Beat Kappelers Erkenntnisse zum Wandel – ökonomisch und politisch, beruflich und persönlich – erscheinen auf SICHTWEISENSCHWEIZ.CH als fünfteilige Serie, substanziell als zeitgenössische Studie, publizistisch als einzigartige Trouvaille, ebenso gehaltvoll, grundlegend wie erhellend: Kapitel 1 OEKONOM UND OEKONOMIE, Kapitel 2 MEDIEN, INFORMATION, WISSEN, Kapitel 3 INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT, Kapitel 4 ALS BÜRGER IM STAAT, Kapitel 5 HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT.
Lesen Sie Kapitel 1 «Kappeler zum Wandel: OEKONOM UND OEKONOMIE».
Wer in einem Geschäftshaushalt der Fünfziger- und Sechzigerjahre aufwuchs, bekam die praktische Oekonomie mit am Mittagstisch, und ab 12 Jahren durch das Mithelfen im Betrieb. Der Vater war tüchtig, gewann gut als Geschäftsmann, er investierte, und das Schweizer Wirtschaftswachstum von fünf oder sechs Prozent jährlich lohnte es ihm. Das Lebensgefühl der späteren Achtundsechziger Generation stammte daraus – der Wohlstand nahm rasch zu, alles war möglich, grosse Geschäfte wie sozialistische Umverteilung. Dennoch wurde ich immunisiert gegen sozialistisches «shaming» des Unternehmers: wenn ein Arbeiter oder ein Mieter kündigte, kam das ungelegen, verlangte Anstrengungen für Ersatz. Nie warf der Unternehmer einen Arbeiter oder Mieter leichtfertig hinaus, wie in ganz Europa dann die Kündigungsverbote unterstellten. Sie versteinern aber heute den ganzen Kontinent. Ebenso absurd ist die Annahme, wenn man die Arbeitszeit verkürze, könne man das Arbeitsvolumen umverteilen. Im Gewerbebetrieb musste man dann Aufträge ablehnen, konnte weniger produzieren.
Die Forderungen der deutschen, französischen Gewerkschaften, und der nach 1968 ihnen sklavisch zudienenden Linken gingen dazu immer von den Massenfirmen Renault in Billancourt oder VW in Wolfsburg aus – das Gewerbe mit 99% der Firmen und 80% der Arbeitenden musste sehen, wie es zurechtkam, oder aufgeben.
Im klassischen Gymnasium nahm ich mir neben den griechischen Versmassen freiwillig «Die Lehre von der Wirtschaft» Wilhelm Röpkes vor und plagte mich, bis ich den Grenznutzen verstand.
Von Röpke‘s klassischer Oekonomie oder von der «österreichischen Schule der Nationalökonomie» des Ludwig von Mises hörte ich sodann an der Genfer Universität (Hautes Etudes Internationales) strikt nichts, obwohl beide dort gelehrt hatten. Sondern jetzt wurde einem der Kopf mit Keynes gefüllt. Lange Formelketten, komplexe Diagramme bewiesen, dass eine zusätzliche Staatsausgabe, defizitfinanziert, Wachstum und Arbeitsplätze brachte, weil ein wundersamer Multiplikator jeden Dollar, jeden Franken vervielfachte. Das Lehrbuch Paul Samuelsons, Nobelpreisträger, wurde zur Bibel der Ankurbelung, des Micro-Managements der Volkswirtschaft durch die Politiker. Diese Gehirnwäsche erfasste weltweit an allen Universitäten alle Studenten, alle späteren Oekonomen in den marktwirtschaftlichen Ländern – sie lernten, dass es der Markt nicht richtete, sondern dass er gegängelt und gerettet werden musste. Die Politiker hörten es nur zu gerne, und bei der kleinen Konjunkturdelle 1966, dann gewaltig in der Oelkrise 1973, wieder 1979 wurden in allen Ländern Staatsdefizite zum Ankurbeln eingesetzt – Inflationsraten von über 10 Prozent waren die Folge.
Wie immer kamen dann neue Ideen von den Angelsachsen – Präsident Reagan und Premierministerin Thatcher propagierten nicht die Nachfrage, sondern das Angebot als Antrieb. Es galt, produktiver, schneller, unbürokratischer zu werden. Gleichzeitig drehte Paul Volcker den Hahn der Notenpresse der FED zu und steigerte die Zinsen, den Preis des Geldes. Es wirkte, die goldenen Clinton-Jahre folgten. In Kontinentaleuropa aber wurden Reagan und Thatcher als Würger verteufelt. Dabei bietet die Lehre des Jean-Baptiste Say (1767-1832) die Produktion und Produktivität als Quelle des Wachstums, nicht die Nachfrage, an. Doch Keynes tat es auf wenigen Zeilen verächtlich ab.
Ich gab Dutzende von Kursen zur Volkswirtschaft vor Gewerkschaften, Journalisten, Politikern und versuchte, Keynes mit seinen frivolsten Rezepten unglaubwürdig zu machen (neue Banknoten in Flaschen am Boden einer Mine auszulegen, die Mine mit Kehricht zu füllen und von Firmen wieder ausbuddeln zu lassen: sie kaufen Maschinen, zahlen Löhne, und die Geldschöpfung unten bezahlt alles, der Multiplikator läuft an …). Keynes verkam zur Karikatur – eine sozialdemokratische, führende Nationalrätin fragte in der Abschwächung ca.1985 alle Amtschefs der Verwaltung, was sie sich an neuen Ausgaben wünschten. Diese Wunschliste reichte sie dem Bundesrat ein. Von Kleinstkrise bis Arbeitsknappheit stiegen so im ganzen Westen die Staatsausgaben laufend an, nahmen nie ab, und die Defizite, die Schulden explodierten – unrettbar seit der Finanzkrise 2008. Das nominale Sozialprodukt stieg nur noch so wie die Geldmenge auch – der Multiplikator ist tot. Denn in Europa beschlägt der Staat nun schon über 50% des Sozialprodukts, und mehr Defizite brachten nicht neue Impulse – nur noch mehr Schulden.
«Die Globalisierung» wurde ein neues Thema, moralisierend beargwöhnt von den Linken und hyperventilierenden deutschen Leitartiklern. Die Treiber sind und waren der Container, die Verkettung weltweiter Produktionsstätten durch Informatik, der Freihandel dank GATT-WTO, aber das brachten weder Kritiker noch Verfechter auf den Punkt. Dass dabei auch noch vier Milliarden Weltenbürger zu minimalem bis anständigem Einkommen kamen, ging meist unter. Auch die Drittwelt-Hilfswerke und die staatliche Entwicklungshilfe des EDA rudern weiter in ihren schönen Büros und alten Ideen.
Dass die Sozialdemokraten, und die «Sozialisten in den Gewerkschaften» seit Mitte der 80er Jahre unbelehrbar waren, dass sie konzeptlos Schulden und Umverteilungen guthiessen, verstörte mich. Dass sie keine neuen Ideen aufnahmen, etwa dass sie die Schaltstellen im Aktienrecht, im Bilanzrecht, im Kartellrecht nicht sahen, welche Vermögen konzentrierten, dass sie keine Mitarbeiterbeteiligungen oder Firmenübernahmen durch Mitarbeiter wollten, entfremdete mich der «Bewegung», die keine mehr war.
Der Kapitalismus seinerseits degenerierte zusehends, oder eher, seine Verfechter. Die Verschachtelungen im Aktiensystem vernebelten Verantwortung und Zurechenbarkeit, die Haftung, und die Lockerungen im Finanzsystem trieben immer grössere Blüten, wie Buchgeldschöpfung, mindere Qualität der Bankbilanzen, Derivate-Abbildung anstatt «plain vanilla»-Besitz in ETF’s etc. Die Wertmassstäbe in Rappaports «shareholder value» und die daraus folgende Entkernung der Firmen um durchaus rentierende Teile, kurz der barocke Wahn vieler neuer Finanzialisierungen überzeugen nicht. Alles ist ausgewrungen aufs Letzte, und wenn’s schiefgeht, retten der Staat, die Notenbank.
Mit der ungebremsten Geldschöpfung (FED und EZB je um die 8 Billionen, SNB 1 Billion) schufen die Notenbanken seit der Finanzkrise eine neue Zwangslage, den «wealth effect» (M. Chwieroth/A. Walter, 2019): Die andauernde Geldschöpfung und die künstlich tiefen Zinsen haben die Preise aller Wertpapiere, Immobilien, Edelmetalle, Kunstwerke explodieren lassen, und die Mittelschichten der Welt zählen diesen «synthetisch geschaffenen Wohlstand» als Vermögen, haben ihn mit weiteren, privaten Schulden finanziert. Nun hängen sie alle im Zugzwang immer weiterer Geldschöpfung und Geldverbilligung – die Privaten, die Firmen, die Staaten, die Notenbanken selbst.

Hinter dieser Zwangslage steht die unheilige Dreifaltigkeit der Staaten seit dem Gift Samuelsons; der politische Wettbewerb der Parteien in parlamentarischen Systemen (wer bietet mehr?), die Notenbanken des Westens mit bereitwilliger Geldschöpfung für diese Staatsschulden, und die Ideologie des J.M. Keynes, wonach die Nachfrage, nicht die Produktion, die Volkswirtschaft treibe. Hinter allem aber steht die Annahme aller, dass niemand leiden müsse, dass eigene Anstrengungen, vorübergehende Einschränkungen, unzumutbar sind, in Volkswirtschaft, Schule, Alltag, Arbeitsplatz, Wertpapieren, Hauspreisen. Nach zweihundert Jahren Prosperität und Aufschwung hat die Dekadenz begonnen. Der Sklavenstaat nimmt von allen, verteilt allen, regelt alle.
Die Schweiz ist keine parlamentarische, sondern eine plebiszitäre Demokratie, mit dem Volk, das gelegentlich Ausgabenpläne verwirft, die Steuersätze selbst festlegt und dem politischen Wettbewerb «Wer bietet mehr?» meistens entsagt (mit der Selbstbedienung für eine 13. Staatsrente als Ausnahme). Die Schuldenbremse gegen die kantonalen und eidgenössischen Fiskalpolitiker hat ihrerseits das Schneeballsystem Europas und der USA verhindert, dass man die Zinsen der Staatsschuld mit neuen Schulden bezahlt. Prof. Walter Wittmann der Universität Fribourg mahnte seit den 80er Jahren, Schuldzinsen müssten im Budget Platz finden, dank einem «Primärüberschuss» der Einnahmen, vor den anderen Ausgaben. Selbstverständlich wurde er damit in die rechte Ecke gedrückt. Aber andauernd sägen die Politiker in Bern heute an der Schuldenbremse, denn überschiessende Soziallasten oder die Rüstung sollen niemanden schmerzen. Und zurück kann bei einmal laufenden Ausgaben niemand mehr. Auch die besonnen tönenden bürgerlichen Rufe nach Bürokratieabbau sind konzeptlos, meist in kleinen Details.
Einen gewissen Abstand zum überschuldeten Westen konnte dem Lande die Nationalbank sichern, indem sie den Franken um die Inflations- und Produktivitätsdifferenz Jahr um Jahr ansteigen liess. Der Wohlstand nimmt durch günstigere Importe und Auslandsreisen zu, weniger durch Löhne oder Zinseinnahmen. Die Nullzinsen bewirken aber auch in der Schweiz einen «synthetischen Wohlstand» für Immobilien- und Firmenfinanzierungen (und die Staatsschulden), was zu einer andauernden Nachfrage nach Arbeitskräften der Bildungs- und Gesundheitsbürokratie, des Baus, der Infrastrukturen, der Beratung und Finanzwelt führt. Diese können nur durch ausufernde Einwanderung Qualifizierter wie Unqualifizierter abgeholt werden – ein Kreislauf des Mengenwachstums, der sich als Baufrass in die Landschaft schlägt. Die Notenbank ist wesentlich daran schuld, und indem sie den Frankenkurs mit aufgekauften Dollars und Euro bremste, diese aber in Staatsanleihen der USA und Europas anlegte, beteiligte sie sich am Irrtum des synthetischen Wohlstands des Westens in unverantwortlicher Weise – sie hätte die Summen bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich einlegen, oder in Goldreserven anlegen sollen, was ich (bezüglich BIZ) vor über zehn Jahren vorschlug. Die Vermögen wurden durch diese mit Tiefzinsen angeheizten Wertpapier- und Immobilienwerte auch in der Schweiz ungleicher, die Linken klagen darüber, ohne Ursachen oder Abhilfe zu kennen. Abhilfe bot mein Buch «Vermögen für alle» (NZZ Libro 2022) an, aber Parolen gegen Reiche oder für Vermögens- oder Erbschaftssteuern sind einfacher. Doch die Vermögensverteilung kann nicht flacher werden, wenn der Staat einfach Geldzahlungen einzieht, er, der Reichste von allen, anstatt dass er Kapitalvermögen in den Händen der Besitzlosen anregt. Die Dekadenz, dass niemand sich für seine Lage selbst anstrengen oder gar einschränken müsse, wird flankiert durch breite ökonomische Unkenntnis, die von den Linken, Grünen und meist der Mittepartei für ihre Forderungen bewirtschaftet wird.
«Kappeler zum Wandel»: Lesen Sie alle fünf Kapitel
Kapitel 1: OEKONOM UND OEKONOMIE
Kapitel 2: MEDIEN, INFORMATION, WISSEN
Kapitel 3: INTERESSEN, VERBÄNDE, NGO’S halten sich auch noch den STAAT
Kapitel 4: ALS BÜRGER IM STAAT
Kapitel 5: HAUSHALTEN MIT DER LEBENSZEIT
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Kurzporträt Beat Kappeler

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Vermögen für alle untersucht die ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen für die Zweiteilung der Menschen in Besitzende und Nicht-Besitzende. Der Autor analysiert, wie die finanziellen Abläufe – Geldmenge, Aktien, Kreditwesen und anderes – die Verteilung beeinflussen. Dabei seziert Kappeler die «Finanzialisierung», also den zunehmenden Trend, ohne reale Güterproduktion nur mit Finanzinstrumenten Kapital zu akkumulieren. Ohne Scheu vor Tabubrüchen zeigt er, wie solche Instrumente gerade zur besseren Vermögensverteilung eingesetzt werden können oder auch, wie Unternehmen mit Formen der Mitarbeiterbeteiligung besser auf die Teilhabe aller hinwirken können. Anstelle einer einzigen, grossen Lösung zeigen sich so vielfältige Chancen der Vermögensstreuung, die eigentlich vor der Tür liegen.
Beat Kappeler: Vermögen für alle. Wer die bessere Verteilung hemmt, und wie wir sie erreichen. NZZ Libro, Basel 2022.
Bildnachweis: Titelbild Google_Gemini (Symbolbild), Graphik Keynes Google_Gemini, Porträtbild zvg, Cover NZZ Libro
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