Der biblische Herrschaftsauftrag «Macht euch die Erde untertan» gehört zu den folgenreichsten Sätzen der Kulturgeschichte. Ob er lediglich missverstanden wurde, ist eine der zentralen Fragen der modernen Umweltethik – und angesichts der globalen ökologischen Krise aktueller denn je.
Kaum ein Satz der Bibel hat eine vergleichbare Wirkungsgeschichte entfaltet wie die Aufforderung in Genesis 1,28 (1. Mose): «Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.» Über Jahrhunderte hinweg wurde dieser Vers als Ausdruck der besonderen Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung verstanden. Gleichzeitig gehört er zu den am kontroversesten diskutierten Textstellen der jüdisch-christlichen Tradition. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird zunehmend die Frage gestellt, ob dieser sogenannte Herrschaftsauftrag nicht wesentlich zur Entstehung jener Denkweise beigetragen hat, die heute in der globalen Umwelt- und Klimakrise ihren sichtbarsten Ausdruck findet.
Die These von Lynn Townsend White Jr.
Die Diskussion erhielt besondere Aufmerksamkeit durch den amerikanischen Historiker Lynn Townsend White Jr., der 1967 in einem vielbeachteten Aufsatz die These formulierte, die ökologische Krise habe nicht nur technische und wirtschaftliche Ursachen, sondern auch religiöse Wurzeln.
Nach White habe das Christentum den Menschen aus der Natur herausgelöst und ihn als Herrscher über die übrige Schöpfung definiert. Die Natur sei dadurch ihrer Eigenständigkeit beraubt und zu einem blossen Objekt menschlicher Nutzung geworden. Obgleich diese These bis heute kontrovers diskutiert wird, hat sie den Blick auf die ideengeschichtlichen Voraussetzungen moderner Umweltzerstörung nachhaltig verändert.
Lynn Townsend White Jr. (1967):
«Sowohl unsere gegenwärtige Wissenschaft als auch unsere gegenwärtige Technologie sind so sehr von orthodox christlicher Arroganz gegenüber der Natur durchdrungen, dass von ihnen allein keine Lösung für unsere ökologische Krise erwartet werden kann.»

Tatsächlich lässt sich kaum bestreiten, dass die Formulierung «Macht euch die Erde untertan» aus heutiger Perspektive problematisch erscheint. Der Begriff der Unterwerfung ist untrennbar mit Machtasymmetrien verbunden. Wer etwas oder jemanden untertan macht, erhebt sich über das Unterworfene. Selbst wenn moderne Exegeten darauf verweisen, dass der ursprüngliche hebräische Begriff «kabasch» differenzierter verstanden werden müsse, bleibt die Tatsache bestehen, dass der Text eine Beziehung beschreibt, die von Dominanz geprägt ist. Der Mensch erscheint nicht als Teil eines ökologischen Ganzen, sondern als dessen legitimer Beherrscher.
Der Mensch als Ebenbild Gottes
Die theologische Gegenposition verweist darauf, dass der Herrschaftsauftrag stets im Zusammenhang mit Verantwortung verstanden werden müsse. Der Mensch sei als «Ebenbild Gottes» eingesetzt worden und habe die Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren und zu pflegen. Diese Interpretation stützt sich insbesondere auf Genesis 2,15, wo dem Menschen aufgetragen wird, den Garten Eden «zu bebauen und zu bewahren». Nach dieser Lesart handelt es sich nicht um einen Freibrief zur Ausbeutung, sondern um einen Auftrag zur treuhänderischen Verwaltung der Natur.
Diese Argumentation besitzt zweifellos Gewicht. Dennoch stellt sich die Frage, warum sich gerade die ausbeuterische Interpretation über Jahrhunderte hinweg als so anschlussfähig erwiesen hat. Wäre der Text tatsächlich eindeutig als Auftrag zur Fürsorge formuliert, wäre seine wiederholte Instrumentalisierung schwer erklärbar. Historisch betrachtet wurde der Herrschaftsgedanke immer wieder herangezogen, um menschliche Eingriffe in die Natur zu legitimieren. Die europäische Kolonialisierung, die industrielle Revolution und die grossflächige Erschliessung natürlicher Ressourcen erfolgten in kulturellen Kontexten, die wesentlich vom christlichen Menschenbild geprägt waren.
Ideen schaffen Handlungsräume
Selbstverständlich wäre es verkürzt, die Umweltkrise allein auf einen einzelnen Bibelvers zurückzuführen. Technologischer Fortschritt, wirtschaftliche Interessen, Bevölkerungswachstum und politische Machtstrukturen spielten und spielen eine entscheidende Rolle. Doch kulturelle Leitbilder beeinflussen die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre Umwelt wahrnehmen. Ideen schaffen Handlungsräume. Sie definieren, was als legitim, sinnvoll oder erstrebenswert gilt. In diesem Zusammenhang kann der Herrschaftsauftrag als Teil eines umfassenderen Weltbildes verstanden werden, das den Menschen über die Natur stellt und ihr einen primär instrumentellen Wert zuschreibt.
Besonders bemerkenswert ist die sprachliche Symbolik des Verses. Das hebräische Verb «kabasch» verweist ursprünglich auf Akte der Unterwerfung und Inbesitznahme. Im altorientalischen Kontext waren solche Begriffe Bestandteil einer politischen Herrschaftssprache, die auf Überlegenheit und Kontrolle beruhte. Die Übertragung dieser Terminologie auf das Verhältnis zwischen Mensch und Erde eröffnet Interpretationsräume, die weit über reine Fürsorge hinausgehen. Selbst wenn die ursprüngliche Absicht der Autoren nicht in einer Aufforderung zur Zerstörung bestand, wurde eine Denkfigur etabliert, in der Natur primär als Gegenstand menschlicher Verfügung erscheint.
Hinterfragen traditioneller Selbstbilder
Die ökologische Krise der Gegenwart wirft daher nicht nur technische und politische Fragen auf, sondern auch kulturelle und ethische. Sie zwingt dazu, traditionelle Selbstbilder kritisch zu hinterfragen. Die Vorstellung des Menschen als Herrscher über die Natur hat zweifellos zur Entfaltung wissenschaftlicher und technischer Fähigkeiten beigetragen. Gleichzeitig förderte sie jedoch eine Haltung, die natürliche Systeme häufig lediglich unter dem Aspekt ihrer Nutzbarkeit betrachtete. Wälder wurden zu Holzreserven, Flüsse zu Transportwegen, Tiere zu Produktionsfaktoren und Böden zu Rohstoffdepots.
Die Folgen dieser Entwicklung sind inzwischen unübersehbar. Der Verlust biologischer Vielfalt, die Übernutzung natürlicher Ressourcen, die Belastung der Ökosysteme und die globale Erwärmung dokumentieren die Grenzen eines Denkens, das auf Beherrschung statt auf Einbindung setzt. Die Erde erweist sich nicht als passives Objekt menschlicher Kontrolle, sondern als hochkomplexes System, dessen Stabilität von unzähligen Wechselwirkungen abhängt. Die Vorstellung uneingeschränkter Herrschaft erscheint vor diesem Hintergrund zunehmend als Illusion.
«Bewahrung der Schöpfung» im Mittelpunkt
Vor diesem Hintergrund gewinnt die moderne ökologische Theologie an Bedeutung. Kirchen und religiöse Gemeinschaften bemühen sich heute verstärkt darum, den Gedanken der «Bewahrung der Schöpfung» in den Mittelpunkt zu stellen. Besonders deutlich wird dies in der Enzyklika «Laudato si’» (2015) von Papst Franziskus, die den Menschen nicht als Eigentümer, sondern als verantwortlichen Teil eines gemeinsamen Hauses beschreibt. Diese Neuinterpretation kann als Versuch verstanden werden, jene problematischen Aspekte der traditionellen Herrschaftsvorstellung zu korrigieren, die sich angesichts der ökologischen Realität als zunehmend unhaltbar erweisen.
Dennoch bleibt die historische Frage bestehen: Warum wurde diese Lesart nicht früher dominant? Warum benötigte es erst eine globale Umweltkrise, um den Bewahrungsgedanken in den Vordergrund zu rücken? Die Antwort darauf dürfte in der bemerkenswerten Ambivalenz des ursprünglichen Textes liegen. Der Herrschaftsauftrag enthält sowohl das Potenzial verantwortlicher Fürsorge als auch das Risiko grenzenloser Aneignung. Seine Wirkungsgeschichte zeigt, dass Letzteres über lange Zeit hinweg die grössere gesellschaftliche Resonanz entfaltete.
Grundlegende Fragen des Selbstverständnisses
Die gegenwärtige Debatte über Genesis 1,28 ist daher weit mehr als eine exegetische Detailfrage. Sie berührt grundlegende Fragen des menschlichen Selbstverständnisses. Soll der Mensch die Natur beherrschen oder sich als Teil von ihr begreifen? Ist Fortschritt primär die Ausweitung menschlicher Kontrolle oder die Fähigkeit, innerhalb ökologischer Grenzen zu leben?
Die Geschichte der letzten Jahrhunderte legt nahe, dass die Idee der Herrschaft zwar enorme technische Leistungen hervorgebracht hat, zugleich aber erhebliche ökologische Kosten verursachte. Die ökologische Krise unserer Zeit kann deshalb auch als Krise eines Weltbildes verstanden werden. Ob die Menschheit daraus die notwendigen Konsequenzen zieht, wird wesentlich davon abhängen, ob sie bereit ist, den alten Traum von der Beherrschung der Erde durch ein neues Verständnis von Verantwortung, Begrenzung und Leben innerhalb planetarer Grenzen zu ersetzen. Nur dann könnte aus einem Herrschaftsauftrag tatsächlich ein Bewahrungsauftrag werden.
Kurzporträt Andreas Turner

Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik folgte der Einstieg in den Journalismus mit Stationen bei der damals linksliberalen Wochenzeitung «Weltwoche», als Chefredaktor der TV-Zeitschrift «TR7» und als Produzent beim Wirtschaftsblatt «Cash». Zuletzt war Andreas Turner rund 20 Jahre auf Agenturseite in der Unternehmenskommunikation und im Content Marketing tätig. Heute konzipiert, textet und produziert Turner mit Leidenschaft Print- wie Online-Formate und übernimmt Beratungsaufträge im Energie- und Cleantech-Sektor.
Bildnachweis: OpenAI, PD
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