Kappeler zum Wandel: HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT (Kapitel 5/5)

Beat Kappelers Erkenntnisse zum Wandel – ökonomisch und politisch, beruflich und persönlich – erscheinen auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH als fünfteilige Serie, substanziell als zeitgenössische Studie, publizistisch als einzigartige Trouvaille, ebenso gehaltvoll, grundlegend wie erhellend: Kapitel 1 OEKONOM UND OEKONOMIE, Kapitel 2 MEDIEN, INFORMATION, WISSEN, Kapitel 3 INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT, Kapitel 4 ALS BÜRGER IM STAAT, Kapitel 5 HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT.

Lesen Sie Kapitel 5 «Kappeler zum Wandel: HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT».


Wenigen gelingt eine Lebenslauf-Planung wie dem Professor Niklas Luhmann, der bei seiner Ernennung 1968 als Rahmen für seinen Lehrstuhl sagte: «Theorie der Gesellschaft. Laufzeit 30 Jahre, Kosten keine» … und er schaffte so seine Systemtheorie.

Die Gesundheit und andere Fährnisse beschränken zwar solche Planungen. Doch was immer man verfolgt, und wie lange es dauern mag, es gibt einige Grundsätze, welche die Lebenszeit im Beruf gut «bewirtschaften».

Sitzungen sind das Grab der Produktivität, also Sitzungen vermeiden. Sitzungen sind der geometrische Ort, wo individuell gescheite Menschen zum kollektiven Dummkopf verkommen. Ausser vielleicht man macht nur «Stehungen», dann gehen sie nicht lange. Aber jeder gute Sekretär legt anfangs Jahr die monatlichen Sitzungsdaten eines Gremiums fest, und diese werden tagen, was immer ansteht oder nicht. Ein guter Sekretär füllt jede Agenda. Oder fehlt sie, dehnt man den Anlass auf zwei Tage aus, in einem guten Seminarhotel, als «séance de réflexion», Kaderanlass, chilling out. Würde eine Monatssitzung ausfallen, wäre ja der Beweis erbracht, dass das Gremium oder der Sekretär unnötig sind.

Ein Auto zu besitzen, führt zur Zeitverschwendung. Da sind einmal die Stunden, die Ivan Illich vor 40 Jahren ausrechnete: die Tausende Stunden Arbeit und Ansparen, bis man das Auto kaufen kann. Dann die Umtriebe für Auftanken, Reparieren, die Umwege zu Fuss aus städtischen Tiefgaragen zu Arbeit und Treffen. Illich dividierte die jährlich mit dem Auto gefahrenen Kilometer durch diesen Stundenaufwand und kam auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 Km/h – man ginge also geradesogut zu Fuss anstatt ins «motorisierte Biedermeier» (Erich Kästner) einzusteigen. Die Rechnung hinkt heute ein wenig, weil die Kaufkraft der Arbeitsstunden gestiegen ist.

Sodann fehlt den Automobilisten die Disziplin der Benutzer des öffentlichen Verkehrs, die vor dem Antritt eines Anlasses schon überlegen, wann sie aufbrechen. Nein, Autofahrer bleiben sitzen und kehren später heim. Dank online-Einkäufen braucht es keine Erkundungsfahrten zu Einkaufszentren für Geräte, Einrichtungen. Ohne Auto macht kaum jemand spontane Anschaffungen im Supermarkt, sondern er überlegt, wie er das nach Hause schaffen wird – jede Büchse wiegt. Ganz abgesehen von den minutiösen Verhaltensvorschriften, den Kontrollvorgaben des Staates und der Polizei, neuerdings von der dauernd angeschalteten Überwachung im Wageninnern. Ein Rätsel, warum sich freie Bürger diese sklavische Unterwerfung gefallen lassen.

Freizeitaktivitäten als Geschäftsbegleitung fressen Zeit und schaffen «Verhandlungsschulden». Es vervielfacht die Arbeitszeit, eine Angelegenheit «in Ruhe in meinem Ferienhaus» oder bei einem guten Essen zu besprechen, oder wie es in den USA offenbar in der hohen Politik üblich wird, auf dem Golfplatz zu regeln. Es dauert viel länger, es wird fahrig, damit teuer, weil Unterlagen und kariertes Notizpapier fehlen, es wird nicht mehr genau gerechnet. Mit den Verhandlungsschulden sind Gegen-Einladungen des Anstands halber gemeint, also verdoppeln sich die schon weit ausladenden Zeiten des ersten Anlasses.

Ortstermine und Besichtigungen sind vor allem bei Politikern äusserst beliebt. Erstens finden solche Besichtigungen im Taggeld statt, und wenn Reisen damit verbunden sind, mit Essens-, Reise- und Hotelentschädigungen. Auch Hearings, die früher ähnlich selten wie PUK’s (hohe Untersuchungskommissionen) waren, sind nun geläufig für mindere Vorlagen. Ich wurde damals schon zu solchen Hearings als Experte aufgeboten und stellte fest, eigentlich dienen sie dazu, dass die Experten ihre bereits gelieferten Berichte, Studien einfach noch vorlesen müssen. Die Parlamentarier müssen sie nicht mehr lesen. Vor allem aber laufen auch da die Taggelder, und eine Nationalrätin sagte zu drei Hearings-Tagen im Bundeshaus überglücklich: das gibt ein neues Kleid. Aber zeitsparend ist das alles nicht. Ich plädiere seit langem dafür, die Parlamentarier mit einer Jahrespauschale zu entlöhnen, ohne jeden Taggeld- oder Spesenzusatz. Wie würden sie da die kostbare Sessionszeit nutzen, und Beschlüsse der Kommissionen allenfalls auch per E-mail fassen, wie würden sie sich gegen Besichtigungen in Nigeria wehren (ausser viele Linke und Grüne, die eh durch ihre NGO’s angestellt sind). Dann könnten in unserem Milizparlament auch wieder vermehrt Arbeiter, Angestellte, Unternehmer mitmachen, ohne Vollzeitpolitiker werden zu müssen. Dass pauschal entschädigte Parlamentarier die Sitzungen schwänzen würden, dürfte unerheblich sein, weil die Medien vor Neuwahlen die Absenzen gerne aufzählen. Auch dieser mehrfach geäusserte Vorschlag wurde von den SRG-Medien meines Wissens nicht aufgenommen. Ich bin nicht beleidigt, nur erstaunt.

Zeit sparen kann man auch, indem man bei Radio, Fernsehen «weghört», sie nicht verfolgt. Auch wenn man Sendungen heute anhalten, oder zeitverschoben verfolgen kann, sind sie grundsätzlich linear – man muss sich durchquälen, bis alles gesagt ist. Dann aber hat man noch nichts in der Hand, und nachher Notizen anzufertigen frisst zusammen mit dem Ansehen, Abhören viel mehr Zeit als eine gute Textunterlage, eine Broschüre, eine Studie verlangen. Es ist ja aufschlussreich, wie die Medienkonsumenten bloss ungefähr einem den Inhalt, die Autoren, die Quellen nachher angeben können.

Schmeichelhaft sind Einladungen, einer Aufsichtsbehörde, einem Rat, einer Jury anzugehören. Wenn sie aber nicht den engeren Berufsbereich beschlagen, sind sie reines Freizeitvergnügen. Vor allem können sie ausufern, wenn das Gremium Probleme bekommt, oder seinerseits von Leuten mit viel Freizeit besetzt ist – da folgen auch hier Besichtigungen, Essen, Einsitz in Unterkommissionen, was man nicht immer abschlagen kann. Zögert man mit der Zusage für einen solchen Einsitz, wird zugesichert, «es gibt nur drei Sitzungen jährlich», also keinen Aufwand. Doch wie oben befürchtet, vermehren sich bei Problemen die Zusatzausschüsse, oder aber man ist in der Organisation nicht einbezogen, ohne Gewicht, sieht wenig, gerade bei den unterstellten Sekretariaten, Direktionen, aber man haftet dann doch für alles mit (mit dem guten Namen, nicht immer finanziell).

Ein weiterer Umweg an Zeitverwendung droht in Verbänden, Politik, aber oft auch in Firmen durch Reisen, Delegationen. Sie sind die wohl angenehmste, und daher beliebteste Form der Flucht vom Büropult. Man verbraucht dazu viel Zeit, kann sie aber weitgehend einmal autonom geniessen. Ich leugne nicht, dass die Beratungsausschüsse der OECD, der EFTA angenehm vom Bürotrott ablenken können, und wenn sie häufig in Paris oder Wien stattfanden, auch zu Shopping oder Kultur einluden. Ausserdem geben sich dann oft die entsprechenden Organisationen ihrerseits splendabel mit würdevollem Essen in barockem Rahmen. Was allerdings der «very distinguished delegate of….» und Kommissare, Präsidenten an Reden von sich gaben, war meist phantasielose Funktionärsprosa.

Im Verlaufe der Jahrzehnte bemerkte ich allerdings eine neue Schranke solcher Reise-Kommissionitis für uns frugale Schweizer: unsere Verbandsstäbe, unsere Politikausstattung reichte immer weniger, um in internationalen Gremien voll mitzutun. Denn die Verbands- oder Politikvertreter anderer Staaten haben viel grössere Stäbe zur Verfügung, welche Reisen und Treffen zu vervielfachen erlauben, in der EU sind sie ausserdem grosszügig mitfinanziert. Auch kleine Staaten und ihre Bürokratie stehen da nicht zurück: die blosse Jugendabteilung des österreichischen Gewerkschaftsbundes war viel zahlreicher bestückt als der ganze schweizerische SGB. Diese Grossverbände hielten sich immer mehr rein international zuständige Funktionäre, «Reisefunktionäre». Doch wir Schweizer Vertreter – auch Arbeitgeber etc. – waren verantwortliche Entscheidungsträger aus den Zentralen, konnten feste Zusagen machen, während die anderen nie zuständig waren und für eine nächste Sitzung plädierten, bis sie Instruktionen eingeholt hatten. So multiplizierte sich die Funktionärsmultiplikation weiter.

Zurückgekehrt an den Arbeitsplatz rollten dann die Folgen des Zeitverlustes an – dringende Schreibarbeiten, Antworten, Telephonate, verpasste wichtige Querinformationen allseits. Es half nur die Devise aus dieser Not, «zuerst das Wichtige, dann das Dringende». Die Firma in Zürich-Oerlikon, die diese Weisheit an ihre Aussenwand malte, ging zwar in Konkurs. Aber «der Wegweiser läuft nicht mit», wie mir ein SP-Politiker seine Inkonsequenz einmal entschuldigte.


«Kappeler zum Wandel»: Lesen Sie alle fünf Kapitel

Kapitel 1: OEKONOM UND OEKONOMIE

Kapitel 2: MEDIEN, INFORMATION, WISSEN

Kapitel 3: INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT

Kapitel 4: ALS BÜRGER IM STAAT

Kapitel 5: HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT


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Kurzporträt Beat Kappeler
Beat Kappeler, geboren 1946, aufgewachsen in Herisau, hat Weltwirtschaft und Völkerrecht an der Universität Genf studiert. Er ist als freier Wirtschaftsjournalist, Buchautor und Referent tätig. Von 1977 bis 1992 war Beat Kappeler Sekretär des Gewerkschaftsbunds, betraut mit Liberalisierungsdossiers. Ab 1992 war er Wirtschaftskommentator, zuerst bei der «Weltwoche», 2018-2022 bei der «NZZ am Sonntag». Von der Universität Basel erhielt er 1999 die Ehrendoktorwürde. Mehrfach wurde er ausgezeichnet, so mit dem Zürcher Journalistenpreis, Liberal Award, Röpke Preis, Bonny-Preis für Freiheit sowie Preise für Finanz- und Wirtschaftsjournalismus.


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Beat Kappeler: Vermögen für alle. Wer die bessere Verteilung hemmt, und wie wir sie erreichen. NZZ Libro, Basel 2022.


Bildnachweis: Titelbild Google_Gemini (Symbolbild), Porträtbild zvg, Cover NZZ Libro



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