Gerechtigkeit, Gleichheit und Individualität in der schulischen Förderung von hochbegabten Kindern und Jugendlichen

Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um eine leicht gekürzte Rede von Nationalrat Gerhard Pfister, vorgetragen anlässlich der Jubiläumsveranstaltung 25 Jahre «Stiftung für hochbegabte Kinder» am 14. November 2025 im Alten Spital Solothurn.


Ich danke für die Einladung und die Bitte, zur schulischen Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher einige Worte aus der politischen Perspektive an Sie zu richten. Ich bin langjähriges und gleichzeitig äusserst passives Mitglied des Stiftungsrats. Passiv, was die Präsenz an Sitzungen angeht. Aktiv, was das Interesse und die Unterstützung, wo gewünscht, angeht, für die wichtige Sache der Begleitung und Förderung von Kindern mit Hochbegabung.

Danken möchte ich allen Gästen und Teilnehmenden für ihre Präsenz, ihr Feedback, ihre Ideen und ihre Kritik. Wenn es um die Entwicklung einer Strategie geht, kann die Diskussion anfangs nicht breit genug sein, nicht vielfältig und kontrovers genug. Denn nur aus einer breiten Diskussion kugeln dann die richtigen Entscheide heraus, die für eine erfolgreiche Strategie die Voraussetzung sind.

Mein persönlicher Bezug zum Anliegen der Stiftung für hochbegabte Kinder ist zweifach, einerseits persönlich beruflich und andererseits politisch.

Persönlich beruflich habe ich mit der Bildung von Kindern und Jugendlichen zu tun. Ich habe vor knapp 20 Jahren eine Tagesschule im Kanton Zug aufgebaut, die sich der individuellen Begabungsförderung widmet. Ich habe begonnen mit drei Schülerinnen und Schülern, und mit gewissen Zweifeln. Aber heute zeigt sich: Es lohnt sich. Als ich diese Schule aufbaute und als Verwaltungsratspräsident begleitete, war ich immer wieder fasziniert vom Engagement und der Intensität, mit der Lehrpersonen sich um die Kinder kümmern, versuchen, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden, sich austauschen, wie man diesem oder jenem Kind noch besser gerecht werden kann. Und wie sie mit unterschiedlichsten Erwartungen umgehen müssen.

Es ist etwas karikaturhaft und einseitig, aber ich hatte oft den Eindruck, dass Lehrpersonen der Primarstufe sich intensiver um die Kinder kümmern mussten als auf der Gymnasiumsstufe, auf der manche Lehrpersonen sich eher auf den Standpunkt stellten, sie würden die Norm setzen, und die Schülerinnen und Schüler, die sie nicht erreichten, seien dann halt einfach entweder zu faul oder nicht gymnasiumstauglich.

Als ehemaliger Gymnasiallehrer erlaube ich mir diese Einseitigkeit. Persönlich und beruflich versuchte ich, Schulen so zu gestalten und zu führen, dass die Lehrpersonen befähigt, unterstützt und gestärkt wurden, um sich auf ihr Kerngeschäft, das Unterrichten, Bilden und Erziehen, zu fokussieren. Denn gute Schulen sind für mich Schulen, wo Bedingungen für guten Unterricht bestehen, und die intrinsische Motivation der Lehrpersonen möglichst ungehindert zugunsten der Kinder, der Jugendlichen in exzellenten Unterricht umgesetzt werden kann.

«In der Schweiz mag man die konkrete Handlung lieber
als die grosse Theorie.»

Gerhard Pfister

Politisch war und bin ich auf kantonaler und nationaler Ebene immer daran interessiert, die Exzellenz des staatlichen Bildungsangebots zu fördern. Privatschulen, wie ich sie führe und führte, haben für mich in der Schweiz nur dann eine Legitimität, wenn das staatliche Bildungsangebot jedem Kind und jedem Jugendlichen unabhängig vom Einkommen der Eltern eine Ausbildung ermöglicht, die befähigt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das scheint mir in der Schweiz ziemlich gut gelungen, ziemlich weit erreicht, gerade im Vergleich mit anderen Ländern.

Die Politik ist bereit und wird von der Bevölkerung in der Bereitschaft gestützt, die Wichtigkeit einer guten Bildung weiterhin anzuerkennen und die Steuergelder dort in grösserem Umfang einzusetzen als in anderen Bereichen.

Warum braucht es dann noch Institutionen, die sich der Förderung bestimmter Kinder widmen? Es hat meines Erachtens mit einem differenzierten Verständnis von Gerechtigkeit zu tun, neben Freiheit und Sicherheit ein zentraler politischer Grundwert guter demokratischer Politik.

Gerechtigkeit heisst einerseits, alle gleich zu behandeln. Andererseits heisst Gerechtigkeit in der Bildungspolitik auch, jedem Kind möglichst gut gerecht zu werden.

Der Staat muss, will er einigermassen effizient und wirksam handeln und auch sorgsam mit Steuergeldern umgehen, vor allem für Gleichheit besorgt sein. Würde man in der Politik alles und alle ausschliesslich individuell behandeln, wäre die Politik nicht handlungsfähig.

Zudem verkörpert Gerechtigkeit als Gleichheit auch einen Wert, der für den Zusammenhalt der Schweiz, die Integrationskraft unserer Gesellschaft und den sozialen Frieden zentral ist. Wir müssen einfordern, dass bis zu einem gewissen Grad das Gleichheitsgebot eben auch für alle gleich gilt.

Was wir aber immer auch anerkennen sollten, ist, dass wir so und nur damit nicht jedem Individuum restlos gerecht werden können.

Deshalb braucht es Menschen und Institutionen, die sich darum kümmern, sich Zeit nehmen, und auch die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen bereitstellen, um Kindern mit Hochbegabung genauso gerecht zu werden wie Kindern mit anderen Herausforderungen, seien sie kultureller, kognitiver oder sozialer Art.

Natürlich ist das – wie vieles in der Schweiz, aber nicht zu ihrem Nachteil – ziemlich unübersichtlich, vielfältig und unterschiedlich organisiert und strukturiert. Bildung ist Kantonssache, und der Bund sollte sich meinerseits hier nicht zu stark engagieren. Gerade weil Kantone und Gemeinden näher an den Schülerinnen und Schülern, näher an den Lehrpersonen und den Bedürfnissen der Eltern sind.


Die Schweiz hat eine Staatsform, die die Macht von Menschen über andere Menschen auf das nötigste Minimum reduziert und damit die Freiheit der Menschen maximiert.


Der Bildungsföderalismus ist ein Resultat davon. Das macht die Schweiz zwar schwer regierbar, dafür freiheitlicher. Napoleon hielt die Schweiz mit ihrem widerspenstigen Verhalten, ihrer Abneigung gegenüber dem Zentralismus, für praktisch unregierbar. Aber letztendlich ist es genau diese beinahe Unregierbarkeit, die dazu führt, dass auch in der Förderung von Kindern mit Hochbegabung der Staat zwar einen Rahmen setzt, und Voraussetzungen schafft, die für alle gleich sind, aber dennoch genügend Freiraum gibt für Eigeninitiative, besondere Förderung, Individualität. Das sollten wir nutzen, auch für das Anliegen, das Sie heute so intensiv diskutierten.

In diesem Sinne steht es mir fern, Ihnen Empfehlungen zu geben, ausser einer: schauen Sie sich vor Ort um, im Kanton, und mit den politischen Entscheidungsträgern im Kanton, allenfalls in grossen Stadtgemeinden.

Dort kann man meines Erachtens in der Schweiz sehr viel konkret erreichen und tun. Denn es ist zielgerichteter, zu überlegen, was man konkret tun soll, auch ausprobieren und dann manchmal halt auch scheitern, als darauf zu warten, bis eine Bundesnorm etwas regelt für alle, das dann zwar gleich ist für alle, aber nicht unbedingt jedem einzelnen Kind gerecht werden kann.

Wir können viel Gutes tun, wenn wir es konkret angehen. In der Schweiz mag man die konkrete Handlung lieber als die grosse Theorie. Die theoretische Reflexion, die Wissenschaft ist selbstverständlich unverzichtbar, auch bei der Hochbegabung. Aber sie soll praxisorientiert bleiben, in ihren Resultaten unterstützend, stärkend, für Kinder, Lehrpersonen und Eltern. Das ist meines Erachtens gute Bildungspolitik, wenn sie ermöglicht, dass die Vielfalt in der Einheit leben kann, ausgelebt und genauso gefördert wird wie die Förderung der Gleichheit. Erst dann ist die Bildungspolitik auch nachhaltig, ganzheitlich, und gerecht, für die Gesellschaft wie für die einzelnen Menschen.

Dass das alles seinen Preis hat, muss man den Politikerinnen und Politikern immer wieder in Erinnerung rufen. Der sparsame Umgang mit Steuergeldern schliesst nicht aus, dass dort, wo es nötig ist, die Steuergelder auch in grösserem Umfang verwendet werden sollen als in anderen Bereichen. Aber auch diesbezüglich ist es meines Erachtens zielführender, die Kantone in der Verantwortung zu halten als den Bund. Und das finde ich auch, wenn ich davon abstrahiere, dass ich aus einem Kanton komme, dessen grösste Sorge ist, Möglichkeiten zu finden, das Geld auszugeben. Auch der Kanton Jura weiss besser, wie er Kinder unterstützen soll mit seinen begrenzten Mitteln, als der Bund.

Ich komme zum Schluss, und wurde von den Veranstaltern gebeten, Empfehlungen abzugeben, wie die Förderung von Kindern mit Hochbegabung weiter Fortschritte machen kann in der Schweiz. Ich vermute, dass in der Schweizer Politik und in unserem Bildungssystem auch für Sie und Ihr Anliegen das gilt, was für erfolgreiche Interessenvertretung und Kampf um Ressourcen gilt:


Die Anerkennung der Gesellschaft ist unverzichtbar, wenn Interessen politisch wirksam eingebracht werden sollen. Unsere Gesellschaft und die Politik sind bereit, Besonderheiten, individuelle Anliegen und Interessen zu unterstützen, wenn sie sie als erstens angemessen und zweitens als gerecht beurteilen.


Das heisst, die individuelle Förderung muss zwar individuell ausgestaltet sein. Ein Kind mit Hochbegabung muss anders unterstützt werden als ein Kind von Flüchtlingen, bei dem die kulturelle Integration gelingen muss. Aber DASS beide gefördert werden sollen, ist ein Erfordernis der Gleichheit und der Gerechtigkeit.

In diesem Sinne muss es gelingen, dass Individualität und ihre Förderung als der allgemeine Regelfall verstanden wird. Und hierfür braucht es Ihre Expertise und die Kompetenz, das der Politik, letztendlich der Gesellschaft, so zu vermitteln, dass sie es erstens verstehen und zweitens als gerecht beurteilen.


Exzellente Bildung für alle und individuelle Förderung für alle in dem Bereich, in dem sie Förderbedarf haben, das ist das Ziel.


Die Schweiz ist durchaus auf gutem Weg dahin, denn ohne ein gutes Bildungssystem wird man nicht das innovativste Land der Welt. Aber man bleibt es auch nicht, wenn man nachlässt. Es braucht immer wieder Überzeugungsarbeit.

Es braucht immer wieder die Mahnung an die Politikerinnen und Politiker, dass sie ihren Erstaugust-Reden, an denen Bildung als der einzige Rohstoff der Schweiz gepriesen wird, auch entsprechend Taten folgen lassen. Ich hielt es da immer mit Derek Bok: «Wer findet, Bildung sei teuer, soll es doch mal mit Ignoranz versuchen.»

In diesem Sinne danke ich Ihnen nochmals für Ihr Mitwirken heute, in allen Bereichen. Und ich danke Ihnen, dass Sie dort, wo Sie arbeiten und sich einsetzen, einen unverzichtbaren Beitrag dafür leisten, dass die Schweiz ein Land ist, das seinen Kindern und Jugendlichen eine Bildung und Förderung bietet, wie sie an Qualität und Vielfalt kaum andere Demokratien bieten können.


Kurzporträt Gerhard Pfister
Dr. Gerhard Pfister, Oberägeri ZG: Akademischer Direktor Institut Montana Zugerberg, Präsident Verbund Schweizerischer Privatschulen (VSP), Nationalrat Die Mitte / ZG. Seit 2011 ist Gerhard Pfister Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung für hochbegabte Kinder.


Kurzporträt Stiftung für hochbegabte Kinder
Die Stiftung für hochbegabte Kinder bezweckt, überdurchschnittlich begabte Kinder intellektuell und menschlich zu fördern. Sie soll junge Menschen, deren Persönlichkeit, Kreativität und Fähigkeiten ausserordentliche Leistungen erwarten lassen, während ihres Aufwachsens unterstützen.

Das Ziel ist, sie zu menschlich gefestigten, beziehungsfähigen, kultivierten und einem hohen Ethos verpflichteten Erwachsenen heranzubilden, welche ihren besonderen Begabungen entsprechende Aufgaben zum Nutzen der menschlichen Gemeinschaft wahrnehmen werden.


Jubiläumspublikation «Und wenn wir doch am Gras ziehen?»
Seit 25 Jahren setzt sich die Stiftung für hochbegabte Kinder dafür ein, dass Kinder und Jugendliche ihre Begabungen entdecken, entfalten und in einem unterstützenden Umfeld weiterentwickeln können. Zum Jubiläum blickt die Stiftung zurück auf wichtige Meilensteine, inspirierende Projekte und Menschen, die diesen Weg geprägt haben – und richtet den Blick gleichzeitig nach vorn auf die nächsten 25 Jahre.

Die Jubiläumspublikation «Und wenn wir doch am Gras ziehen?» fasst diesen Weg zusammen und zeigt, wie vielfältig Begabungs- und Begabtenförderung heute gelebt wird. Die Jubiläumspublikation können Sie als pdf-Dokument herunterladen oder Sie können die Publikation auch gedruckt bestellen: stiftung@hochbegabt.ch


Bildnachweis: Titel- und Porträtbild: Gerhard Pfister. Logo und Cover: Stiftung für hochbegabte Kinder.

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