph Joachim (1831-1907), Edmund Singer (1831-1912), Alexander Ritter (1833-1896), den Cellisten Bernhard Cossmann (1822-1911), aber auch Repräsentanten des Hofs von Weimar wie Grossherzog Carl Alexander (1805-1863) kennen. Mit den Komponisten Hector Berlioz (1803-1869), Robert Franz (1815-1892), Johannes Brahms (1833-1897) und Louis Spohr (1784-1859) kann er sich persönlich und auf Augenhöhe unterhalten. Auch mit den fortschrittlichen Literaten wie Peter Cornelius (1824-1874) und August Heinrich von Fallersleben (1798-1874) tauscht er sich regelmässig aus.

«Aber mit seiner Musik und seinen gesellschaftlichen Auffassungen
wollte er verbinden und nicht trennen.»

Res Marty, Ehrenpräsident Joachim-Raff-Gesellschaft

Die Wagnerfrage

Insbesondere die Ausstrahlung und die Erfolge von Richard Wagner fordern Raff heraus. Die radikale Neuausrichtung der Oper als Gesamtkunstwerk inspirieren ihn. Mit seinem Buch «Die Wagnerfrage» (1854) setzt sich Raff vertieft aber auch kritisch mit dem Star seiner Zeit auseinander. Raff versucht Wagners Leitmotivtechnik, die Rolle des Orchesters und die Erweiterung der Harmonik seine eigene Deutung entgegenzusetzen. Mit dem Märchen-Epos «Dornröschen» (1856) setzt er sich praktisch damit auseinander. Das Musikdrama «Samson» (1851 bis 1857 entstanden) hätte eigentlich zu seiner Doktorwürde einerseits, aber auch zu einem mit Wagner gleichwertigen Werk (Lohengrin) werden sollen. Raff wünschte sich damit auch die Voraussetzungen für eine Sekretären-Stelle bei der Goethe-Stiftung oder der eines Kustos bei der weimarischen Bibliothek (Musikabteilung) zu erlangen. Das Beispiel zeigt eindrücklich die drei grossen Potentiale von Raff, die sich bereits in seiner frühen Jugend abzeichnen: akademische Karriere, Komponistenlaufbahn und, was noch zu beschreiben ist, seine Laufbahn als Hochschullehrer und Hochschuldirektor. Diverse Gründe verhindern die Aufführung des fertig geschriebenen Trauerspiels. Erst im Jahre 2022, dem 200. Geburtstag von Joachim Raff, kommt es zur erfolgreichen Welturaufführung am Deutschen Nationaltheater von Weimar. Und 2023 wird die Weltersteinspielung am Theater Bern unter der Gesamtprojektleitung von Graziella Contratto (Label Schweizer Fonogramm) realisiert.


Durchbruch in Wiesbaden

In Weimar lernt Joachim Raff auch seine künftige Frau, die Schauspielerin Doris Genast (1827-1912) kennen. Sie arbeitet am Theater in Wiesbaden und die hunderte Seiten von gegenseitigen Briefen ihrer Fernbeziehung zwischen Wiesbaden und Weimar sind glücklicherweise noch vorhanden und bilden die Grundlage für künftige Forschungsarbeiten über das Silberne Zeitalter von Weimar. Die touristisch und kulturell vielfältige Bäderstadt Wiesbaden wird darum auch der Ort, den Raff 1856 als seinen künftigen Arbeits- und Lebensmittelpunkt bis 1877 auswählt.

Als würden sich Schleusen öffnen stürzt sich Joachim Raff in seine fruchtbarste, produktivste und erfolgreichste Schaffensperiode als Komponist.

Anspruchsvolle Klaviersuiten, erste Konzerte im Gewandhaus Leipzig, die er selber dirigiert, die Preisverleihung 1863 bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit seiner ersten Sinfonie «An das Vaterland», anspruchsvolle grosse Sonaten für Klavier und Violine, viele weitere Kammermusikwerke (Trios, Quartette, Quintette, Sextett, Oktett), Lieder und Chorwerke, erfolgreiche Sinfonien (z. B. die 3. Sinfonie op. 153 «Im Walde» im Jahre 1869, oder die 5. Sinfonie, op. 177, «Lenore»), die weltweit aufgeführt werden, prägen diese Zeit. Auch neue Opern entstehen (z. B. «Die Parole»; «Dame Kobold»).

Auch privat verändert sich das Leben von Joachim Raff. 1859 heiratet er Doris Genast, die Tochter des Weimarer Regisseurs und Schauspielers Eduard Genast (1797-1866), der noch mit Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) am Hof in Weimar zusammenarbeitete.


Die in Weimar und Wiesbaden erfolgreiche Schauspielerin Doris Genast heiratet Joachim Raff. Dieser rang um Erfolg und Anerkennung.


1865 kommt die einzige Tochter des Paars, Helene, dazu. Sie wird vom damals avantgardistisch, beidseits künstlerisch-berufstätigen Ehepaar fortschrittlich und gleichgestellt erzogen und gebildet.

Sie lernt die gleichen Schulfächer wie ihre männlichen Kollegen und sie wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Pionierinnen der Frauenbewegung in Deutschland gehören.


Helene – Tochter des Künstlerehepaars Doris Genast und Joachim Raff


Diverse Ehrungen, Ritterkreuze, Verdienstmedaillen erhält Joachim Raff von verschiedenen Herzogtümern in Deutschland, Luxembourg, Italien. 1872 bekommt er, zusammen mit Franz Liszt und Richard Wagner, die Ehrenmitgliedschaft der New Yorker Philharmoniker. Seinem Freund Hans von Bülow widmet er ein Klavierkonzert und den damals führenden Cellisten Friedrich Grützmacher (1832-1903) ehrt er mit dem Konzert für das Violoncello, op. 193. Ein weiterer Weltklasseinstrumentalist, der spanische Geiger Pablo de Sarasate (1844-1908) nimmt sich dem umfangreichen Violine-Werk von Raff an und verbreitet dieses beinahe weltweit.


Neun grosse Komponisten, unbekannter Künstler. In der Zeitschrift «Tonhalle» erscheint am 28. Dezember 1872 diese Galerie berühmter Musiker, in der sich Joachim Raff in illustrer Gesellschaft befindet.


Direktor des Dr. Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main

Es ist für den Autodidakten Joachim Raff eine tiefe Genugtuung und auch Ehre, dass er 1877 für die Stelle als erster Direktor des neu gegründeten Dr. Hoch’schen Konservatoriums angefragt wird. Zur Diskussion stehen auch Persönlichkeiten wie Johannes Brahms oder Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901). Der Frankfurter Jurist Dr. Joseph Hoch (1815-1874) vermachte der Stadt ein bedeutendes Vermögen, um die Gründung dieser Hochschule zu ermöglichen.

Mit Elan stellt Raff einen bedeutenden Lehrkörper zusammen und entwickelt die Schule in kurzer Zeit zu einer international anerkannten Musikhochschule. Er selbst unterrichtet Kompositionslehre. Franz Liszt und viele weitere bedeutende Musikerinnen und Musiker besuchen das Institut mehrere Male.

Als Besonderheit beschäftigt Raff die Spitzenpianistin und Komponistin Clara Schumann (1819-1896). Eine Frau als Professorin an einer Hochschule ist ungewohnt und zeugt wieder vom fortschrittlichen gleichgestellten Geschlechterverständnis des innovativen Direktors. Auch mit der Schaffung einer eigenen Komponistinnenklasse geht Raff eigene, visionäre Wege. In seiner Antrittsrede am 22. September 1878 ist die Rede von Raffs Samson-Studien und «er gibt in konzentrierter Form und anspruchsvoller Diktion einen Abriss der Musikgeschichte, wie man sie selten findet.» (Cahn P., Das Hoch’sche Konservatorium, 1878-1978, 1979).


Clara Schumann: Die angesehene Klaviervirtuosin unterrichtet von 1878 bis 1892 in Frankfurt am Main. Es ist mehrheitlich das Verdienst von Joachim Raff, dass sie nach Frankfurt kommt.


Daneben komponiert Joachim Raff weiterhin bekannte Werke. Sinfonien, eine Oper, Orchestervorspiele, eine Kantate, ein Gesangszyklus und vor allem sein bedeutendes geistliches Werk, das Oratorium «Welt-Ende Gericht Neue Welt». Dieses Opus 212 ist eines seiner letzten Werke. Die Tochter von Raff, Helene, erwähnt in Ihrer Biografie über den Vater, dass er gegen Ende seines Lebens öfters von Todesahnungen heimgesucht wird. 1881 beendet er das umfassende Werk und im darauffolgenden Jahr, am 24. Juni 1882 stirbt Raff an einer Herzlähmung in Frankfurt am Main.

Anlässlich des 200. Geburtstages im Jahre 2022 wird das erwähnte Oratorium in der Pfarrkirche Lachen, seiner Geburtskirche und im Gewandhaus von Leipzig von den Gewandhauschören und der Capella Lipsiensis unter Leitung von Gregor Meyer eindrucksvoll und würdig aufgeführt und auf CD eingespielt.


Ein bleibendes Vermächtnis

Raffs Vermächtnis ist zweifach. Da ist einmal seine Musik. Seit den 1970er Jahren erfreut sie sich einer erstaunlichen Renaissance. Sowohl in der Forschung (mehrere Dissertationen, Masterarbeiten, Forschungsprojekte in verschiedenen Ländern), den Tonträgerproduktionen (rund 150 CD-Produktionen von 55 Labels), unzähligen bedeutenden Konzerten in allen Erdteilen, Publikationen, Podcast-Produktionen, Präsenz in den elektronischen Medien, Ausstellungen, ist Raffs Werk wieder präsent.

Wohl damit zusammenhängend erkennen die verantwortlichen Musikschaffenden auch Raffs Persönlichkeit. In einer Zeit, in der Provokationen, Spaltungen, Egoismen, Fake-News, Radikalisierungen, Nationalismen zunehmend das Weltgeschehen negativ beeinflussen, bekommt Raffs Schaffen, das auf harmonisierender, verbindender, zusammenhängender, auf der Basis fundierter Kenntnisse und damit respektvollen und wertschätzenden Einsichten beruht, eine neue Dimension.

Viele Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler erkennen den Wert der «Synthese», mit der sie das Werk von Joachim Raff charakterisieren. Raff konnte des Öftern in der Sache hart argumentieren, mit einer gewissen Sturheit seine Ziele verfolgen, er kam sogar infolge seines zeitweisen Schuldenberges mit dem Gesetz in Konflikt. Aber mit seiner Musik und seinen gesellschaftlichen Auffassungen wollte er verbinden und nicht trennen. Er vermittelte Werte und baute Spannungen ab. Sein Menschen- und Weltbild passen, als «Kontrapunkt», gut ins 21. Jahrhundert.


Quellenverzeichnis

Bücher

— Cahn, Peter: Das Hoch’sche Konservatorium 1878 – 1978, Frankfurt am Main, 1979

— Dörffel, Alfred: Die Gewandhauskonzerte zu Leipzig 1781 – 1881, Reprint der Ausgabe 1884,

Leipzig, 1980

— Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer Zeit, Stuttgart, 1903

— Kolb, Severin: «Die Wagnerfrage» – Joachim Raffs Auseinandersetzung mit Richard Wagner in Weimar (1850 – 1856), Raff-Studien Band 2, Wiesbaden, 2026

— Kolb, Severin und König, Stefan: (Hrsg.), Synthesen. Tagung zur Eröffnung des Joachim-Raff-Archivs, Lachen 2018 (Kongressbericht), Raff-Studien Band 1, Wiesbaden, 2026

— Kolb, Severin: Umbruchsjahre – Joachim Raff in Stuttgart (1847 – 1849) in Musik in Baden-Württemberg, Marbach am Neckar, 2021 / 2022

— Marty, Res: Joachim Raff – Leben und Werk, Lachen, 2014

— Marty, Res: Jubiläumsschrift, 50 Jahre Joachim-Raff-Gesellschaft, Lachen 2022

— Marty, Res: Linien & Klang, Dokumente & Geschichten aus dem Joachim-Raff-Archiv, Lachen 2025

— Raff, Helene: Blätter vom Lebensbaum, München, 1938

— Raff, Helene: Joachim Raff, ein Lebensbild, Regenburg, 1925

— Schäfer, Albert: Chronologisch-systematisches Verzeichnis der Werke Joachim Raff’s, Wiesbaden, 1888

— Thomas, Marc: The Music of Joachim Raff, An illustrated catalogue, Stuttgart, 2022

Dokumente

— Dokumentationsbibliothek Walter Labhart, Endingen AG

— Joachim-Raff-Archiv / Sammlung Marty, Lachen


Kurzporträt Res Marty
Res Marty, 1946 in Lachen SZ geboren, ist Ehrenpräsident der Joachim-Raff-Gesellschaft und war ab 1973 – mit Unterbrechung – Präsident der Gesellschaft. Er hat eine musikalische Ausbildung als Bass-Solist. Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem eigenwilligen Künstlerleben und dem musikalischen Werk von Joachim Raff.

Wie kaum ein anderer kennt er die bisher bekannten Archivalien und Details zu dessen Lebensgeschichte und verfolgt bis heute mit grosser Leidenschaft jede Spur, welche neue Informationen über den bekannten Musiker hervorbringt. 2023 verlieh ihm der Regierungsrat des Kanton Schwyz den kantonalen Anerkennungspreis für seine Arbeit als Kulturvermittler.

Beruflich arbeitete er u.a. als selbständiger Berufs- und Laufbahnberater und Berufspädagoge. Er war Autor diverser Fachbücher für die berufliche Bildung und leitete viele Berufsbildungsprojekte für die Schweizerische Berufsbildung, für viele nationale Berufsverbände und für die Europäische Union. Res Marty lebt in Lachen und teilt sein Leben mit Yvonne Götte, die ihn auch in seiner Bildungs- und Kulturarbeit als wichtigste Bezugsperson unterstützt und begleitet.


Buchempfehlung
Joachim Raff. Leben und Werk – Eine Biografie von Res Marty. Biografie in Bildern und Dokumenten über den in der Schweiz geborenen, aufgewachsenen und in Deutschland wirkenden Komponisten und Musikpädagogen (1822-1882). Herausgeber: Gebundene Ausgabe. Gewebeband in Fadenheftung, 440 Seiten. Herausgeber: Joachim-Raff-Gesellschaft. Erscheinungsjahr: 2014 / Nachdruck 2023. Mehr zur Biografie.


Die Joachim-Raff-Gesellschaft
Heute präsidiert Prof. Dr. Roland A. Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, die Gesellschaft. Für ihn ist Joachim Raff «eine Persönlichkeit, die global denkt und handelt. Obwohl der Begriff der Globalisierung im 19. Jahrhundert noch kaum bekannt war, kann im Lebenslauf, in den Briefen, Publikationen und Kompositionen diese Haltung und diese Weite im Denken beobachtet werden. Musikstile, Menschen aller Nationen und Religionen, in Sprache und Geschichte, überall zeigt Raff seine Neugierde, seinen Wissendrang und Erkenntniswillen. Sein Buch «Die Wagnerfrage» von 1854 gilt als eine der ersten fundierten, kritischen, musikwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Musik von Richard Wagner. Seine faktenbasierte, der Wahrheit verpflichtete Arbeit beeindruckte viele seiner Zeitgenossen. Sie hat gerade auch in der heutigen Zeit Vorbildcharakter.»

In ununterbrochener Abfolge ehren Lachner Bürgerinnen und Bürger das Andenken an ihn seit seinem Wegzug von Lachen und Rapperswil im Jahre 1844. In den späteren 1960er Jahren begannen die Vorbereitungen zur formellen Schaffung der Gesellschaft. Anlässlich des 150. Todesjahres, 1972, erfolgte die öffentliche Gründung. Initiant war der Lachner Violinist und Gemeindeverwaltungsangestellte Anton Marty-Feldmann (1911-1983). Unmittelbar nach der Gründung übernahm sein Sohn, Res Marty, das Präsidium, das er mit einem Unterbruch bis 2023 innehatte. Das Förderkonzept der Joachim-Raff-Gesellschaft beinhaltet folgende Schwerpunkte: Organisation und Durchführung von Raffs Werken in Lachen und deren Unterstützung in der weiteren Umgebung, Publikationen über Leben und Werk, Forschungsprojekte und Durchführung von Symposien, Herausgabe seiner Werke in Musikverlagen (insbesondere bei Breitkopf & Härtel) und Zusammenarbeit mit weiteren Verlagen (z.B. Nordstern Verlag in Stuttgart), Aufnahmen von Tonträgern, Aufbau, Betrieb des Joachim-Raff-Archivs an seiner Geburtsstätte in Lachen, Organisation von Ausstellungen, Pflege des Vereinslebens durch Anlässe, Kulturreisen, Hauskonzerte usw., Unterhalt einer Website und eines Newsletters.


Lesehinweis

Lesen Sie auch den Beitrag von Karl-Heinz Rochlitz: «Samson von Joachim Raff: Interessanter als Richard Wagner-Opern!». Ebenfalls auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH.


Das Schlusswort: Tochter Helene Raff über ihren Vater
« … Die Erfahrung seines Lebens hatte
ihn zum Vorkämpfer der Frauen gemacht.
Er vertrat überhaupt die Ansicht, dass
jedem denkenden Wesen Gelegenheit zur
Entwicklung seiner Fähigkeiten geboten
werden müsste.
< Lasst die Leute heran! > – mahnte er –
< unterdrückt niemand! Macht keine
Märtyrer! Nichtige Dinge und Menschen
erledigen sich von selbst.> … ».

Das Porträtbild zeigt Helene Raff in den späten 1930er Jahren. Das Zitat stammt von Helene Raff, erschienen in «Joachim Raff. Ein Lebensbild», Regensburg 1925. Darin reflektiert die Tochter über sich, ihre Familie und beschreibt feinfühlig und präzis ein Zeit- und ihr Lebensbild. Helene Raff selbst wurde von ihren Eltern gleichgestellt erzogen und gebildet. Sie wurde Malerin und Schriftstellerin und gehörte später zu den Pionierinnen der Frauenbewegung in Deutschland.


Bildnachweis: Joachim-Raff-Archiv, Lachen

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