Die Entwicklungen in wirtschaftlicher, demografischer und politischer Hinsicht sind dynamisch, die Herausforderungen für die Auslandschweizer sowie deren Institutionen substanziell: Der neue Direktor Lukas Weber engagiert sich, die 1916 gegründete Auslandschweizer-Organisation (ASO) Swiss Community innovativ, effizient und genauso überzeugend wie vor 100 Jahren auszurichten – mit einer konsequenten Orientierung an den Bedürfnissen der rund 820’000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern. Hier das Interview mit ASO-Direktor Lukas Weber.
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe. Was hat Sie motiviert, die Leitung der ASO Swiss Community zu übernehmen?
Lukas Weber: «Vielen Dank! Ich suchte eine Aufgabe mit Gestaltungsmöglichkeiten und Führungsverantwortung – deshalb habe ich mich beworben. Die ASO hat mich sofort angesprochen: Sie richtet sich an alle Schweizerinnen und Schweizer im Ausland und bringt mich beruflich wieder näher an die Politik, die mich fasziniert. Ich habe früher für die Parlamentsdienste gearbeitet und war mehrere Jahre in politischen Kampagnen tätig. Besonders liegen mir Kommunikation und die Arbeit in Netzwerken. Die ASO ist zudem eine traditionsreiche Organisation – über 100 Jahre alt –, die sich neu auf die Zukunft ausrichten muss. Denn die Welt hat sich verändert: Reisen und Rückkehr sind einfacher denn je, das Internet verbindet Menschen weltweit und macht Informationen jederzeit zugänglich. Die ASO wurde in einer ganz anderen Zeit gegründet und muss heute ihre Relevanz neu beweisen – genauso überzeugend wie vor 100 Jahren.»
Welche Vision haben Sie für die Auslandschweizer-Organisation in den kommenden Jahren?
Lukas Weber: «Ich möchte, dass wir einen spürbaren Nutzen für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer stiften und uns konsequent an ihren Bedürfnissen orientieren. Das bedeutet: regelmässig die Perspektive zu wechseln und kritisch zu hinterfragen, ob unsere Angebote wirklich relevant sind. Kommunizieren wir verständlich? Handeln wir lösungsorientiert? Verstehen wir uns als Dienstleister? Das sind zentrale Fragen, die wir uns regelmässig stellen müssen. Betriebsblindheit und hinderliche Routinen lassen sich nur durch Selbsthinterfragung und den Blick von aussen überwinden. Ich habe ein sehr motiviertes Team – eine gute Voraussetzung, um diesen Weg erfolgreich zu gehen.»
«Der Schweizerpass sollte nicht nur als Zugang zu staatlichen Leistungen gesehen werden, sondern als spirituelles Band, das uns vereint – als Ausdruck einer gemeinsamen Identität.»
Lukas Weber, Direktor ASO Swiss Community
Wie möchten Sie die Verbindung zwischen der Schweiz und den Auslandschweizern stärken?
Lukas Weber: «Zwar erleichtern digitale Werkzeuge heute den Kontakt über grosse Distanzen – doch echte Verbundenheit entsteht nicht durch Technik allein. Ich finde es wichtig, dass Auslandschweizer sich in erster Linie als Schweizerinnen und Schweizer verstehen – unabhängig von Sprache, Herkunft oder Wohnsitz. Ihre staatsbürgerlichen Rechte haben sie, weil sie Teil des Schweizer Volkes sind.
In einer Zeit, in der der Staat immer mehr Aufgaben und Ressourcen auf sich zieht, ist es verlockend, ihn vor allem als Leistungserbringer für jede Lebenslage zu sehen. Doch dieses Denken widerspricht unserem Staatsverständnis. Unser System ist von unten nach oben aufgebaut: erst der Einzelne und die Familie, dann die Gemeinde und der Kanton, zuletzt der Bund. Dieser föderale Aufbau hat uns stark gemacht – er fördert Selbstverantwortung, Solidarität und den persönlichen Einsatz für das Gemeinwohl.
Wir müssen aufpassen, dass wir den Zusammenhalt zwischen Inland- und Auslandschweizern nicht verlieren. Der Schweizerpass sollte nicht nur als Zugang zu staatlichen Leistungen gesehen werden, sondern als spirituelles Band, das uns vereint – als Ausdruck einer gemeinsamen Identität.»
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Auslandschweizer-Community, und wie planen Sie, diese anzugehen?
Lukas Weber: «Eine der grössten Herausforderungen ist die Frage, wie sich die Auslandschweizerinnen und -schweizer künftig organisieren. Traditionell geschieht das über die Schweizervereine – davon gibt es weltweit rund 700. Doch viele kämpfen mit Überalterung: Die Mitglieder werden älter, der Nachwuchs bleibt oft aus. Vielen droht schon heute oder in wenigen Jahren das Aus. In Städten ist die Lage etwas besser, weil dort mehr junge Schweizerinnen und Schweizer sowie Familien leben und das Bedürfnis nach Austausch grösser ist.
In Regionen mit einem hohen Anteil pensionierter Auslandschweizer – wie etwa in Mitteleuropa – sind die Schwierigkeiten besonders deutlich. Das bisherige Modell basiert auf Delegierten, die von den Vereinen ernannt werden: Der Auslandschweizerrat setzt sich traditionell aus Vereinsmitgliedern zusammen.
Dieses Jahr haben wir erstmals grossflächig digitale Direktwahlen durchgeführt – mit Unterstützung der Konsularischen Dienste des Aussendepartments. Rund die Hälfte der neu gewählten Delegierten gehört keinem Verein an.
Nun ist es wichtig, dass «alte» und «neue» Vertreterinnen und Vertreter aufeinander zugehen, die Stärken des jeweils anderen sehen und gemeinsam herausfinden, was die Community wirklich braucht. Wir befinden uns damit in einem Live-Experiment. Ein Zurück zur alten Kultur ist ausgeschlossen – entweder das neue Modell funktioniert, oder wir verlieren den Zusammenhalt. Und das wäre fatal, für die Auslandschweizer ebenso wie für die Schweiz. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl lässt sich nicht verordnen – es muss empfunden werden und natürlich wachsen. Weder der Staat noch Geld allein können das leisten.»
Wie wichtig ist die Rolle der ASO Swiss Community für die Vertretung der Interessen der Auslandschweizer gegenüber der Schweizer Regierung?
Lukas Weber: «Die Interessenvertretung ist eine unserer zentralen Aufgaben. Viele Anliegen der ASO ergeben sich direkt aus dem Leben im Ausland – etwa der Bedarf an digitalen Lösungen im Umgang mit Schweizer Behörden, Banken usw.
Ein aktuelles Beispiel ist unser Einsatz für die staatliche e-ID, über welche die Schweiz am 28. September abstimmen wird. Sie ist eine Grundvoraussetzung für den sicheren und unkomplizierten Online-Kontakt mit Schweizer Amtsstellen und damit auch der Möglichkeit, digital zu wählen und abzustimmen.
Ein weiteres Anliegen ist der Zugang zu einem Schweizer Bankkonto. Viele Auslandschweizer sind darauf angewiesen – beispielsweise für den Bezug der AHV oder zur Verwaltung einer Liegenschaft. Doch verschärfte Vorschriften erschweren das zunehmend.
Wir setzen uns für pragmatische Lösungen ein, die den Alltag der Auslandschweizer erleichtern. Dazu braucht es die Stimme der ASO, denn ihre Fürsprecher sind im Inland zahlenmässig zu klein, um alleine durchzudringen.»
Könnten Sie uns einige Ihrer ersten Prioritäten als Direktor nennen?
«Zunächst ist es mir wichtig, dass mein Team die nötigen Ressourcen und den Freiraum hat, um seine Aufgaben innovativ, wirkungsvoll und effizient zu erfüllen. Ausserdem achte ich darauf, dass wir im Team über die Kompetenzen verfügen, die es für unsere Kernaufgaben braucht.
Eine aktuelle Herausforderung ist die Finanzierung: Über 80 Prozent unserer Mittel stammen vom Bund – doch dort stehen Sparmassnahmen an. Das betrifft auch uns, obwohl wir Aufgaben übernehmen, die verfassungsmässig und gesetzlich verankert sind.
Vielleicht müssen wir in Zukunft stärker auf Freiwilligenarbeit setzen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, verlangt aber neue Formen der Organisation und der Führung.»
Wie können Auslandschweizer aktiv zur Entwicklung und den Aktivitäten der ASO Swiss Community beitragen?
Lukas Weber: Wir überlegen uns, wie wir Auslandschweizerinnen und -schweizer stärker in unsere Arbeit einbinden können. Sie bringen nicht nur persönliche und berufliche Kompetenzen mit, sondern auch eine besondere Lebenserfahrung. Dieses Potenzial wollen wir nutzen – für die Auslandschweizergemeinschaft und letztlich für die Schweiz.
Auslandschweizer bezeichnen sich gerne als informelle Botschafter: Menschen, die im Ausland glaubwürdig und authentisch vermitteln können, wofür die Schweiz steht. Leider scheuen sich viele Landsleute, die Stärken der Schweizer Institutionen offensiv zu erklären. Dabei gibt es keinen Grund zur Zurückhaltung: Unsere Fähigkeit, sprachliche und kulturelle Unterschiede zu überbrücken, lokal wie global verankert zu sein, direkte Demokratie zu leben und gleichzeitig Wohlstand für alle zu schaffen – das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Meisterleistung. Diese Werte verdienen es, selbstbewusst vertreten zu werden.»
«Unsere Fähigkeit, sprachliche und kulturelle Unterschiede zu überbrücken, lokal wie global verankert zu sein, direkte Demokratie zu leben und gleichzeitig Wohlstand für alle zu schaffen – das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Meisterleistung. Diese Werte verdienen es, selbstbewusst vertreten zu werden.»
Lukas Weber, Direktor ASO Swiss Community
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen oder Institutionen, die sich für die Belange der Auslandschweizer einsetzen?
Lukas Weber: «Kooperationen sind für uns wichtig. Mit der Genossenschaft Soliswiss beispielsweise pflegen wir eine partnerschaftliche Beziehung – sie unterstützt Aus- und Rückwanderer gegen Bezahlung. Auch mit Swissinfo, dem internationalen Kanal der SRG, arbeiten wir zusammen. Und natürlich besteht eine enge Verbindung zum Aussendepartement (EDA), in dessen Auftrag wir gewisse Leistungen erbringen.
Zurzeit plane ich neue Partnerschaften im Bereich digitaler Inhalte. Besonders interessiert bin ich an Kooperationen mit etablierten Institutionen wie beispielsweise dem Nationalmuseum, der Nationalbibliothek oder den ETHs. Wir könnten gemeinsam Inhalte erstellen und diese über unsere jeweiligen Kanäle verbreiten – zum gegenseitigen Nutzen.»
Sie selbst verbrachten ein Auslandjahr in den USA. Ihr erster Arbeitstag war der 11. September 2001. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
«Dieser Tag hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Er hat mir schlagartig vor Augen geführt, wie verletzlich unsere offene Gesellschaft ist – und dass es Kulturen gibt, die unsere Werte nicht teilen, ja sie sogar verachten. Für mich war das ein Weckruf: Wir müssen mehr für unsere Sicherheit tun, ohne die Offenheit aufzugeben.
Besonders eindrücklich waren für mich der gelebte Patriotismus und die natürliche Solidarität, die ich nach dem 11. September in den USA erlebte – Werte, die in Europa, vor allem in akademischen und urbanen Kreisen, oft skeptisch betrachtet werden. Ich habe den Eindruck, dass viele heute vergessen haben – oder nicht sehen wollen –, was ein Volk spirituell zusammenhält. Das ist kein Fortschritt, sondern ein Verlust.»
Sie sind ein vielfältiger Mensch: Sie sind Ingenieur, haben an der ETH Zürich doktoriert und zudem Philosophie studiert. Sie sind ausserdem mit einer Französin verheiratet und Präsident der «Arbeitsgruppe Christen und Energie». Was bringt diese Vielfalt für Ihre Arbeit?
«Vielleicht macht sie mich freier im Denken und Handeln und hilft mir, Themen aus unterschiedlicher Perspektive zu betrachten, sie unabhängig zu entwickeln, miteinander zu verbinden und daraus kreative Lösungen abzuleiten.
Ich habe nie das Gefühl gehabt, nur einer einzigen Gruppe anzugehören oder eine einzige Sache zu vertreten. In gewisser Weise verbindet mich das mit vielen Auslandschweizerinnen und -schweizern: Auch sie bewegen sich zwischen Kulturen und Sichtweisen – vermutlich liegt genau darin unsere Stärke.»
SICHTWEISENSCHWEIZ.CH dankt Lukas Weber für das Interview.
Kurzporträt Lukas Weber

Kurzporträt Auslandschweizer Organisation (ASO) / Swiss Community

Bildnachweis: © Auslandschweizer-Organisation (ASO), SwissCommunity / Adrian Moser
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